Stephan Raabe hatte hier auf diesem Portal auf einen Artikel in “Kirche und Leben” reagiert, in denen der Moraltheologe Sautermeister und Generalvikar Pfeffer nichts anderes tun, als zur Revolution im Bereich der kirchlichen Sexualmoral aufzufordern. Essen hat, was lobenswert ist, direkt geantwortet und das originale Buchkapitel zur Verfügung gestellt. Raabe hat es intensiv ausgewertet. Das Ergebnis macht die Sache leider noch sehr viel eindeutiger.
„Radikale Veränderung“ oder Pflege der katholischen Sexualkultur?
„Wenn es Menschen gibt, die eine traditionelle Meinung bestreiten …: lasst uns ihnen danken, unseren Geist sich öffnen und lauschen! Freuen wir uns, daß noch jemand da ist, der für uns tut, was wir eigentlich mit viel größerer Mühe selbst tun müssten, sofern uns an der Gewißheit und der Lebenskraft unserer Überzeugungen etwas gelegen ist“ (John Stuart Mill, Über die Freiheit, Stuttgart 2013, S. 67).
Am 9. Juni 2026 habe ich hier auf dem Portal des „Neuen Anfangs“ unter der Frage: Sexuelle Revolution in der katholischen Kirche? die „Forderung“ des Essener Generalvikars Klaus Pfeffer und des Bonner Moraltheologen Jochen Sautermeister nach einer „radikalen Kulturveränderung“ und „Neuausrichtung“ der Sexualethik der Kirche kritisch kommentiert und zurückgewiesen. Das Online-Portal „Kirche und Leben“ des Bistums Münster hatte am 3. Juni 2026 darüber berichtet. Dabei geht es um nicht weniger als die Gewissheit und die Lebenskraft kirchlicher Überzeugungen oder deren Ersetzung durch andere Überzeugungen.
Kritisiert hatte ich insbesondere, dass:
- die Morallehre der Kirche von Pfeffer und Sautermeister als bloß „zeitbedingt“ mit „fiktiven Gewissheiten“ missverstanden, ihr eine negative „Sicht auf den menschlichen Körper“ und die Ablehnung der Sexualität als Teil von „Identität und Integrität“ unterstellt werde;
- es sich um eine Absage an die kontinuierlich an Ehe und Familie orientierte Sexualethik der Kirche handele, den Verlust katholischer Maßstäbe;
- das Sakrament der Ehe und die Familie keine Rolle spielten;
- die neue Lehre sich hauptsächlich an der „Vielfalt der gelebten sexuellen Wirklichkeiten“ orientiere;
- dem Leitbild der Vielfalt sexueller Realitäten ein Sein-Sollen-Fehlschluss mit Blick auf die Schöpfung und deren Gebrochenheit zugrunde liege: nicht alles, was ist, ist auch gut, weil und wie es ist;
- die radikale Veränderung quasi subversiv „in den Gemeinden, Bistümern und Ortskirchen beginnen“ solle, statt auf dem legitimen synodalen Weg in der Kirche.
Freundlicherweise hat mir der Büroleiter im Bischofshaus im Namen des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck und des Generalvikars Pfeffer geantwortet. Er verwies auf den vollständigen Buchbeitrag von Pfeffer und Sautermeister, in dem die Argumentation differenzierter sei. Auf dieser Grundlage wies er meine Darstellung zurück. Es gehe in dem Aufsatz um die „erheblichen Spannungen …, die zwischen lehramtlicher Sexualmoral, gelebter Wirklichkeit vieler Gläubiger, humanwissenschaftlichen Erkenntnissen und den Befunden der Missbrauchsaufarbeitung“ bestünden. Die geforderte „radikale Kulturveränderung“ bedeute nicht die Preisgabe normativer Maßstäbe, sondern die „tiefgreifende Veränderung“ der kirchlichen Umgangskultur mit Sexualität. Die Frage einer „erneuerten kirchlichen Sexualkultur“ sei gerade im Kontext des sexuellen Missbrauchs in der Kirche eine ernste Aufgabe. Die „Weiterentwicklung der Sexualethik“ bedeute nicht, Ehe und Familie geringzuschätzen, sondern solle dazu beitragen, dass die kirchliche Sexualethik glaubwürdig bleibe. Ehe und Familie spielten bei den Überlegungen von Pfeffer und Sautermeister sehr wohl eine Rolle.
Der Originalbeitrag der beiden Autoren ist im „Handbuch Sexualität – Sexuelle Gesundheit – Sexualkultur“ unter dem Titel: „Sexualkultur in der römisch-katholischen Kirche“ erschienen (Weinheim 2026, S. 272–286). Das Handbuch wurde von dem umstrittenen „Sexualpädagogen der Vielfalt“, Uwe Sielert, und anderen herausgegeben. In der Buchbeschreibung wird auf die Definition „Sexueller Gesundheit“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Bezug genommen. Nach ihr gehört Abtreibung als Grundrecht und als reguläre Gesundheitsdienstleistung zur „sexuellen Gesundheit“. Eine verpflichtende Beratung zum Schutz des Kindeslebens, wie sie in Deutschland gilt, soll abgeschafft werden. Das spricht diametral gegen den kirchlichen Standpunkt und das Grundgesetz in Deutschland. Gleichwohl wäre der Beitrag von Pfeffer und Sautermeister in diesem Kontext eine gute Möglichkeit gewesen, den kirchlichen Standpunkt in Fragen der Sexualethik seriös zu erläutern.
Anhand des 15-seitigen Beitrags lässt sich meine Kritik und die Antwort im Auftrag von Bischof Overbeck und Generalvikar Pfeffer überprüfen. Der Artikel besteht aus sechs Teilen:
(1) einer Hinführung,
(2) einer Beschreibung der normativen Gestalt der römisch-katholischen Sexualkultur,
(3) diagnostischen Schlaglichtern:
(a) der lesbisch, schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen, queeren und alle weiteren Identitäten und sexuellen Orientierungen umfassenden Initiative „OutinChurch“,
(b) der Reform des kirchlichen Arbeitsrechts,
(c) einer Wirksamkeitsstudie Prävention in den Bistümern in Nordrhein-Westfahlen,
(d) der sozialwissenschaftlichen Aufarbeitungsstudie im Bistum Essen,
(4) der „Paradoxien und Aporien kirchlicher Sexualkultur“,
(5) der „Priesterbildung als Bewährungsprobe kirchlicher Sexualkultur“,
(6) der „Perspektiven für eine befreiende Sexualkultur aus christlicher Perspektive“.
Das Sakrament der Ehe als Kernbereich kirchlicher Sexualkultur
Es kann hier nicht auf alles eingegangen werden. Was aber sofort ins Auge springt: vom Sakrament der Ehe als dem wesentlichen Kernbereich, wenn es um die „Sexualkultur der Kirche“ und die „Faktizität von Sexualität im kirchlichen Raum“ geht und dieser Raum nicht nur verkürzt als Organisation von Amtsträgern und Angestellten verstanden wird, ist in dieser Gliederung keine Rede. Zwar wird die Ehe gleich zu Anfang erwähnt (S. 272). Aber bloß als negative Folie, nämlich als Institution, die die Sexualität für Menschen sehr einschränke und reglementiere, sie in der Regel auf das Zusammensein mit nur einem Menschen begrenze, also auf eine lebenslange, exklusive Liebe („Für immer Du“), wie sie die Kirche und katholische Eheleute bisher als Leitbild verstehen. Im Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) sind der Ehe deshalb unter dem Kapitel: „Die Sakramente des Dienstes für die Gemeinschaft“ die Nummern 1601-1666 gewidmet. Aber geht es Pfeffer und Sautermeister überhaupt um den Dienst für die Gemeinschaft, wenn sie von „lebensdienlicher Sexualität“ sprechen? Oder nur um das Individuum und dessen sexuelle Selbstverwirklichung in Diversität?
Aufgeworfen werden in ihrem Handbuch-Beitrag „Fragen zu Sinn und Lebbarkeit der katholischen Sexualmoral“ (S. 272 f.). Dabei gehen die beiden Autoren aber nicht auf die Ehe als unschätzbaren Wert für Mensch und Gesellschaft ein, als eine auf Dauer angelegte Verantwortungsgemeinschaft, auf die ganzheitliche Zuwendung von Frau und Mann in der christlichen Tradition für Treue und Verlässlichkeit, für Familie und gegenseitige Verantwortung über Generationen hinweg. Nicht einmal die auf der Hand liegenden Frage, welche Rolle der Ehe und der Familie als „Hauskirche“ (KKK 1666) in der neuen, entgrenzten, entreglementierten Vielfalt sexueller Lebensweisen zukommt, wird behandelt. Der theologische Status der sakramentalen Ehe als Abbild der Treue zwischen Christus und der Kirche oder als wirksames Zeichen der Gegenwart Christi oder die Gnade der unauflöslichen Ehe als eine Frucht des Kreuzes Christi oder die Ehe als wahres Sakrament des Neuen Bundes spielen bei den beiden Theologen erstaunlicherweise keine Rolle. Mit der Theologie der Ehe geht auch der biblische Bezug bei ihnen verloren. Auf die zentrale Frage einer kirchlichen Sexualkultur, wie heute eine katholische Ehe gelingen kann angesichts von Polyamorie, Situationships, sukzessiver Polygamie, queeren Orientierungen und allgemein zugänglicher Pornographie, gehen die Autoren nicht ein. Dabei leben rund 50 Prozent der erwachsenen Katholiken in einer Ehe, und die meisten streben einen solchen Treuebund an. Eine verpasste Chance, die kirchliche Sexualkultur lebensdienlich missionarisch zu profilieren. Die neue Sexualkultur von Pfeffer und Sautermeister geht an der Lebenswirklichkeit eines Großteils des Kirchenvolkes vorbei.
Kritisiert wird vielmehr, dass Sexualität im Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) an diese eheliche Verbindung und an die Bereitschaft zur Weitergabe des Lebens gebunden bleibe. Generell kritisieren die Autoren, dass im KKK die „noch nicht überwundenen problematischen Aussagen der katholischen Sexualmoral als normatives Grundgerüst der römisch-katholischen Sexualkultur deutlich zum Vorschein“ kämen, etwa die Beschränkung auf die nur binäre Geschlechtlichkeit von Frau und Mann, ihre Integration in die vollständige Hingabe und ihre Integration in die Person durch die Tugenden der Keuschheit und Mäßigung (S. 273). Das Kriterium der „Lebbarkeit“ wird ins Feld geführt, ohne einen Gedanken an die Vielzahl der katholischen Eheleute zu verwenden, die Zeugnis von der Lebbarkeit und Erfüllung der Ehe im Sinnhorizont des Reiches Gottes geben. Der heilige Papst Johannes Paul II. hat den katholischen Anspruch auch in der Sexualethik stets klar formuliert und zugleich gerade die junge Generation aufgerufen, sich nicht mit Mittelmäßigkeit zu begnügen.
Eine tiefgreifende Veränderung der kirchlichen Lehre und Kultur
Es ist vor allem diese theologische wie anthropologische Leerstelle, ja Ignoranz gegenüber der sakramentalen Ehe, die ein verheerendes Licht auf die Überlegungen von Pfeffer und Sautermeister zu einer „erneuerten kirchlichen Sexualkultur“ wirft. In ihr soll Sexualität um ihrer selbst willen gelebt werden, losgelöst von der „Hinordnung auf Weitergabe des Lebens und auf liebende Vereinigung“, was der KKK als „ungeordnete Geschlechtslust“ und „Unkeuschheit“ verurteilt (Nr. 2351). Zu behaupten, durch diese Loslösung werde die katholische Lehre nicht „ad acta“ gelegt, sie bedeute keine Ablehnung der kirchlichen Lehre, sondern sei bloß eine „verantwortete Weiterentwicklung“, eine „erneuerte Kultur“ und Sichtweise, wie das in der Antwort im Auftrag des Essener Bischofs Overbeck geschieht, geht an der tatsächlich tiefgreifenden Veränderung der kirchlichen Lehre und Kultur vorbei, die von Pfeffer und Sautermeister angestrebt und propagiert wird. Das ist Augenwischerei.
Diese Loslösung soll den Weg für die gewünschte entgrenzte, „befreiende Sexualkultur“ freimachen jenseits von Ehe und Familie, jenseits einer binären Anthropologie und heterosexuellen Norm für jegliche sexuelle Orientierungen und Identitäten. Es geht darum, die je eigene vielfältige Geschlechtlichkeit unabhängig von der kirchlichen Sexualethik leben zu können. Nun kann zumindest in den westlichen liberalen Gesellschaften sowieso jeder diesbezüglich leben, wie er will. Gefordert wird jedoch der Segen der Kirche für diese neue Sexualkultur, die kirchliche Kanonisierung einer neuen Anthropologie, einer „radikal anderen Sicht auf das christliche Menschenbild“ (S. 283), eben eine neue Lehre.
Die geltende Lehre wird dagegen mit klischeehaften Behauptungen durchgehend negativ konnotiert: sie umgebe Sexualität einseitig mit einem „moralischen Gefahrenpotential“ (S. 272), es stellten sich Fragen zu Sinn und Lebbarkeit dieser Moral, sie stehe durch die sexuellen Missbrauchstaten „besonders auf dem Prüfstand“ (S. 273), sie schränke die Sexualität „mit einer ganzen Reihe von Verboten“ ein, sie pflege mit „teilweise bizarren, herabwürdigenden Formulierungen“ einen „äußerst negativen Blick auf Homosexualität, aber auch viele andere sexuelle Orientierungen“ und konterkariere die Förderung der persönlichen sexuellen Integrität (S. 274), sie berücksichtige nicht die humanwissenschaftlichen Befunde und die Erfahrungswirklichkeit von Menschen. Die Rede ist von einer „unheilvollen kirchlichen ‚Sexualkultur‘ gegenüber queeren Menschen (S. 275), das kirchliche Arbeitsrecht habe mit seinen Loyalitätsobliegenheiten der Beachtung der katholischen Sexualkultur „über viele Jahrzehnte ‚schwere Kränkungen, Verletzungen und tiefe seelische Wunden bei unzähligen Menschen hervorgerufen‘“, die Sexualmoral führe bis heute zum „Misstrauen vieler Mitarbeitender“ gegenüber der Kirche als Dienstgeberin (S. 276); sie sei dafür verantwortlich, „dass nicht hinreichend offen über die Sexualität gesprochen werden“ könne; sie verursache „Verdrängung und Tabuisierung“ (S. 277). Im Kontext des sexuellen Missbrauchs in der Kirche, wird von den „destruktiven“ und „dramatischen Folgen“ der kirchlichen Sexualmoral und den „problematischen Folgen der negativen Bewertung gelebter Sexualität“ gesprochen (S. 278), obwohl zuvor noch ausdrücklich die Warnung davor wiedergeben wird, „die kirchliche Sexualmoral in einen unmittelbaren Kausalzusammenhang mit den Missbrauchstaten zu bringen“ (S. 272). Weil die „Kirche keine positiven Alternativen in Bezug auf eine erlaubte Sexualität zu formulieren vermag“, käme es dazu, „dass eine relevante Anzahl von Priestern nicht zölibatär, sondern in einer Partnerschaft lebt“, also ein Doppelleben führt. Symptomatisch „für die gesamte kirchliche Sexualmoral“ sei: „Sie wird in weiten Teilen nicht gelebt – wohl auch deshalb, weil sie nicht gelebt werden kann“ (S. 279). Denn ihr liege ein „Klerikerideal“ zugrunde, zu dem als zentraler Inhalt die „Jungfräulichkeit im Sinne einer konsequenten Asexualität“ gehöre, die jedoch unerreichbar sei und „vielerlei weitere Gefahren“ und „höchst ungesunde Züge“ in sich berge (S. 280).
Eine wenigstens neutrale oder vielleicht sogar in einigen Punkten positive Beschreibung der kirchlichen Sexualethik, ihrer Fundamente und Gründe sucht man bei Pfeffer und Sautermeister vergebens. Der Leser muss den Eindruck gewinnen, die bestehende Sexualkultur in der katholischen Kirche sei äußerst gefährlich und schädlich, weshalb in der Konsequenz eine „radikale Kulturveränderung“ (S. 283) notwendig sei.
Selbstaufgabe kirchlicher Überzeugungen?
Die für eine neue Sexualethik notwendige und geforderte „radikale Kulturveränderung“ wird sich in der weltweiten Kirche auf dem dafür vorgesehenen synodalen Weg nicht einfach durchsetzen lassen. Weil Pfeffer und Sautermeister dies wissen, fordern sie, die radikale Veränderung müsse „vor Ort in der jeweiligen Einrichtung, der Gemeinde, dem Bistum, der Kirche des Landes beginnen … mit dem Ziel, am Ende eines Weges Lehren und Strukturen zu verändern“ (S. 283). Dafür sei es notwendig, zwischenzeitlich die offensichtlichen Widersprüche zur geltenden Lehre der Kirche zu akzeptieren, diese also als eine unverbindliche, in den Augen der Autoren überholte, für Mensch wie Kirche schädliche Lehre schlicht zu ignorieren und stattdessen nach den eigenen Orientierungen „leben zu können, und auch zu dürfen“ (S. 283). Das müsse selbstverständlich auch für die Mitarbeiter in der Kirche gelten und entsprechend im kirchlichen Arbeitsrecht zur Geltung kommen, was mittlerweile von den deutschen Bischöfen bereits weitgehend umgesetzt wurde. Dies bedeutet aber in der Konsequenz die Selbstaufgabe der Gewissheit und der Lebenskraft der kirchlichen Überzeugungen in diesem Bereich, die als nicht zumutbar und nicht lebbar abgetan werden.
Gleichwohl soll damit aber keine „Verabschiedung von Normen“ einhergehen, sondern nur von dem, was Pfeffer und Sautermeister die „fiktiven Gewissheiten“ nennen, wie sie die Kirche bisher vertrete. Dadurch sollen die vielen Widersprüchlichkeiten und Mehrdeutigkeiten in der Liebe und Sexualität in der Kirche Raum erhalten (S. 284). Betont werden sollten das Individuelle, das Subjektive, das Vertrauen in die „eigenen Wahrnehmungen und Gefühle“, nicht aber objektive Regeln, das allgemein Gültige. Die Bindung an ganzheitliche Hingabe, Treue, personale Liebe und Verantwortung sowie die prinzipielle Offenheit für Nachkommen in der Ehe soll durch allgemeinere Haltungen oder Leitlinien wie Einvernehmlichkeit, Gegenseitigkeit, Unversehrtheit, Gleichheit, Verbindlichkeit, Fruchtbarkeit, Soziale Gerechtigkeit ersetzt werden. „Mit einer solchen Ethik werden sich nicht mehr einfache Normen und Regeln formulieren lassen“, heißt es (S. 284). Transparent und hilfreich für das richtige Verständnis der neuen Sexualkultur wäre es, wenn Pfeffer und Sautermeister gleich die Abschnitte aus dem KKK benannt und nach Rom geschickt hätten, die für die neue deutsche Sexualkultur gestrichen und neu formuliert werden müssten.
Freiheit durch Bindung oder „befreiende Sexualkultur“?
Ziel der beiden Autoren ist es, ihrer losgelösten und entgrenzten „befreienden Sexualkultur“ kirchlich Raum zu verschaffen und sie pastoral wie lehrmäßig von der Basis her durchzusetzen. Sie erhoffen sich dadurch eine Befähigung zum Finden einer „Sexualität, die sich wirklich als Sprache der Liebe zeigt“, und einen Beitrag dazu, „dass zwischen Menschen ein echtes Miteinander entsteht“ (S. 284). Welcher Art diese „Liebe“ und dieses „echte Miteinander“ jedoch jenseits subjektiver Wahrnehmungen und Orientierungen ist, in deren Horizont wiederum die allgemeinen Haltungen und Leitlinien je für sich individuell interpretiert werden, steht weitgehend in den Sternen. Welche Folgen diese neue Sexualkultur für Ehe und Familie hat, wird nicht thematisiert, ist außerhalb des Horizonts der Autoren. Die kirchliche Lehre wird durch eine queere Haltung der „Achtsamkeit und Sensibilität“ ersetzt, die kirchliche „Ethik der Liebe“ durch eine subjektive „Ethik des Liebens“ (S. 284). An die Stelle der Verortung der Sexualität in der Ehe als ein „wahres Sakrament des Neuen Bundes“ (KKK 1617) tritt eine ungebundene Sexualität als „etwas Jenseits im Diesseits, ein kurzer Streifen Unendlichkeit zu zweit“, wie der katholische Moraltheologe Daniel Bogner zitiert wird. „Dies kirchlichen Amtsträgern grundsätzlich vorzuenthalten, und noch dazu den Verzicht auf Sexualität religiös zu überhöhen“, sei problematisch, womit ein vom Zölibat befreites Priestertum annonciert wird. (S. 285) Dazu passt, dass Pfeffer und Sautermeister nicht etwa mögliche Antworten auf die Frage abwägen, wie ein Mensch zölibatär leben kann (was nicht nur Priester betrifft), sondern bloß Studien zitieren, nach denen Priester darauf keine konkreten Antworten geben konnten (S. 279).
Sofern uns in der katholischen Kirche und unseren Bischöfen noch etwas an der Gewissheit und der Lebenskraft unserer traditionellen Überzeugungen in der Sexualethik gelegen ist, muss dem Streben von kirchlichen Protagonisten wie Pfeffer und Sautermeister klar und deutlich widersprochen werden, ansonsten würden wir unsere theologisch-ethisch gut begründeten kirchlichen Überzeugungen aufgeben. Letztlich geht es um die Entscheidung zwischen einer Freiheit durch Bindung in der Ehe und im Priestertum oder einer „befreienden Sexualität“ der Diversität und Unverbindlichkeit.
Dass es Spannungen zwischen lehramtlicher Sexualmoral und gelebter Wirklichkeit gibt, ist eine uralte Tatsache, die für sich nicht gegen die Sexualmoral sprechen muss. Das „Argument“, diese Moral sei nicht lebbar, ist eine nachweislich falsche Unterstellung. Sie dient dazu, den ethischen Anspruch zu delegitimieren und sich am Mittelmaß und Ungenügen zu orientieren. Die stereotyp angeführten „humanwissenschaftlichen Erkenntnisse“ stehen diesem Anspruch nicht entgegen. Im Gegenteil: diese „Erkenntnisse“ sind vom ethischen Anspruch aus zu beurteilen. Die Befunde der kirchlichen Missbrauchsaufarbeitung sprechen für eine intensivere Pflege der guten Kultur kirchlicher Sexualethik, nicht für deren Aufgabe oder „tiefgreifende Veränderung“ im Sinne von Pfeffer und Sautermeister. Dass Sexualität weder tabuisiert noch idealisiert werden darf, sondern als Teil menschlicher Identität, Beziehung und Verantwortung ernst zu nehmen sei, ist mittlerweile auch in der Kirche eine Selbstverständlichkeit. Oder gibt es jemanden in der Kirche, der dagegen spricht? Ehe und Familie bleiben die zentralen Orientierungen und Bewährungsorte für die kirchliche Sexualethik. Deren Glaubwürdigkeit erwächst nicht aus „Weiterentwicklungen“ aufgrund fragwürdiger neuer Menschenbilder oder queerer sexueller Identitäten, sondern aus Autorität, guten Vorbildern und einer fundierten theologisch-ethischen Reflexion im Rahmen der Kirche.
Das Anliegen einer kirchlichen Sexualethik, die Mensch und Gesellschaft wahrhaftig aus christlich katholischen Überzeugungen dient und die ganzheitliche personale Liebe und Verantwortung auch für das neue Menschenleben ins Zentrum stellt, ist gut und notwendig. Diesem Anliegen werden die Überlegungen von Pfeffer und Sautermeister allerdings nicht gerecht. Es durch eine „radikale Kulturveränderung“ mit einer „radikal anderen Sicht auf das christliche Menschenbild“ von Deutschland aus subversiv in der Kirche zu konterkarieren, schadet der Glaubwürdigkeit dieses Anliegens, dem Menschen und der Kirche. Dieses Vorgehen ist durch eine grob verzerrte, allein negative Sicht der kirchlichen Sexualethik und die Anpassung an neue Theorien/Ideologien bedingt. Es verletzt die Synodalität in der Kirche durch Missachtung des sensus ecclesiae und des kirchlichen Lehramts. Differenzierungen von Lehre und Pastoral mit Blick auf die jeweiligen Lebensverhältnisse sind keineswegs ausgeschlossen. Doch müssen diese in der Kirche gemeinsam bedacht und vorgenommen werden und dürfen nicht durch Forderungen und eine Praxis am Lehramt vorbei durchgesetzt werden. Das spaltet die Kirche. Der Beitrag von Pfeffer und Sautermeister ist ein Armutszeugnis zweier führender Repräsentanten der Kirche in Deutschland im Umgang mit der Sexualethik der katholischen Kirche.
Stephan Raabe
ist als Projektleiter in Bosnien und Herzegowina tätig. Er studierte Geschichte, Kath. Theologie, Philosophie und Politik für das Schullehramt in Bonn und München, machte einen Magisterabschluss, arbeitete anschließend zehn Jahre in der Jugendseelsorge im Erzbistum Berlin, war 2002/03 Bundesgeschäftsführer des Familienbundes der Katholiken und als solcher Mitglied im ZdK, ging dann für die Konrad-Adenauer-Stiftung nach Polen und Weißrussland und leitete danach das Politische Bildungsforum der Stiftung in Brandenburg. Publizistisch setzte er sich immer wieder kritisch mit der „Weiterentwicklung“ der Kirche in Deutschland auseinander.
Beitragsbild: Peter Esser (via KI)

