In einer Absage an die Sexualethik der Kirche, die durch eine andere Lehre ersetzt werden soll, ist von Ehe und Familie keine Rede mehr. Eine Stellungnahme von Stephan Raabe zu Forderungen von Generalvikar Klaus Pfeffer und Moraltheologe Jochen Sautermeister.
„Sexualmoral: Generalvikar Pfeffer fordert ‚radikale Kulturveränderung‘“, so lautet am 3. Juni 2026 die Schlagzeile in der Rubrik Theologie des Online-Portals „Kirche und Leben. Das Plus für engagierte Christen“ des Bistums Münster. Dieses Bistum wird demnächst vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, geleitet. Verbreitet wird hier die „Forderung“ des Essener Generalvikars Klaus Pfeffer und des Bonner Moraltheologen Jochen Sautermeister nach einer „radikalen Kulturveränderung“ und „Neuausrichtung“ der Sexualethik der Kirche.
Widersprüche zwischen Lehre und Wirklichkeit?
Zunächst solle die Kirche kurzfristig Rücksicht auf die „Paradoxien und Widersprüche zwischen offizieller Lehre und gelebter Wirklichkeit“ nehmen, das Unvereinbare mit der Sexualethik der Kirche erlauben, ihm Recht einräumen. Langfristig müssten aber die Lehre und die Struktur der Kirche geändert werden, die als bloß „zeitbedingt“ und als „fiktive Gewissheiten“ verstanden werden. Sexualität wird von Pfeffer und Sautermeister eine „sakramentale Qualität“ zugeschrieben, womit sie religiös erhöht (oder auch überhöht?) wird. Andererseits wird eine religiöse Überhöhung des „Verzichts auf Sexualität“ beim Zölibat der Priester (und Ordensleute?) kritisiert und das Vorenthalten der Sexualität mit seiner „sakramentalen Qualität“ für Priester und Ordensleute als problematisch beschrieben.
Historische Debatten
Versierte moraltheologische Debatten gibt es in der katholischen Kirche verstärkt seit der sexuellen Revolution in den westlichen Gesellschaften in den 1960er und 1970er Jahren. Über die Einordnung von Homosexualität wird ebenfalls bereits seit rund 50 Jahren diskutiert. Über die Frage des gesellschaftspolitischen Umgangs mit Schwangerschaftsabbrüchen ist es in den 1990er Jahren sogar zu einem Zerwürfnis von Bischöfen und Laien in Deutschland mit dem Lehramt in Rom gekommen. In jüngster Zeit kommen nun das neue Menschenbild und Verständnis von geschlechtlicher und sexueller Identität der Gender-Theorie (oder Ideologie) hinzu. „LGBTQ+“, das Akronym für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer und weitere Orientierungen, die nicht der heterosexuellen oder zweigeschlechtlichen Norm entsprechen, war gestern; aus Nordamerika kommt jetzt „2SLGBTQQIA+“: Two-Spirit, Questioning, Intersex, Asexual werden ergänzt.
Neue, andere Lehre?
Die Frage ist, inwiefern das alles mit der auf Ehe und Familie hin orientierten Sexualethik der katholischen Kirche vereinbar oder nicht vereinbar ist, ob die im katholischen Personalismus in „Liebe und Verantwortung“ (Karol Wojtyla/Johannes-Paul II.) verortete Sexualität durch eine neue andere Lehre – etwa die Gender Theorie – ersetzt werden kann und soll. Dabei ist der philosophisch reflektierte christliche Personalismus in Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wie Frankreich, Italien, Polen und Spanien oder in Südamerika bisher nur wenig aufgenommen und reflektiert worden. Der „Synodale Weg“ in Deutschland versuchte, den Weg zu einer neuen Sexualethik zu ebnen. Die Auseinandersetzungen um die Segnung von homosexuellen und nicht verheirateten Paaren hat in jüngster Zeit gezeigt, dass es hier in der weltweiten Kirche erhebliche Divergenzen gibt.
Aufruf zur sexuellen Kulturrevolution wider die Lehre der Kirche
Vor diesem Hintergrund fordern Pfeffer, als Generalvikar des Bistums Essen das alter ego von Bischof Overbeck, und der Bonner Moraltheologe Sautermeister ihre „radikale Kulturveränderung“ in der Sexualethik der Kirche. Sie müsse „in den Gemeinden, Bistümern und Ortskirchen beginnen“ und in eine neue Lehre und Struktur der Kirche münden. Was als „grundlegende Erneuerung“ ausgegeben wird, ist nichts anderes als eine Absage an die kontinuierlich an Ehe und Familie orientierte Sexualethik der Kirche. Damit missachten die beiden Autoren nicht nur das Lehramt der Kirche und den sensus ecclesiae, sondern rufen quasi zu einer sexuellen Kulturrevolution auf, orientiert an der Vielfalt der gelebten sexuellen Wirklichkeiten.
Abschied von der kirchlichen Sexualethik
Dazu wäre aus Sicht der katholischen Sexualethik vielerlei zu sagen. Auf jeden Fall sind subtile Unterstellungen des Generalvikars und Moraltheologen wie etwa, die katholische Sexualethik hätte keine „positive Sicht auf den menschlichen Körper“ oder erkenne Sexualität nicht als Teil von „Identität und Integrität“ an, zurückzuweisen. Festzuhalten ist aber vor allem: die beiden haben sich von der kontinuierlichen, auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil bestätigten kirchlichen Sexualethik verabschiedet, verstehen sie als lediglich „zeitbedingt“. Sie wollen sie im Grunde nicht „erneuern“, sondern durch eine „radikale Kulturveränderung“ abschaffen und durch eine andere Lehre ersetzen, also eine sexuelle Revolution in der Kirche durchführen. In dieser anderen Lehre soll die Fülle der sexuellen Realitäten das Leitbild sein und “abgesegnet” werden. Insofern folgen sie der queeren Gender-Theorie oder Ideologie.
Kein Platz für Ehe und Familie – kein Platz für Jesu Lebensweise
Dementsprechend ist bei ihrem neuen Denken der Sexualität und des Zölibats für das tatsächliche Sakrament der Ehe und für die Familie oder für den Zölibat als vollständige Hingabe, als Zeichen für das Himmelreich und Nachahmung der Lebensweise Jesu Christi kein rechter Platz mehr. Ehe und Familie finden jedenfalls keine Erwähnung in der neuen Sexualkultur. Stattdessen fixieren sich die beiden Autoren auf romantisch kitschige Beschreibungen der Sexualität als „greifbares Symbol des Heils“ oder „kurzer Streifen Unendlichkeit zu zweit“.
Das sagt mehr über die neue Lehre als Phrasen wie: es gelte zunächst (vor Einführung der neuen Lehre), „mit Paradoxien und Widersprüchen zwischen offizieller Lehre und gelebter Wirklichkeit leben zu können, und auch zu dürfen“. Diese kaschieren nur, dass es um die radikale Ablehnung der kirchlichen Sexualethik geht, die durch eine andere ersetzt und als angeblich bloß „zeitbedingt“ ruhig missachtet und unterlaufen werden könne. Was für ein Missverständnis kirchlicher Sexualethik, die Sexualität personal ganzheitlich zu integrieren sucht.
Sexualität – eine zu kultivierende Macht
Wenn Kirchenvertreter wie Pfeffer und Sautermeister oder auch mancher Bischof weitgehend unkritisch die Orientierung an der Vielfalt gelebter Wirklichkeit bei der Sexualität propagieren, kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass sie gar nicht so recht wissen, worüber sie reden. Hinzu kommt ein unreflektierter Sein-Sollen-Fehlschluss mit Blick auf die Schöpfung, deren Gebrochenheit – ganz zu schweigen vom Kreuz – nicht hinreichend berücksichtigt wird. Das gilt auch für die Sexualität und sollte spätestens nach dem sexuellen Missbrauchsskandal jedem in der Kirche klar sein. So berufen sich die beiden Kirchenleute zur Rechtfertigung ihrer Sexualethik gelebter Vielfalt auf die „moderne Theologie“, die daran erinnere, „dass sich Gott durch Jesus Christus in den Menschen ‚inkarniert‘ habe“. Bekanntlich ist damit jedoch nicht jeder Mensch ein Heiliger geworden und bleibt die Sexualität eine Macht, die zu kultivieren ist.
Verlust katholischer Maßstäbe
Wer aber meint, eine über zwei Jahrtausende gewachsene und theologisch, philosophisch, humanwissenschaftlich bedachte Sexualethik und Kultur sei nur ein zeitbedingtes Konstrukt der katholischen Kirche, welches man ad calendas graecas legen und durch neue soziologische und subjektivistische Theorien ersetzen könne, dem ist wohl kaum noch zu helfen. Bedenklich dabei ist, wenn auf diese Art und Weise eine Aushöhlung und Unterwanderung der Kirche – hier durch einen Generalvikar und Moraltheologen – erfolgt. Oder wie anders sollte man deren Agitation mit einer subversiven „radikalen Kulturwende“ in der Sexualethik bezeichnen, die über ein Bistumsforum unkritisch verbreitet wird. Ein Verlust katholischer Maßstäbe. Das bleibt weit hinter einer seriösen moraltheologisch-ethischen Diskussion zurück, wie sie etwa meine Lehrer in diesem Bereich: Johannes Gründel und Robert Spaemann in München, Franz Böckle in Bonn und Karol Wojtyła/Johannes Paul II. in Polen und weltweit führten.
Stephan Raabe
ist als Projektleiter in Bosnien und Herzegowina tätig. Er studierte Geschichte, Kath. Theologie, Philosophie und Politik für das Schullehramt in Bonn und München, machte einen Magisterabschluss, arbeitete anschließend zehn Jahre in der Jugendseelsorge im Erzbistum Berlin, war 2002/03 Bundesgeschäftsführer des Familienbundes der Katholiken und als solcher Mitglied im ZdK, ging dann für die Konrad-Adenauer-Stiftung nach Polen und Weißrussland und leitete danach das Politische Bildungsforum der Stiftung in Brandenburg. Publizistisch setzte er sich immer wieder kritisch mit der „Weiterentwicklung“ der Kirche in Deutschland auseinander.
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