Wieder einmal dröhnendes Schweigen der Hirten zu einem elementar wichtigen ethischen Thema. Selbst Nachfragen bleiben unbeantwortet. Franz Grunewald beklagt das Trauerspiel der Bischöfe in der aktuellen Debatte um Leihmutterschaft.
1991 erschien ein berühmter Horrorfilm mit dem Titel „Das Schweigen der Lämmer“. Heute ist es das Schweigen der Hirten, das die Lämmer zwar nicht in Schrecken versetzt, aber dennoch aufwühlt und quält. Das Schweigen zur Causa Jens Spahn und zur Causa Leihmutterschaft.
Wie im Horrorfilm geht es auch dabei um eine genüssliche Oberfläche und um viel Grausames darunter und dahinter, das man lieber nicht sehen möchte. Wenn auch nicht um Kannibalismus, so doch um vertraglich geregelten Verbrauch von ungeborenen Kindern, die obschon sprachlich korrekt als Embryonen bezeichnet, emotional noch auf Distanz gehalten werden.
Horror und Übelkeit
Was Leihmutterschaft tatsächlich bedeutet, kann man in dem Buch „Ich kaufe mir ein Kind“ von Birgit Kelle, erschienen März 2024, nachlesen. Eine Rezension finden Sie auf diesem Blog oder auch sehr leicht verständlich in zwei gut halbstündigen Interviews, die Margarete Strauss mit Birgit Kelle kürzlich geführt hat. Da bleibt von einer glamourösen Hochglanz-Oberfläche, wie sie in einschlägigen Werbemedien präsentiert wird, nichts mehr übrig. Im Gegenteil: Es wird einem schlecht – wie im Horrorfilm.
Einige wenige eindeutige Stimmen
Zur Leihmutterschaft, derer sich Jens Spahn und sein Partner in den USA bedient haben, haben seit dessen Gang an die Öffentlichkeit am Donnerstag, 16.7., zahlreiche Politikerinnen und Politiker, Zeitungskommentare, Ethikerinnen und Theologen geäußert. Wer will, wird in den Medien fündig. Darunter auch Vertreter der evangelischen Kirche. Am 17.7. sagte Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl (Evangelische Landeskirche in Württemberg):
Und Bischof Oster erklärt am selben Tag:
Das hat die erforderliche Eindeutigkeit.
Wieder einmal dröhnendes Schweigen
Und wo bleiben die anderen Bischöfe? Warum gesellt sich niemand zu Bischof Oster und übernimmt zumindest seinen Text? Weder vom ZdK noch von der DBK ist bis heute (Montag, 20.7., 18 h) etwas in dieser Angelegenheit zu vernehmen. Stillschweigen auf den Homepages beider Organe.
Die harte Wahrheit wird uminterpretiert
Einzig ein Mitglied des ZdK, Max Lucks, zugleich Mitglied in der grünen Partei, fühlte sich am 18.7. berufen, Bischof Oster für dessen Stellungnahme zu tadeln: „Solche kirchlichen Aussagen über Kinder und Familien, die durch Leihmutterschaft entstanden sind, seien das Gegenteil eines respektvollen und demokratischen Diskurses, sagte Lucks der Katholischen Nachrichten-Agentur. Kritik an Leihmutterschaft dürfe nie in einer Abwertung von Kindern oder ihren Familien münden.“ Hat Lucks den Text von Bischof Oster überhaupt verstanden? Oster schreibt: „Dieses Kind […] heißt Georg und ist jetzt schon öffentliche Person – und es ist diese Person als ‚gekaufte Ware‘. Was für eine Last es damit einmal zu tragen hat, ohne dass es jetzt schon davon wüsste!“ Eine Abwertung des Kindes ist nicht erkennbar, wohl aber eine kritische Bemerkung dazu, was die beiden Männer jetzt schon aus ihm machen. Lucks‘ Kritik zielt nicht auf Osters Aussage, sondern auf den Bischof selbst. Er verträgt die Wahrheit nicht.
Unbequeme Fragen
Auf der Seite Domradio.de fragt am 18.7. der Chefredakteur Renardo Schlegelmilch: „Warum schweigen die Bischöfe in der Spahn-Debatte?“ Und endet mit dem Fazit: „Wenn die Bischöfe ihre Rolle als Hirten nicht wahrnehmen, dann muss die Herde sprechen.“
Trauerspiel der Bischöfe
Die Herde hat sich in der Zwischenzeit an ihre CDU-Bundestagsabgeordneten gewandt, hat sie dazu aufgefordert, den Rücktritt von Jens Spahn zu fordern, hat ihnen klargemacht, welche politische Gefahr im Nichthandeln der Partei stecken würde. Das politische Zögern war vernehmbar, aber anscheinend hat die Vielfalt der Aufschreie doch gewirkt. Die Tatsache, dass Spahn inzwischen vom Amt des Fraktionsvorsitzenden zurückgetreten ist, macht eine klärende Stellungnahme der Bischöfe jedoch nicht überflüssig. Obwohl es Wochenende ist, haben einzelne MdB sogar ihren Bürgern geantwortet. Das war kaum zu erwarten und ist sehr respektabel. Und die Bischöfe? Auch einige von ihnen wurden angeschrieben, auch der DBK-Vorsitzende Bischof Wilmer. Aber es war ja Wochenende, Sachbearbeitung frühestens Montag. Aber auch am Montag keine Antwort. Das ist zwar kein Horror, aber doch ein Trauerspiel. Bundestagsabgeordnete sind leichter zu erreichen als Bischöfe.
Klartext – JETZT!
Es kann aber nicht sein, dass die Herde die Rolle der Hirten übernimmt, die Herde KANN letztlich die Rolle der Hirten nicht übernehmen, so gut und vielstimmig sie auch argumentiert. Wo das aktuelle, fallbezogene Wort der Hirten ausbleibt, entsteht schwerer Schaden für die Kirche. Das wissen wir aus zurückliegenden Zeiten, als Bischöfe auch zu lange geschwiegen haben. Die Bischöfe können sich nicht darauf zurückziehen, dass die katholische Kirche vor wenigen Jahren noch ihre Position dargelegt hat. Die Herde erwartet zurecht, dass die Hirten sich JETZT konkret erklären.
Und ob die Position der Kirche tatsächlich so klar ist, wie die Presseerklärung der DBK am 15.4.2024 glauben machen will, darf mit Recht bezweifelt werden. Bischof Bätzing erklärte damals: „Wir sind der Auffassung, dass die Praxis der Leihmutterschaft die Würde der Frau und des Kindes verletzt. Das Kind sollte nicht zu einem Objekt der Kommerzialisierung und die Frau, die das Kind austrägt, nicht instrumentalisiert werden. […] Wir sprechen uns daher dafür aus, an den Verboten von Eizellspende und Leihmutterschaft in Deutschland festzuhalten.“ „Sollte nicht“, „wir sprechen uns dafür aus“ – Was für herumeierende, Spielraum lassende Formulierungen! Klartext, der hier notwendig wäre, hört sich anders an.
Widerspruch der Positionen
Andererseits hat die DBK dem Synodalpapier „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“, das in der vierten Synodalversammlung vom 8.-10.9.2022 wegen der fehlenden Zweidrittelmehrheit der Bischöfe (33 Ja, 21 Nein, 3 Enthaltungen) zwar nicht angenommen wurde, dennoch aber mehrheitlich zugestimmt. Am Anfang der Entwurfsfassung vom 7.1.2020 stand noch eine explizite Bezugnahme auf den höchst zweifelhaften Vortrag von Prof. Eberhard Schockenhoff am 13.3.2019 vor der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Lingen, der offensichtlich eine nachhaltige, aber fatale Wirkung unter vielen Bischöfen entfalten konnte. Schockenhoff lehnte in der Presse zwar den Kinderwunsch-Tourismus ab, plädiert aber in seinem Vortrag für eine vorbehaltlose Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Vorbehaltlos – das impliziert selbstverständlich auch die Frage von Nachwuchs und damit die der Zeugung von Kindern. Der innere Widerspruch der Positionen ist offensichtlich: Es gibt keine vorbehaltlose Akzeptanz homosexueller Beziehungen und zugleich eine Ablehnung der Leihmutterschaft.
Die schlechte Saat geht auf
Man muss, auch wenn das erwähnte Grundsatzpapier der Synodalversammlung formell gescheitert ist, festhalten, dass nicht nur die Delegierten insgesamt, sondern auch die Bischöfe mehrheitlich für die Neubewertung der Homosexualität und einem wertschätzenden Umgang mit der Vielfalt der Geschlechter gestimmt haben. Wer solchen Positionen zustimmt, darf sich nicht wundern, dass auch unter Katholiken wie Jens Spahn die Saat aufgeht. Die Synodalen des SW, darunter die Mehrheit der deutschen Bischöfe, haben mit einem solchen Papier innerkirchlich die Basis gelegt für ein menschenunwürdiges Familienbild, für den Anspruch auf Kinder egal wie und woher und für wen, und für Kinder, denen ihre eigene Identität entzogen wird.
Kirchlich legitimiertes Anspruchsdenken
Es gibt freilich homosexuelle Paare, die für sich klar entschieden haben, die Dienste von Leihmüttern aus moralischen Gründen nicht zu nutzen, aber im Zuge von inzwischen auch kirchlich legitimiertem Anspruchsdenken ist die bei Spahn/Funke evident gewordene Entwicklung konsequent. Wer in der Kirche will ihnen ihr Vorgehen verdenken, wenn einschlägige Papiere des Synodalen Wegs die Grundlage dafür bilden? Könnte es sein, dass in dieser Uneindeutigkeit aller an der sogenannten “Neuen Sexualmoral” Beteiligten der eigentliche Grund für das laute Schweigen von ZdK und DBK in Sachen Spahn/Funke liegt? Die Bischöfe müssten sich besinnen und sich von ihrem Beitrag zu dieser Entwicklung klipp und klar, wenn auch mit Schmerzen verabschieden.
Tun sie es nicht, wird die Herde weiter laut schreien!
Franz Grunewald
Jg. 1960, Diplomtheologe nach Studium in Münster und Freiburg, bis 2026 Lehrer für Deutsch und katholische Religion am Gymnasium Ursulaschule in Osnabrück, zuvor berufstätig in Zürich, Dortmund und München. Kinderlos verheiratet. Leitspruch: “Dienen heißt den unteren Weg gehen!”
Beitragsbild: Peter Esser

