Das Treffen stand unter dem Vorzeichen ad experimentum. Um das Wir-Gefühl zu stärken, gab es einen ersten Aufschlag zu Regionaltreffen der Freunde des Neuen Anfangs im 7er PLZ-Bereich. Die Rechnung ging auf in einem schönen Rahmen, der gut zu Gott und zueinander führen sollte. Nicht Klagemauer, nicht Quatschbude, sondern römische Synodalität im Hören auf den Heiligen Geist war das Gebot. Bernhard Meuser berichtet:
Es ist immer schön, wenn man klein plant – und dann überrascht wird vom Andrang. 12 Personen hätten wir in einem Wohnzimmer in Metzingen bewältigt, da sich aber 20 Leute anmeldeten, planten wir um und wählten den Wallfahrtsort Weggental bei Rottenburg, wo sich am Ende 26 Personen einfanden. Weiteste Anreise: Wiesbaden.
Das schöne Gemeinsame
Wo immer der „Neue Anfang“ Veranstaltungen durchführte, wurde der Wunsch laut: „Bietet doch einmal regional etwas an, dass man sich trifft und in einen bestärkenden Austausch kommt.“ Also machten wir einen Testlauf im Südwesten, im PLZ-Bereich 7! An einem strahlenden Samstagnachmittag öffnete uns Wallfahrtsdirektor Dr. Johannes Holdt die Türen seines Pilgerhauses. Ein glücklicher Priester begrüßte uns; seine Erfahrung im bezaubernden Weggental: „Terra mariana, terra benedicta“ (frei übersetzt. Wo es marianisch zugeht, da ruht Segen auf dem Ort!) Nach und nach gesellten sich bekannte und unbekannte Gesichter zur Gruppe. Manche hatten Kuchen im Gepäck; einige hatten schon für Kaffee gesorgt. Von Anfang an war sie da: diese Familiarität von Menschen, die nichts gemeinsam haben, als eine tiefgründige Liebe zur Kirche, – zur Kirche in ihrer vollen Gestalt.
Unter der Leitung von Kerstin Goldschmidt und Bernhard Meuser nahm sich die Gruppe vier Stunden Zeit, diese gemeinsame Liebe, die auch eine gemeinsame Not ist, anzuschauen und uns im Willen nach Erneuerung der Kirche zu inspirieren und zu festigen. Wir begannen mit einer kleinen Vorstellungsrunde, die überraschte durch den Reichtum an gelebtem Leben und an der kirchlichen Erfahrung so vieler. Der Traum von Papst Leo, der die „Unsichtbaren sehen“ möchte – also einmal nicht die Berufschristen und Funktionäre, sondern die „Jünger“, – hier konnte man ihn mit Händen greifen. So gab es zu staunen, wie viele Konvertiten den Weg nach Weggental gefunden hatten, und wie die sich auf beste Weise mit denen verstanden, in denen ein konventioneller Katholizismus in die Sehnsucht nach mehr herübergewachsen war. Das veranlasste mich (B.M.) zur Bemerkung: „Hier gibt es nicht einige Konvertiten, sondern nur Konvertiten!“
Zur Sprache kam auch der gemeinsame Schmerz über eine Kirche, die in vieler Hinsicht aus der Spur gekommen ist. „Wir, die wir mit Rom gehen“, sagte jemand, „sind eine Minderheit in einer Kirche, die ohnehin schon eine Minderheit in der Gesellschaft ist.“ Doch blieben die pessimistischen Untertöne hinter dem allgemeinen Gefühl zurück: Es tut sich was! Nicht nur in Rom mit Papst Leo. Nicht nur in Frankreich. Sondern eben an vielen kleinen Orten, an denen die Katholiken langsam aus den Startlöchern kommen …
Es tut sich was
Julia Goldschmidt (19), die Tochter von Kerstin Goldschmidt, brachte einen besonderen Impuls in die Runde ein. Sie berichtete von ihren Erfahrungen in einer katholischen Jüngerschaftsschule, der Home Base in Passau, wo sich junge Menschen einem Prozess der intensiven Initiation in den Glauben unterziehen konnten. Das innovative Projekt von Bischof Oster ist eine Provokation für die Kirche. Es ist der Versuch, jungen Katholiken eine Heimat in der Kirche zu geben, die ihre eigenen Ausdrucksformen mitbringen. Und die sind vielfach von freikirchlichen Dynamiken beeinflusst: Lobpreis, Anbetung, Bibel, Nachfolge Christi, Mission – so lauten die zentralen Stichworte. Die Fusion mit dem Katholischen ist – eucharistisch angereichert – nicht nur möglich, sondern geboten, wollen wir die nächste Generation nicht verlieren: a) an die Freikirchen, b) an Pius … Man kann dem Passauer Bischof nur dankbar sein, dass er sich in Passau für dieses angefochtene Leuchtturmprojekt stark gemacht hat, das nun vorerst für eine absehbare Zeit pausiert, um die ehrenamtlichen Mitarbeiter und Missionare nicht zu überfordern.
Eine Bitte aus dem Vatikan
Hauptpunkt unseres Treffens war es, einer Bitte aus dem Vatikan nachzukommen. Die nächste Weltsynode in 2028 will zu einem Ereignis der ganzen Kirche werden; auf allen Ebenen soll man sich „im Heiligen Geist“ die Frage stellen: „Wo erlebe ich derzeit die stärksten Zeichen geistlicher Erneuerung und missionarischer Fruchtbarkeit?“ Und wo sind die Hindernisse, die „derzeit die missionarische Erneuerung der Kirche“ erschweren? In zwei Gruppen stellten wir uns diesen Fragen und kamen intensiv ins Gespräch. Eine Fülle von Elementen wurde zusammengetragen, die oft tief ins Biographisch-Persönliche gingen.
Dankbar wurde die Einbindung der Kirche in die Weltkirche wahrgenommen, etwa als Korrektiv zu deutschen Sonderwegen. Dankbar wurde festgestellt, dass man in der Treue zur Offenbarung und zum Lehramt enger zusammenrückt. Jemand meinte: „Ich erlebe viele missionarische Aufbrüche im Ausland, vor allem Frankreich und Polen. Der Glaube wird dort mit viel Schwung, vor allem von der jüngeren Generation, gelebt. Ich erlebe, dass der Schwung aus dem Ausland uns mitträgt.“ Geistige Frucht wurde erlebt bei „Alphakursen, wo auch viele altgediente Mitglieder in der Kirche neu entfacht werden; es gründen sich neue Hauskirchen.“ Der Adoratio-Kongress wurde genannt, die Neuorientierung und Sammlung in der Charismatischen Erneuerung, die Freude an den jungen christlichen Influencern auf Instagram, der Katechetenkurs von Pater Buob, die Freude an der Amtsführung von Papst Leo. Ein Priester staunte: „Wo kommen plötzlich die jungen Familien her?“ Jemand sprach von Priestern in Ostdeutschland, die mit neuem Mut nach vorne gehen. Verschiedene Teilnehmer erinnerten an eine Wiederentdeckung der Orientierung an den Heiligen. Mehrfach wurde auch die Erfahrung „Gott überrascht die Kirche“ benannt, – dass sich Aufbrüche ereignen, die nicht aus menschlicher Anstrengung oder pastoraler Bemühungen resultieren. Manche berichteten von kleinen Aufbrüchen an der Basis oder von Orten „wo man hingehen kann“, ohne von liturgischen oder pastoralen Eigenmächtigkeiten überrascht zu werden. Beeindruckend war die Erfahrung, dass Gott mit Kleinen und Unscheinbaren, solchen, „die zu nichts zu gebrauchen sind“, offenbar besonders gut arbeiten kann. Ersehnt wird generell eine Kirche, aus der die Kälte und das Geschwätz vertrieben wird, – eine Kirche, in der Gastfreundschaft („Willkommenskultur“), Gebet, Zuhören, Schönheit, die Sakramente und ein würdige Liturgie zu finden sind.
Mehr davon!
Das Treffen endete in der Wallfahrtskirche vor dem Weggentaler Gnadenbild – mit einem Segen und einem herzhaft gesungenen Salve Regina. Die Teilnehmer waren sich einig:
„Das war wunderbar! Bitte mehr davon!“
Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”.
Beitragsfoto: Adobe Stock, Wallfahrtskirche Weggental
Fotos im Beitrag: privat



