Klar: Wenn die Bild-Zeitung anruft, werden einem Pressesprecher leicht die Knie weich. Dennoch darf es sich ein Bistum nicht einfach machen und einen betagten Priester dem Medien-Pranger ausliefern, meint Martin Grünewald.
Wer früher an den Pranger gestellt wurde, wurde für alle sichtbar bestraft und der öffentlichen Schande preisgegeben. Das fand unsere Gesellschaft spätestens im 19. Jahrhundert so entwürdigend, dass diese Form der Strafe abgeschafft wurde. Abgeschafft? Gibt es nicht seit Jahrzehnten die Bild-Zeitung? Und seit einigen Jahren Shitstorms in den sozialen Netzwerken?
Nun, über die Bild-Zeitung wird seit Jahrzehnten die Nase gerümpft, weil sie nicht nur teils hervorragend recherchierte Berichte aus „Sicht des kleinen Mannes“ veröffentlicht, sondern auch die Privatsphäre teils unbescholtener Bürger verletzt und Sensationen aufbauscht, die zwar Auflage bringen, aber der oft komplexen Wirklichkeit nicht gerecht werden.
Wenn deshalb die auflagenstarke Bild-Redaktion anruft, werden manchem Pressesprecher die Knie weich. Und inzwischen offenbar auch manchem Bischof. Denn ein „Statement des Bistums“ verantwortet der Pressesprecher nicht auf eigene Faust.
Was ist passiert? Ein 87-jähriger Priester aus dem Bistum Fulda drückt sich in einem Leserbrief der örtlichen Regionalzeitung so aus, dass er in einer Detail-Aussage angreifbar erscheint. So etwas passiert und weckt nicht in jedem Fall das Interesse der Bild-Zeitung. Diesmal schon. Warum?
„Parade der Schamlosigkeit“
Nun, der Leserbrief-Autor beschreibt den Berliner Christopher-Street-Day als „Parade der Schamlosigkeit“ und „zur Schau gestellte Verherrlichung der Perversion“. Vor einigen Jahren wäre eine solche Beschreibung kaum aufgefallen. Aber die Zeiten ändern sich. Winfried Abel, so heißt der Autor, kritisiert in seinem Leserbrief außerdem, dass der Berliner Erzbischof Heiner Koch nach dem islamistischen Anschlag mit einer Toten und vielen Verletzten das Ereignis als „ein so frohes und bewegendes Fest“ bezeichnet hatte, ohne sich in seiner Stellungnahme von den permissiven und sexualisierten Inhalten der Parade zu distanzieren.
Beide, der betagte Priester und der Berliner Erzbischof, haben sich je auf ihre Weise einseitig, aber zulässig in der Öffentlichkeit geäußert. In einer diskursfähigen Gesellschaft, zu der wir uns seit 1968 entwickelt haben, muss das möglich sein.
Im Schussfeld der Kritisierten
Winfried Abel hält dem Berliner Erzbischof noch vor: „Haben die Hirten der Kirche nicht den prophetischen Auftrag, solche Ereignisse im Sinne des Evangeliums zu deuten und ins rechte Licht zu stellen?“ Und er weist auf den „Vorwurf“ der „sittlichen Dekadenz“ im „einst christlichen Abendland“ hin, den „Vertreter des Islam“ erheben würden. In einer Diskursgesellschaft des 21. Jahrhunderts sollte es erlaubt sein, solche Gedanken zu äußern. Und ein Leserbrief bildet ein traditionelles Instrument dazu.
Winfried Abel fragte in seiner Zuschrift außerdem, ob in Fulda demnächst die „arg zusammengeschrumpfte Fronleichnamsprozession durch die große Parade der halbnackten Leiber verdrängt“ werden soll. Eine polemische Analogie, gewiss. Mit seiner Meinungsäußerung machte sich der Geistliche unbeliebt und brachte sich ins Schussfeld der Kritisierten. Aber überrascht es wirklich, dass ein von seinem Glauben und Sittengesetz überzeugter Priester diese Frage stellt?
Keine Abwertung von Parade-Teilnehmern
Winfried Abel bestreitet keineswegs das „brutale und menschenverachtende Vorgehen der islamischen Terroristen“, das „in keiner Weise gerechtfertigt sei”. – „Solchen Terroristen muss das Handwerk gelegt werden.“
Den Hauptangriffspunkt bietet der Schlusssatz seines Leserbriefes: „Doch sollten alle, die sich noch Christen nennen, derartige Gräueltaten als ein Signal des Himmels verstehen, als einen Aufruf zur Besinnung und zur Umkehr.“ Der Autor sagt damit keineswegs etwas persönlich Herabsetzendes über die Parade-Teilnehmer aus. Er spricht – wohlgemerkt – in diesem Satz von den Christen, die sich zur Umkehr aufgefordert fühlen müssen. Er erinnert daran, dass Jesus im 13. Kapitel des Lukas-Evangeliums die Ermordung von Galiläern durch Pilatus und das Unglück mit 18 Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden, zum Anlass nahm, um zur Umkehr aufzurufen.
Wer soll dem Druck widerstehen, wenn nicht die Kirche?
Sind derlei Differenzierungen möglich, wenn die Redaktion der Bild-Zeitung anruft und nach einer Stellungnahme des Bistums verlangt? Wenn es in sozialen Netzwerken, vielleicht von Interessengruppen getrieben, große Aufregung gibt, neudeutsch „Shitstorm“? Das hängt erfahrungsgemäß von zwei Instanzen ab: der Pressestelle und den Verantwortlichen der Bistumsleitung. Als jemand, der als Pressesprecher auf unangenehme Anfragen von Redaktionen zum Beispiel des „Spiegel“ und der „taz“ antworten durfte, sage ich: „Ja, man kann bei der Wahrheit bleiben!“ Man muss es sogar.
Natürlich erscheint es leichter, dem Drängen derjenigen nachzugeben, denen es nicht um Objektivität und Wahrheit geht, sondern um Schlagzeilen und Stimmungsmache. Aber wer soll diesem Druck denn widerstehen, wenn es die Kirche nicht mehr tut?
Liegt darin nicht ein gesellschaftlicher Auftrag? Erreichen wir für den fairen, mitmenschlichen Umgang und die gesellschaftliche Diskursfähigkeit nicht mehr, wenn wir mit gutem Beispiel vorangehen? Dienen wir damit nicht letztlich der Demokratie, die auf Diskursfähigkeit angewiesen ist?
Falscher Eindruck durch Statement des Bistums
Ich empfehle allen, die sich gründlich informieren möchten, den Bericht der Fuldaer Zeitung, die Stellungnahme des Bistums Fulda und den Bericht der Bild-Zeitung. Sie sind (momentan) offen zugänglich. Darin wird offenkundig, wie massiv und oft böswillig dem Leserbrief-Schreiber Zusammenhänge und Tendenzen unterstellt werden. Winfried Abel beschreibt in seinem Leserbrief den Christopher-Street-Day-Umzug; er urteilt aber mit keinem einzigen Wort über andere Menschen.
Einen solchen Eindruck vermittelt aber das „Statement des Bistums Fulda“. Darin heißt es: „Als Kirche glauben wir, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist und eine unveräußerliche Würde besitzt. Daraus erwächst der Auftrag, allen Menschen mit Achtung, Respekt und Nächstenliebe zu begegnen – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität. Wo Menschen ausgegrenzt, diskriminiert oder bedroht werden, darf uns das nicht gleichgültig lassen.“
Zu einer solchen Stellungnahme gibt es keinen Anlass. Dieser wird erst konstruiert, zum Beispiel durch den ersten Satz der Stellungnahme: „Das Bistum Fulda distanziert sich ausdrücklich von den Äußerungen des Fuldaer Pfarrers im Ruhestand Winfried Abel (Leserbrief in der Fuldaer Zeitung vom 31.07.2026) im Zusammenhang mit dem Christopher Street Day (CSD). Sie geben weder die Position des Bistums noch die Haltung seiner Verantwortlichen wieder“ (Originalschreibweise).
Ablenkung und Phrasen statt Antwort
Nun, eine beliebte Methode von Pressestellen besteht darin, bei Presseanfragen vom eigentlichen Geschehen abzulenken. Dann wird nicht geantwortet und argumentiert, sondern einfach behauptet, was niemand bestreiten kann. Mit Ausnahme eines Satzes besteht der gesamte Text des „Statements“ nur aus solchen Ablenkungen, man kann auch sagen: Phrasen.
Der einzige Satz mit realem Bezug zum Leserbrief von Winfried Abel lautet: „Insbesondere jede Deutung eines terroristischen Anschlags als Ausdruck eines göttlichen Handelns weisen wir entschieden zurück.“ Dies bleibt ohne Begründung. Warum? Weil der Priester so etwas gar nicht behauptet hat! Vielmehr handelt es sich um eine einseitige und verzerrende Deutung und Unterstellung, die andere in die Welt gesetzt haben.
Ergebnis: Ausgrenzung eines Priesters
Eine sachgerechte inhaltliche Auseinandersetzung findet seitens des Bistums nicht statt. Da werden keine unterschiedlichen Einschätzungen sachlich gegenübergestellt, nichts wird abgewogen. Vielleicht geschieht das aus Sorge, dass die Ablenkung dann nicht mehr funktioniert. Die emotionale Ausdrucksweise („Das Bistum Fulda distanziert sich ausdrücklich …“) war überflüssig und übertrieben. Sie unterstützte die verzerrende Interpretation des Leserbriefes, der objektive Vorgänge beschrieb, aber an keiner Stelle Menschen abwertete.
Der Vorgang offenbart, wie das Bistum Fulda keinen Beitrag zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit einem heiklen Thema leistet, nicht zur gesellschaftlichen Diskursfähigkeit beiträgt, sondern vielmehr zur Ausgrenzung eines Priesters. Die kirchlich Verantwortlichen haben ihn dem Pranger der Medien und sozialen Netzwerke überlassen und verstärkend ausgeliefert.
Martin Grünewald
Der Journalist war 36 Jahre lang Chefredakteur des Kolpingblattes/Kolpingmagazins in Köln und schreibt heute für die internationale Nachrichtenagentur CNA. Weitere Infos unter: www.freundschaftmitgott.de
Martin Grünewald ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
Beitragsbild: Adobe Stock

