Interview mit Stefan Andrzejewski

Wer steckt eigentlich hinter dem Neuen Anfang? Wir führen Sie „backstage“ und stellen in loser Folge Gesichter der Initiative Neuer Anfang vor. Heute im Gespräch: Stefan Andrzejewski. Die Fragen stellte Patricia Haun.

Lieber Stefan,
seit wann bist Du im Team des Neuen Anfangs? Was hat Dich bewogen bei unserer Initiative mitzuarbeiten, und wie kam es dazu? 

Vor drei Jahren stellten sich für mich berufliche Weichen neu. Nach langen Jahren an Gymnasium und Berufsschule hatte ich wieder in die Mittelschule zurückgefunden, der Schulart, an der ich als Lehrer vor nunmehr 23 Jahren begonnen hatte. Ich unterrichte dort – neben schulpastoraler Tätigkeit – katholische Religionslehre.

Im Laufe der vergangenen Jahre ist mir aufgefallen, dass es neben einem pädagogisch guten und fachkompetenten Religionsunterricht auch eine begleitende Katechese für junge Menschen braucht, die ihnen in Vorbild und Vorleben zeigt, dass und wie christliches Leben heute gelingen kann.

Im Frühjahr 2023 traf ich an der Gebetsstätte Marienfried “zufällig” mit Bernhard Meuser zusammen. Dieser Begegnung entsprang dann ein erstes Zusammenkommen mit der Initiative “Neuer Anfang”. Hier traf ich Menschen, die die Kirche lieben und eine ähnliche Unruhe verspürten wie ich selber, in die Tat zu gehen, zu der wir als gefirmte Gläubige berufen sind.

Wo hast Du Deinen Platz im Team gefunden?

Meine erste Arbeit bestand in der Durchführung des Young-Missio-Kurses. Der Kurs entstand als eine Konsequenz auf Papst Franziskus, der im “laikalen Dienst der Katecheten” ein eigenes Amt in der Kirche einrichtete (Motu proprio „Antiquum Ministerium“); er sollte jungen Katholiken Mittel an die Hand geben, ihre Zeitgenossen auf Augenhöhe zu erreichen. Dieser eineinhalbjährige Kurs hat bisher zwei Kursreihen durchlaufen, aus denen auch geistliche Berufungen hervorgegangen sind. Dieses Engagement deckte sich mit meiner Leidenschaft für die christliche Pädagogik: das Entwickeln von lehrenden und vertiefenden Zugängen zum Wort Gottes und seiner Kirche, was letztlich eine Begegnung mit Jesus Christus ermöglichen soll.

Im Nachgang der Veröffentlichung unseres Buches “Urworte des Evangeliums” erarbeitete ich einen Kurs für Erwachsene. Es geht immer darum, den Reichtum und die Schönheit unserer Kirche zu entdecken und in den Herausforderungen der Gegenwart als Christ eine lebendige Antwort auf die Liebe Gottes zu sein. Pädagogische Konzepte und Wege dazu zu finden ist eine meiner Aufgaben.

Punktuelle Engagements sind meist das Stiften von Begegnungen z.B. auf dem Adoratio-Kongress, aber auch der tägliche Austausch mit den Menschen, die nach dem Herrn fragen und die Kirche lieben.

Meine Hör-Behinderung, die bereits an Taubheit grenzt, erschwert zuweilen das Engagement. Nach starker Verschlechterung in den letzten Jahren geht es um das Haushalten mit den Kräften. Der Herr mutet uns zu, was wir tragen können; und was wir mit Ihm zu tragen bereit sind, dem gibt Er Segen! “Wie kann ich Dir dienen, in dem, wie ich bin?”, darum geht es. Sein Auftrag ist zu kostbar und zu schön, als dass ich ihn durch irgendetwas vernachlässigen will. Absolut vorrangig ist zudem das Unterrichten in der Schule! Gerade in der Zeit zunehmender Säkularisierung ist es wunderbar, junge Menschen als Lehrender und Glaubender begleiten zu dürfen. Die Frage und Suche nach dem Göttlichen, nach Gott wohnt in jedem Menschen; und ich bin glücklich, darin im Dienste meiner Kirche wirken zu dürfen!

Du bist begeisterter und begeisternder Lobpreismusiker. Wie ist das möglich mit Deiner Hörbehinderung?

Das ist in der Tat witzig! Vieles ist auch in der Musik für mich unhörbar; aber Musik ist Swing, sie schwingt. Dieses Schwingen spüre ich, mit jeder Faser meines Leibes. Das ist eine besondere Art des Hörens und Verarbeitens. Eigentlich eine sehr schöne. Wie mich die Musik ins Schwingen versetzt, durchdringt, so soll es auch meine Liebe zum Herrn. Musik ist ein Medium, das meiner Überzeugung nach himmelsgeboren ist; die Psalmen erzählen davon. Sie zählt zum Schönen, als Lobpreis Gottes bringt sie mich der Wahrheit näher, kann eine tiefere Begegnung mit Jesus Christus ermöglichen.
Zu meinen schönsten Momenten als Lobpreismusiker zählen jene, wenn Schüler im Lobpreis frei mit Gott sprechen – in Dank, Fürbitte und Lobpreis. Welch wunderbares Zeugnis!

Wenn Du nicht für den Neuen Anfang aktiv bist, wo findet man Dich dann?

“Singt dem Herrn ein neues Lied” – das Hineinführen ins Gebet und Gottesbegegnung in Anbetung und Lobpreis ist neben dem Unterrichten meine Passion. Zudem ist mir meine Werkstatt ein lieber parallel-kreativer Ort. Hier ist dem Bausteln (Kombi aus Basteln & Bauen) keine Grenze gesetzt. Ansonsten sind es zuweilen das bewusst raum- & zeitgebende Genießen eines guten Glases Whisky/Whiskey als auch ausgiebige Spaziergänge mit meiner lieben Frau und unseren beiden Dackeln.

Was magst Du uns über Dich verraten?

Ich liebe Schönheit und Ästhetik in all ihren Facetten! Das Schöne – eine der Transzendentalien – eröffnet uns kleine Fenster und Lichtblicke zum Herrn und ins Paradies. Darum mag ich es sehr, diese Schönheit zu suchen, sie wertzuschätzen und dafür zu danken – dann leuchtet sie umso mehr. Das betrifft Menschen ebenso wie Tiere und Schöpfung, oder aber auch die bewusste schöne gastfreundliche Gestaltung des Hauses oder eines Seminarraumes für Besucher.

Welcher Ort bedeutet für Dich Heimat?

Heimat ist dort, wo ich mich Zuhause weiß, wo meine Wurzeln sind. Das war in meiner Kindheit der wunderschöne Westerwald. Aber ich glaube, dass sich der Begriff der Heimat mit dem Leben verändern kann. Ich selbst empfinde Heimat dort, wo Menschen im Geiste Jesu einander zugetan sind, in Begegnung und Feier. Nach Ausgrabungen meiner Familiengeschichte hat jedoch Heimat auch etwas Örtliches für mich: die grüne Insel der Heiligen und ihre Menschen werden für mich immer mehr Heimat; das liegt nicht nur daran, dass mein Opa Ire war …
Unsere wahre Heimat ist tatsächlich im Himmel; aber davon später mehr ;-)

Wenn Du drei Wünsche frei hättest für die Kirche in Deutschland, welche wären das?

Neues Feuer: für die Kirche Jesu Christi, für die würdige Feier der Eucharistie.
Das Begreifen, dass die Kirche HEILIG ist, und dass es das Schönste ist, für den Herrn darin in Dienst zu gehen – wahrhaftig und mit allen Konsequenzen. Ein Herz voller Freude und Lobpreis über den Herrn.

Einheit: dass ein Immunisierungsprozess beginnt gegen das, was rein weltlich ist und die Kirche in sich in Spaltungen treibt. Dies verbunden mit einer Bereitschaft, auf die Schrift, das Lehramt zu hören; einander zuzuhören und der Liebe in der Begegnung den Vorrang zu geben vor der Vorverurteilung.

Mut! Nicht: Gratismut: zum Bekenntnis und Zeugnis im Namen Jesu Christi; vor allem gegen eine Kultur des Todes.
Den Mut zur Unterscheidung, welches Handeln der Nachfolge Christi entspricht – und welches eben nicht.

Wie stellst Du Dir den Himmel vor?

Ich gehe sehr gerne ins Gebet mit dem Text der Heiligen Schrift über den Thronsaal Gottes (Offb 4 & 5). Das ist sehr bildhaft; aber im Gebet merke ich immer, dass selbst diese Bilder alles sprengen, was ich mir vorstellen kann. Es bleiben immer nur übrig: Schönheit, absolute Überwältigung und die Arme des Vaters – umgeben von meinen Brüdern und Schwestern. Jenes “einfach-beim-Vater-sein”, umgeben von Musik, pure heilige Liebe, die Abwesenheit von allem Bösen – auch dem, was in mir ist bzw. war. Ich glaube, das ist Himmel.
Mein irdisch tickendes Herz stellt sich dabei eine Landschaft im Herzen Irlands vor ;-)

Wer ist Dein Lieblingsbibelheld (außer Jesus)?

Das ist schwer einzugrenzen. Mich begleiten eher drei in abwechselnder Weise:

David ist ein Kämpfer, ein Lobpreiser – und ein Sünder. Er konnte alles vor den Herrn legen, mit Musik und Demut. Er hat immer wieder neu gestartet, seinen Weg mit Gott zu gehen.

Paulus ähnelt David. Auch er ist ein Kämpfer bis zum Tod, auch er hat seine Gebrochenheit erkannt und vor Gott gebracht. Er war maximal konsequent und tapfer in der Erkenntnis Gottes. Und er hat Worte gefunden, die oftmals schwierig sind und mich aus meiner geistigen Bequemlichkeit locken, aber auch voller Schönheit und Liebe (nicht zuletzt im Hohenlied der Liebe, 1 Kor 13).

Petrus, der Leidenschaftliche, der seinen Emotionen lenkende christliche Zügel anlegte. Mein Vater trug seinen Namen und war auch ein wahrer Petrus. Er hilft mir, in meinem Felsen immer wieder neu ein Bersten zuzulassen durch den Samen Gottes, wenn Er spricht.

Gibt es eine(n) Lieblingsheilige(n)?

Ich habe nicht DEN Lieblingsheiligen. So viele heilige Vorbilder haben mein Leben schon begleitet – jeweils zu den Herausforderungen, in denen sie selbst Zeugnis ablegten. Jedoch hat für mich der heilige Patrick von Irland eine starke Bedeutung als Held: Als junger Mann wurde er von irischen Piraten aus England entführt. Er lebte dann einige Jahre als Sklave bei ihnen. Schließlich konnte er fliehen. Die Legende erzählt, dass er in Träumen jedoch ein flehendes irisches Volk wahrnahm und den Ruf Gottes, jenem Volk das Evangelium zu bringen. Padraig kehrte zurück zu jenen, die ihn raubten und versklavten. Den Rest seines Lebens verbrachte er als Missionar und Organisator, als Pädagoge und Zeuge für Jesus Christus. Die Herzensnot der Menschen berührte ihn, er folgte dem heiligen Ruf Gottes. Möglichen Rachegedanken oder Schadenfreude gab er keinen Raum.
Das ist für mich ein wunderbares Vorbild, gerade auch in der Zeit, in der ich lebe.

Welche Geistesgabe hättest Du am liebsten, wenn Du wählen dürftest?

Da bin ich extrem bei König Salomo: Immer wieder wünsche ich mir Weisheit: Wissen mit Güte um das, was JETZT richtig ist, mit dem Willen, es zu tun.


Stefan Andrzejewski,
Theologe, Musiker und Lehrer. Er leitet die Lobpreisband “Psalm 151”.


Beitragsbild: Glendalough im Herbstnebel, Adobe Stock
Autorenportrait: privat

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