Die politischen Verhältnisse in Deutschland ändern sich mit rasanter Geschwindigkeit. Gerade Christen sind tief verunsichert und schauen ratsuchend auf ihre Bischöfe. Was sie von dort zu hören bekommen, findet Bernhard Meuser enttäuschend.
„Wenn eine politische Partei Ziele verfolgt, die der christlichen Glaubens- und Sittenlehre widersprechen, sind den Katholiken Teilnahme und Wahl untersagt.“
So verkündete Kardinal Höffner 1975 in seiner Christlichen Gesellschaftslehre die reine Lehre. Er ergänzte sie noch mit einem Hinweis von Pius XI., es gebe eine Politik, „die in die Kirchen eindringe und die Altäre umstürze.“ Hätten sich deutsche Bischöfe im Jahr 2026 an die Buchstaben gehalten, sie hätten alle ihre Schäflein vom Gang in die Wahllokale abhalten müssen. Quer durch die Parteien sind ethisch die Dämme gebrochen. Gott sei Dank aber gibt es das „Prinzip vom geringeren Übel“. Sonst könnten sich Christen in kaum einer deutschen Partei mehr engagieren, keine mehr vorbehaltlos wählen. Selten waren das Zeugnis und die politische Mitwirkung von gläubigen Menschen aber wichtiger als heute. Die Kirche selbst darf nicht Politik betreiben; aber sie muss aus der Mitte des Evangeliums eindeutig und überparteilich lehren und so zur Eindeutigkeit politisch engagierter Christen in einer uneindeutigen Welt beitragen.
„Sie muss helfen, dass im Widerstreit zwischen utilitas und veritas … die Wahrheit nicht versinkt.“ (Joseph Ratzinger)
Freundschaftsdienste statt Verkündigung
In den dramatischen Verwerfungen dieser Tage und Wochen haben sich Hirten der Kirche unklug wie selten verhalten. Mit göttlichem Recht haben sie Rassismus, Menschenverachtung und völkischen Nationalismus attackiert, aber sie haben lauthals geschwiegen, als es um den Lebensschutz, die Leihmutterschaft oder die haarsträubenden Folgen des neuen „Selbstbestimmungsrechts“ ging. Statt Gebote zu bekräftigen und Normen, Prinzipien oder Werte zu verteidigen, die missachtet oder relativiert werden, haben Bischöfe die politische Welt in Gut und Böse geschieden und sich auf die Seite der Guten links von der Mitte geschlagen. Sie haben sich politisch vereinnahmen lassen, haben sich mit einer bis gestern dominierenden „Gesinnung“ gemein gemacht, haben fragwürdige Werthaltungen übernommen oder sich dazu den Mund verboten. Und sie haben eine religiöse Brandmauer um ihre scheinbar erleuchtete politische Vernunft gezogen.
Wir müssen draußen bleiben
Nicht wenige Gläubige fühlen sich von ihren Hirten exkommuniziert, weil sie in Sachsen-Anhalt mit 43,8 % ihrer Mitbürger das Kreuz an der falschen Stelle gemacht haben. Ein großer Teil von ihnen ist so wenig Nazi, wie die 8,9 % Grüne allesamt Abtreibung für ein Menschenrecht halten oder die 8,6 % Linke ein Gewehr im Schrank haben, um sich auf den Bürgerkrieg in Magdeburg vorzubereiten. Bischöfe haben die Politiker ratlos gelassen, die Gesellschaft tiefer gespalten, einzelne Christen in komplexen Gewissensentscheidungen brüskiert, sie gar pauschal exkommuniziert. Und sie haben das höchste Gut der Kirche, ihre von Gott herkommende Freiheit der Verkündigung für ein Linsenmus an den liberalen Mainstream verkauft. Nicht nur im Osten unseres Landes sagen immer mehr Bürger angesichts ihrer politisierenden Hirten: „Nicht mehr mein Bischof!“
Wo die Kirche Partei ergreifen muss
Für Staat, Gesellschaft, Parteien muss die Kirche ein „Außen“ (Joseph Ratzinger) bleiben. Sonst wird sie zum Helfershelfer politischer Lager. Sie steigt mit ihnen auf und geht mit ihnen unter. „Es ist”, sagt Papst Benedikt, “nicht Aufgabe der Kirche, politische Lösungen vorzuschlagen, sondern den Glauben zu reinigen und der Vernunft zu helfen, das zu erkennen, was recht ist.”
Mit den Bischöfen ist es wie mit dem Pfarrer bei der Sonntagspredigt: Er darf den Alkoholismus geißeln; aber er darf niemals von der Kanzel rufen: „Der Müller ist ein Suffkopp!“ Die Kirche muss mit ethischer, nicht mit politischer Schlagseite verkündigen. “Parteiisch” sein darf sie nur für die Armen, die Unterdrückten, die Schwachen – niemals für Parteien, nicht einmal für solche mit einem „C“ im Namen. Sie muss die Einzelnen in ihren christlichen Überzeugungen stark machen, damit sie in Parteien Zeugnis für die Wahrheit geben, die allein das Recht in einem guten Staatswesen trägt.
Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus Youcat. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”.
Beitragsbild: Peter Esser

