Wenn ein Kind geboren wird, dann lautet eine häufige Aussage: „Hauptsache, gesund!!!“ Und was, wenn nicht? Was ist eigentlich gesund? Wer von uns ist wirklich gesund? Gedanken von Patricia Haun zum heutigen „Marsch für das Leben“ in Berlin und Köln.

Die Geschichte von Johannes S.

Johannes wurde nicht gesund geboren und doch war er ein Mensch, der seine Familie und auch die Menschen in seinem Heimatort auf ganz eigene Weise geprägt hat. Hannes – wie ihn alle nannten – ist sein ganzes Leben lang wie ein Kind geblieben. Er lebte mit geistiger und körperlicher Beeinträchtigung in seiner kleinen Welt, die er mit den Augen eines Kindes betrachtete. Mama, Papa, Geschwister und Nachbarn gehörten unter anderem dazu. Er kannte die Menschen im Dorf und die Menschen kannten ihn. Hannes gehörte zum Ortsbild. Wenn er beispielsweise seine Schwester Anni im Oberdorf besuchen ging, sprach er mit den Menschen auf der Straße, erzählte ihnen, dass der Nachbar Fritz gerade mit dem Traktor unterwegs war, oder auch, dass Marco in der Werkstatt mit dem Hammer arbeitet. Wie ein kleiner Junge konnte er sein und die meisten Menschen nahmen sich Zeit, ihm zuzuhören. Hannes beschäftigte sich gerne mit mechanischem Spielzeug und er war ein Fan von Werkzeugen. Auch an seinem Arbeitsplatz – er arbeitete viele Jahre in einer Behindertenwerkstätte – sortierte er Schrauben und Muttern. Wie der Vater erzählte, fühlte er sich an seinem Arbeitsplatz wie der Chef. Er hat sich selbst als wichtig wahrgenommen. Er war zufrieden mit sich und seiner Welt. Was will man mehr? – So mancher Manager könnte neidisch sein. Hannes konnte Tränen vergießen wie ein Kind und sich kindlich freuen. An seinem 50. Geburtstag war sein einziger Wunsch: ein Ständchen von seiner geliebten Blaskapelle. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt und Hannes war glücklich, zufrieden und dankbar.

Konfrontation mit dem Wesentlichen

Eine Begegnung mit Johannes konnte ins Bewusstsein rufen, dass es nicht selbstverständlich ist, gesund zu sein. Eine Begegnung mit Johannes konnte aber noch mehr schenken: Er konfrontierte die Menschen in seiner Schlichtheit mit dem Wesentlichen des Lebens, indem er sie in seine kindliche Welt mit hineinnahm. 

Hannes strahlte eine beneidenswerte Unbeschwertheit aus, die mehr Tiefe hatte als unsere Spaßgesellschaft als erstrebenswert vorgibt. Ist es das, was die Menschen an ihm mochten oder sogar bewunderten? Diese Zufriedenheit, kindliche Unbeschwertheit und das unbegrenzte Gottvertrauen, das wir Kinder Gottes alle haben sollten und wonach wir uns auch sehnen. Oft sind wir leider weit davon entfernt in unserer komplizierten, hektischen und geschäftigen Welt. Johannes lebte in völligem Vertrauen, dass er durch das Leben getragen wird. Und er wurde getragen, von seinen Eltern, seiner Familie und von Gott. Er konnte unbeschwert leben ohne Leistungsdruck. Er konnte sich wirklich beschenken lassen von Gott und von den Menschen. Er wusste sich bedingungslos geliebt. Beneidenswert, oder?

Herausforderung und Himmelslohn

Sicher war das Leben mit Johannes für die ganze Familie eine große Herausforderung. Man sagt, es brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Bei einem behinderten Kind, das praktisch Kind bleibt, bestimmt umso mehr. Schön, wenn es Menschen gibt, die bei der Integration behinderter oder benachteiligter Menschen helfen. Im Fall von Hannes haben Familie, Ortsgemeinde und Pfarrgemeinde zusammengewirkt. Die Eltern haben mit Hannes täglich den Rosenkranz gebetet, Gottesdienste besucht und sich Kraft in den Sakramenten geholt. Es gibt wahrscheinlich nicht viele Menschen, die ihr ganzes Leben hindurch Gebet und Gottesdienst so kontinuierlich gepflegt haben wie Johannes. Bei Hannes Beerdigung, sagte jemand: „Wenn dieser Mensch nicht in den Himmel kommt . . .?!“
Es ist nicht an uns zu beurteilen, wem das Himmelreich zusteht und wem nicht. Aber man könnte fragen: Was veranlasst jemanden, so über einen Menschen zu denken? Ist es die gesellschaftliche mitleidige Meinung, dass behinderte Menschen das Leben nicht genießen können und benachteiligt sind und somit eine Art Anspruch auf Lohn im Himmel haben, ähnlich wie der arme Lazarus in der Bibel? Oder scheint bei dieser Frage eine Ahnung von der Gnade durch, die den Menschen zuteil wird, die nicht auf ihre eigene Kraft, sondern auf Gott vertrauen? Wie ist das, wenn wir es mit den Augen Jesu anschauen?

Durch die Augen Jesu betrachtet

In den Seligpreisungen sagt Jesus sehr deutlich:

Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.“ (Mt 5,3)

Die Rede Jesu aus dem Matthäusevangelium gibt einen Hinweis in die gleiche Richtung. Auf die Frage der Jünger, wer im Himmelreich der Größte sei, antwortet er:

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“  (Mt 18,3) Und weiter sagt Jesus: „Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte.“ (Mt 18,4)

Die kindliche Größe von Menschen wie Johannes kann als Vorbild dienen und Hilfe sein, das eigene Leben neu zu überdenken und zu vereinfachen, und es kann helfen, Gott näher zu kommen.

Jesus verbindet seine Worte im nächsten Satz mit einem Auftrag und zugleich einer Verheißung: 

„Und wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ (Mt 18,5)

Welcher Segen in diesen Worten liegt! Schließlich fügt er noch an:

„Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten!“ (Mt 18,10)

Respekt und Anerkennung

Dank, Respekt und Anerkennung gilt allen Menschen, die die Lebensaufgabe annehmen, sich um ihr oder gar ein nicht leibliches, behindertes Kind zu kümmern. Es ist nicht nur eine Aufgabe, sondern ein Stück Aufgabe des eigenen Lebens, quasi zugleich Lebenshingabe.


Patricia Haun
Jahrgang 1971, ist freie Journalistin, Mutter von vier Kindern und Großmutter dreier Enkel. Sie hat sich jahrelang in der Lebensrechtsarbeit, in kirchlichen und caritativen Organisationen engagiert und wirkt mit bei der Initiative „Neuer Anfang“.


Beitragsbild: Adobe Stock, Halfpoint

Post drucken

Melden Sie sich für unseren Newsletter an