Bestimmte Bischöfe mögen ihn nicht; Theologen machen ihn gerne ein bisschen lächerlich. Dabei hätte die Kirche nichts nötiger als eine groß angelegte Lernoffensive, die sich umfassend und gründlich mit den Inhalten des Glaubens befasst. Leute, studiert den Katechismus, meint Bernhard Meuser.
Der “Katechismus der Katholischen Kirche” (KKK) hat im offiziellen deutschen Katholizismus nicht viele Freunde. Mit spitzen Fingern fasste ihn zuletzt der Bochumer Neutestamentler und ZdK-Vizepräsident Thomas Söding an (“Söding: Katechismus nicht als Dienstanweisung lesen”, Zusammenfassung eines längeren Beitrages “Mit Spürsinn vorn”, in Herder Korrespondenz 8/2026: ). Selbst Bischöfe relativieren die Geltung eines Werkes, von dem es heißt, in ihm sei “die sichere Norm für die Lehre des Glaubens” gegeben. In einem STERN-Interview vom März 2022 hatte der Münchner Kardinal Reinhard Marx befunden: “Der Katechismus ist nicht in Stein gemeißelt. Man darf auch in Zweifel ziehen, was da drinsteht.“ Wenig später ließ sich auch der Aachener Bischof Helmut Dieser mit der Forderung einer grundlegenden Überarbeitung des KKK vernehmen, wobei er – offenherziger als Marx – angab, was künftig katechismusfeste Lehre sein müsse: „Homosexualität (ist) keine Panne Gottes, sondern gottgewollt im selben Maß wie die Schöpfung selbst.“
Man darf annehmen, dass sich die Änderungswünsche der gesamten deutschsynodalen Community im Wesentlichen auf wenige Punkte beschränkten: die Dekonstruktion der geltenden Sexualmoral und ihre Ersetzung durch eine weitgehend permissive Sexualethik, der Zugang von Frauen zu allen Ämtern in der Kirche und die laikale Reorganisation kirchlicher Machtstrukturen. Eigentlich angetreten, um die Missbrauchs- und Vertuschungsvorwürfe in der Kirche aufzuarbeiten, entpuppte sich die Veranstaltung “sui generis” des kirchenrechtlich nicht legitimierten “Synodalen Weges” als elitärer Pionierversuch eines globalen Umbaus von Lehre und Praxis der Kirche.
Denkverbote!
Als der deutsche “Synodale Weg” noch jung und ein bisschen rebellisch war, kursierte dort die Rede von den “Denkverboten”, die es in “einer synodalen Kirche auf der Höhe der Zeit” nicht mehr geben dürfe. Der kirchenferne Beobachter musste annehmen, hier werde die Katholische Kirche endlich von innen heraus als das erkannt, was von außen lange vermutet wurde: eine in Dogmen gefangene Sonderwelt, die von couragierten Vorreitenden der Moderne auf den letzten Drücker aufgebrochen wird.
Die von deutscher Seite vorgesehenen Anpassungsleistungen an die Moderne sind in der Konfrontation mit der Weltkirche mittlerweile weitgehend verdunstet. Geblieben ist eine nebulöse theologische Denkform, die das Wort “Synodalität” benutzt, um sich von jedweden Vorgaben, die nicht “Wissenschaft” (sondern vielleicht Lehramt) sind zu befreien und einen offenen Diskurs darüber führen zu können, wozu das mit Jesus, dem Glauben und der Kirche heute noch gut sein soll. Das ärgerlichste Hindernis auf diesem Weg in die theologische und pastorale Freiheit ist dabei der Katechismus. Was tun, wenn Gläubige sagen: “Es ist mir egal, was ihr in eurer Bubble auskaspert, im Katechismus steht das und das …”? Dabei ist der Katechismus nur die vorgelagerte Bastion; dahinter baut sich der Wall des Lehramts auf.
Wo bleibt da Theologie?
Zur Aversion gegen den Katechismus (und a fortiori gegen das Lehramt) trug ein von Joseph Kardinal Ratzinger unterzeichnetes Dokument von 1990 namens “Donum veritatis” bei, in dem die theologische Forschung gewürdigt wird; sie sei freilich “innerhalb eines rationalen Wissens anzusetzen, dessen Gegenstand von der Offenbarung gegeben wird, wie sie in der Kirche unter der Autorität des Lehramtes übermittelt, ausgelegt und vom Glauben angenommen wird. Diese Elemente, die den Rang von Grundsätzen haben, beiseite zu lassen, würde bedeuten, dass man aufhört, Theologie zu treiben.”
Das Bild in Skizzenform: Die Kirche ist Mittlerin der Offenbarung, sie interpretiert das Gegebene mit Autorität und legt es den Gläubigen (wozu auch die Theologen gehören) vor, die es – so würde John Henry Newman sagen – mit “realer Zustimmung”, also mit existenziellem Ernst als Wahrheit annehmen. Dabei besitzt die KIrche die Offenbarung genauso wenig wie die Theologie, aber sie tritt als ihre berufene „Hüterin“ (Evangelii nuntiandi 15) und beauftragte Verkünderin in Erscheinung, wobei ihr Gegenstand sie (und alle theologischen Möglichkeiten) unendlich übersteigt. Von dieser Offenbarung sagt Jean-Luc Marion, sie manifestiere sich nicht durch ein “verstehendes Bewusstsein, sondern durch das Anerkennen eines Unverständnisses”, das sich niemals “durch eine endliche Hermeneutik in die vollständige Verständlichkeit unserer Rationalität” zurückführen lässt.
Wo bleibt da Theologie? Sie ist – folgt man dem Dokument – “Dienst an der Lehre … das gläubige Bemühen um Glaubensverständnis”. Das ist nicht zu wenig, sondern eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, der in Freiheit des Denkens und methodischer Wissenschaftlichkeit nachzugehen ist. Theologen sind nicht Vor-, sondern Nach-Denker der ergangenen und normativ bezeugten Selbsterschließung Gottes. Theologie ist zudem ein Nach-Gehen gläubiger Denkwege in der Entwicklungsgeschichte des Glaubens. Theologie kreiert “Lehre” nicht. Sie weist sich nicht selbst den Gegenstand zu. Sie plausibilisiert, aber sie begründet “Lehre” nicht. Schon gar nicht erfindet sie neue Lehre, die im Konsens allgemeinkirchlich zu verordnen wäre. Wer jemals eine Enzyklika gelesen hat, wird vielleicht ermüdet worden sein durch die fortlaufenden Bezüge auf die Heilige Schrift und die schier endlosen Wiederholungen älterer Einsichten, die aus der kollektiven Kontemplation im Heiligen Geist gewonnen sind und im Augenblick heute Präzisierungen erlauben, die Früchte am gleichen Baum sind.
Über die hütende Funktion der lehrenden Kirche
In Ehrfurcht vor dem Namen und der Gegebenheit Gottes, gibt es schon in Israel die Warnung vor Falschpropheten: “Sie brechen die Ehe, gehen mit Lügen um und bestärken die Bösen, sodass keiner umkehrt von seiner Bosheit.” (Jer 23,14) Auch im Neuen Bund kennt die Gemeinschaft der Zeugen seit apostolischen Zeiten Schutzmaßnahmen, die falsche Vereinnahmungen der Manifestationen Gottes verhindern und die Integrität des Gottesglaubens wahren sollen. Paulus will sogar diejenigen als “verflucht” wissen, die “ein anderes Evangelium verkündeten als das, das wir verkündet haben” (Gal 1,9). Von der “Regula fidei” an, womit Väter das Proprium des Christlichen zu fassen und vor Entfremdung zu schützen suchten, über die Glaubensformeln, den Symbola, in denen sich Christen in der Wahrheit erkannten, über die reichen Entfaltungen in Dogma und Lehramt, lebt die Kirche von der fortdauernden Unterscheidung der Geister, die sich auf das Evangelium berufen. Das Lehramt, das dem Kollegium der Bischöfe in Einheit mit dem Petrusamt gegeben ist, stellt dabei keine abstrakte Linie dar; es “spricht” – gegebenenfalls “unfehlbar”.
Der Katechismus ist ein vitales Moment in der Lebens-, Lehr- und Lerngemeinschaft der Kirche, das Lehrenden die Sicherheit gibt, in Einheit mit der Kirche zu lehren und verunsicherten Gläubigen eine Möglichkeit bietet, sich verlässlich zu orientieren. Während es die Heilige Schrift nur einmal gibt, kann es nicht genug Katechismen geben, worunter man einfach kirchlich autorisierte Gesamtdarstellungen des katholischen Glaubens zu verstehen hat, die den denkbaren Fragehorizont zu Gestalt, Sinn, Wesen und Praxis des Christlichen abschreiten und von der Kirche mit dem Qualitätssiegel authentischer Lehre versehen sind. Katechismen repräsentieren die kirchliche Lesart der Heiligen Schrift und vermitteln sie in Zeiten und Kulturen. Deshalb müssen sie zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Kontexten neu geschrieben werden – mit dem Anspruch einer identitätserhaltenden Maßnahme. Deshalb betrieb der hl. Johannes Paul II. in seinem langen Pontifikat kein Projekt mit größerem Nachdruck als die Schaffung eines ebenso zeitgemäßen wie fundamentalen Lehrwerkes; er sah darin die „reifste und vollendetste Frucht der Lehre des Konzils” (Fidei Depositum). Ihn leitete dabei einerseits der Gedanke an die Einheit einer Kirche, die in Gefahr stand und steht, in unverbundene Teile, sektenhafte Konventikel, disparate Lehren und abgesonderte Teilkirchen zu zerfallen. Zugleich lag dem Papst daran, einen sicheren und authentischen “Bezugstext für die Darlegung der katholischen Lehre” zu schaffen. Johannes Paul wollte ferner den ökumenischen Bemühungen dienen, “die den heiligen Wunsch nach Einheit aller Christen pflegen.” Schließlich ist der KKK “einem jeden Menschen angeboten, der uns nach dem Grund unserer Hoffnung fragt (vgl. 1 Petr 3,15) und kennenlernen möchte, was die katholische Kirche glaubt.”
Thomas Söding, nun …
Thomas Söding ist sich wohl der Tatsache bewusst, dass es in der französischen Kirche nach Frühling riecht. Nicht im Klaren scheint er sich zu sein, dass der deutsche “Synodale Weg” fast sieben Jahre geschlafen hat, in denen er Vergleichbares hätte einläuten können. Der Taufboom in Frankreich, so nimmt Söding an, sei “nicht nur die Kehrseite einer flächendeckenden Entkirchlichung und die Folge des Einflusses rechter Influencer, sondern auch eine Frage, wo und wie das Glaubensleben in der Kirche attraktiv ist, geheimnisvoll, heilsam.” Immerhin.
Was Deutschland betrifft, so reibt sich Söding an den “Neuevangelisierern”, denen er einerseits freundlich attestiert, dass sie Ernst machen mit der “Alphabetisierung derer, die zwar getauft sind, aber nicht glauben.” Digital wie analog gibt es mittlerweile eine Fülle von (mehr oder weniger guten) Initiativen, die missionarisch und evangelisierend nach vorne gehen. Kein Pastoralplan hat sie dazu eingeladen. Getragen werden diese Initiativen in aller Regel von freien Leuten, die es auf dem Herzen haben. Pastoraler Wildwuchs? Das ruft nach Betreuung und Kontrolle: “Dass die Algorithmen” so Söding, “in religiösen Fragen fundamentalistisch verseucht sind, ist nicht nur das Phänomen einer tiefen Kommunikationskrise der Gegenwart, sondern erhöht auch die Notwendigkeit digitaler Bildung – und fordert professionelle Aufmerksamkeit für diejenigen, die sich im Netz für eine Vermittlung des Glaubens in Freiheit einsetzen.”
Nun haben, so meint Söding, “die Protagonisten der Neuevangelisierung einseitig auf die Propagierung des Katechismus gesetzt, markant im ´Youcat´, und dadurch den Eindruck erweckt, im Grunde verfüge das Lehramt schon über alle Antworten auf alle wesentlichen Fragen, die Menschen über Gott und die Welt stellen können; es komme nur darauf an, sie besser zu vermitteln.“ Hier ist er wieder, der Running Gag theologischer Katechismuskritik: die Frage- und Antwortform, die sich nicht nur im ´Youcat´ bewährt hat, sondern das Erfolgsgeheimnis so vieler Katechismen war, mit denen Christen über Jahrhunderte hinweg formiert wurden. Ich nenne nur Luthers Kleinen Katechismus, alle drei Katechismen von Petrus Canisius, den Heidelberger Katechismus, auf katholischer Seite wieder den Katechismus von Pius X., den Basler Katechismus und das Kompendium zum Weltkatechismus von 2005. Standardisierte Fragen zu bieten ist “FAQ” (Frequently Asked Questions), eine bestens eingeführte Kommunikationstechnik, die zur Entlastung und strukturierten Wahrnehmung komplexer Inhalte beiträgt und dabei nicht den Anspruch erhebt, erschöpfend zu informieren.
Noch in anderer Hinsicht irrt Thomas Söding. Erstens: Würde er das Milieu besser kennen, wüsste er, dass die jungen Erneuerungsbewegungen im deutschen Sprachraum primär von anderen Elementen geprägt sind: der Anbetung, dem Lobpreis, der Heiligen Schrift, der persönlichen Beziehung zu Jesus usw. Die Gefahr ist das Abdriften – nach rechts zu den Piusbrüdern, wo feierliche Liturgie und vermeintlich sichere Lehre faszinieren, nach links zu den Freikirchen, wo es einen lebendigen Glauben und einen starken Jesusbezug, aber eine biblizistisch verengte Lehre und keine Sakramente gibt. Hier würde man nicht weniger, sondern mehr Katechismus wünschen, wenn man darunter das ganzheitliche “proposer la foi” versteht und keine frontale Indoktrination, die aus guten Gründen nirgendwo auf der Welt mehr funktioniert.
Im Januar 2023 trafen sich bei einer Konferenz in Königstein erfahrene YOUCAT-Katecheten aus Afrika, Asien, Lateinamerika, dem Nahen Osten und aus Deutschland, die übereinstimmend das Ende der Frontalkatechese feststellten und miteinander das Konzept einer dialogischen Konzentration auf die Inhalte des Glaubens berieten. Daraus ist das in mehrere Sprachen übersetzte Buch “Dialogische Katechese: Ein innovatives Konzept für die Praxis” (ISBN 978-3-945148-33-4) geworden. Wer sich damit befasst, wird gläubige Subjektwerdung auf Augenhöhe entdecken, dazu wertschätzende, gemeinsame Prozesse von Lehrenden und Lernenden im gemeinsamen Hören auf Gott und im gemeinsamen geistlichen Wachsen im Glauben. Kurz: das, was Papst Franziskus mit “Synodalität” meinte, was sich aber deutlich von dem unterscheiden dürfte, was Thomas Söding darunter versteht.
Zweitens: Von einer Propagierung des Mediums Katechismus kann in Deutschland keine Rede sein, sieht man einmal von Stefan Oster ab, der 2019 öffentlich darüber reflektierte, “was für unsere Gläubigen und für die Kirche von heute wichtig ist.” Er meinte: “Zunächst ist der Glaube unserer Kirche der Maßstab, der mich leitet. Ich halte beispielsweise die Inhalte unseres Katechismus für wahr, im Grunde alle – und zwar aus theologischer und philosophischer Überzeugung. Und ich habe bei meiner Bischofsweihe feierlich versprochen, eben diesen Glauben auch zu schützen und zu verteidigen.” Hätten sich mehr Bischöfe und Theologen dazu bekannt, es sähe besser aus in unserem Land.
„Ihr müsst im Glauben noch viel tiefer verwurzelt sein als die Generation Eurer Eltern, um den Herausforderungen und Versuchungen dieser Zeit mit Kraft und Entschiedenheit entgegentreten zu können.“
So hatte Papst Benedikt im Vorwort zum ´Youcat´ die Jugend quasi “zu den Sachen selbst” herausgefordert. Wo das geschah, wo lokale Kirchen den Appell hörten und zur kreativen Auseinandersetzung mit den Inhalten des Glaubens einluden – so in den U.S.A., Asien, Lateinamerika, aber auch in verschiedenen Ländern Westeuropas – wurden Ortskirchen peu a peu gesellschaftlich wieder satisfaktionsfähig. Die kritische Menge der Sprachfähigen wuchs an: Liebhaber und Verteidiger des Glaubens aus Kenntnis.
Der Ruf nach Bildung
Statt nach Katechese und “Formation im Glauben”, ruft Thomas Söding nach “dialogischer Bildung”; und er sieht in der “Synodalkonferenz”, die auf römischen Schreibtischen ruht, das ideale Organ zur Steuerung der großen Querschnittsaufgabe. Der Unterschied ist evident. Bildung akzentuiert Wissen, den Erwerb von Kulturtechniken und die individuelle Kompetenz zur kritischen Wahrnehmung und Beurteilung von Gegenständen. Zur “Formation” gehört zwar der informationelle Wissenserwerb, also “Bildung”; Formation setzt aber die Bereitschaft voraus, sich darüber hinaus existenziell formen zu lassen, und zwar in einer Art von Enteignung (Gal 2,20). Christen sind dazu berufen, neue Menschen in Christus zu werden, also in forma Christi zu kommen; gemeint ist damit “das Durchlaufen eines Weges, der von dem Empfang des übernatürlichen Lebensprinzips in der Taufe bis zur Umgestaltung in Christus führt – zum vollen Sieg Christi in uns, der da ist Heiligkeit.” (Dietrich von Hildebrand)
Thomas Södings Ruf nach mehr “synodaler” Bildung in der Kirche lässt den Leser, wo er konkret wird, ratlos zurück. Was meint er mit: „Kinder-, Jugend und Erwachsenenbildung (sei) integral zu sehen”, die Hinführung zu den Sakramenten müsse man “mit der Erschließung von Möglichkeiten aktiver Mitarbeit konzeptionell” verbinden, die “Beschäftigung mit Inhalten” müsse “auf die Entwicklung der Persönlichkeit” abgestellt werden, und man müsse Sorge dafür tragen, “dass der Glaube auch ‚heute‘ Gottes Wort der Befreiung verstehen kann“? Wo ist die Differenz zum Elend unserer pastoralen Routinen? Bietet Södings Bildungsbegriff mehr als ein anderes Wording für das pseudokatechetische Weiterwursteln, das sich Integration in den Glauben der Kirche durch eklektisches Aufschnappen im laufenden Betrieb verspricht?
Söding sieht wohl selbst, dass die Kirche von Jahr zu Jahr mehr an geistiger Auszehrung leidet und dass eine große Offensive des Vertrautmachens mit den Inhalten des Glaubens an der Tagesordnung wäre. Wie soll das systematisch erfolgen, wenn nicht mit dem Katechismus? Wo sonst findet sich das Ganze des Glaubens in repräsentativer Verdichtung und mit dem Authentizitätssiegel der Kirche versehen? Wer keinen Katholizismus der schwarzen Löcher will, muss auch Prozesse der Initiation wollen, in denen Einweihung in alles geschieht, was Christentum ausmacht. Aber mit dem Medium Katechismus sei, so meint Söding, der Rückfall in das “instruktionstheoretische(n) Offenbarungskonzept des 19. Jahrhunderts“ zu befürchten – Katechismus als “eine Art Dienstanweisung für kleine Christenmenschen„. (Nebenbei bemerkt: Sollte uns nicht grauen vor einem Christentum ohne Dienst, Weisung und Achtung vor den “Kleinen” des Evangeliums (Mt 11,25-26), die mit Dienst und Weisung mehr anzufangen wissen als die Weisen und Klugen?)
Mit dem Wind, der sich in der Kirche gerade dreht, nähert sich Thomas Söding auf intrikate Weise dem Katechismus. Wer, so meint er, “dem kommunikativen (Offenbarungskonzept) des Zweiten Vatikanischen Konzils, das derzeit synodal ausbuchstabiert werden muss” verpflichtet ist, darf im Katechismus ein „Kompendium anerkannten Erfahrungswissens im Christusglauben” sehen und “auf der Lesereise viele Entdeckungen machen können.“ Die Worte klingeln und sollen übertönen, was wohl gemeint ist: Beziehung statt Dogma. Erfahrung statt Lehre.
Mir kommt ein leiser Verdacht
Hier wird Raum freigeschaufelt für ein Christentum der Vielfalt und subjektiven Autonomie, das sich “synodal” selbst bestimmt und flanierend an allerhand vorbeikommt, auch am Katechismus, in dem man viele nette Entdeckungen machen kann. Wir können doch über alles reden! Aber bitte ohne Denkverbote! Letztlich bummelt diese Praxis auch an Jesus vorbei, bei dem man auch viele menschenfreundliche Gesten und bestätigende Aspekte entdecken kann. Kierkegaards “Kategorie des Interessanten” hält Einzug in die Welt des Glaubens. Thomas Söding, der ein gebildeter Mann ist, wird wissen: Es wäre kein Kompliment.
Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”.
Beitragsbild: © Alamy, Martin Almqvist

