Wie kann die Transformation von einer Betreuungskirche in eine Kirche der Jünger und Freunde Jesu gelingen? In einem Vierteiler beleuchtet Bernhard Meuser das gemeinsame Projekt einer Kirche, in der Bischöfe und Gläubige gemeinsam der Kirche ein neues Gesicht verleihen und  miteinander missionarische Dynamiken entwickeln.  In Teil III stellt der Autor “das Bühnensetting” der Kirche nach Jesu Vorbild vor.

Der Weg der Jüngerschaft

Das Wort „Jünger“ hat im Deutschen einen faden Beigeschmack. Im 19. Jahrhundert wanderte das Wort aus seiner biblischen Bedeutung aus und nahm den Charakter jener frommen Nazarenerkünstler an, die im Rom des 19. Jahrhunderts „Jesus und die Jünger im Kornfeld“ malten und sich dabei gerne selbst portraitierten. Von diesen „Jüngern der Kunst“ wusste man: „Haupthaar und Bart lassen sie lang und ungekämmt wachsen. Blasse Gesichtsfarbe gilt bei ihnen für Schönheit, die sie auch künstlich hervorzubringen wissen. Sie verdrehen gerne die Augen und senken den Kopf nach den Schultern.“ Das ästhetische Konzept sah einen sanften Heiland vor, umgeben von weltabgewandten Milchbärten, die malerisch an Ähren zupften. Das schwärmerische Bild aus der katholisierenden Romantik hilft uns nicht weiter. 

Das Neue Testament kennt Jünger und Jüngerinnen von Fleisch und Blut; einige waren Fischer, Matthäus war ein Zolleinnehmer, Judas vielleicht ein „Banker“, Paulus ein Zeltmacher. Gemeinsam ist ihnen, dass es sich um normale Menschen handelt, die von Jesus auf eine lebensverändernde Spur gesetzt wurden, der sie mit Leidenschaft (oft aber auch nur im Holpern und Stolpern, ja sogar mit Abstürzen) folgten. Ihr Kennzeichen: die persönliche Nähe zum Herrn, die volle Identifikation mit Jesus.

Das Kirchensetting Jesu

Das Wort „Jünger“ kommt im Neuen Testament 252 mal vor. Das gibt uns einen ersten Hinweis darauf, dass der isolierte, kontextlose Jesus der durchschnittlichen Verkündigung zumindest nicht dem Matthäusevangelium entspricht. Im Griechischen steht für Jünger das Wort μαθητής (= „Schüler“, „Lernender“), wobei im Neuen Testament aus Schülern „Freunde“ werden. Der Jüngerkreis Jesu ist der Freundeskreis Jesu. So zeichnet es besonders der Evangelist Johannes mit großer Eindringlichkeit:

„Nicht mehr Knechte (δούλους, auch in der Bedeutung von Sklave, Diener) nenne ich euch; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde (φίλοuς, verwandt mit φιλία = Liebe) genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh 15,15)

Sucht man im Neuen Testament nach einer Urszenerie der Kirche, nach strukturellen Andeutungen, die zeitlich vor der Tischgemeinschaft im Abendmahlssaal und vor Pfingsten liegen, so finden wir sie bei Lukas, der im sechsten Kapitel seines Evangeliums die soziale Vision Jesu auf die große Opernbühne bringt. 

Der Vorhang geht auf, und eine staunenswerte, reich gestaffelte Szenerie tritt vor Augen. Im Hintergrund: der Berg und die Nacht. Im Lichtkegel: Jesus. Aber er ist nicht allein. Mit ihm kommen viele – die Jünger und die Apostel, die ein Geheimnis mit Jesus teilen – auf die Beschauer zu.

Jesu Sozialform: Die Jüngerschaft

Was das Publikum nicht sehen kann: Das Bühnensetting hat ein mystisches Vorspiel, eben „auf dem Berg“ (Lk 6,12), dem Ort der besonderen Intimität mit dem Vater („Ich und der Vater sind eins“, Joh 10,30). Die Zweisamkeit Jesu mit dem Vater, diese „ganze Nacht im Gebet“, ging der Kreation seines Unternehmens voraus.

„Als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich und wählte aus ihnen zwölf aus; sie nannte er auch Apostel.“ (Lk 6,13)

Damit ist das Setting der Kirche komplett: Vor unsere Augen tritt „die von Jesus selbst benutzte Methode und Sozialform – die Jüngerschaft.“ (Marc-Stephan Giese). Nun wird das Lebensprojekt Jesu öffentlich: „Mit ihnen“ – den Eingeweihten – steigt Jesus „den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon waren gekommen, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden. Alle Leute versuchten, ihn zu berühren; denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte.“ (Lk 6,17-19)

Familia Dei

Fortan bewegt sich Jesus zwischen Berg und Ebene, – dem Rückzug auf den Berg oder an einen „einsamen Ort“ (Mk 1,35), dann wieder in der Zuwendung zu den Menschen. In der unmittelbaren Umgebung Jesu findet sich die (bis zur „galiläischen Krise“) anwachsende Gruppe seiner Jüngerinnen und Jünger, – Helfer, Schützer, Lernende zwischen Zweifel und Hingabe. Die Jünger sind keine euphorisierte Fanbase, sondern gläubige Juden, die das Rätsel Jesus im Horizont der großen messianischen Verheißung befragen. Sie gehen dem Lehrer staunend, schauend, lernend hinterher. Die Wanderkommune wird in den Puzzleteilen der verschiedenen Evangelien als Gruppe von Männern und Frauen beschrieben, die (anscheinend in spontaner messianischer Euphorie und mindestens auf Zeit) ihr bürgerliches Umfeld verlassen, um mit Jesus über Land zu ziehen, das bahnbrechend Neue zu hören, dabei auch für den Unterhalt der Gruppe zu sorgen. 

Unter den spirituellen Nomaden befinden sich auch Frauen, die namentlich erwähnt werden: Maria Magdalena, Johanna, Susanna, Marta, Maria … Die Verbindung zwischen Meister und Schülern ist so intensiv, dass Jesus sie polemisch über die Verbindung mit der eigenen Familie stellt:

„Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herum saßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk 3,33-35)

Die so konstituierte Familia Dei, die übrigens Blutsverwandte nicht ausschließt, ist eine Vorwegnahme der Bildreden von Leib und Haupt, wie wir sie aus den Apostelbriefen kennen. (Kol 1,18; 1 Kor 12,12-13; Eph 5,21-32)

Jüngerschaft geht durch das Kreuz

Es bleibt nicht beim passiven Hinterhergehen. Die an der Brotrede Jesu („Wer mein Fleisch isst …“) keinen Anstoß nehmen (Joh 6,66: „Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher“), weiter mit ihm gehen, werden wunderbar ausgerüstet („Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!“, Lk 10,9) und erfahren ihre Vollmacht („Herr, sogar die Dämonen sind uns in deinem Namen untertan“, Lk 10, 17). 

Aber auch sie werden den Herrn in den dunklen Tagen von Jerusalem verraten. Sie wissen noch nicht, dass Jüngerschaft durch das Kreuz geht. Paulus wird sich in Gal 6,14 „allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen.“ Und drei der vier Evangelisten stimmen darin überein, dass das eigentliche jesuanische Kriterium der Jüngerschaft Nachfolge in der Akzeptanz des Kreuzes ist:

„Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir her geht, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lk 14,27)

Diesem Kriterium hat – außer vier Personen unter dem Kreuz: drei Frauen und Johannes – keiner der Jünger Jesu entsprochen. 

Dennoch gibt es für die Jünger ein zweites Leben: Jesus wird sich den unzuverlässigen Kantonisten beim Brotbrechen in Emmaus zeigen – und seither tausendfach als der Lebendige erweisen: Herr, der er war und ist.

Mitarbeiter, ausgestattet mit Vollmacht und Compliance

In der irdischen Lehrzeit erscheint Jesus den Jüngern als „Meister“ (Joh 13,13), „Herr“ (Lk 6,46), „Lehrer“ (Joh 3,10), „Rabbi“ (Mt 26,49). Er ist die alles bestimmende Mitte eines sich von Ort zu Ort bewegenden Kreises. Die große Sendungsszene in Lk 10 und zwei weitere spektakuläre Bergszenen (Mt 5 – 7: die Bergpredigt; Mt 28,16-20: der Missionsbefehl) zeigen Jesus, wie er Weisung gibt, Standards definiert, sendet, – und seine Freunde auf eine Art Compliance einschwört („keinen Geldbeutel…, keine Tasche, keine Schuhe“, Lk 10,4). Schon die Bergpredigt wird eröffnet mit einer Sammlung und Schulung der Jünger. „Jesus setzt sich“; er nimmt, wie Joseph Ratzinger einmal sagte, „auf der ,Kathedra‘ des Berges Platz. … [Er] sitzt auf der ,Kathedra‘ als Lehrer Israels und als Lehrer der Menschen überhaupt.“ Seine Jünger, heißt es, „traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach …“ (Mt 5,2). In die Geheimnisse des Reiches Gottes eingeweiht und mit spiritueller Vollmacht ausgerüstet, wird Jesus Mitarbeiter entsenden, „ …je zwei und zwei vor sich her in alle Städte und Orte, wohin er selbst gehen wollte.“ (Lk 10,4) 

Jesu Vermächtnis: Der Missionsauftrag

Die letzte Stufe der Initiation und die universale Sendung der Jünger ist in einer groß angelegten, nur von Matthäus berichteten Abschiedsszene auf einem unbekannten Berg in Galiläa situiert. Der Auferstandene, der sich am Kreuz legitimiert und in der Auferstehung bewiesen hat („Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde“, Mt 28,18), erscheint nun als der Erhöhte, vor dem die Jünger niederfallen. (Zwischenbemerkung: Anbetung passt zu Jüngerschaft.) Der Herr spricht mit Autorität; er kleidet sein Vermächtnis an die Jünger in eine konzentrierte Formel, die wir als „Missionsbefehl“ kennen:

„Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ (Mt 28,19)

Die Formel lebt im griechischen Urtext von vier Verben (Geht! Macht! Tauft! Lehrt!), von denen der zentrale (und eigentliche) Imperativ das „Macht zu Jüngern alle Völker!“ ist, während das Hingehen, Taufen und Lehren integrale Momente der missionarischen Dynamik und der ganzheitlichen Initiation in den Leib Christi sind.


Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”


Beitragsbild: Michelangelo Merisi da Caravaggio, Das Abendmahl in Emmaus (1601), Wikipedia

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