Man kann jeden Text – von der Bibel bis zum Kassenzettel – auch feministisch oder queer lesen. Vertrauen wir den Evangelien oder legen wir sie aus, damit sie für uns passen? Bernhard Meuser hat sich intensiv mit der Heiligen Schrift und den verschiedenen Lesarten beschäftigt.

Gerade komme ich heim von einem Besuch bei Freunden im Norden der Republik. Wir sprachen über dies und das, Gott, die Welt und die Kinder. „Was macht denn Eure Jüngste, wollte sie nicht Religionslehrerin werden?“ – „Ja, sie war auch in Flensburg, hat das aber abgebrochen; sie studiert jetzt an der HsH in Hannover Maschinenbau.“ – „Wieso das denn?“ – „Sie sagt: Ich musste das abbrechen, bevor ich meinen Glauben noch ganz verliere...“ Was mit A. passierte, ist kein Einzelfall. Junge Leute haben irgendwo die Schönheit des Glaubens oder die Liebe zu Gott entdeckt, haben Feuer gefangen für Jesus. Und dann kommen sie an eine deutsche Hochschule und geraten ins intellektuelle Eis. Allzu häufig begegnen sie zynischen Lehrern, die sich eine Freude daraus machen, ihren „Kinderglauben“ zu zerstören. Sie tun das, indem sie die Heilige Schrift dekonstruieren, ohne dass sie es auch nur annähernd schaffen, die Puzzleteile wieder zusammenzusetzen. In ihrem Hochmut sehen sie nicht, was sie anrichten.

Enttäuschte Sehnsucht

Junge Leute sehnen sich danach, durch das Wort Gottes persönlich angesprochen und im Glauben bestärkt zu werden, aber es scheint fast die Ausnahme zu sein, dass ihre Lehrer in die Sehnsucht der jungen Menschen einsteigen. Sie könnten es tun durch liebevolle Ehrfurcht vor ihrem (sie selbst unendlich übersteigenden) Gegenstand: dem Geheimnis der Selbstmitteilung Gottes. Mit Hilfe der Tiefenschärfe, die man mit dem Instrumentarium der historisch-kritischen Methode durchaus gewinnen kann, könnten sie die Schrift zum Leuchten bringen; stattdessen missbrauchen nicht wenige akademische Lehrer das Vertrauen ihrer Studenten. Sie machen ihren Text klein statt groß, verwenden ihre Mühe fast ausschließlich darauf, ihn sozial, politisch oder kulturell in den historischen Kontext einzuordnen, ihn fachlich in eine semitische Antike zu entrücken. Gut, sagen sich die Studenten, – da mag er zu toten Menschen gesprochen haben. Am Ende wird der Text noch dreimal durch die Destille der Moderne geschickt, um ein Konzentrat daraus zu gewinnen, das uns „heute noch etwas sagt“. Der Aufwand an Kritik steht oft im umgekehrten Verhältnis zum Ertrag. Wer sich im Milieu umtut, wird am laufenden Band mit pastoralen Plattitüden konfrontiert a là, „dieser Jesus“ habe Menschen „verstanden“, sie „angenommen“, sie „ermutigt“.

Ein Buch, sagt Franz Kafka, „muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns …“ Die Anforderung, die Kafka generell an einen lesenswerten Text stellte, – sie scheitert ausgerechnet an der Bibel. Das „Wort Gottes“ sagt nichts, oder etwas so Allgemeines, dass man es für alles und sein Gegenteil verwenden kann, – mit dem Vorteil, dass das betuliche Bla Bla noch lange jene leicht sakrale Aura behält, die den Sprecher erhöht. Stoff für Ideologen, die ihre Unfehlbarkeit gerne mit geliehenem Glanz umgeben.

An zwei Beispielen soll der Streit um die Heilige Schrift (und was sie uns heute noch zu sagen hat) erläutert werden.

Beispiel 1: Hermeneutik des queeren Verdachts

So heißt das Sonderheft 2/2026 von „Bibel und Kirche“, einer Publikation des katholischen Bibelwerks e.V., das wiederum von der DBK getragen wird. Der Leser wird mit Beiträgen wie »G*tt ist Fan von Vielfalt – Queere Perspektiven auf die Bibel« (Jens Ehebrecht-Zumsande, Burkhard Hose, Raphaela Noah Soden) oder »Queer(y)ing die Bibel: Was sind Anliegen und Methoden queerer Bibelauslegungen?« des evangelischen Münsteraner Alttestamentlers Bruno Biermann konfrontiert, der zu „Geschlechtergeschichte und Archäologie«, sowie zu „Feministische, Gender und Queer Theorie im Dialog mit Exegese“ forscht. Katrin Brockmöller, Pastoralreferentin und Direktorin des Bibelwerkes, versucht sich an dem Thema „»Als Mann und Frau« oder »männlich und weiblich« (Gen 1,27)“, wozu jüngst auch Franz Grunewald bei „Neuer Anfang“ Erhellendes zu sagen wusste (Der Merismus-Trick – oder: die rhetorische Erfindung der vielen Geschlechter“).

Das gesamte Heft widmet sich dem Versuch, „biblische Texte abseits traditioneller, heteronormativer Normen“ – oder wie es in einem Beitrag heißt: in einer „Hermeneutik des queeren Verdachts“ – zu lesen. Den Begriff „Hermeneutik des Verdachts“ hat Paul Ricœur entwickelt, und er hat geistesgeschichtliche Vorläufer bei Nietzsche und Marx. Ricœur wollte darauf hinweisen, es könnten sich hinter der unschuldigen Fassade von Texten und Handlungen Machtansprüche verbergen. Elisabeth Schüssler-Fiorenza holte den Terminus vor gut fünfzig Jahren in die feministische Theologie herüber und trug dazu bei, heilige Texte und ihre männlichen „Besitzer“ so zu lesen, als wären sie vor allem Ausdruck paternalistischer Verhältnisse, die Frauen vom Heil fernhalten. So neu ist der queere Verdacht also nicht. Nun ist es einmal nicht die Männernormativität, sondern die Heteronormativität, die entlarvt werden soll. Die Heilige Schrift soll denen entrissen werden, die mit der Massivität von Amt, kirchlicher Überlieferung und geltender Lehre einzig und allein zwei biologisch gegebene Geschlechter als eine vom Schöpfer her prägende Matrix christlicher Anthropologie behaupten – und die queere Menschheit vom Heil ausschließen. Fazit: Man müsse die Bibel nur richtig lesen, dann blamiere sie die Kirche. Diese Art von Exegese hat der renommierte katholische Alttestamentler und Ratzinger-Preisträger Ludger Schwienhorst-Schönberger beim „Neuen Anfang“ schon einmal schlagend analysiert, – nämlich hier: „Römischer Unfug? Oder: Gibt es mehr als zwei Geschlechter?“

Die Bibel anders lesen

Die Lesart, die hier bei „Bibel und Kirche“ mit dem Anschein der Legitimität vorgetragen wird, operiert im Hintergrund mit der Voraussetzung universaler Pluralität; will sagen mit der Annahme, dass es unter den ungezählten Lesarten der Heiligen Schrift keine gibt, die normativ hervorsticht. Im frei flottierenden Wettbewerb der Interpreten können sich Lesarten überholen, kann eine heteronormative Lesart der Heiligen Schrift von einer polynormativen Lesart überholt werden, die den Anschein von Wissenschaft bemüht, um die überwundene Lesart als unmöglich oder gar menschenverachtend aus dem Feld zu schießen.

Texte anders zu lesen, ist natürlich nicht verboten

Eine kontextuelle Perspektive auf die Heilige Schrift ist durchaus legitim. Man kann jeden Text – von der Bibel bis zum Kassenzettel – auch feministisch oder queer lesen. Den Bon von ALDI wird man aber vor allem daraufhin lesen, ob der Käse nicht doppelt berechnet wurde. Paul Ricœur ist nun nicht allein der Erfinder des Misstrauens; er stellte gegen die „Hermeneutik des Verdachts“ die „Hermeneutik des Vertrauens“ heraus, die Lesart also, die von der Annahme ausgeht, sachgerecht müsse man dem Text zunächst mit sympathischer Einfühlung begegnen, ohne ihn also gleich mit Kritik und den vielfältigen Abschattungen mentaler Reserviertheiten zu überziehen. Die Heilige Schrift, sagt das Zweite Vaticanum, müsse „in dem Geist gelesen und ausgelegt werden …, in dem sie geschrieben wurde.“ (DV 12) Dieser „Geist“ ist die verkündigende Kirche, deren Buch und Frucht die Heilige Schrift ist. Die Kirche ist das in die Zeit hinein entfaltete Vertrauen, dass Gott gesprochen hat und weiter spricht, und dass die Heilige Schrift nicht lügt.

Papst Benedikt hat sich in seinen exegetisch informierten Jesus-Büchern diese Lesart zu eigen gemacht:

„Ich vertraue den Evangelien.“

Die Bibel unter Berufung auf einen endlich entdeckten Sinn gegen die Kirche in Stellung zu bringen, führt ins Leere. „Ein Buch spricht nicht; es ist geschlossen, bis es geöffnet wird“, hatte John Henry Newman in „The Idea of a University“ (1852) gegen die freie Bemächtigung heiliger Texte ins Feld geführt. Das Buch authentisch zu öffnen, steht der Lese- und Lebens- und Lerngemeinschaft der Kirche zu. In ihr manifestiert sich keineswegs die Einfalt der voraufgeklärten Frommen, sondern die Meisterhermeneutik der Gläubigen von Abraham bis in die Gegenwart, die von der Annahme leben, dass Gott zweifellos gesprochen (und sich in Jesus Christus endgültig ausgesprochen) hat. Zwanzig Jahre vor Newman bemerkte schon der kluge Adam Möhler:

„Einer Brille wirst du dich übrigens immerhin bedienen müssen; aber nimm dich in acht, daß du sie dir nicht von dem nächsten besten Glasschleifer zurechtrichten und auf die Nase setzen lassest.“

Ludger Schwienhorst-Schönberger hat das Sonderheft in Communio („Zu einem-umstrittenen-heft-des-katholischen-bibelwerks-die-bibel-queer-lesen“) einer genauen Lektüre unterzogen und am Ende vom Lied gar heidnische Züge ausgemacht: „Vor dem Hintergrund der hier skizzierten Genese und Phänomenologie des biblisch bezeugten religiösen Symbolsystems kommt mir das Lob der Vielfalt wie ein verkapptes Lob des Polytheismus vor. Es passt zum Selbstverständnis der Postmoderne, steht jedoch quer zur biblischen Tradition. Der Gott Israels ist einer, er ist treu, er verstellt sich nicht, er trägt keine Maske, er führt nichts Böses im Schilde. Die Fülle, die der biblische Glaube verspricht, ist nicht zu verwechseln mit der Vielfalt des antiken Kosmotheismus. Nur durch das Nadelöhr der Einfalt findet der Mensch Zugang zur Fülle des biblisch bezeugten Gottes …“

Beispiel II: Die Bibel als Gefahr für die Ethik

Der evangelische Mainzer Theologe Michael Roth hat ein Buch publiziert mit dem Titel „Die Bibel als Gefahr für die Ethik“. Dass sich nun das Portal katholisch.de für das Buch interessiert, mag mit dem Titel zusammenhängen. Der Slogan passt gerade auch katholisch. Auffallend wenig schöpfen moraltheologische Reflektionen in Deutschland aus der Heiligen Schrift. Man kann sogar den Eindruck gewinnen, immer wieder werde ein anders gewonnenes „Gutes“ gegen das biblisch Geforderte verteidigt, als müssten aufgeklärte Kinder ihre zurückgebliebenen Eltern auf den Stand der Dinge bringen. Philosophisch gewonnene Normativität soll nicht durch Querschüsse aus der Heiligen Schrift gestört werden. Die Schrift darf beipflichten, ermutigen, bestärken, aber als Quelle moralischen Handelns erscheint sie weitgehend unbrauchbar. Magnus Striet zufolge resultiert moralisches Verhalten allein aus der Freiheit des autonomen Subjekts und der „Selbstgesetzgebung der praktischen Vernunft“. Etwas nur deshalb zu tun, weil es die Kirche oder sogar Jesus einfordert, wäre mit dem Makel der „Heteronomie“ behaftet, wäre also ein Handeln unterhalb der menschlichen Würde, – ja, es wäre im Grunde genommen unmoralisch

Nun scheint Michael Roth aber eher an einer Auseinandersetzung mit der ewigen Wunde reformierter Theologie – dem „sola scriptura“ – interessiert zu sein, als an katholischer Schriftvermeidung. Den Landeskirchen wirft er vor, sie bewegten sich in ihrem Bibelverständnis auf Höhe der Zeugen Jehovas. Da muss die Konstellation Abraham/Sarah/Hagar (Gen 11 – 25) in einem EKD-Dokument dafür herhalten, das Toleranzlevel Gottes in der biblischen Antike zu entdecken. Roth meint dazu: „Ein methodisch völlig unkontrollierter Bezug auf die Bibel führt zu der Absurdität, die Sklavenbeziehung von Abraham und Hagar als Vorbild einer modernen Patchwork-Familie darzustellen.“ Aber auch die Bibelfrommen dürften an Roth so recht keine Freude haben. „In der Ethik sollten wir mit rationalen Argumenten überzeugen, nicht mit Verweis auf die Bibel oder Glaubensinhalte.“ 

Bis heute leiden die protestantischen Denominationen an der Dysbalance zwischen radikalem Biblizismus und der Auflösung der biblischen Botschaft in Weisheiten oder Impulse, die man auch ohne den Rückgriff auf Gott und sein Wort gewinnen kann. Ein anderer evangelischer Theologe, Ralf Frisch, kommentierte einen theologischen Stil, der längst auch katholisch um sich gegriffen hat: „Heute managen wir eine humanistische Kirche eigentlich mit drei Bibelstellen: mit der Goldenen Regel, dem Gebot der Nächstenliebe und dem Satz ´Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.´ Dafür braucht man keine Bibel mehr, die dicker ist als eine Postkarte.“

Das eigentliche Oberseminar

Der Seitenblick auf die evangelische Not mag Katholiken daran erinnern, wie sehr die Katholische Kirche davon profitiert, dass die Heilige Schrift „Buch der Kirche“ ist. Das verhindert jede Bemächtigung von ideologischer, politischer, fundamentalistischer, aber auch „wissenschaftlicher“ Seite und macht, dass das von der Kirche notorisch proklamierte Wort Gottes uns liest, bevor wir es lesen. Der genaue Blick historischer Kritik hat hier einen hart errungenen, guten Platz, sofern er nicht beansprucht, den unendlichen Rest des Textes zu erklären. „Die historisch-kritische Methode ist die unerlässliche Methode für die wissenschaftliche Erforschung des Sinnes alter Texte“, heißt es in dem hervorragenden Dokument der Päpstlichen Bibelkommission von 1993. Ein authentischer katholischer Umgang mit der Schrift weiß aber darum, dass das eigentliche Oberseminar in der Lesegemeinschaft der Heiligen besteht (Max Scheler: „Der Kern der Person Jesu ist nur einem gegeben: seinem Jünger“). Deren Lektüreschlüssel war quer durch die Kulturen Joh 14,15:

Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.

Nichts ist sinnwidriger, als rational zu interpretieren und sich existenziell zu emanzipieren.

So wenig ein vernunftfeindlicher Biblizismus in der Kirche Geltung beanspruchen darf, so wenig darf die Ratio dem Wort Gottes die Kraft nehmen, es hinter sich lassen, es überblenden, überbieten oder sich in einem Konkurrenzverhältnis dazu breitmachen, den Text von seiner Transzendenz, das Wort gar von Gott trennen. „Gott“, so lehrte Papst Benedikt in seiner Regensburger Rede, „handelt ´σύν λόγω´, mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich …“.

Die jungen Menschen, die sich heute zum Studium der Theologie anmelden, kommen möglicherweise zu ihren potentiellen Lehrern mit mehr als intellektuellem Interesse. Vielleicht kommen sie wie der reiche junge Mann zu Jesus: „Meister, was muss ich tun …?“ Sie suchen Zündstoff, wollen brennen. Sie im Wort Gottes zu täuschen, heißt: sie in Gott enttäuschen. Das wiegt schwer. „Nötiger“, meinte schon Meister Eckhart (+ 1328), „wäre ein Lebemeister als tausend Lesemeister; aber lesen und leben ohne Gott, dazu kann niemand kommen. Wollte ich einen Meister von der Schrift suchen, den suchte ich in Paris und in den hohen Schulen hoher Wissenschaft. Aber wollte ich nach vollkommenem Leben fragen, davon könnte er mir nichts sagen. Wohin sollte ich dafür gehen?“


Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”.


Bildquelle: Sieger Köder, Paulus schreibt einen Brief an die Gemeinde von Korinth, Sieger Köder, Heilig-Geist-Kirche in Ellwangen, Alamy

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