Man sollte meinen, Rom habe klar gesprochen in Sachen “Segen gibt der Liebe Kraft”. Papst Leo und seine Mitarbeiter reagierten auf den Versuch, die kirchliche Fixierung auf Mann und Frau von der Basis her aufzubrechen und eine Art “kirchliche Hochzeit” für die Vielfalt sexueller Orientierungen zu inszenieren. Die “Basis” will das nicht hinnehmen und beruft sich auf eine faktische Vielfalt von mehr als zwei Geschlechtern. Dabei spielt eine argumentative Figur eine entscheidende Rolle: der Merismus. Franz Grunewald nimmt sie ausführlich und mit großer Sorgfalt auseinander. 

Die synodale Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“, herausgegeben am 4.4.2025, basierend auf dem Handlungstext „Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt“ vom 10.3.2023, bezieht sich ausdrücklich u.a. auf „Paare in der ganzen Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten“. Vielfalt geschlechtlicher Identitäten? Das Papier geht davon aus, dass die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten ein Faktum ist. Vielfalt heißt hier „mehr als zwei“. Im Handlungstext heißt es dazu:

Die biologische Geschlechtsidentität eines Menschen beruht zunächst auf dem chromosomalen Code des XX bzw. des XY. Sie lässt sich aber keinesfalls darauf reduzieren. Die biologische Geschlechtsidentität entwickelt sich in komplizierten Wechselwirkungen zwischen genetischen und epigenetischen Faktoren und wird vor allem maßgeblich durch das ‚hormonelle Geschlecht‘ geprägt. […] ‚Das hormonelle Geschlecht ist im Unterschied zum genetischen Geschlecht nicht typologisch binär (das heißt strikt männlich oder weiblich), sondern prägt sich auf einer gleitenden Skala aus, bei der der individuelle Status auch zwischen den beiden Polen liegen kann.‘

Das bestätigende Zitat stammt aus einem Text des Deutschen Ethikrates von 2012. Hier fängt die begriffliche Unklarheit bereits an. Ist das hormonelle Geschlecht Teil des biologischen Geschlechts oder eine davon unabhängige Definitionsgröße? Lässt sich über das biologische Geschlecht überhaupt eine eindeutige Aussage machen? Im Sinne der synodalen Texte anscheinend nicht. Eindeutigkeit gibt es nur „auf einer gleitenden Skala“.

Was die Naturwissenschaft zu XX und XY sagt

Die naturwissenschaftliche Antwort lautet hingegen mehrfach und eindeutig: Es gibt nur zwei Geschlechter. Diese Auskunft gibt die Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard in einem Interview in der Zeitschrift „Emma“ vom 22.8.2022 unter der prononcierten Überschrift „Viele Geschlechter? Das ist Unfug!“ Darin betont sie:

Intersexualität entsteht durch sehr seltene Abweichungen, zum Beispiel beim Chromosomensatz. Aber auch intersexuelle Menschen haben die Merkmale beider Geschlechter, sie sind kein drittes Geschlecht. […] Es gibt Menschen, die wollen ihr Geschlecht ändern, aber das können sie gar nicht. Sie bleiben weiterhin XY oder XX.“

Wo der Handlungstext unter Berufung auf humanwissenschaftliche Erkenntnisse vom hormonellen Geschlecht spricht und dadurch bedingt von einer Bandbreite an verschiedenen Geschlechtern, hält die Biologin fest:

„Es gibt innerhalb eines biologischen Geschlechtes eine große Bandbreite. […] Es gibt sehr ‚feminine‘ Männer und sehr ‚maskuline‘ Frauen, was nicht nur mit kulturellen Faktoren, sondern unter anderem auch mit unterschiedlichen Hormonleveln zu tun hat. Da gibt es ein Riesenspektrum.“

Das sieht begrifflich schon deutlich klarer aus als die diffusen Erläuterungen aus dem Handlungstext. Und dass das keine bloße „Meinung“ ist, sondern sachlich fundiert, unterstreichen die beiden Professoren Uwe Steinhoff und Aglaja Stirn in einem Beitrag in der FAZ am 21.7.2022 (Warum die Biologie nur zwei Geschlechter kennt):

„‘Sozialkonstruktivisten‘ haben offensichtlich erhebliche Schwierigkeiten, Worte von Dingen zu unterscheiden. […] wobei Intersexualität und Transsexualität keineswegs geleugnet, sondern als Erscheinungen innerhalb dieser Zweigeschlechtlichkeit anerkannt werden. Diese so empirische Erkenntnisse produzierende Methode nennt man Wissenschaft. Die Leugner der Zweigeschlechtlichkeit hingegen versuchen, Begriffe umzudefinieren oder zu verwischen, um politische oder psychische Bedürfnisse zu befriedigen. Dies ist keine Wissenschaft, sondern Sprachpolitik.“

Man kann daraus nur den Schluss ziehen, dass die erwähnten Texte der DBK und des ZdK, die bis heute die Formulierung von der „ganzen Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten“ hochhalten, Wissenschaftsverleugnung zugunsten von ideologisch bedingter Sprachpolitik betreiben. Auch noch mehrere Jahre nach diesen öffentlich zugänglichen Klarstellungen. Akzeptanz von naturwissenschaftlichen Fakten? Trotz Behauptung des Gegenteils Fehlanzeige. – Dachten wir nicht, der Anspruch der Kirche sei nach Galileo und Kopernikus, sich in einer aufgeklärten Welt zu befinden, in der die Erkenntnisse der Naturwissenschaften Geltung haben? Offensichtlich nicht, sofern es geschlechtliche Diversitätstheorien betrifft. Die Forderung nach Aufklärung und Faktenorientierung gilt anscheinend nur solange, wie sie nicht einer liebgewonnenen Ideologie widerspricht.

Exegese, hilf!

Die kirchenpolitische Diskussion hat mittlerweile ihren eigenen Weg der Rechtfertigung gefunden, indem sie die Exegese zur Hilfe nimmt. Dort gibt es abseits naturwissenschaftlicher Feststellungen, die die Ideologie trotz gegenteiliger Beteuerungen ignoriert, eigene Begründungen für die Diversitätstheorie. Relevant ist hier u.a. ein Vortrag der österreichischen Alttestamentlerin Prof. Dr. Irmtraud Fischer mit dem Titel „Queere Identitäten im Alten Testament. Eine Spurensuche jenseits binärer Geschlechter“, gehalten am 5.6.2024 an der Katholischen Akademie in Bayern. Zentral für die Begründung der geschlechtlichen Diversität ist diese Aussage zur ersten Schöpfungserzählung:

Da die ganze Erzählung von Gen 1 polar gestaltet ist (Tag – Nacht, Wasser – trockene Erde …), kann man auch bei männlich und weiblich nicht davon ausgehen, dass nur diese Geschlechter erschaffen worden seien und alle anderen Variationen des Sexuellen damit widernatürlich seien, denn dann müsste auch die Dämmerung oder die Lagune widernatürlich sein. Vielmehr sind alle geschaffenen Werke mit der Stilfigur des Merismus zu verstehen, bei dem nur die äußersten Pole genannt, aber alles dazwischen mitgemeint ist.“

Die Rede ist von der Erschaffung der Geschlechter im Sinne der biologischen Sexualität. Der Merismus ist laut Wikipediaein rhetorisches Stilmittel, bei dem ein abstrakter Gesamtbegriff durch die Nennung zweier sich ergänzender oder entgegengesetzter Teile ausgedrückt wird. Die Nennung der Extreme steht dabei stellvertretend für das gesamte Spektrum“, für eine Ganzheit oder die Vollkommenheit einer Menge.

Merismen in diesem Sinne finden sich in der ersten Schöpfungserzählung mehrfach. Wenn Gott Tag und Nacht erschafft (Gen 1,5), dann ist eine ganze Erdumdrehung inkl. dem Morgengrauen und der Abenddämmerung gemeint. Wenn Gott das Land vom Meer unterscheidet (Gen 1,10), gibt es dazwischen natürlich Flussauen, Sumpfgebiete und Moore. Was zunächst einmal nur ein stilistisches Mittel ist, wird in der analogen Anwendung auf den Menschen im Handumdrehen zu einem Argument, um – man muss es explizit sagen – eine bloße Vermutung („kann man davon ausgehen …“) auszudrücken und zu begründen. So wie es zwischen Tag und Nacht, Festland und Meer vielstufige Graubereiche gibt, gibt es – Fischer zufolge – auch zwischen männlich und weiblich, den beiden Polen, einen Übergangsbereich, eben die diversen Geschlechter. – So zu argumentieren, heißt, ein Stilmittel in ein Argument umzuwandeln und dem Stilmittel zu unterstellen, dass genau diese Interpretation gemeint sei, obwohl es keine explizite Aussage dazu gibt.

Mit nicht direkt Gesagtem zu argumentieren, in der Fachsprache ein „argumentum ex silentio“, ein Argument aus dem Schweigen, ist den Regeln der Logik entsprechend dann zulässig, wenn man den Kontext zur Hilfe nimmt. Der relevante Kontext im engeren Sinn sind Texte, die dem gleichen Ursprung zuzuordnen sind, d.h. die wie Gen 1 der Priesterschrift entstammen. Fischer selbst hält sich allerdings nicht besonders genau an diese Logik-Regel, sondern versteht beliebige Texte der hebräischen Bibel als relevanten Kontext. Methodisch korrekt ist das nicht.

Seid fruchtbar und vermehrt euch …

Wenn die wissenschaftliche Biologie bis heute nur von zwei Geschlechtern weiß, hat sich daran in der Evolution der letzten Jahrtausende nichts geändert und galt genau das auch schon zur Zeit der Entstehung der Priesterschrift vor 2500 Jahren, was in den Schöpfungserzählungen zum Ausdruck gebracht wird. An das Menschenpaar ergeht in Gen 1,28 der Auftrag zur Vermehrung. Wie soll das geschehen, wenn sich dieser Auftrag an Zwischengeschlechter richten sollte? Ähnliches gilt für die unmittelbare textliche Nachbarschaft Gen 2 und 3: Die Folgen der ersten Sünde von Adam und Eva haben die definierten Geschlechter Mann und Frau zu tragen, von den Lasten für Geschlechter dazwischen ist keine Rede. Wie auch?

Zum Kontext im engeren Sinne gehört auch der Auftrag an Noah in Gen 7,2-3: „Nimm von allen reinen Tieren je sieben Paare mit, aber von den unreinen Tieren nur jeweils ein Männchen und ein Weibchen. Auch von den verschiedenen Vögeln nimm je sieben Paare mit. Ich möchte, dass jede Art erhalten bleibt und sich wieder auf der Erde fortpflanzen kann.“ Die Begründung lässt erkennen, wie männlich und weiblich hier verstanden wird: als ein Nachkommen zeugendes Pärchen. Die im Begründungssatz genannte Zeugungsfähigkeit gilt offensichtlich für alle Paare, auch die menschlichen, wie aus Gen 6,18 hervorgeht.

Merismen lassen sich in den priesterschriftlichen Texten zahlreich finden. Stets wird durch Nennung von leicht nachvollziehbaren Beispielen eine Gesamtheit ausgedrückt, die sonst hätte aufgezählt werden müssen. Beispiel aus Ex 10,9: Wir wollen mit unseren Söhnen und Töchtern, mit unseren Schafen und Rindern ziehen (…).“ Nicht nur die Ältesten, sondern die Gemeinschaft in ihrer aus allen Verwandtschaftsgraden bestehenden Gesamtheit – von den Kindern bis zu den Ältesten – soll in die Wüste ziehen, um Gott zu dienen. Der Merismus steht für die ganze Sippe. Nie geht es darum, mit einem Merismus ein Möglicherweise oder Vielleicht anzudeuten, immer darum, eine Evidenz auszudrücken. Eine spekulative Deutung bewegt sich außerhalb des Kontextes.

Ohne auf die Diskussion einzugehen, ob das Buch Levitikus ganz, in Teilen oder gar nicht zur Priesterschrift gehört, sei ein sehr prägnantes Beispiel aus den Reinheitsvorschriften im Buch Levitikus angeführt. Der Abschluss der Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren lautet: „Dies sind die Anweisungen zur Beurteilung der verschiedenen Tierarten. Sie sind gegeben, damit unterschieden wird zwischen rein und unrein, zwischen Tieren, die gegessen werden dürfen, und solchen, die nicht gegessen werden dürfen.“ (Lev 11,46f) Dieser Merismus umfasst die Gesamtheit der Tierwelt. Es gibt im Bereich der rituellen Speisevorschriften nichts, was außerhalb dieser beiden Pole stünde. Es ist also keineswegs so, dass ein Merismus unbedingt einen Zwischenbereich eröffnet, er stellt durchaus auch eine abschließende Aufzählung dar mit der Bedeutung einer vollkommenen Ganzheit.

Zum Kontext im weiteren Sinne gehört etwa Jesus Sirach, eine Spätschrift, die kurz nach der jüdischen Kanonisierung der Bibel entstanden ist, in katholischen Bibelausgaben aber zum Kanon gehört. Mit erkennbarem Bezug zur Schöpfungserzählung heißt es in  Sir 42,24f, par Sir 33,15 (nach EÜ 2016): „Alles gibt es paarweise, eines gegenüber dem anderen, ER hat nichts gemacht, dem etwas mangelt. Eines bestärkt die Vorzüge des anderen.“ Die Zweiheit ist genau ein Paar, das einander zugeordnet ist. Ein Zwischenbereich ist nicht erkennbar.

Jesus konnte es nicht besser wissen?

In den weiteren Kontext gehören selbstverständlich auch Interpretationen aus dem NT, etwa Worte Jesu oder ein Rückbezug von Paulus. In Mt 19,4-6 bestätigt Jesus Gen 1,27 im unmissverständlichen Sinne der Paarbeziehung:

Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang männlich und weiblich erschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein?

Es bedarf keiner näheren Erklärung, dass Jesus hier ausschließlich die binäre Zuordnung von Mann und Frau anspricht. Die Kritik derjenigen Exegeten, die in Gen 1,27 eine Bandbreite behaupten (z.B.  Thomas Hieke), an den Theologen, die die Auslegungstradition der Kirche vertreten, z.B. Ludger Schwienhorst-Schönberger, trifft damit auch Jesus selbst. Damit generiert man freilich einen logischen Widerspruch: Einerseits billigt man der vermeintlich unaufgeklärten Antike zu, noch keine anthropologischen Kenntnisse im modernen Sinne gehabt zu haben, womit man Jesu Deutung als zeitgebunden zu entschuldigen versucht (er konnte es noch nicht besser wissen und hat deswegen so formuliert). Andererseits behauptet man, dass gute 500 Jahre früher Gen 1,27 nicht binär im Sinne von ausschließlich männlich und weiblich zu verstehen sei, sondern bipolar (männlich und weiblich als äußere Pole eines Spektrums), weil von entsprechenden Erfahrungen auszugehen sei. Wo bleibt da die historische Logik?

Paulus betont eigens (Röm 1,19-27), dass die Offenbarung Gottes in seinen Werken erkennbar sei und „seit Erschaffung der Welt […] mit Vernunft wahrgenommen“ werden könne. Die Sünde besteht nach Paulus in der Nichtrealisierung der Herrlichkeit Gottes. Und wieder geht es um sexuelle Verhältnisse: „Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer treiben mit Männern Unzucht und erhalten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung. Bernhard Meuser kommentierte diese Passage 2022 so: „Die Versuche, diese Verse zu entkräften, sind Legion: Keiner von ihnen ist befriedigend.“ Es gibt nicht nur die eindeutige Unterscheidung der Geschlechter, es gibt auch die eindeutige Unterscheidung zwischen natürlichem und widernatürlichem Sex. Die Bewertung schließt freilich ein, dass es in den antiken Gesellschaften alle Arten von Sex gab, die jedoch eindeutig nicht als gut und richtig, sondern als Verirrung bewertet werden.

Diversität im Judentum?

Irmtraud Fischer führt im oben erwähnten Vortrag als Beleg für die im antiken Judentum wahrgenommene Diversität einen Vers aus dem Buch Deuteronomium an (Dtn 22,5), wobei sie nur den ersten Teil des Verses zitiert: „Eine Frau soll nicht die Ausrüstung eines Mannes tragen und ein Mann soll kein Frauenkleid anziehen.“ – Der Vers kann tatsächlich als Beleg dafür verstanden werden, dass es, wie auch Bernhard Meuser im erwähnten Beitrag ausführt, in biblischer Zeit Uneindeutigkeit zwischen den Geschlechtern gab. Eine Legitimierung der Uneindeutigkeit lässt sich daraus nicht ableiten, im Gegenteil: Der zweite Teil des Verses ächtet genau diese Vermischung: „Denn jeder, der das tut, ist dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel“. – Wer wie Fischer die Hälfte des Verses weglässt, verändert den Sinn und manipuliert bzw. konstruiert sich entgegen den biblischen Versen seine eigene Wirklichkeit, kann sich dabei jedoch nicht auf die Bibel berufen.

Der Merismus dient in der Argumentation von Fischer dazu, zwischen männlich und weiblich ein Zwischenfeld an weiteren Geschlechtern zu etablieren. Ergänzt um die Behauptung, das entspreche der jüdischen Tradition, die zwischen männlich und weiblich weitere Geschlechter kenne. Dem widerspricht Rabbiner Elischa Portnoy in einem Beitrag für die Jüdische Allgemeine vom 13.6.2019 („Männlich, weiblich, divers: Was die Halacha zu Genderfragen sagt“): Es habe „sich heute die Meinung durchgesetzt, dass es im klassischen rabbinischen Judentum angeblich sechs Geschlechter gibt. Das jedoch ist ein Irrtum: Es gibt im klassischen Judentum nur zwei Geschlechter, Mann und Frau, wie es in der Tora [Gen 1,27] klar definiert wurde.“ Es sei „klar zu erkennen, dass sowohl ‚Saris‘ als auch die ‚Ajlonit‘, die überall im Talmud und in den halachischen Werken erwähnt werden, keine eigenständigen Geschlechter sind, sondern nur Bezeichnungen für Männer und Frauen mit Entwicklungsproblemen.“ Etwas schwieriger sei die Einordnung von Androgynos und Tumtum. Letztlich gelte aber:

Alle Gebote in der Tora [sind] entweder für Männer oder für Frauen oder für beide geschrieben.

Ein systematischer Zwischenbereich für diverse Geschlechter lässt sich im klassischen rabbinischen Judentum nicht nachweisen, eher im Gegenteil: Wo geschlechtliche Uneindeutigkeiten wahrgenommen werden, sind diese ausschließlich sexueller und nicht gendermäßiger Natur und werden binär zugeordnet.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Mir ist es schleierhaft, wie man in diesem vielfach belegten und eindeutig binären Bild des Menschen in der hebräischen Bibel mit aller Gewalt, wie von Fischer aufgewendet, Indizien für das Gegenteil erkennen will. Gewalt im Sinne von Weglassen und Verkürzen von Textstellen, Nichtbeachtung von Kontexten, bloße Vermutungen statt sachgerechter Analyse. Es ist intellektuell unredlich, aus einem spekulierten, aber keineswegs nachgewiesenen Dazwischen in Gen 1,27 die Behauptung abzuleiten, die Diversität der Geschlechter ergäbe sich aus der ersten Schöpfungserzählung. Es ist unredlich, aus einem einfachen sprachlichen Gestaltungsmittel und aus einem Nicht-explizit-Sagen eine ganze Anthropologie von der Bandbreite der Geschlechter ableiten zu wollen. Die Frage, ob der Merismus anders als suggeriert zu verstehen ist, wird von Fischer u.a. gar nicht erst gestellt. Auch das ist methodisch unredlich. Alle genannten Indizien sprechen dagegen. In einer Replik auf Thomas Hieke, Alttestamentler in Mainz, unterstreicht der emeritierte Wiener Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger im Oktober 2023:

Dass die Bibelauslegung des Lehramtes der Katholischen Kirche sowie die des Nuntius dem neuesten Stand der Bibelwissenschaft widerspreche, wie Hieke behauptet, ist irreführend.

Man kann irren, sollte aber nicht an Irrtümern festhalten

Umso mehr muss es erstaunen, dass die Verantwortlichen des ZdK und eine Mehrheit der Bischöfe an Handlungstexten und Handreichungen festhalten, denen die wissenschaftliche wie exegetische Grundlage fehlen. Man kann es nur so verstehen, dass für diese Entscheidungen weder Exegese noch Biologie ausschlaggebend sind, sondern die Anpassung an den Zeitgeist oder die Angst vor dem Mainstream. Der Vatikan handelt richtig, wenn er die Papiere zurückweist.

Ein kleines Ceterum censeo am Schluss: Wer den Merismus als Diversitätsargument benutzt, müsste auch mit dieser Konsequenz einverstanden sein: Logisch wäre die Rückkehr zur Zweierbezeichnung „männlich und weiblich“. Auf das „Divers“ etwa in Stellenausschreibungen kann man getrost verzichten. Die Stilfigur des Merismus erfordert nur die Nennung der Pole.


Franz Grunewald
Jg. 1960, Diplomtheologe nach Studium in Münster und Freiburg, bis 2026 Lehrer für Deutsch und katholische Religion am Gymnasium Ursulaschule in Osnabrück, zuvor berufstätig in Zürich, Dortmund und München. Kinderlos verheiratet. Leitspruch: “Dienen heißt den unteren Weg gehen!”


Beitragsbild: Bildquelle: Alamy – Adam und Eva von Cranach

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