Warum der schwerste Schritt oft das Umdrehen ist
Überzeugt davon, den richtigen Weg zu gehen, müssen wir manchmal umkehren. Das kann viel Überwindung kosten, aber auch den Horizont weiten. Kerstin Goldschmidt schreibt in diesem ersten von vier Teilen zum Thema Umkehr über persönliche Wandererfahrungen und über innere Umkehr.
Ziel und Route sind klar
Kennen Sie dieses Gefühl? Sie sind unterwegs. Nicht irgendwo, sondern auf einem Weg, den Sie bewusst gewählt haben. Das Ziel ist klar, die Route auch. Alles spricht dafür, dass Sie richtig unterwegs sind.
Ich bin gerne als Wanderin unterwegs und trotzdem passiert mir genau das immer wieder: Trotz Wander-App, trotz Wegweisern und bestem Willen schlage ich manchmal einen falschen Weg ein. Zunächst fällt es gar nicht auf, denn der Weg wirkt plausibel. Er sieht richtig aus. Vielleicht führt er sogar eine Zeit lang genau in die Richtung, die ich erwartet habe. Ich lasse die Landschaft an mir vorbei ziehen und mein Gefühl gibt mir recht, dass alles passt.
Ich bin falsch
Bis irgendwann dieser kleine Moment kommt: Ein Schild stimmt nicht mehr oder die Karte irritiert. Eine innere Unruhe meldet sich. Und plötzlich wird klar: Ich bin falsch.
Was dann folgt, ist selten Begeisterung. Denn häufig bedeutet es nicht: zehn Meter zurückgehen. Manchmal heißt es: einen Kilometer zurück. Zwei Kilometer zurück. Wieder den ganzen Weg zurück. Ich ärgere mich dann ziemlich. Nicht einmal zuerst wegen der verlorenen Zeit, sondern wegen eines anderen Gedankens: Ich war überzeugt, richtig zu gehen.
Umkehr entgegen der ursprünglichen Überzeugung
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis der Umkehr. Denn Umkehr beginnt selten dort, wo wir wissen, dass wir falsch liegen. Sie beginnt dort, wo wir überzeugt sind, recht zu haben.
Wenn Christus zur Umkehr aufruft, meint er vermutlich deshalb weit mehr als eine bloße Kurskorrektur. Denn die eigentliche Schwierigkeit besteht nicht darin, den Weg zu ändern. Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, die eigene Gewissheit loszulassen.
Wir Menschen treffen Entscheidungen selten leichtfertig. Wir denken nach und wir Christen beten. Bestenfalls sprechen wir mit anderen und wägen ab. Wir versuchen ehrlich, den richtigen Weg zu finden. Deshalb fühlt sich ein Richtungswechsel oft nicht wie ein Fortschritt an, sondern wie ein Verlust. Ein Verlust der Sicherheit, vielleicht sogar der eigenen Selbstwahrnehmung oder gar von Identität. Denn plötzlich muss ich mir eingestehen: Ich war aufrichtig – und lag trotzdem falsch. Das schmerzt.
Umkehr kann peinlich sein
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Umkehr so schwer ist. Nicht weil wir schlechte Menschen wären. Sondern weil Umkehr etwas in uns berührt, das sehr tief geht: Scham. Scham bedeutet nicht nur: Ich habe etwas falsch gemacht. Scham flüstert: „Was drückt das jetzt über mich aus?“ Plötzlich entsteht eine Spannung in uns. Wer bin ich, wenn ich meine bisherige Position verlasse? Wer bin ich, wenn ich eine Überzeugung loslasse? Wer bin ich, wenn ich öffentlich eingestehen muss, dass ich anders weitergehen muss? Vielleicht kennen wir das aus Diskussionen, Beziehungen, Konflikten oder auch aus unserem Glaubensleben.
Manchmal verteidigen wir nicht mehr die Wahrheit, sondern wir verteidigen uns selbst.
Nicht der falsche Weg ist das eigentliche Problem – sondern der Mut umzudrehen.
Und dennoch hören wir Christus immer wieder sagen: „Kehrt um.“
Einfach Umkehren!
Er sagt nicht: Kehrt um, wenn ihr euch sicher seid. Kehrt um, wenn es euch leicht fällt. Kehrt um, wenn niemand es merkt. Er sagt einfach: Kehrt um. Warum? Vielleicht weil Christus etwas sieht, das wir noch nicht sehen.
Bei meiner persönlichen Umkehr merke ich dann: Der eingeschlagene Weg führt mich an Orte, die ich sonst niemals entdeckt hätte. Umkehr bedeutet nicht, etwas zu verlieren, sondern Umkehr bedeutet, etwas zu finden, von dem ich vorher noch nicht einmal wusste, dass es um so viel besser ist als das, was ich auf meinem vorherigen Weg geglaubt hatte zu erreichen. Etwas, das wir von unserem bisherigen Standpunkt aus noch gar nicht sehen konnten. Darin gründet die tiefste Form von Vertrauen: Zu glauben, dass Christus hinter der Kurve etwas Größeres vorbereitet hat als das, was wir gerade loslassen müssen.
Kerstin Goldschmidt,
Jahrgang 1975, verwitwet. Als selbständige Personalberaterin, Trainerin, Coach und Moderatorin begleitet Kerstin Goldschmidt Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen. Ihr Engagement für den Neuen Anfang entspringt der Freude, gerne von der Schönheit und Fülle des Evangeliums zu sprechen. Die geistliche Tiefe und Vielfalt der katholischen Kirche erlebt sie täglich als inspirierende Schatzkammer.
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