Wie wir uns an unseren Kindern versündigen 

LGBTQ ist mehr als ein Aufruf zu Toleranz und Nichtdiskrimierung. Papst Franziskus nannte Gender „die gefährlichste Ideologie unserer Zeit“. Er erkannte darin die Zerstörung der klassischen Familie aus Vater, Mutter und Kind und meinte: „Unterschiede auszulöschen, bedeutet, die Menschlichkeit auszulöschen.“ Bernhard Meuser hat sich auf die Spuren eines „Meerjungmannes“ gesetzt. Er befürchtet eine Welle der Indoktrination, an der sich leider auch die Kirche in Deutschland beteiligt.

Eine unserer Enkelinnen, zweite Klasse Grundschule, hat uns mit einem mehrseitigen „Roman“ überrascht, – die Buchstaben noch etwas krakelig, die Orthographie abenteuerlich, aber die Geschichte hatte Hand und Fuß. Es ging um die Begegnung mit einer Meerjungfrau, die sich in einen „Meerjungmann“ verwandelte. So süß wir die kreative Leistung des Kindes fanden, so verwunderte uns doch der Plot. Tatsächlich wimmeln Kinderbücher von Verzauberungen und „Transitionen“, also Verwandlungen von einem Zustand in einen anderen. Das gab es in der Märchenwelt schon immer. Aus Fröschen werden Prinzen, in unscheinbaren Mägden stecken Königinnen und der verwunschene Königssohn darf der Bärenhaut entsteigen.

Doch die Verwandlung der „Meerjungfrau“ in den „Meerjungmann“ machte uns stutzig. Konnte das ein Kind erfinden? Wir schauten uns im Genre Kinderbuch um und stellten fest: das Verwirrspiel mit dem menschlichen Geschlecht liegt voll im Trend. Der Bundesverband Trans* führt sogar eine „Intersektionale Kinderbuchliste“. In jeder Buchhandlung findet man Medien für Kindergarten- und Grundschulkinder, in denen sich genderaffine Kreative austoben und Kindergarten- und Grundschulkinder hineinziehen in ihren Abschied von Mann und Frau, Ehe und Familie.

Julian feiert die Liebe

Beispielhaft: das Buch „Julian ist eine Meerjungfrau.“ Das Titelbild zeigt ein Kind, dem kein spezifisches Geschlecht anzusehen ist: die Lippen geschminkt, kostümiert mit Schleppe, Kopfschmuck und Klimbim, als sei das Wesen gerade dem brasilianischen Karneval entsprungen oder als hätte man es für den Christopher-Street-Day drapiert. Natürlich haben nicht Erwachsene das Kind beeinflusst, – o nein, der kleine Julian ist ganz von alleine darauf gekommen, sich „nonbinär“ zu verwirklichen. In der Presse finden sich rühmende Besprechungen: „Jessica Love hat ein außergewöhnliches und berührendes Bilderbuch über Toleranz und Träume geschaffen. Über die Selbstverständlichkeit zu sein, wer man sein möchte.“ Von der gleichen Autorin und dem gleichen (an sich renommierten) Verlagshaus Knesebeck gibt es ein weiteres Kinderbuch: „Julian feiert die Liebe.“ Die Liebe, die da kindlich gefeiert wird, ist – wie kann es anders sein – das rauschende Hochzeitsfest von zwei Frauen.

Ich halte das für eine besondere Art von geistigem Kindesmissbrauch. Es besteht darin, Kindern ein utopisches Menschenbild vorzugaukeln, das auf dem unhaltbaren Dogma aufbaut, der Mensch sei der voraussetzungslose Schöpfer seiner selbst: Du bist, was du denkst, dass du bist! Du bist, was du fühlst! Das flatterhafte Gefühl als letztes Konstitutionsprinzip menschlicher Identität! Diese toxische Injektion einem Kind zu verabreichen, ist ein Frevel. Menschsein wird dort beschädigt, wo es unbedingten Schutz bräuchte – nämlich in der Kindheit. Christen – wie im übrigen alle religiösen Menschen – werden darin überdies einen Akt der Gottlosigkeit erkennen, und keine Gipfelleistung der Freiheit.

Klar ist: Kinder brauchen den offenen Horizont, der sich über ihrem noch ungelebten Leben eröffnet: Sie brauchen die Rollenspiele, die Abenteuer, das Ausprobieren und die Träume. Reifwerden heißt, eines Tages den Prinzessinnentraum zu begraben. Es bedeutet realistische Entscheidungen zu treffen, die das Leben einerseits auf etwas Bestimmtes verengen, es andererseits im lernenden und experimentierenden Ausbau der erkannten Gabe gerade groß machen. Kinder durch Erziehung zu begleiten, heißt ihnen zu helfen, ihre Talente und Befähigungen zu erkennen, sie klug zu wählen und sie durch Ausdauer und Disziplin zu vervollkommnen. Und es heißt oft genug. Sie vor sich selbst zu beschützen.

Menschsein ist eine Gabe und keine Erfindung

Menschsein ist eine Gabe, und keine Selbsterfindung oder freie Option. Ich werde als Mann oder Frau geboren und werde als Mann oder Frau sterben, selbst dann, wenn ich – in seltenen Fällen – mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen ausgestattet sein sollte, oder ich, aus welchen Gründen auch immer, mit meiner Körperidentität hadere. Gefühle kommen und gehen, bisweilen im Minutentakt, mein chromosomales Setting begleitet mich in die Ewigkeit. Natürlich gibt es feminin empfindende Männer und männlich agierende Frauen in scheinbar endlosen Schattierungen, – und das schon im Kindesalter. Aber durch alle Gefühlslagen hindurch spricht mein Leib, meine unveränderliche Geschlechtszugehörigkeit.

In der sogenannten „Sexualpädagogik der Vielfalt“ gibt es nichts Schlimmeres, als kleinen Mädchen zu sagen, es sei etwas sehr Schönes, Frau und Mutter zu werden, oder kleine Jungen darauf hinzuweisen, was für ein hohes Ziel es ist, ein starker, edler und ritterlicher Mann und Vater zu werden. Statt dessen predigt diese seltsame Pädagogik einen Terminus, der von der Feministin und Queer-Theoretikerin Antke Engel (*1965 – sie kommt aus der Judith-Butler-Schule) geprägt wurde: die Veruneindeutigung. Kinder sollen schon vom Kindergarten an subversiv in ihren Geschlechterrollen gestört („veruneindeutigt“) werden. Engel geht es um die „Denaturalisierung der Geschlechterbinarität.“ Schon Kinder sollen autonom definieren können, wer sie sein wollen. Die queere Religion bietet ihnen eine breite Palette von Identitäten an.

Es gibt mittlerweile eine Allianz von vernünftig denkenden Menschen, die auf die verheerenden Folgen dieses Denkens hinweisen. Sage einem hormonell verwirrten, an sich und ihrem Körper verzweifelnden Girlie, dass sie vielleicht gar keine Frau ist, und sie lässt sich die Brüste amputieren. Natürlich ist das unnatürlich, natürlich gibt es eine „Natur“, dazu auch eine natürliche Ökologie des Menschen, – eine Humanökologie, in der es gut ist zu leben, sich zu entwickeln und reif zu werden. „Auch der Mensch“, mahnte Papst Benedikt in seiner berühmten Bundestagsrede, „hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst.“ Nur ist diese eigene „Natur“ oft verstellt, oder sie ist uns nicht rein und klar erkennbar gegeben.

Der Faktor, der den Unterschied macht

Christen wissen vielleicht besser als Nichtchristen, warum das so ist. Sie kennen einen Faktor, der jede Natur nur in gebrochener Form erscheinen lässt: die Sünde. Lange vor Christus prägte der Dichter Pindar das Wort: „Werde, der du bist!“. Christen wissen, wie schwer es ist, zu sich zu kommen, sich selbst zu finden – nicht in Unruhe, Willkür und Selbstausbeutung, sondern in dem, wie Gott uns von Ewigkeit her geschaffen und auf unsere größeren Möglichkeiten hin entworfen hat. Mancher ist schon an sich selbst verzweifelt, an seinem wilden Herzen und seinen selbstzerstörerischen Anläufen auf das Glück. Der Menschen- und Gotteskenner Romano Guardini (!885-1968) hat das klug analysiert:

„Wenn Gott es mit mir nicht besser meint, als ich mit mir selber; wenn Gott meine Verfahrenheit, meine Unaufrichtigkeit, mein immer neues Versagen nicht mit größerer Geduld umfasst, als ich selbst, dann muss ich an mir verzweifeln. Aber Gott ist die Liebe. Und in ihm ist mein Wesen wahrer als in mir selbst. In mir ist es verdorben; in ihm ist es rein.“

Und die Kirche macht mit …

Gerade hat sich in Hamburg ein „Elternnetzwerk Kinderschutz & Prävention“ an den Stellvertreter des Papstes in Deutschland, Erzbischof van Megen, gewandt, und zwar mit dem schwerwiegenden Vorwurf, die katholische Kirche in Hamburg verfolge eine „identitätspolitische Agenda“. Die Kirche selbst predige die „Sexualpädagogik der Vielfalt“, lade gar LGBTQ-Agenten in die Schule ein. Sie selbst betreibe die Zerstörung ihrer Lehre von Mann und Frau und versündige sich damit an den Kindern: „Kinder in der Grundschule“, sagt die Sprecherin Varinia Arauco Vera, „brauchen Orientierung. Sie sollen nicht mit Vorstellungen über sexuelle Identität, fließende Geschlechter oder verschiedene Sexualitätsmodelle überfordert werden.“ Von ihrem älteren Sohn, der eine weiterführende katholische Schule besucht, berichtet die Frau: „Es führte dazu, dass mein Sohn das infrage stellte, was ihm zu Hause und in der Kirche beigebracht worden war: dass Gott Mann und Frau nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat.“

Die Vorwürfe sind nicht von der Hand zu weisen. Das diözesane Hamburger Schulpapier „Männlich, weiblich, divers“ (beim „Neuen Anfang“ hier analysiert) ist in moraltheologischer wie pädagogischer Hinsicht ein Offenbarungseid, auch wenn jetzt der direkte Bezug auf die Sielert/Kentler-Schule gelöscht wurde, ohne dass man es für nötig hielt, an den Inhalten etwas zu ändern. In Hamburg wiederum beruft man sich auf gleichgestimmte Ansätze beim deutschen „Synodalen Weg“; man sei übrigens auch ganz auf Linie der Handreichung „Geschaffen, erlöst und geliebt. Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule“ der deutschen Bischofskonferenz, einem nicht weniger unsäglichen Papier, gegen das der „Neue Anfang“ eine scharfe Protestnote verfasst hat. 

Mit anderen Worten: Transition ist dran. Für die Kirche! Höchste Zeit, dass sie sich aus einem Bettvorleger in einen Löwen verwandelt, der in Deutschland die Dinge gerade rückt. Sonst werden unsere Kinder eines Tages die Anklage auch gegen sie führen.


Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”


Beitragsbild: Adobe Stock

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