Zum Muttertag ein Canossagang der deutschen Bischöfe? Patricia Haun kommentiert die prekäre Situation von DBK und ZdK im Streit mit Rom. Sie wünscht sich mutige Hirten, die auch Vorbilder sind in der Umkehr. Mit viel Verständnis für diesen schwierigen Weg, empfiehlt sie die Protagonisten der Muttergottes an.
Ein Sprichwort lautet: „Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe.“ Das scheint auch bei der Kirche nicht anders zu sein. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Angestellten aus der Finanzkammer eines deutschen Bistums. Sie klagte über das schlechte Arbeitsklima und Grabenkämpfe in der Diözese. Als ich sichtlich betroffen nachfragte, ob man denn nicht ausgerechnet in der Kirche auf ein gutes Arbeitsumfeld und ein gutes persönliches Klima hoffen könne, meinte sie: „Ich glaube, da geht es schlimmer zu als in weltlichen Betrieben.“ Auch was sexuellen Missbrauch und Finanzskandale angeht, denkt man ja, so etwas sollte gerade in der Kirche nicht vorkommen. Doch von all dem blieb auch die Kirche nicht verschont. Zwar erwartet man von Gottes Bodenpersonal, dass es sauberer und heiliger lebt als andere. Man wünscht sich eine Vorbildfunktion von Christen und Geistlichen im Besonderen. Doch leider stellt man immer wieder ernüchtert fest, dass es sich auch nur um Menschen handelt. Tja, so viel zur Erläuterung des eingangs erwähnten Sprichwortes.
Im derzeitigen Richtungsstreit über den Umgang mit dem Vorstoß einiger Bischöfe und Priester zur Segenspraxis, die im Widerspruch zur Erklärung „Fiducia supplicans – über die pastorale Sinngebung von Segnungen“ des Glaubensdikasteriums steht, mag es ähnlich sein. Man wünscht sich Vorbildfunktion in Sachen Gehorsam und in Sachen Umkehr. Umkehr predigen. Das tut die Kirche ja jeden Tag. Aber wenn sie hier auch die schlechtesten Schuhe trägt, wird sie völlig unglaubwürdig – und das mit Recht. Denn dann predigt sie öffentlich Wasser und trinkt heimlich Wein.
Umkehr predigen UND selbst leben
Priester und Bischöfe hören Beichte, spenden das Sakrament der Versöhnung, geben Impulse zur Wegkorrektur und predigen die Umkehr, (wenn sie das überhaupt noch tun).
Daneben sollten sie selbstverständlich auch auf ihre eigene Seelenhygiene achten. Gerade hier sollte “der Schuster” nicht die schlechtesten Schuhe tragen, sondern sich auch um die eigene Seele sorgen und gut mit sich selbst umgehen. Auch die Art und Weise, wie sie ihren Beruf ausüben und wie sie ihre Berufung leben, sollte darunter fallen. Dazu sind Reflexion, Einsicht und Bereitschaft zur Umkehr Voraussetzungen. Vielleicht sollten Priester und Bischöfe sich mal einen Beichtspiegel hernehmen und ihre Haltung zur Kirche daraufhin abklopfen.
Abmahnung aus Rom?
In einer weltlichen Firma würde ein Zuwiderhandeln gegen eine ausdrückliche Weisung des Vorgesetzten oder gar des Geschäftsführers, wie sie im Falle der DBK und des ZdK vorliegt, zu einer Abmahnung und bei Wiederholungstaten in der Folge zur Kündigung führen. Mir scheint, Mutter Kirche pflegt da einen sehr viel sanfteren Umgang mit ihren Mitarbeitern. Diese Milde und Geduld, mit der die Verantwortlichen im Vatikan über Monate hinweg die Verantwortungsträger in Deutschland begleitet haben, ist tatsächlich vorbildlich und bewundernswert. Doch wissen die deutschen Geschwister das zu schätzen? Dialoge, Ermahnungen, Einsprüche aus Rom wurden bisher fehlinterpretiert oder dreist umgedeutet. Inzwischen spitzt sich die Lage zu in Richtung: game over. Der Vatikan steht kurz davor, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Verständlich, sogar aus weltlicher Sicht.
Dröhnendes Schweigen
Doch was können die fehlgegangenen Hirten, die auch bereits viele Schafe – natürlich immer gut gemeint – in die Irre geführt haben, nun tun? Das dröhnende Schweigen, das derzeit in der Kirche in Deutschland herrscht, ist beinahe ohrenbetäubend. Man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen im stillen Kämmerlein in sich gehen, nach Lösungen ringen und sich auf einen Weg der Umkehr machen: Umkehr zu Gott, in den Schoß der Weltkirche und zur eigenen Wahrhaftigkeit. Das könnte das Blatt noch wenden und die Protagonisten rehabilitieren.
Dieser Weg wird sehr schwierig und leidvoll sein, und die Zeit drängt. Hat man doch bereits viele Hoffnungen bei den Gläubigen geweckt, ja vielleicht selbst Handreichungen geschrieben, eigenhändig Segnungen vorgenommen, vermutlich überzeugt davon, das Richtige zu tun. Was nun? Die Rolle rückwärts? Wie steht man jetzt da? Rückgrat gegenüber der Lehre der Kirche oder gegenüber den Menschen, denen man falsche Versprechungen gemacht hat, zeigen? „Blinder“ Gehorsam gegenüber Rom oder gar versuchen, Mutter Kirche zu verstehen? Eine schwierige Situation, die fast ausweglos erscheint.
Barmherzigkeit
Unter dem Stichwort „Barmherzigkeit“ wurden die Handreichungen zu den Segnungen irregulärer Beziehungen ausgeklügelt, eingeführt und durchgeführt. Doch, „Schuster, bleib bei deinem Leisten!“, um beim eingangs gewählten Bild zu bleiben. Anstatt falsch verstandene Barmherzigkeit anzubieten, bzw. Barmherzigkeit falsch anzuwenden, wäre es das Mittel der Wahl, jene Irrläufer zurückzunehmen und für diesen Alleingang abseits der Lehre der Kirche selbst Barmherzigkeit zu erbitten. Die Signale aus Rom lassen vermuten, dass diese zumindest von dort zum jetzigen Zeitpunkt noch gewährt werden würde. Dieser Schritt erfordert nicht zwingend Einsicht, aber selbstverständlich viel Mut, Demut und Größe. Ein Kirchenlied aus der Schubertmesse lautet: „Wohin soll ich mich wenden?“
Zur Mutter gehen!
Ein kleiner Rat einer Mutter von vier Kindern, der fromm-naiv erscheinen mag, doch hoffentlich nicht anmaßend: Möglicherweise ist es ein Weg, zur Muttergottes zu gehen, zur Ratgeberin, zur Knotenlöserin, zur Fürsprecherin. Egal wie schmutzig das Kind ist, ob Rotznase oder volle Windel – sie scheut sich nie, das traurige, hilfesuchende, verzweifelte Kind in die Arme zu schließen. An ihrer Hand fällt der buchstäbliche Canossagang sicher leichter. Wir stehen im Marienmonat Mai und heute ist Muttertag. Mütter freuen sich sehr über Blumen, aber noch mehr über einsichtige, reumütige Kinder, die umkehren wollen. Wie sehr würde sich die Muttergottes freuen über ihre Söhne im Bischofsdienst, wenn sie bereit wären, zurückzukehren in die Einheit mit der Weltkirche und den Schoß der Kirche? Sicher würden viele Gläubige dies sehr gern betend begleiten.
Nicht umsonst sprechen wir auch von MUTTER KIRCHE. Nur Mut! Ich bin sicher, Mutter Kirche und auch Papa Leo wird Euch nicht abweisen. Noch ist Zeit, den Konflikt zu befrieden und das Desaster zu ordnen. Schlimm, wenn es erst in die nächsthöhere Instanz gehen muss, wo jeder sich dann persönlich höchstrichterlich verantworten muss.
Patricia Haun
Jahrgang 1971, ist freie Journalistin, Mutter von vier Kindern und Großmutter dreier Enkel. Sie hat sich jahrelang in der Lebensrechtsarbeit, in kirchlichen und caritativen Organisationen engagiert und wirkt mit bei der Initiative „Neuer Anfang“.
Beitragsbild: Maria mit Kind und zwei Engeln von Franceso Francia, im Besitz der Alten Pinakothek, München, gemeinfrei unter Creative Commons

