TikTok – Gefahr oder auch Chance für die Glaubensverbreitung? Franz-Josef Roth relativiert Aussagen des Dogmatikers Oliver Wintzek und belegt seine Widerrede mit verheißungsvollen Beispielen aus seiner beruflichen Praxis. Er vermutet hinter der Aburteilung der Christfluencer einen Kampf um die Deutungshoheit über die Theologie.
Die Klage ist schnell formuliert: TikTok, Instagram und YouTube gefährdeten die Tiefe des Glaubens. Junge „Christfluencer“ verbreiteten Halbwissen, Emotionalität und ideologische Verkürzungen. Der Mainzer Dogmatiker Oliver Wintzek spricht in einem Standpunkt am 19.5. auf katholisch.de gar von einer „TikTokisierung des Glaubens“ und warnt vor „hermeneutikfreier Bibelusurpation“ sowie „entkontextualisierter Traditionsmisshandlung“.
Natürlich: Ganz falsch ist diese Warnung nicht. Es gibt banale Verkündigung genauso wie oberflächliche Frömmigkeit. Es gibt algorithmisch verstärkte Lautsprecher, die mehr Eindeutigkeit als Erkenntnis liefern. Wer wollte das bestreiten?
Differenzierte Betrachtung
Und doch bleibt Wintzeks Analyse bemerkenswert unterkomplex. Denn sie verwechselt Medium und Inhalt. Sie betrachtet TikTok fast ausschließlich als Gefahr – und übersieht dabei, dass soziale Medien längst auch Einfallstore in eine erstaunlich ernsthafte Glaubenssuche geworden sind.
Meine Realität als Seelsorger sieht, von Ausnahmen natürlich abgesehen, anders aus als die kulturpessimistische Diagnose aus dem universitären Elfenbeinturm.
Lebendige Beispiele
Da ist Finja (Name geändert), 18 Jahre alt, Taufkandidatin. Keine oberflächliche Sinnsucherin, sondern eine junge Frau, die, für mich vollkommen überraschend, aus eigenem Antrieb Kirchenväter liest. Nicht, weil ihr ein Professor einen Lektürekanon auferlegt hätte, sondern weil sie selbst wissen will, wie die frühen Christen gedacht und geglaubt haben. Da ist Moritz (Name geändert), 15 Jahre alt. Er studiert den Katechismus. Nicht als Pflichtübung, sondern aus echtem Interesse.
Beide kenne ich erst seit etwa vier Wochen und ich kann mich nicht entsinnen, ihnen diese Leseempfehlungen gegeben zu haben.
Und da ist eine Gruppe junger Christen, die gemeinsam Joseph Ratzingers „Einführung in das Christentum“ liest und diskutiert – ein Werk, das gewiss nicht unter Verdacht steht, geistige Fast-Food-Theologie zu sein. Die Pfarrei hat die Bücher angeschafft, weil die Jugendlichen sie haben wollten. Der Impuls kam von ihnen selbst.
Und klar, natürlich nutzen sie TikTok. Für mich ist das aber erstmal ein Beleg dafür, dass sie, wie die zigmillionen Anderen, überaus normale junge Menschen sind.
Persönliche Befürchtungen versus Wirklichkeit
Genau hier zeigt sich für mich die Schwäche von Wintzeks Argumentation. Er beschreibt soziale Medien fast ausschließlich warnend als Verflachungsmaschine. Aber viele junge Menschen nutzen dieselben Medien heute gerade als Einstieg in intellektuelle und spirituelle Vertiefung. Der Algorithmus produziert eben nicht nur Oberflächlichkeit. Manchmal führt er Jugendliche zu Augustinus, Thomas von Aquin oder Benedikt XVI.
Wer das nicht wahrnimmt, analysiert weniger die Wirklichkeit als die eigene Befürchtung.
Bemerkenswert ist zudem der paternalistische Unterton solcher Kritik. Da wird jungen Menschen implizit suggeriert, sie seien manipulierbare Konsumenten religiöser Kurzvideos, unfähig zu eigenständigem Urteil. Doch viele Jugendliche sind heute medienkritischer, wissbegieriger und geistig beweglicher, als manche kirchlichen Milieus wahrhaben wollen.
Verschiebung oder Kontrolle der Deutungshoheit?
Vielleicht liegt das eigentliche Problem nicht darin, dass junge Menschen auf TikTok über den Glauben sprechen. Vielleicht liegt es darin, dass sie dabei häufig leidenschaftlicher, klarer und existenzieller wirken als manche kirchliche Bildungsinstitution. Denn man muss schon fragen dürfen: Woher kommt die Nervosität gegenüber den sogenannten „Christfluencern“ eigentlich?
Ist es wirklich nur Sorge um theologisches Niveau? Oder steckt dahinter nicht auch der Verlust klassischer Deutungshoheit? Wintzek beklagt ausdrücklich eine „Verschiebung der Deutungshoheit“. Das ist ein bemerkenswerter Begriff. Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um Wahrheit oder Irrtum, sondern auch um Kontrolle darüber, wer öffentlich katholisch sprechen darf.
Woran erkennt man gute Theologie?
Doch christliche Wahrheit war nie exklusiver Besitz akademischer Milieus. Die Kirche lebte immer auch von Zeugen, Konvertiten, Suchenden, Predigern, einfachen Gläubigen und geistlichen Bewegungen. Nicht jeder Heilige hatte einen Lehrstuhl.
Das heißt selbstverständlich nicht, dass Bildung überflüssig wäre. Im Gegenteil. Die Kirche braucht solide Theologie dringender denn je. Aber gute Theologie erkennt man nicht daran, dass sie möglichst viele Fremdwörter benutzt oder sich reflexhaft von digitalen Glaubenszeugnissen distanziert. Gute Theologie erkennt man daran, dass sie Menschen tiefer in die Wahrheit führt.
Und genau das geschieht gegenwärtig durchaus – auch über soziale Medien.
Mehr Offenheit und Neugier statt kritischer Distanz
Vielleicht wäre daher weniger kulturkritische Distanz und mehr seelsorgliche Neugier angebracht. Vielleicht sollte man weniger über junge Menschen reden und häufiger mit ihnen. Vielleicht müsste ein Teil der akademischen Theologie erst wieder lernen, die geistliche Wirklichkeit außerhalb universitärer Diskurse wahrzunehmen. Denn wenn ein 15-Jähriger freiwillig den Katechismus liest, eine 18-Jährige Kirchenväter studiert und junge Erwachsene gemeinsam Ratzinger diskutieren, dann ist das jedenfalls schwerlich ein Zeichen geistiger Verflachung. Es könnte vielmehr ein Hinweis darauf sein, dass der Hunger nach Wahrheit größer ist, als manche Funktionäre und Theologen ahnen.
Falls Oliver Wintzek diese Realität tatsächlich nicht kennt, besteht Nachholbedarf.
Falls er sie doch kennt und dennoch so argumentiert, müsste man allerdings eine unangenehmere Frage stellen: Ob hier vielleicht weniger nüchterne Analyse als vielmehr die Verteidigung eigener Deutungshoheit im Spiel ist?
Franz-Josef Roth,
Pastoralreferent in Dinslaken, Bistum Münster. Franz-Josef Roth ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
Beitragsbild: MockUp Adobe Stock, Cartoonmotiv Peter Esser

