Wann wird Rebellion zur Sünde und wann ist sie berechtigt oder gar notwendig? Kerstin Goldschmidt unterscheidet Selbstermächtigung vom berechtigten Dienst an der Wahrheit. Über die Grenze zwischen berechtigtem Widerspruch und sündhafter Anmaßung.

Rebellion hat nicht zwangsläufig etwas Verwerfliches an sich. Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele, in denen Menschen gegen Unrecht, Unterdrückung und den Missbrauch von Autorität aufgestanden sind. Widerstand kann Ausdruck von Mut, Verantwortung und Gewissenstreue sein. Doch wann überschreitet berechtigter Widerspruch die Grenze zur sündhaften Rebellion? Und woran lässt sich diese Grenze im katholischen Glaubensverständnis erkennen?

Entscheidend ist zunächst die Unterscheidung zwischen Widerspruch und Rebellion. Wer einer Autorität widerspricht, stellt diese nicht zwangsläufig infrage. Im Gegenteil: Widerspruch kann gerade aus der Treue zu einer höheren Wahrheit erwachsen. Auch innerhalb der katholischen Kirche darf und muss es Raum für sachliche Kritik geben – gegenüber Priestern, Bischöfen und gegebenenfalls auch gegenüber Entscheidungen des Papstes. Denn kirchliche Autorität ist kein Selbstzweck. Sie steht im Dienst der Wahrheit, die ihr anvertraut wurde, nämlich Jesus Christus selbst, der von sich sagt:

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

Der Wahrheit dienen

Nicht der Widerspruch gegen Autorität ist sündhaft, sondern die Ermächtigung über die Wahrheit.
Diese (Selbst-)ermächtigung oder Anmaßung kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen. Zum einen dort, wo Menschen ihre persönlichen Überzeugungen über die verbindliche Glaubenslehre stellen. Wer eigene Vorstellungen zum letztgültigen Maßstab erhebt und sich bewusst von der überlieferten Glaubenswahrheit löst, läuft Gefahr, nicht mehr der Wahrheit zu dienen, sondern die eigene Vorstellung an ihre Stelle zu setzen. Dabei ist zwischen ehrlichem Ringen um das Verständnis einer Glaubenswahrheit und ihrer bewussten, hartnäckigen Zurückweisung zu unterscheiden. Fragen, Zweifel und das Bemühen um Erkenntnis sind nicht Rebellion.

Zum anderen offenbart sich eine sündhafte Haltung nicht allein im Inhalt, sondern auch in der Art des Widerspruchs. Selbst wer die Glaubenslehre sachlich zutreffend vertritt, kann durch eine herabwürdigende, polemisierende oder bewusst spaltende Haltung gegen das Gebot der Nächstenliebe verstoßen. Die Verteidigung der Wahrheit entbindet nicht von der Verpflichtung, sich ernsthaft mit den Argumenten anderer auseinanderzusetzen.

Kritische Prüfung

Recht zu haben bedeutet nicht automatisch, auch recht zu handeln.
Besonders problematisch wird es, wenn Menschen mit gleichgerichteten Überzeugungen sich in etablierten Institutionen oder institutionalisierten Strukturen zusammenschließen und aus ihrer organisatorischen Verankerung und gegenseitigen Bestätigung einen vermeintlichen Anspruch auf Wahrheit und Legitimität ableiten. Gemeinschaft kann stärken und berechtigten Widerstand ermöglichen. Sie kann aber ebenso zur Anmaßung beitragen, wenn gegenseitige Zustimmung die kritische Prüfung der eigenen Positionen ersetzt.

Der rechte Umgang mit „Unfehlbarkeit“

Was im Einzelnen falsch ist, wird nicht dadurch richtig, dass viele es gemeinsam vertreten.
Weder die Zugehörigkeit zu kirchlichen Institutionen oder Vereinigungen noch das Innehaben eines Amtes verleihen den eigenen Überzeugungen automatisch Wahrheit oder moralische Legitimität. Kirchliche Autorität begründet Verantwortung, nicht Unfehlbarkeit. Unfehlbarkeit im theologischen Sinn bedeutet eben nicht die persönliche Unfehlbarkeit des Amtsträgers, sondern dass es Gott selbst ist, der den Papst, die im Konzil versammelten Bischöfe und die ganze gläubige Kirche in genau umschriebener Weise in der Wahrheit seiner Offenbarung hält.

Die Glaubenslehre in Theorie und Praxis

Besonders subtil wird Rebellion dort, wo sie längst zur Normalität geworden ist.
Überzeugungen und Praktiken, die der in Jesus Christus geoffenbarten Wahrheit widersprechen, werden zunehmend selbstverständlich und aufgrund ihrer allgemeinen Akzeptanz kaum noch hinterfragt. Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass nicht mehr die bestehende Praxis an der Glaubenslehre gemessen wird, sondern die Glaubenslehre an die gewohnte Praxis angepasst werden soll.

Nicht die Wahrheit hat sich der Normalität anzupassen, sondern die Normalität muss sich an der Wahrheit messen lassen.
Im katholischen Verständnis entsteht Wahrheit weder durch Mehrheiten noch durch institutionelle Macht oder persönliche Überzeugungen. Vielmehr ist das Gewissen an der Wahrheit zu bilden.

Hier zeigt sich die geistliche Dimension sündhafter Rebellion: der Hochmut, das eigene Urteil über die Wahrheit Gottes zu stellen. Wo die eigene Überzeugung zum unantastbaren Maßstab wird, schwinden die Bereitschaft zur Selbstprüfung und die Offenheit für Korrektur.

Rebellion wird nicht durch die Zahl ihrer Anhänger legitimiert, sondern muss sich an Jesus Christus und der von ihm geoffenbarten Wahrheit messen lassen, wie sie in der Heiligen Schrift und der Glaubenslehre der katholischen Kirche bezeugt wird. Weder Mehrheiten noch Ämter machen einen Irrtum zur Wahrheit oder eine sündhafte Haltung zur Tugend.


Kerstin Goldschmidt,
Jahrgang 1975, verwitwet. Als selbständige Personalberaterin, Trainerin, Coach und Moderatorin begleitet Kerstin Goldschmidt Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen. Ihr Engagement für den Neuen Anfang entspringt der Freude, gerne von der Schönheit und Fülle des Evangeliums zu sprechen. Die geistliche Tiefe und Vielfalt der katholischen Kirche erlebt sie täglich als inspirierende Schatzkammer.


Beitragsbild: Die Freiheit führt das Volk – Gemälde von Eugene Delacroix 1831, Wikipedia (bearbeitet)

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