Homo duplex – „… männlich und weiblich schuf er sie“ (Gen. 1,27)

Teil IV Die Gefährdungen der drei Ordnungen, des Seins, des Erkennens und des Handelns

Im vierten Teil untersucht Helmut Müller die inneren Gefahren, denen christliche Lebensordnungen in der Moderne ausgesetzt sind. Wir sind homo viator – Menschen auf dem Wege durch die Zeit zu Gott. Es ist eine Reise auf Feldwegen, Sackgassen, Irrwegen und Prachtstraßen. Wie auf dem Weg Israels ins Land der Verheißung erfahren wir aber auch Wegweisung und Leitung, allerdings unter vielerlei Gefährdungen.

Wer gefährdet christliche Lebensordnungen? Gemeinhin vermutet man, dass die Gefährdung von außen kommt. Durch den radikalen Islam? Durch Esoterik fernöstlicher Provenienz? Eigenartigerweise werden christliche Lebensordnungen in gefährlichster Weise von innen bedroht. Diese innere Bedrohung ist nicht so spektakulär wie islamistische Anschläge rund um den Globus seit Nine eleven, womöglich aber viel verheerender, weil sie kaum bemerkt wird, und wie Hans Jonas einmal sagte, das Böse nicht immer mit Brachialgewalt durch die Tür träte, was jeder bemerke, sondern sich häufig auf tausend verschwiegenen Wegen heimlich durch das Fenster heran stehle. Die Familienpolitik der politischen Parteien und die weithin begrüßte Kollektivierung der Kindererziehung sprechen Bände: Familienpolitik und Kindererziehung werden nicht mehr am Wohl der Schwächsten, den Kindern, ausgerichtet, sondern an den Karriere- und Selbstverwirklichungswünschen der Eltern und ökonomischen Zwängen. Auch ideologische Gründe wenden sich mittlerweile gegen das Wohl von Kindern: Im Synodalforum IV des Synodalen Weges Leben in gelingenden Beziehungen wurden Ordnungen des Handelns umgesetzt, obwohl eine Bischofsmehrheit den dem Handeln eigentlich vorausgehenden Grundtext abgelehnt hatte. Mittlerweile sind diesem Handlungstext Taten gefolgt: In den katholischen Schulen im Erzbistum Hamburg wird eine Sexualpädagogik unter der Leitlinie Männlich, weiblich, divers, umgesetzt, die auf genanntem Handlungstext fußt. Das bedeutet: Einfach handeln, egal wie, wer oder ob überhaupt synodal gedacht wurde.

Solche Bedrohungen von innen sind gefährlicher als jede Gefährdung von außen. Schon einmal sah etwa Reinhold Schneider das Erbe im Feuer, exemplarisch in seinem berühmten Sonnett „Allein den Betern kann es noch gelingen“. Auch damals kam die Gefährdung nicht von außen, sondern erwuchs aus dem Innern und wurde als solche selbst von so markanten Christen wie Kardinal Clemens August Graf von Galen erst erkannt, als es schon zu spät war.

Die Einheit der drei Hügel auf dem Monte Cassino

Die christlichen Lebensordnungen gehen zurück – um ein Bild von Theodor Heuss aufzunehmen, zu differenzieren und zu erweitern – auf drei Hügel.. Es folgen Typologisierungen, die wie alle Typologisierungen undifferenziert sind und bei weiterer Differenzierung sich auflösen würden. Es wird aber dennoch nicht auf diese Typologisierung verzichtet, weil sie Denk- und Argumentationsfiguren kennzeichnen, die in der Neuzeit und Moderne philosophisch und sogar politisch wirksam geworden sind:

Der Sinai und Golgotha stehen für die Heilige Schrift des alten und neuen Testamentes, für die christlich-jüdische Komponente der abendländischen religiösen Tradition. Die Akropolis in Athen und der Capitolshügel in Rom stehen für die griechische Weisheit und das römische Recht, in der die lateinischen und griechischen Kirchenväter und später die abendländischen Kirchenlehrer die Jerusalemer Botschaft auf höchstem Niveau geformt und in die ganze Welt getragen haben. Das Jahr 529 markiert den Zeitpunkt, zu dem beide Ströme endgültig zusammengeflossen sind: 529 wird in Athen die Akademie, an der Platon und Aristoteles gelehrt haben, geschlossen. Im gleichen Jahr baut auf dem Monte Cassino Benedikt, der nicht umsonst aufgrund dieser Leistung der Vater des Abendlandes genannt wird, seine Gemeinschaft, die durch die Stürme der Völkerwanderung die Ströme aus Jerusalem, Rom und Athen sicher ins christliche Mittelalter rettet. Das war die erste Rettung der christlich-abendländischen Tradition vor dem drohenden Untergang in den Wirren einer haltlosen, barbarischen, jede Ordnung bedrohenden Zeit.

Wittenberg – Golgotha solus und die Antwort aus Manresa

Eine ganz andere Gefahr bedrohte die Symbiose des Athener, des römischen und Jerusalemer Erbes zu Beginn der Neuzeit. Es lief Gefahr, durch Wittenberg abgetrennt und reduziert zu werden. Nichts gegen Ökumene. Es sollte aber keine Ökumene der Indifferenz oder gar Ignoranz, sondern eine Ökumene sein, in der um die Wahrheit gestritten wird und man sich irgendwo zu einer Ökumene des differenzierten Konsenses oder wenigstens der versöhnten Verschiedenheit wiederfindet. Vom katholon, dem typisch katholischen, dem allumfassenden, mit anderen Worten von griechischer Weisheit, jüdischer Gesetzlichkeit und dem christlichen Kreuz sollte – nach Wittenberg – nur letzteres übrig bleiben. Das katholon, das die vier wichtigsten Berge des Abendlandes die Akropolis, den Capitolshügel, den Sinai und Golgotha zusammengerückt hat, sollte im wesentlichen auf Golgotha (solus Golgotha könnte man sagen) reduziert werden. Die Antwort auf die Bedrohung von Wittenberg war Manresa. Die Reformation durch Luther fand ihren Gegner in der Gegenreformation durch Ignatius und seine Gefährten.

Königsberg – die Stadt der reinen Vernunft

Auch die dritte Gefährdung erfolgt von innen, aus dem Kulturerbe des christlichen Abendlandes, dieses Mal – um nur den bedeutendsten zu nennen – durch Immanuel Kant von Königsberg aus. 1781 als das Jahr der Veröffentlichung von Kants „Kritik der reinen Vernunft“ ist nach Odo Marquard das Jahr, in dem das „Reinheitsgebot der Philosophie“ erlassen wurde. Nach diesem Jahr fiele jede Philosophie unter ein Verdikt, die nicht nach dem Reinheitsgebot von 1781 gebraut würde. „Vorkantisch“ ist daher für einen Philosophen zu einer wahren Totschlagvokabel geworden. Wie Manfred Gerwing zeigt, gab es auch im Hochmittelalter durch den Mönch Gaunilo eine Kritik (in diesem Falle an Anselm v. Canterburys angeblicher Undifferenziertheit zwischen Sein und Denken), die der Kants vergleichbar ist; nicht zu reden vom Skeptizismus des Nominalismus, der essentielles Sein negierte. Überhaupt hat es immer relativistische Positionen in der Geschichte menschlichen Denkens gegeben. Doch erst Kant schaffte die philosophiegeschichtliche Zäsur, die er selbst als kopernikanische Wende bezeichnete. Kants Epigonen zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren die sogenannten Neukantianer Windelband, Natorp, Rickert und Cohen, die Metaphysik (der traditionelle Hort essentiellen Denkens) als „spekulative Schmuggelware“ ansahen, die im „Gepäck der exakten Naturwissenschaften“ (Natorp) in eine neue Zeit gerettet werden sollte.

Die Antwort aus einem Mainzer Dachkämmerchen

Romano Guardini, zusammen mit seinem Freund Karl Neundörfer, erfuhr diese Gefährdungen damals (1905) in einer persönlichen Krise. In ihrer „Jugendkrise„, einer Zeit, in der der Neukantianismus die philosophisch beherrschende Geistesströmung war, überwanden sie den kantischen Skeptizismus durch einen bewussten Glaubensakt, wie Romano Guardini schreibt, in seinem Mainzer Dachkämmerchen. Die Gefährdung aus Königsberg besteht in einem Subjektivismus und Skeptizismus, der sich gegen die Metaphysik Athens und das Wächteramt Roms über das Glaubenserbe aus Jerusalem wendet. In unseren Tagen ist das natürlich nicht mehr eine Antwort auf den Neukantianismus, sondern gegen die modernen skeptizistischen Theorien, die jegliche Möglichkeit von Metaphysik verneinen oder aber nicht mehr inhaltlich, sondern nur noch formal betreiben. Welt- und Gotteswahrnehmung werden subjektiv verschlossen, Glaube immer mehr privatisiert und entkonfessionalisiert: Wesenserkenntnis von Weltdingen könne nicht mehr objektiv demonstriert werden und Glaube sei nur noch eine Sache von Macht, Gefühl und Wollen, aber nicht mehr auch eine Sache des Wissens.

… und die Antwort aus Rom: Fides et ratio

In der Enzyklika „Fides et ratio“ kritisiert Johannes Paul II. diese von Kant zwar so nicht gewollte, aber eingeleitete „kopernikanische Wende“ in der Philosophie „vom Sein zum Bewusstsein“. Denn auch zu Beginn des neuen Jahrtausends hat diese Wende wiederum ihre Epigonen. Der  Heilige Vater erläutert das Verhältnis von Glauben und Wissen wie folgt:

„…daß der Mensch immer auch dazu berufen ist, sich einer Wahrheit zuzuwenden, die ihn <sein Wissen, H.M.> übersteigt. … So kam es, daß sich die Vernunft, anstatt die Spannung zur Wahrheit bestmöglich auszudrücken, unter der Last des vielen Wissens über sich selbst gebeugt hat <sich vom Objekt zum Subjekt wendet, H.M.> und von Tag zu Tag unfähiger wurde, den Blick nach oben zu erheben, um das Wagnis einzugehen, zur Wahrheit des Seins zu gelangen.“

Die Frage nach der Wahrheit oder ihrer Erkennbarkeit wurde von den Nachfolgern des Königsbergers nicht mehr gestellt oder aber als unerkennbar für obsolet erklärt. Metaphysisch fühlende Menschen sollten ihre theoretischen Neigungen unterdrücken, empfiehlt der Tübinger Philosoph Walter Schulz in seinem vielfach neu aufgelegten Werk Philosophie in der veränderten Welt. Wesenserkenntnis von Weltdingen sowie eine natürliche Gotteslehre werden damit unmöglich, also auch die Behauptung eines Wesens von Mann und Frau banal, weil nicht intersubjektiv erfahrbar. Mit anderen Worten; es wird eine Unerkennbarkeit des ordo essendi behauptet. Menschliche Erkenntnis bleibt in einem objektblinden neuzeitlichen ordo cognoscendi verschlossen. Dadurch kann ein ordo agendi nicht mehr Maß am Sein nehmen, sondern nur an der eigenen Vernünftigkeit, was schließlich schon im vergangenen Jahrhundert zur berühmten „Krise der praktischen Vernunft“, ja der Vernunft überhaupt geführt hat.

Wo Gefahr ist, wächst auch das Rettende

So hat Martin Rhonheimer den meines Erachtens überzeugendsten Entwurf vorgelegt, einen am Sein orientierten „ordo agendi“ zu vertreten. Sein Entwurf ist eine Antwort auf die Kritik neuzeitlicher Bewusstseinsphilosophie. Vor allem seine auf Thomas zurückgehende Differenzierung zwischen „actus et finis proprius“ und „actus et finis debitus“ ist überzeugend. Sachlich ist diese Unterscheidung gleichbedeutend mit Spaemanns „naturwüchsig“ und „natürlich“. Farbenblindheit ist naturwüchsig, menschliche Sehfähigkeit ist natürlich, jedoch mit Farbensehen ausgestattet. Insbesondere diese Unterscheidung demonstriert beispielhaft die Rolle der Vernunft, wenn auch weiterhin an Natur Maß genommen werden soll.

Wo aber Gefahr ist, wächst auch das Rettende, um mit Hölderlin zu sprechen. So hat etwa Wulff D. Rehfus in seinem Buch Die Vernunft frißt ihre Kinder schon 1990 eine harsche Kritik geäußert:

„Die Moderne ist die Zeit der Aufklärung. Diese fühlt sich bis heute als Hort der Vernunft. Das Gegenteil aber ist wahr: Die Aufklärung hat die Vernunft zerstört, denn sie hat sie autonom gemacht, kritisch und reflexiv. Die Dreifaltigkeit der aufklärerischen Vernunft, Autonomie, Kritik und Reflexivität, hat sie in den Selbstmord getrieben.“

Nur wenn die Vernunft sozusagen “alleinerziehend” ist, fällt sie über ihre Kinder her: Im Verbund mit dem Glauben erzieht sie sie zu vollwertigen Mitgliedern in der Gesellschaft.

Nur im Verbund mit dem Licht des Glaubens erkennt die Vernunft die richtigen Wege, endet nicht in Sackgassen und führt uns ans Ziel aller irdischen Wege, was Paulus im Philipperbrief ankündigt: Unsere Heimat ist der Himmel.


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag.  Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.


Beitragsbild: Peter Esser

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