Homo duplex – „… männlich und weiblich schuf er sie“ (Gen. 1,27)

Teil III Die Ordnung des Erkennens – der ordo cognoscendi

Eine neuzeitliche Verkehrung der Verhältnisse meint, wir würden, könnten und müssten uns komplett selbst designen – ohne Vorbild und bei vollem Risiko. Christlich muss dagegen gehalten werden: Wir können uns nicht homo creator (eigenmächtiger Schöpfer) nennen. Wir sind zwar schöpferisch als homo creans tätig, wir erkennen aber das Bild, das Gott von uns hat, da wir zuerst homo creatus sind, nach dem Bild Gottes geschaffene Geschöpfe.

In der Erkenntnisordnung sollte weiterhin die Essenz der Existenz vorausgehen

Das absolute Gegenprogramm zu dieser christlichen Welt- und Lebenserfahrung hat Jean Paul Sartre zusammen mit seiner Lebensgefährtin Simone de Beauvoir, um nur zwei von vielen zu nennen, formuliert. Der ordo cognoscendi (die Erkenntnisordnung) der Tradition hat sich vor allem seit Nietzsche so gewandelt, dass der Grundsatz ordo essendi est ordo agendi oder das thomasische agere sequitur esse (Tun und Handeln nehmen Maß am Sein) bis in Kirchenkreise hinein bestritten wird.

Dezidiert wendet sich Sartre gegen jede schöpferische Vorgabe. Er formuliert: Die Existenz geht der Essenz voraus. Es „gibt keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, um sie zu entwerfen. Der Mensch ist lediglich so, wie er sich konzipiert.“ D. h. wir kommen als unbeschriebene Blätter zur Welt. Kein Gott und keine Natur hat hier Linien oder gar Ordnungen vorgezeichnet. Sartre ist hier getreuer Schüler Nietzsches, der einmal mit Blick auf die 10 Gebote geschrieben hat: „Meinen Willen schreibe ich mir auf meine Tafeln.“

Homo creator – weder homo creans noch homo creatus est

Nach Sartre ist mit meiner Existenz nicht schon eine Essenz, ein Wesen, eine Ordnung, ein Mann- bzw. Frausein mitgegeben, das heißt, wir inszenieren nicht nur das Stück in eigener Verantwortung, wir schreiben auch das Drehbuch. Der Mensch ist nach Sartre sein eigener Herr, sein Schöpfer, sein Gott. Er ist homo creator (eigenmächtiger Schöpfer), nicht homo creatus et creans (geschaffener und schöpferischer Mensch). Sartres Schöpfertum baut auf keinem Geschaffensein auf. Kraft seines Geistes hat seines Erachtens der Mensch das Recht, mit der Asymmetrie seines Geistes aufzuräumen und eine Symmetrie daraus zu machen, in der die psychische, geistige, soziale und gesellschaftliche Differenz der Geschlechter verlöschen soll. Hier zeigt sich Elisabeth Badinter als gelehrige Schülerin Sartres, die zwar die Komplementarität der Geschlechter kulturell als bestätigt sieht, aber mit Sartre der Auffassung ist, dass der Mensch mit seiner jahrmillionenlangen Vergangenheit binnen Jahrzehnten einfach Schluss machen könne. Wir sind mittlerweile in einer Gegenwart angekommen, in der auch die leibliche Asymmetrie manipuliert werden kann.

Der Zeitgeist dringt in unsere Seelen, wie der Rauch im Wirtshaus in unsere Kleider

Schon im Wintersemester 1994 plädierte ein Dozent in einem Vortrag an der Universität Koblenz für die Auflösung der geschlechtlichen Asymmetrie. Die geschlechtliche Anatomie, mit der man auf die Welt käme, sollte nicht schon selbiges festlegen. Mit Berufung auf Hegel plädierte er für die Wahl zwischen masculin, feminin und beliebigen Schattierungen von androgyn. Aufgrund der neuerdings rasanten Fortschritte in der Gentechnologie und der Hormonsubstitution liegt es schon im Bereich des Möglichen, sogar die Anatomie wunschgemäß zu verändern bzw. anzupassen.

Vor einem solchen Geist, vor einem solchen ordo cognoscendi, kann nur gewarnt werden; auch wenn man sich heute philosophisch weniger auf Sartre beruft, sondern in den vielen Spielarten postmodernen Philosophierens gar nicht mehr wie Sartre essentielles Denken zurückweist, sondern schon als philosophisch erledigt ansieht und keines philosophischen Argumentes mehr würdigt. In Politik, Kirche und Gesellschaft, auch in Erziehungsbüchern, begegnet man diesem Geist auf Schritt und Tritt. Joseph Kentenich warnte vor diesem Geist schon in den 30er Jahren: „Der Zeitgeist dringt in unsere Seelen, wie der Rauch im Wirtshaus in unsere Kleider.“ Man nimmt ihn – wie nach längerer Zeit im Wirtshaus – gar nicht mehr wahr. Die Räume in der gegenwärtigen Gesellschaft, in denen man den Zeitgeist noch „riechen“ könnte, wie zu Hause den Rauch des Wirtshauses in den Kleidern, werden immer kleiner und seltener. Das sprichwörtliche katholische Milieu, in dem solches möglich gewesen wäre, gibt es nicht mehr. Man kann nicht einmal mehr über den Verlust klagen, ohne gleichzeitig als rückwärtsgewandt, ängstlich, apologetisch oder fundamentalistisch angesehen zu werden. Es ist vielmehr auch unter Katholiken immer mehr politisch korrekt, das katholische Milieu vor dem II. Vatikanischen Konzil nur negativ als Hindernis für die Öffnung der Kirche zur Welt anzusehen. Das mutet bisweilen so grotesk an, als begrüße man das Wegfliegen des Daches im Sturm damit, dass sich nun endlich das Haus Wind und Wetter öffne.

Kirche – nicht Honig der Welt, sondern Salz der Erde

Diese Gedanken sollten darauf aufmerksam machen, dass das Konzil nicht nur zur Kirche in der Welt ruft, sondern dass Kirche auch als Kontrastgesellschaft zur Welt verstanden werden kann. Kirche in der Welt heißt nicht schlicht von der Welt sein. Für die Thematik bedeutet dies: Das hier vertretene Bild von Mann- und Frausein ist kein Programm von einem anderen Stern, erst recht kein bloßer Abklatsch des herrschenden Männer- und Frauenbildes. Vielmehr sollten Kontraste erkennbar sein. Das erfordert Mut, wenn alle Welt anderer Auffassung ist. Aber ein klein wenig gegenläufig leben, schadet nichts, nein, es ist sogar die Berufung des Christen schlechthin. Christus hat nämlich nicht gesagt, dass Christen der Honig der Welt sein sollten, an dem sich alle laben, sondern das Salz der Erde, das diesem Leben erst seinen Geschmack gibt.


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag.  Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.


Beitragsbild: Peter Esser (nach dem Hochzeitsbild der Arnolfini, Jan van Eyck)

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