Homo duplex – „… männlich und weiblich schuf er sie“ (Gen. 1,27)

Teil I Einführung – eine Bestandsaufnahme

Mittlerweile ist das christliche Bild vom Menschen sogar bis in die höchste Ebene der Kirche in Deutschland gefährdet. Wie anders kann es sein, dass in Hamburg an katholischen Schulen Menschsein in einem Papier „Männlich, weiblich, divers“ als Grundlage für den Unterricht vermittelt werden soll. Helmut Müller stellt in einer vierteiligen Reihe Grundsätzliches zum christlichen Menschenbild dar und zeigt, wie aus diesem auch ein christliches Handeln begründet werden kann.

Überlegungen zum „kleinen Unterschied“

„…männlich und weiblich schuf er sie“ (Gen. 1,27). Mit diesen dürren Worten beschreibt die Hl. Schrift die phantastische kulturelle Vielfalt, in der sich die beiden Versionen des Menschseins konkret realisieren: In Jahrtausenden haben die Nachkommen Adams und Evas von den Polen bis zum Äquator Menschsein reich und bunt – und dennoch erkennbar in einer Doppelspur schillernd entfaltet. Gleich im nächsten Vers der Genesis ist von Fruchtbarkeit die Rede, was männlich und weiblich nicht bloß als Pole in einem androgynen Spektrum meint – wie der Mainzer Alttestamentler Thomas Hieke und andere annehmen. Neben dem Inzestverbot kennen Ethnologen nur noch diese Komplementarität oder Asymmetrie der Geschlechter als ein universelles Kennzeichen menschlicher Gesellschaften. Der homo duplex ist damit nicht nur eine Offenbarung des Alten Testamentes, sondern der sogenannte biologische „kleine Unterschied“ wird auch durch weltweite ethnologische Erkenntnisse kulturell bestätigt. Auch eine so engagierte Frauenrechtlerin wie Elisabeth Badinter weist in ihrem Buch Ich bin Du. Auf dem Weg in die androgyne Gesellschaft eindrücklich auf diese Komplementarität im gesellschaftlichen Leben von Mann und Frau in den menschlichen Kulturen hin. Badinter glaubt aber „drei Millionen Jahre“ asymmetrischer Entwicklung in einem Jahrhundert in eine Symmetrie überführen zu können.

Kriegerische Männer, mütterliche Frauen – Einsichten einer Feministin

Die dagegen zunehmend festzustellende Restriktion des homo duplex auf einen homo simplex oder seine Ausweitung auf einen homo multiplex, die im Extremfall nur noch anatomisch variieren oder nur variieren, sind Ergebnisse der Neuzeit. Die Zulassung von Frauen zu allen Waffengattungen der Bundeswehr und homosexuelle Partnerschaften beiderlei Geschlechts rechtlich der Ehe gleichzustellen, sind hierzulande die neuesten Unternehmungen, die Doppelspur menschlicher Geschlechtlichkeit einspurig zu egalisieren bzw. vielspurig überhaupt aufzulösen. Die rationale Variante der aufgeklärten Gegenwartskultur hat wenig Sinn für in den Tiefen der Zeiten gewachsene – zum Klischee diffamierte – Rollenvorstellungen und Erwartungen von Männern und Frauen. Rollen werden auch durch den technologischen Fortschritt zunehmend nivelliert. Sie werden nicht mehr wesentlich – weiblich oder männlich – sondern nur noch funktional geschlechtsneutral ausgeübt. Selbst das Kriegshandwerk ist für Frauen nicht mehr tabu. Die Frau in der Schlacht ist nicht mehr nur einzigartig aufgrund eines besonderen Charismas vorstellbar, wie im Falle der Jeanne d’ Arc, sondern infolge des technologischen Fortschritts schlicht funktional als Bomberpilotin in einer ganzen Staffel möglich. Auch hier weist Badinter darauf hin, dass das Kriegshandwerk über alle Kulturen hinweg eine männliche Domäne gewesen sei. Frauen als Kriegerinnen seien mythischer Natur oder historisch schlecht bezeugt. Sie gibt sogar zu, dass „der Krieg, der stets als die männliche Aktivität schlechthin wahrgenommen wurde, (…) das symmetrische Gegenstück zur Mutterschaft“ sei.

Homo simplex und Homo multiplex – Gefährdungen der Gegenwart

Mittlerweile droht der homo duplex der Schöpfungs- und Naturordnung einspurig im homo simplex und vielspurig im homo multiplex der postmodernen Kulturordnung zu enden. Auffassungen von der Komplementarität der Geschlechter, mit anderen Worten, Überzeugungen, die an einem Wesen von Mann und Frau festhalten, haben einen schweren Stand in Zeiten der Genderforschung. Der Wesensbegriff der traditionellen Philosophie löst sich in der Atmosphäre dekonstruktivistischen Denkens gänzlich auf. Bestrebungen, etwa die des Kantianers (!) Friedrich Kaulbach, den Wesensbegriff der Tradition auch in der Moderne zu vertreten, werden weniger. Kaulbach schlägt noch 1972 vor, Wesen als den im praktischen Umgang mit der Natur gewonnenen, geschichtlich nicht abschließbaren Zusammenhang von Aussagen zu verstehen, durch welche sich die Sache selbst zur Sprache bringt. Er möchte festhalten, dass Wesen keine bloße Setzung neuzeitlicher Subjektivität ist, sondern dass sich das Wesen jedes Seienden selbst zur Erscheinung bringt. Das philosophische Werk Robert Spaemanns hat in dieser Hinsicht einen größeren Nachhall gefunden. Spaemann spricht in seinem Buch von 2005 Natürliche Ziele – Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens von einem Aus-sein-auf alles Seiende, bzw. einer Tendenz desselben, in „sein Wesen zu kommen“.

Die Offenbarung ist Anker christlichen Denkens

Es ist deshalb fraglich, wie man weiterhin der Schöpfungs- und Naturordnung in der von Menschen gemachten Kulturordnung gerecht werden kann, oder wo man an Werte verpflichtend gebunden und wo aufgerufen ist, sie frei zu gestalten. Und wie wird das Eine vom Anderen unterschieden? Das Sprechen von Schöpfungs- und Naturordnung ist in die Krise geraten. Denn die neuzeitliche und postmoderne Philosophie wird immer skeptischer. Auf ihrem Weg vom Sein über das Bewusstsein (Kant), die Sprache (Wittgenstein) und die Zeichen (Tugendhat) ist sie nun bei postmoderner Beliebigkeit angekommen. Christen können diesen Weg nicht mitgehen. Denn Christen können nicht denken, leben, lieben und handeln, als hätte es die Offenbarung nicht gegeben. Sie ist der Anker christlichen Denkens. Vielen Christen ist allerdings nicht bewusst, dass die skeptischen Versionen neuzeitlichen und postmodernen Denkens die Offenbarung in ihrer Konzeption dezidiert ausschließen und sie behandeln wie ein Rad, bei dessen Drehung sich nichts mitdreht.

Offenbarung – mehr als ein Rad bei dessen Drehung sich nichts mitdreht

Diesem mühsamen Für und Wider soll deshalb nicht ausgewichen werden. In einem ersten Teil soll Mann- und Frausein als die wohl attraktivste aller Ordnungen in Natur und Schöpfung beschrieben werden. Nicht umsonst ist die Begegnung der Geschlechter in der Orthodoxie und der katholischen Kirche zum Sakrament geadelt worden. Georges Bernanos, der sich zum Lebensziel gemacht hat, die Begegnung mit dem Heil Gottes in den Sakramenten der Kirche romanhaft darzustellen, hat gerade das Ehesakrament ausgespart, weil er der Ansicht war, die Erfahrung von Heil läge bei diesem Sakrament auf der Hand und sei jedem einsichtig, denn das Ehesakrament sei „ein irdisches Haus mit Fenstern zum Ewigen.“ Die jahrhundertelange christlich-abendländische Tradition, dass sich Erkenntnis nach den Gegenständen richtet und ein Wesen von Mann und Frau erkennbar ist, wird im ersten Teil als Ordnung des Seins, dem ordo essendi, vorausgesetzt. Im zweiten Teil wird der zu Beginn der Neuzeit einsetzende Umbruch, dass Erkenntnis die Gegenstände konstituiert, in seinen Auswirkungen kritisch – in einem ordo cognoscendi – dargestellt und in einem ordo agendi – einer Ordnung des Handelns umgesetzt. Schließlich wird in einem geschichtsphilosophischen Aufriss die relativistische Position zurückgewiesen.

Sein und Sollen: Mensch, werde, was du bist!

Da Gott den Menschen zum Mitarbeiter in seiner Schöpfungs- und Heilsordnung berufen hat, wirken ihre Ordnungen nicht als Automatismus in seinen Gliedern, sondern sie sind bloß die Vorgabe für eine Ordnung des Handelns. „Sein“ ist kein Fertigprodukt, es bedarf der Verwirklichung durch „Sollen“, eingeschlossen im Mitwirken des Menschen beim gnadenhaften Heilshandeln Gottes. Das ist die christliche Variante von Pindars: „Mensch, werde, was Du bist.“


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag.  Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.


Beitragsbild: Peter Esser

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