Warum Christus mehr verspricht als wir verlieren 

Umkehr hat ihren Preis. Doch wer sich im Vertrauen auf Jesus auf den Weg macht, entdeckt oft einen Gewinn, der weit über den Einsatz hinausgeht. Im dritten Teil ihrer Reihe fragt Kerstin Goldschmidt nach Einsatz und Gewinn.

Umkehr fällt immer schwer

Wenn Christus zur Umkehr aufruft, klingt das zunächst erstaunlich einfach. Ein Wort. Zwei Silben. Kehrt um. Fast so, als würde man jemandem sagen: „Nimm einfach den anderen Weg.“ Doch wer selbst schon einmal wirklich umkehren musste, weiß: Nichts daran ist einfach. Denn Umkehr bedeutet selten nur, einen Gedanken zu ändern. Umkehr bedeutet oft, einen Teil von sich selbst zurückzulassen.

Die größte Hürde

Im ersten Moment denken wir häufig an falsche Entscheidungen, an Schuld oder an Irrtümer. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich: Die größte Hürde der Umkehr ist selten die Wahrheit. Die größte Hürde ist unser Herz. Denn wenn wir umkehren, verlieren wir oft zunächst etwas. Wir verlieren Gewissheit, vertraute Erklärungen, manchmal Zustimmung. Wir verlieren Menschen, die unseren bisherigen Weg mitgegangen sind. Wir verlieren Rollenbilder, Sicherheiten und manchmal sogar einen Teil unseres bisherigen Selbstverständnisses. Und plötzlich entsteht etwas Merkwürdiges: Eine innere Leere. Wir stehen nicht mehr dort, wo wir vorher standen. Aber wir sind auch noch nicht dort angekommen, wohin Gott uns führen möchte. Es ist ein Zwischenraum: Ein Raum zwischen Verlassen und Ankommen, ein Raum, den wir Menschen oft schwer aushalten. Deshalb bleiben viele lieber auf vertrautem Boden. Selbst wenn sie spüren, dass Gott sie weiterführen möchte.

Manchmal halten wir lieber am Bekannten fest als an der Wahrheit.

Denn Umkehr kostet: Sie kostet Stolz, Sicherheit, Kontrolle. Und manchmal kostet sie sogar das Bild, das wir von uns selbst hatten. Vielleicht fragen wir deshalb so selten: „Herr, wo soll ich umkehren?“

Christus lädt uns ein zu vertrauen

Christus spricht anders. Er lädt nicht zur Selbstbestätigung ein, sondern zum Vertrauen. Wir sehen das nirgendwo deutlicher als bei Maria. Als der Engel zu ihr kam, wusste sie nicht, wie ihr Weg weitergehen würde. Sie erhielt keinen Fünfjahresplan, keine Sicherheit oder vollständige Erklärung. Sie wusste nur: Dieses Ja wird Folgen haben. Menschen würden Fragen stellen und urteilen, vielleicht auch missverstehen. Und ihr bisheriges Leben würde nicht einfach unverändert weiterlaufen. Und trotzdem sagte sie Ja. Ihre Größe bestand nicht darin, dass sie keine Angst hatte. Ihre Größe bestand darin, dass ihre Loyalität größer war als ihre Angst.

Wahre Loyalität gilt nicht dem eigenen Standpunkt – sondern Christus.

Vielleicht liegt darin etwas, das wir neu lernen müssen. Denn unsere Zeit fordert uns ständig dazu auf, uns selbst treu zu bleiben. Das klingt zunächst gut und doch stellt das Evangelium eine andere Frage. Nicht zuerst: Bin ich mir selbst treu geblieben? Sondern: Bin ich Christus treu geblieben? Das kann manchmal bedeuten, gegen eigene Vorstellungen umzukehren. Gegen Gewohnheiten oder alte Überzeugungen. Manchmal sogar gegen sich selbst.

Störung oder Führung?

Und dennoch glaube ich: Hinter echter Umkehr steht nie nur Verlust. Denn Gott nimmt nicht einfach etwas weg. Sondern er heilt, er korrigiert, er ordnet neu. Vielleicht hängen an manchen unserer Wege alte Verletzungen, alte Glaubenssätze, falsche Bilder von Gott, falsche Bilder von uns selbst. Manchmal führt Umkehr deshalb nicht nur zu einer neuen Richtung, sondern zu einer inneren Heilung. Christus nimmt uns selten etwas weg. Er führt uns tiefer hinein.

Diese Heilung geschieht selten laut, nicht in großen dramatischen Momenten. Sondern in stillen Augenblicken. In einem Satz, in einem Gespräch, im Gebet, in einem Bibelvers oder in einem Gedanken, der nicht mehr verschwindet. Manchmal sind es kleine Hinweise, die Gott uns gibt. Kleine Irritationen auf unserem Weg, fast wie ein Wegschild beim Wandern. Etwas passt plötzlich nicht mehr. Etwas bleibt in uns hängen. Und vielleicht ist das nicht Störung. Vielleicht ist das Führung.

Umkehr als Heimweg

Gott schreit oft nicht. Er deutet. Vielleicht ist Umkehr deshalb selten ein einziger Moment. Vielleicht ist Umkehr auch ein Weg und manchmal auch ein langwieriger Weg. Ein Weg des Ringens und des Loslassens. Und am Ende vielleicht auch ein Weg des Heimkommens.

Denn Christus ruft nicht zur Umkehr, um uns kleiner zu machen. Er ruft zur Umkehr, weil er etwas Größeres vorbereitet hat. Etwas, das wir von unserem bisherigen Standpunkt aus noch gar nicht sehen konnten.


Kerstin Goldschmidt,
Jahrgang 1975, verwitwet. Als selbständige Personalberaterin, Trainerin, Coach und Moderatorin begleitet Kerstin Goldschmidt Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen. Ihr Engagement für den Neuen Anfang entspringt der Freude, gerne von der Schönheit und Fülle des Evangeliums zu sprechen. Die geistliche Tiefe und Vielfalt der katholischen Kirche erlebt sie täglich als inspirierende Schatzkammer.

Beitragsbild: Adobe Stock

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