Während deutsche Bischöfe zu Recht vor geistlichem Missbrauch warnen, stellt Franz Grunewald die kühne Frage, ob dieselben Oberhirten auch ihr eigenes Handeln dieser Prüfung unterziehen. Anhand jüngster Beispiele hält er einigen Vertretern der DBK den Spiegel vor und fragt nach konsequenter Maßnahmeumsetzung. Haben jene Verantwortungsträger den Mut, sich an die eigene Nase zu fassen?

Geistlichen Missbrauch verhindern!

Die Publikation der Studie „Macht durch Charisma: Geistlicher Missbrauch in geistlichen Gemeinschaften“ von Judith Könemann und Bernhard Frings am 25.9.2026 ruft, da es um zwei konkrete geistliche Gemeinschaften in den Diözesen Münster (Totus Tuus Neuevangelisierung) und Osnabrück (Christusgemeinschaft) geht, in der katholischen Landschaft einige Aufmerksamkeit hervor. Hier im Norden haben viele Katholiken persönliche Berührungspunkte zur Geschichte oder zu Personen dieser Gemeinschaften. Zuletzt hat Benjamin Leven in der Tagespost (Ausgabe vom 1.10.2026, online am 2.10.) auf diese Studie hingewiesen. Seitens der Universität Münster heißt es: „Zum ersten Mal steht das Phänomen des geistlichen Missbrauchs in Geistlichen Gemeinschaften im deutschsprachigen Raum auf der Basis einer breit angelegten qualitativ-empirischen Studie, kombiniert mit einem breiten Aktenstudium, im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Studie.“ Die Studie wurde u.a. von der DBK gefördert. Auf der Homepage der DBK erschien am 25.9. eine Pressemitteilung, in der es u.a. heißt:

„Ausdrücklich bedanken wir uns bei den Betroffenen, die für diese Studie ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen geteilt haben. Wir sehen ihr Leid und ihren Schmerz. Ihre Verwundungen halten oft ein Leben lang an. Wir müssen alles tun, um solches Leid, um geistlichen Missbrauch in Zukunft zu verhindern. Hierfür wird uns die Studie wichtige Hinweise geben können.“

Ohne auf Definitionen des Begriffs einzugehen, bleibt festzuhalten: Geistlicher Missbrauch löst bei Betroffenen nachweisbares Leid, nachhaltige Traumata, u.U. lebenslange Verwundungen aus. Und die Auftraggeber, darunter die DBK, wollen solchen geistlichen Missbrauch in Zukunft verhindern. Es lohnt sich, nach der Realisierung dieser guten Absichten zu fragen.

Die Definition der DBK von geistlichem Missbrauch

Die DBK äußert sich an dieser Stelle nicht zum ersten Mal zur Problematik des geistlichen Missbrauchs. Bischof Bätzing, damals noch Vorsitzender der DBK, definierte im März 2023 gegenüber der DBK-Vollversammlung in Dresden laut katholisch.de geistlichen Missbrauch so:

„Unter geistlichem Missbrauch verstehen die Bischöfe den Missbrauch der eigenen oder ihnen zugeschriebenen geistlichen Autorität durch Verantwortliche in Seelsorge, Orden und Gemeinschaften sowie Bildung. Darunter falle beispielsweise ein manipulativer Umgang mit der Bibel, der geistlichen Tradition der Kirche oder der Spiritualität einer Gemeinschaft, ‚indem sie anderen die eigenen Werte oder Überzeugungen aufdrängen oder diese zu bestimmten Verhaltensweisen und Handlungen zwingen.‘“

Das Spektrum der Agierenden wird einerseits offengehalten, insofern keine konkreten Funktionsträger genannt werden, andererseits aber eingegrenzt, indem umrissen wird, wer diese „Verantwortlichen in Seelsorge, Orden und Gemeinschaften sowie Bildung“ sind: Führungspersonen mit Bereichsverantwortung. Ganz ähnlich fasst das von der DBK, vertreten ausgerechnet durch Bischof Timmerevers, am 31.5.2023 herausgegebene Papier „Missbrauch geistlicher Autorität. Zum Umgang mit Geistlichem Missbrauch“ den Sachverhalt auf. Auch dort ist von den aufgezwungenen Vorstellungen die Rede (S.10). Das Papier nennt vier Indizien: Manipulation und Verletzung der spirituellen Autonomie, Kontrolle der Kommunikation und Information, Exklusivitätsansprüche, Ideologisierung religiöser Wertvorstellungen und Praktiken. Und es formuliert einen Grund für Agierende:

„Manchmal sind egoistische Bedürfnisse Einzelner der Grund, warum Grenzen verletzt und Menschen missbraucht werden.“ (S. 10)

Ob ein solcher Grund – Befriedigung egoistischer Bedürfnisse – auch für Bischöfe gilt, wenn sie sich nicht an den theologischen und moralischen Traditionen der Kirche orientieren?

Bischöfe und geistlicher Missbrauch

Aus dem Vorwort und weiteren Passagen wird deutlich, dass für Missbrauch Verantwortliche zwar nicht ausschließlich, aber vorrangig in den Reihen von Orden und geistlichen Gemeinschaften gesehen werden:

„Kleriker wie Laien als Seelsorgerinnen und Seelsorger, geistliche Begleiterinnen und Begleiter, Ordensverantwortliche, Leiterinnen und Leiter von geistlichen Gemeinschaften u. a. können die ihnen eigene oder ihnen zugeschriebene geistliche Autorität missbrauchen.“ (S. 6, vgl. auch S. 15f).

Ob das Papier beim Begriff „Kleriker“ wohl auch an Bischöfe gedacht hat? Der ganze Kontext des Papiers lässt vermuten: eher nicht, denn als Seelsorger und geistliche Begleiter im hier gemeinten Sinne treten sie nur selten auf.

Hört man jedoch noch einmal in die Definition von Bischof Bätzing hinein, wird man hellhörig: Geistlicher Missbrauch impliziert manipulativen Umgang mit der Bibel? Und mit der geistlichen Tradition der Kirche? Er bedeutet, anderen die eigenen Wertvorstellungen aufzudrängen? Und sie zu nicht gewollten Verhaltensweisen und Handlungen zu zwingen? – Wenn man unter den Agierenden Verantwortliche im oben umrissenen Sinne versteht, erscheint diese Definitionsskizze sehr plausibel, es sind aus Sicht der Bischöfe irgendwie die Anderen, aber nicht wir. Wenn man aber danach schaut, wo solche Merkmale im kirchlichen Betrieb real zu finden sind, dann müssten die Bischöfe eigentlich erschrecken. Dann geht es keineswegs allein um manipulative Seelsorger und Seelsorgerinnen, übergriffige charismatische Personen in geistlichen Gemeinschaften, Ordensverantwortliche, die ihre Autorität missbrauchen. Unter den von Bätzing und Timmerevers formulierten Begriff fallen nicht zuletzt Mitglieder der DBK selbst, Erzbischöfe und Bischöfe der Gegenwart – und ihre Generalvikare.

Einige Beispiele

In diesem Sinne ist das Verhalten des Münchener Kardinals Marx gegenüber seinen Priestern als geistlicher Missbrauch zu bewerten. Er drängt ihnen Überzeugungen auf und zwingt ihnen Verhaltensweisen und Handlungen auf, die sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können. Marx hatte seinem Klerus gegenüber im April 2026 die Segnung homosexueller Paare angeordnet, obwohl diese Anordnung im Widerspruch zur vatikanischen Erklärung Fiducia supplicans steht. 26 Priester der Erzdiözese fragen den Kardinal in einem offenen Brief im Mai 2026:

„Warum bitten Sie uns, gegen den wiederholt erklärten Willen des Heiligen Vaters zu handeln?“

Die Priester sehen sich in einem eklatanten Gewissenskonflikt zwischen Erzbischof und Rom. Deutlicher kann man das Aufdrängen von falschen, mit Rom und der Kirchentradition im Widerspruch stehenden Überzeugungen nicht beklagen. Eine befriedigende Antwort des Kardinals steht bis heute aus.

Der Missbrauchsdefinition von Bischof Bätzing ensprechen auch der Hamburger Erzbischof Heße und sein Generalvikar Geißler, die an den katholischen Schulen des Erzbistums das Rahmenkonzept für sexuelle Bildung mit dem Titel „Männlich, weiblich, divers“ durchgesetzt haben, das im Widerspruch zur kirchlichen Lehre steht. Das vatikanische Dikasterium für Kultur und Bildung (unterzeichnet von Untersekretär Monsignore Matthias Ambros) hat in einem Schreiben vom 6.7.2026 an die Elterninitiative festgehalten, dass das Dokument „Als Mann und Frau schuf er sie“ aus dem Jahr 2019 gültig bleibt. Generalvikar Geißler lehnt dennoch – und trotz des Protestes einer Hamburger Elterninitiative – eine Rücknahme des Rahmenkonzeptes ab. Schüler und Eltern werden daher gezwungen, Vorgaben zu akzeptieren, die sie mit ihrem Gewissen und ihrem katholischen Glauben nicht vereinbaren können. Das ist geistlicher Missbrauch im großen Stil. Hier wird von höchsten geistlichen Autoritäten rücksichtslos Macht durchgesetzt und Gehorsam eingefordert, obwohl Rom den Gläubigen in ihrem Protest dagegen Recht gegeben hat.

Für geistlichen Missbrauch gegenüber der ganzen Kirche in Deutschland ist auch der inzwischen zurückgetretene Bischof von Dresden-Meißen Timmerevers selbst verantwortlich wegen der Herausgabe des Queer-Papiers „Geschaffen, erlöst und geliebt. Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule“ im Herbst 2025. Dass dieses Papier sich außerhalb des katholischen Glaubens bewegt und den Glauben ideologisch verbiegt, hat Bischof Oster in seiner Replik „Glauben wir noch, was wir glauben? Ein kritischer Blick von Bischof Stefan Oster auf das Papier „Geschaffen, erlöst und geliebt. Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule“ der Schulkommission der Deutschen Bischofskonferenz“ sehr überzeugend dargelegt. Zurückgezogen wurde das Papier bisher nicht. Insofern trifft der Vorwurf des geistlichen Missbrauchs alle Bischöfe, die das Papier weiterhin legitimieren.

Nimmt man eines der im DBK-Papier genannten Indizien hinzu, die Kontrolle der Kommunikation und Information, dann gehört selbstverständlich auch die Kommunikationsverweigerung der Bischöfe zum geistlichen Macht-Missbrauch. Der Neue Anfang hat solche Gesprächsverweigerung dreier Bischöfe am 22.7.2025 dokumentiert, darunter Bischof Timmerevers, Bischof Kohlgraf und Erzbischof Heße. Das jüngste Beispiel lieferte der Generalvikar von Hamburg, Sascha-Philipp Geißler, der seine Mitarbeiter in einer E-Mail dazu aufgerufen hat, ‚auf die Aufrufe des Elternnetzwerks weder zu antworten noch sich in Debatten einzulassen‘“. Eltern wohlgemerkt, die den Hamburger Erzbischof an die Gültigkeit der katholischen Lehrtradition erinnerten.

Die Identifizierung von geistlichem Missbrauch in den Reihen der deutschen Bischöfe ließe sich fortsetzen. Vom ZdK ganz zu schweigen. Sie deutet jedenfalls darauf hin, dass man bei dem Versuch, geistlichen Missbrauch zu beschreiben bzw. zu definieren, kaum an sich selbst gedacht hat. Genau betrachtet ist alles, was ZdK und DBK im Prozess und Gefolge des Synodalen Wegs unternommen haben, um die katholische Kirche in Deutschland abseits der geistlichen Tradition der römisch-katholischen Kirche auf Sonderwege zu führen und der Kirche manipulativ ihren Willen aufzuzwingen, geistlicher Missbrauch, insofern Gläubige auf Irrwege geführt werden, die ihnen in ihrem Gewissen Gewalt antun und in ihrem Glaubensleben schaden. Dazu gehören nicht zuletzt alle Papiere zur neuen Sexualmoral und Sexualpädagogik. Dieser Missbrauch ist freilich so gigantisch, dass man ihn kaum als solchen wahrnimmt – oder erst dann, wenn man aus einigem Abstand darauf schaut.

Für wen gilt der Maßnahmekatalog?

Das oben erwähnte DBK-Papier „zum Umgang mit geistlichem Missbrauch“ listet für den Fall der Aufdeckung von Missbrauch Maßnahmen, Interventionen auf, von denen man gerne wüsste, ob sie auch für (Erz-)Bischöfe gelten:

  • Verbot, weiterhin als geistliche Begleiter oder als Exerzitienbegleiter tätig zu sein,
  • Predigtverbote,
  • Entpflichtung,
  • Entzug der Beichterlaubnis,
  • Verbot der Beschuldigten, sich am Wirkungs- bzw. Dienstort aufzuhalten,
  • Amtsenthebung,
  • Suspendierung.

Aber welcher Bischof macht schon einen solchen Rückzieher? Er ist ja selbst in seiner Diözese der Letztbeurteilende. – Wie war das noch mit der eigenen Nase, an die man sich zuerst fassen soll?

Es ist so viel leichter, den Missbrauch in den kleineren Dimensionen der geistlichen Gemeinschaften zu identifizieren, anzuprangern und zu verurteilen als denjenigen, den Kirchenverantwortliche in großem Stil begehen. Vielleicht erinnert man sich auch auf den deutschen Kathedren an das Wort Jesu in der Bergpredigt:

„Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Mt 7,3 par).

Damit will ich nicht der Bagatellisierung des geistlichen Missbrauchs in den geistlichen Gemeinschaften das Wort reden, wohl aber dem Ernstnehmen der eigenen Erkenntnisse und Maßstäbe – nicht zuletzt für sich selbst.


Franz Grunewald
Jg. 1960, Diplomtheologe nach Studium in Münster und Freiburg, bis 2026 Lehrer für Deutsch und katholische Religion am Gymnasium Ursulaschule in Osnabrück, zuvor berufstätig in Zürich, Dortmund und München. Kinderlos verheiratet. Leitspruch: “Dienen heißt den unteren Weg gehen!”


Beitragsbild: KI-generiert

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