Zwei emotionale Ereignisse der letzten zwei Wochen rufen danach, die kirchliche Reaktion darauf zu vergleichen und einige Fragen zu stellen. Wobei die zentrale Frage ist, ob die katholische Kirche, konkreter die Bischöfe, nicht mit zweierlei Maß messen. Oder ob sie auf dem Synodalen Weg nicht längst auf einem Auge blind geworden sind. Ein stringentes Verhalten – erst recht eines im Sinne der Kirche, die sie vertreten sollten, – ist nämlich nicht mehr erkennbar. Franz Grunewald fragt und  kommentiert.

Kaum bischöfliche Reaktion auf Spahns Leihmutterschafts-Erklärung

Nach der Mitteilung von Jens Spahn, per Leihmutterschaft zusammen mit seinem Partner Vater geworden zu sein, dauerte es eine ganze Woche, bis Prälat Karl Jüsten am 24.7. im Namen der Deutschen Bischofskonferenz DBK ein recht dürres Statement dazu abgab, und darin lediglich Bedenken des damaligen DBK-Vorsitzenden von 2024 wiederholte, ohne auf den aktuellen Vorgang einzugehen. Einzig Bischof Oster von Passau hatte sich bereits eine Woche zuvor aktuell und konkret kritisch geäußert. Ansonsten großes Schweigen im Walde der DBK. – Trotz mehrfacher Aufforderung etwa am 18.7. auf domradio.de (Schlegelmilch: Macht den Mund auf), am 20.7. auf katholisch.de („Andreas Püttmann wundert sich über die Reaktion der Kirchen in der Leihmutterschafts-Debatte.“), am 21.7. auf neueranfang.online („Und ewig schweigen die Hirten“) erfolgte seitens der Bischöfe auch zwei Wochen nach Spahns Erklärung – keine weitere Reaktion.

Viele Mitgefühlsbekundungen bei Anschlag auf Berliner CSD

Ganz anders wenige Tage später nach dem Anschlag auf den Berliner CSD am 25.7.2026, bei dem eine Frau umkam und 29 Menschen z.T. schwer verletzt wurden: Bereits am 26.7. berichtete domradio.de, dass der Berliner Bischof Heiner Koch zu „gesellschaftlichem Miteinander“ aufgerufen habe. Katholisch.de berichtete am 27.7.: Der Essener Weihbischof Ludger Schepers sehe „die Vielfalt der Gesellschaft bis ins Mark erschüttert“. Wo das geschehe, seien „die Menschen verwundet“. Die ZdK-Präsidentin Stetter-Karp habe den Angriff als einen „abscheulichen Angriff bezeichnet, der gezielt der queeren Community“ gegolten habe und unerträglich sei. Der BDKJ habe den Angehörigen der Opfer „sein Mitgefühl ausgesprochen“. Der Mainzer Bischof Kohlgraf drückte am 28.7. seine Betroffenheit aus. Am 30.7. verkündete die Homepage des Erzbistums Hamburg: „Erzbischof Heße stellt sich hinter Christopher Street Day in Hamburg“, der am 1.8. stattfand: „Queere Menschen verdienen die Freiheit, sichtbar zu leben, sagt er. […] Hass, Ausgrenzung und Gewalt seien mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar.“ In Bonn, in der Erzdiözese Köln gelegen, fand am 1.8. ebenfalls ein CSD statt. Weihbischof Dominikus Schwaderlapp betonte daher, Zitat aus der Münsteraner Kirchenzeitung Kirche+Leben vom 30.7.: „Jeder Mensch verdient Respekt und den Schutz seiner Würde.“ Am 2.8. berichten mehrere Medien davon, dass das Bistum Fulda sich ausdrücklich von einem CSD-kritischen Leserbrief eines alten Pfarrers distanziert und die Veranstaltungen würdigt: „Das Bistum Fulda unterstützt das friedliche Engagement für eine offene, respektvolle und freiheitliche Gesellschaft.“ – Ich dokumentiere diese Äußerungen hier deswegen so detailliert, weil OutInChurch (s.u.) den Eindruck erwecken will, es fehle an kirchlicher Solidarität mit der queeren Szene. Wie in dieser Zusammenstellung ersichtlich, trifft das nicht zu – weder hinsichtlich der Personen noch hinsichtlich der Medienvielfalt. Und ich behaupte nicht, dass diese Zusammenstellung vollständig sei.

Rosarote Brillen und blinde Augen

Die Frage steht im Raum, woher die Schlagseite in der bischöflichen Wahrnehmung kommt. Warum positionieren sich mehrere Bischöfe binnen weniger Tage zum Attentat von Berlin, so richtig das auch sein mag, sagen aber auch nach zwei Wochen nichts zum Thema Leihmutterschaft bei prominenten Politikern? Warum sind so viele Bischöfe blind auf dem lebensrechtlichen Auge? Warum haben sie eine rosarote Brille auf der Nase, wenn es um die queere Community geht? Warum einerseits das bemerkenswerte Schweigen der kirchlichen Öffentlichkeit und andererseits die prompte, vielstimmige Reaktion nach dem Terroranschlag in Berlin? War das erste Ereignis eine Lappalie und das zweite viel bedeutsamer? Hatte das zweite mehr mit Menschenwürde und gesellschaftlichem Zusammenhalt zu tun als das erste? Haben queere Menschen mehr Rechte und Würde als vermarktete Leihmütter und verkaufte Kinder? Dass die Bischöfe sich zum Thema der Würde und Rechte von queeren Menschen so intensiv äußern, zum Thema Leihmutterschaft aber nicht mehr zu bieten haben als den lauen Rückgriff auf Verlautbarungen von 2024, ist nicht zu übersehen. Und ruft unter vielen Katholiken zumindest Unverständnis hervor.

Der christliche Auftrag

Selbstverständlich und unmissverständlich sei betont: Hass, Hetze, Ausgrenzung und Gewalt sind keine legitimen Mittel des gesellschaftlichen Umgangs, erst recht nicht aus christlicher Perspektive. Dass die LGBTIQ-Community und viele einzelne Menschen darin unter Druck stehen, ist umfassend und vielfach belegt, zuletzt in der FAZ vom 1.8.2026. Ein Blick in die Evangelien und die Kirchengeschichte zeigt recht schnell: Wir haben als Christen den Auftrag, Auseinandersetzungen, auch wenn sie das Innerste des Glaubens betreffen, mit friedlichen Mitteln zu führen. Das Schwert zu ziehen, ist keine Option. Auch die Rechtfertigung von Gewalt gegen Mitmenschen nicht. Lk 13,4 enthält eine deutliche Warnung Jesu, Katastrophen und Schicksalsschläge als Strafe des Himmels zu verstehen.

Unangemessenes Fan-Verhalten deutscher Bischöfe

Aber man wird zumindest die Frage stellen müssen, ob das Friede-Freude-Eierkuchen-Narrativ der queeren Community, das Weih- und (Erz-)Bischöfe wie Schepers, Koch oder Heße und zuletzt Gerber so gerne aufgreifen, der Realität entspricht. Ich zitiere noch einmal Bischof Koch: „Hass, Ausgrenzung und Gewalt sind mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar.“ Oder Bistum Fulda: „Der CSD steht für das Anliegen, auf die Würde aller Menschen aufmerksam zu machen und sich gegen Ausgrenzung und Gewalt einzusetzen.“ – Die queere Community – ein Hort der Toleranz, der Friedfertigkeit, der universalen Liebe? Gar ein neues Reich des Friedens? Wofür brauchen wir da noch die Rede vom Reich Gottes? Ist der CSD nicht der neue, wahre Friedensfürst, dem jetzt alle Welt huldigt, nicht zuletzt die Bischöfe? Ist das Friedensreich hier nicht längst angebrochen? Angesichts der Menge nackter Haut vielleicht sogar das Paradies? Ganz klar: Nein, das ist es nicht. Daher überrascht auch das überschwängliche und gänzlich unkritische Fan-Verhalten zahlreicher deutscher Bischöfe, als sei mit der Party der CSD-Community der Himmel auf Erden angebrochen.

Das Gewaltverständnis der Queer-Ideologie

Die LGBTIQ-Community ist nicht nur Leidtragende von Hass und Gewalt, sie hat selbst ein aktives, wenn auch kaum wahrgenommenes Gewaltproblem, wie Forschungsergebnisse der Sozialwissenschaftlerin Constance Ohms belegen, von denen sie in verschiedenen Interviews berichtet, zuletzt in der Frankfurter Rundschau am 25.11. und im Tagesspiegel vom 21.11.2025: „Auch in queeren Partnerschaften gibt es verbale und physische Gewalt. Die Dynamiken dahinter sind andere als bei Heterosexuellen und werden sehr selten thematisiert.“

Darüber wird bei genauerem Hinschauen klar: Die Community agiert selbst als Initiator*in von Hass und Gewalt. Hier muss deutlich unterschieden werden zwischen der Community und einzelnen Menschen: Viele Lesben, Schwule und andere BTIQ-Menschen lehnen es ab, sich an entsprechenden Aktionen zu beteiligen. Aber wo es um den weltanschaulichen Hintergrund geht, um die Durchsetzung einer Queerness-Ideologie, geht es keineswegs friedlich, tolerant, gewaltfrei zu. Wem sonst ist anzulasten, dass konservative Naturwissenschaftlerinnen und Philosophen an Universitäten angesichts von pöbelnden Auditorien und Drohungen gegen Personen und Sachen ausgeladen werden, wenn sie sich quer zur Queer-Ideologie äußern wollen? Dass ihnen Veranstaltungsräumlichkeiten und auf Podien Mikrofone verwehrt werden? Dass auf Katholikentagen der Lebensrechtsaktion ALfA untersagt wird, die Themen Leihmutterschaft, Abtreibung und Sterbehilfe aufs Podium zu bringen? Dass sich bis hin zu den Öffentlich-Rechtlichen die Medienlandschaft dem Sprachdiktat des Genderns zu unterwerfen hat – an manchen Universitäten bis hin zu dem Druck, dass Klausuren und Prüfungen abgewertet werden, wenn die Gender-Sprach-Standards (vgl. Birgit Kelle: Gender-Gaga : wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will; erschienen 2020) nicht eingehalten würden. – Alles keine Gewalt, weil es keine Toten und Verletzten gibt? Auch das dürfte eine Illusion sein. Die hier zu nennenden Toten und Verletzten bleiben quasi unsichtbar, sie will niemand wahrhaben, genauso wenig wie die Tatsache, dass diese Szene überhaupt ein Gewaltproblem hat. Selbstverständlich erwartet die queere Community „reproduktive Gerechtigkeit“. Nach queermed-deutschland bedeutet das „für queere Menschen […]: – Zugang zu reproduktiver Gesundheitsversorgung unabhängig von Geschlechtseintrag, – Anerkennung queerer Familienformen, – diskriminierungsfreie Beratung zu Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft“. Ergänzt wird: „Im deutschen Kontext ist reproduktive Gerechtigkeit eng mit Debatten um Schwangerschaftsabbrüche, reproduktive Medizin, trans*Schwangerschaften und inter*Körper verbunden.“ Ehrlicher wäre zu sagen: Es geht nicht nur um Debatten, sondern um konkrete Tatsachen: Nur notdürftig verschleiert wird, dass es de facto um Abtreibungen und Leihmutterschaften geht, die beide im Kontext queerer reproduktiver Selbstbestimmung als Selbstverständlichkeit eine Rolle spielen. Hier berühren sich offensichtlich die Abtreibungslobby und die queere Community. – Wer in Bezug auf CSD und LGBTIQ-Community am liebsten von einer offenen, respektvollen, von Liebe geprägten, freiheitlichen Gesellschaft spricht, will vermutlich hier nicht so genau hinschauen.

„Kollateralschäden“ der sexuellen Freizügigkeit

Bernhard Meuser illustriert in seinem Buch „Freie Liebe : Über neue Sexualmoral“ von 2020 in einem Kapitel sehr eindrücklich die latent vorhandene Gewalt, indem er von einem Freund aus den 70er Jahren erzählt, den man als Bisexuellen durchaus der damals noch nicht so genannten queeren Szene zuordnen kann: „Mein Freund hatte erlebt, wie die neue Option von nichtrepressivem Sex mit wechselnden Partnern und Geschlechtern durch die Empirie verhagelt wurde: ‚Du kannst noch so gut verhüten; aber bei Sex entstehen nun mal Kinder. So war es auch in meiner Clique. Plötzlich kam ein dramatischer Ton in das freie Spiel: Jemand war schwanger, was für eine Katastrophe! Ein Kind – das durfte nicht sein. Dann waren es oft die Männer, die – übrigens höchst repressiv – auf einer Abtreibung bestanden. So jedenfalls lief es meistens.“ Der Freund bringt es auf den Punkt: „Für freie Liebe muss man Kinder töten.“ (S. 338) – Ohne irgendjemandem irgendetwas zu unterstellen, erscheint mir angesichts der Tatsache, dass es auch 50 Jahre später bekanntermaßen keine hundertprozentige Verhütung gibt, die Frage berechtigt, ob man diese kritische Reflexion einfach als Schnee von gestern abtun kann. Oder ob man nicht auch heute die Zeugung von Kindern und deren Tod billigend, quasi als Kollateralschaden der sexuellen Freizügigkeit, in Kauf nimmt. Falls ja: Alles keine Toten, für die die Öffentlichkeit mit Tränen in den Augen Kerzen, Blumen und Kuschelteddys bereit hält. Aber doch getötete Menschen. Tolerante, hass- und gewaltfreie Regenbogen-Community? Wer’s glauben will, muss schon naiv sein. Oder bewusst wegschauen. Oder Bischof in Deutschland sein.

Verarschung und Verachtung

Es geht nicht darum, hier Täter-Opfer-Umkehr zu betreiben oder den in Berlin Geschädigten die Verantwortung für irgendwas zu unterstellen. Aber genauso wenig kann aus der Tatsache des Verletzt- oder Getötet-worden-Seins das Schwarz-Weiß-Narrativ der pauschalen Friedfertigkeit abgeleitet werden, aus dem dann Ansprüche auf besonders pfleglichen Umgang abgeleitet werden. Wenn, wie ein auf TikTok von @gristantill hochgeladenes Video (den Link spare ich mir) zeigt, beim CSD-Umzug in Berlin ein Mann vom Wagen herunter sein entblößtes Hinterteil dem Publikum präsentiert, ist das ein Zeichen von Verarschung im wörtlichen Sinn – und von tiefer Verachtung der normativen Hetero-Welt gegenüber, aber sicher nicht von Würde und Friedfertigkeit, die Aufmerksamkeit verdient hätten.

Zweierlei Maß an Solidarität

OutInChurch beklagt am 27.7. in einer Stellungnahme ebenfalls das Schweigen der Bischöfe – freilich in völlig anderem Kontext als oben: „Mit großer Enttäuschung nehmen wir wahr, dass viele Verantwortliche unserer katholischen Kirche, Bischöfe und andere Leitungspersonen, erneut schweigen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, fehlt ein klares Wort der Solidarität mit queeren Menschen in dieser schwierigen Situation. Dieses Schweigen ist nicht neutral. Es vermittelt vielen Betroffenen einmal mehr den Eindruck, dass ihre Angst, ihre Würde und ihr Leben nicht die gleiche Aufmerksamkeit verdienen wie die anderer.“ Der Text wird auf der Homepage der Dominikaner in Braunschweig übernommen, dort unterzeichnet von Jens Ehebrecht-Zumsande.

Solidarität als edel klingender, hochmoralischer Fahnenbegriff scheint sich von selbst zu verstehen. Solidarität muss sein, wenn es um die Schwächsten und Ärmsten geht. Die Frage ist, wie weit die hier gemeinte Solidarität reicht. Erstreckt sie sich auch auf Menschen, die durch Leihmutterschaft versklavt und traumatisiert werden? Auf junge Menschen, die durch den von der LGBTIQ ausgelösten Sozialdruck in existenzielle Identitätskrisen geraten? Oder reicht die eingeforderte Solidarität nur bis zur Kerngruppe der Wortführer*innen, allenfalls bis zum Rand der eigenen Community? Dass es auch neben und gegen diese Community eine berechtigte Solidarität gibt, wird pauschal in Abrede gestellt. Und die Gegenfrage sei erlaubt: Wie steht es mit der Angst, der Würde und dem Leben von Menschen, die der Ideologie der Community – z.B. dem Anspruch, dass schwule und lesbische Paare genauso Kinder haben dürften und könnten wie heterosexuelle Paare (s.o.) – zum Opfer fallen? Vielleicht muss es hier für alle wiederholt werden, die immer noch glauben, der Klapperstorch bringe die Kinder: Ein schwules Paar kann Kinder nur mit Hilfe von Leihmüttern zeugen, ein lesbisches Paar nur mit Hilfe einer Samenspende. Die Entfremdungstraumata von Leihmüttern und Kindern sind quasi vorprogrammiert. Es lohnt, die Erfahrungen von Olivia Maurel nachzulesen und nachzuhören.

Einfluss von OutInChurch auf die DBK

Aber offensichtlich funktionieren die Solidaritäts- und Hilfsbedürftigkeits-Narrative der queeren Szene und zwar bis in die Bischofskonferenz hinein. Schepers, Koch, Kohlgraf und Heße (die Aufzählung ist vermutlich unvollständig) biedern sich der kulleraugenden, regenbogenbunten Community an, als wär’s die neue Unschuld vom Lande. Sie zeigen, auf wessen Seite sie stehen: nicht auf der Seite des Lebensschutzes, denn zum Thema Leihmutterschaft haben sie geschwiegen, wohl aber auf der Seite der Queer-Community, denn deren Gejammer nehmen sie wohlwollend und devot auf. Ich nenne es bewusst Gejammer, denn die Klage, zu wenig beachtet zu werden, ist wie oben gezeigt und bei Licht betrachtet Theatergeheule, Jammern auf hohem Niveau. Es ist der Organisation OutInChurch durchaus bewusst, welchen Einfluss sie seit Jahren schon auf die DBK hat. Der Mitinitiator von OutInChurch, Jens Ehebrecht-Zumsande, zumindest bis 2025 Leiter des Grundlagenreferates „Kirche in Beziehung“ im Erzbistum Hamburg, gibt das in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt am 4.4.2025 klar zu erkennen: Er kann sich auf die Unterstützung von Bischof Heße verlassen. Und er freut sich über die Einflussnahme von OutInChurch auf die DBK: „Wir haben dazu beigetragen, dass das katholische Arbeitsrecht geändert wurde. Im November 2022 verabschiedeten die deutschen Bischöfe auf der Vollversammlung des Verbandes der Diözesen in Deutschland eine novellierte Grundordnung des kirchlichen Dienstes, wonach der ‚Kernbereich privater Lebensgestaltung, insbesondere Beziehungsleben und Intimsphäre‘ rechtlicher Bewertung entzogen wird und Familienstand sowie Beziehungsleben weder bei der Einstellung noch bei der Kündigung kirchlicher Mitarbeiter von rechtlicher Bedeutung sind. Weder das freiwillige Outing als bi-/homosexueller Mitarbeiter noch das Eingehen einer gleichgeschlechtlichen Ehe am Standesamt oder die Wiederheirat nach Scheidung sind ein Einstellungshindernis oder ein arbeitsrechtlicher Kündigungsgrund.“ – Ich zitiere so ausführlich, um an dem Beispiel zu zeigen, wie groß der Einfluss von OutInChurch auf die Bischöfe schon seit Jahren ist. Man könnte auch vermuten: Die DBK hat sich mit der Änderung der Grundordnung in eine Abhängigkeit von OutInChurch begeben. Mit dieser Änderung der „Grundordnung“ haben die Bischöfe jedes Instrument aus der Hand gelegt, als kirchliche Arbeitgeber noch Einfluss zu nehmen auf die Lebensführung ihrer Mitarbeiter. Als ob Sein und Handeln nichts miteinander zu tun hätten und persönliche Lebensführung und Ausübung eines missionarischen Auftrags sich beliebig trennen ließen. Was OutInChurch hier – wenn auch nicht allein, aber maßgeblich – erreicht hat, ist ein Meilenstein in der Erosion der Glaubwürdigkeit der Kirche. Den die Bischöfe entweder nicht durchschaut haben oder warum auch immer nicht aufhalten konnten. Jedenfalls herrscht im kirchlichen Arbeitsrecht inzwischen ein Geist, der mit der Einheit von Leben und Handeln nichts mehr zu tun hat. Jeder Religionslehrer weiß, dass Schüler eine solche Diskrepanz schnell durchschauen und der Lehrer seine Autorität verliert. Bei den Bischöfen ist diese grundlegende Erkenntnis einer glaubwürdigen Pädagogik verloren gegangen.

Heidnisches Party-Hochamt der sexuellen Vielfalt

Die Aufmerksamkeit für die LGBTIQ-Community ist auch in der Öffentlichkeit da, man muss nur einen Blick in die jüngste Berichterstattung und Kommentierung der Medien werfen. Das moralische Klagerecht über fehlende Aufmerksamkeit liegt jedoch nicht bei OutInChurch oder verwandten Initiativen und Verbänden, sondern viel mehr bei jenen Organisationen und Personen, die weniger im Rampenlicht stehen bzw. gerade durch LGBTIQ ausgegrenzt werden (s.o.), weil sie im Widerstand zur öffentlich-opportunen Meinung eine katholisch-kirchliche Anthropologie vertreten, während die Initiative OutInChurch nichts anderes ist als die kirchliche Variante einer säkularen Bewegung. OutInChurch (und manche anderen angeblich katholischen Verbände) feiern den CSD, das heidnische Party-Hochamt der sexuellen Vielfalt, wie jede*r x-beliebige LGBTIQ auch. Sollen sie. Aber von Bischöfen erwartet man als Katholik genaueres Hinschauen und mehr Unterscheidungsvermögen. Und nicht das pöbelhafte Abwatschen eines etwas unbeholfenen 86-jährigen Kritikers des CSD, wie es Bischof Gerber bzw. sein Ordinariat gemacht haben. In der Öffentlichkeit kommt das gut an, kirchlich gesehen zeugt es von mangelnder Kritikfähigkeit in mehrfacher Hinsicht.


Franz Grunewald
Jg. 1960, Diplomtheologe nach Studium in Münster und Freiburg, bis 2026 Lehrer für Deutsch und katholische Religion am Gymnasium Ursulaschule in Osnabrück, zuvor berufstätig in Zürich, Dortmund und München. Kinderlos verheiratet. Leitspruch: “Dienen heißt den unteren Weg gehen!”


Beitragsbild: Peter Esser

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