Wie ist es dahin gekommen?

Wie kann es zu Entgleisungen kommen wie dem Papier der kfd zum §218? Franz Grunewald beschreibt das Phänomen und geht drei Möglichkeiten einer Erklärung nach. Sie ergänzen sich: Das systematische Einschmuggeln einer Agenda des radikalen Umbaus in die Kirche, die Machtansprüche neuzeitlicher Subjektivität und nicht zuletzt der geistliche Mangel eines tiefen Mitschwingens und Mitfühlens mit der Kirche.

Un- und Antikatholisches – mitten aus der Kirche: Das Phänomen

Nach der Veröffentlichung des Positionspapiers „Zwischen Lebensschutz und Selbstbestimmung: Positionen und Perspektiven der kfd zu § 218 StGB“ am 8.6.2026 hat Martin Grünewald in diesem Blog am 12.6. bereits berechtigte Zweifel an der Katholizität der kfd geäußert. Altbischof Algermissen präzisiert am selben Tag:

„Dass ein katholischer Verband allen Ernstes die Forderung erhebt, dass vorgeburtliche Kindstötungen ,auch in katholischen Krankenhäusern möglich sein müssen‘, ist völlig inakzeptabel und geradezu unerträglich.“

Und es gibt noch mehr Theologen, die gravierende Defizite des Papiers aufzeigen. Es stellt sich die Frage, wie bei einem Bundesvorstand, dem drei Theologinnen und ein Theologe angehören, solche Irrwege gegangen werden. Die Frage steht in einem größeren Kontext. Im Februar 2021 publizierte der BDKJ Rottenburg-Stuttgart ein „Positionspapier zu sexueller Vielfalt und Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche“, worin von der Kirche die Akzeptanz queerer Lebensentwürfe, Regenbogenfamilien sowie moderne Sexualmoral erwartet wird. Schon ein paar Jahre vorher hatte der BDKJ angeregt, überholte Traditionen wie etwa das Sonntagsgebot zu hinterfragen bzw. abzuschaffen. Dennoch behauptet der Verband, Teil der katholischen Kirche zu sein, die Kirche aber von innen heraus modernisieren und für junge Menschen attraktiv machen zu wollen. Ähnlich die kfd für Frauen. Die organisatorischen Spitzen dieser Verbände bilden das ZdK. Deren Vorsitzende Stetter-Karp äußerte am 16.4.2024 in einem Interview mit dem Deutschlandfunk eine Position, die derjenigen der kfd genau entspricht, wobei das Selbstbestimmungsrecht der Frau an erster Stelle, der Schutz des ungeborenen Kindes mit einem „aber“ als Einschränkung erst an zweiter Stelle genannt wird:

„Für das ZdK bleibe es entscheidend, dass man das Selbstbestimmungsrecht der Frau respektiere, bestimmte Rahmenbedingungen zum Schutz des ungeborenen Kindes aber für weiterhin notwendig halte“ (zitiert nach katholisch.de).

In allen diesen Organisationen haben Leute das Sagen, die für sich qua Wahl Repräsentanz beanspruchen, ihre Funktion aber vielfach so gebrauchen, dass sie nicht dem Willen der Mitglieder entspricht. Nicht umsonst ist die kfd binnen weniger Jahre massiv geschrumpft, sicher nicht nur aus demografischen Gründen. Der BDKJ behauptet seit etlichen Jahren, 660.000 Mitglieder in den Mitgliedsorganisationen zu haben, historische Vergleichsdaten fehlen.

Ob Maria 2.0, Out-in-church, BKRG (Bundesverband der katholischen Religionslehrer und -lehrerinnen e.V.), aus dem ich bereits 2019 unter Protest ausgetreten bin, überall werden seit Jahren Statements und Papiere verfasst, die offen die Kirchenleitungen angreifen und der Lehre der Kirche widersprechen. Unkatholische Positionen von angeblich katholischen Dachverbänden und Spitzenvertretern zuhauf. Die Aufzählung von Beispielen ließe sich beliebig fortsetzen. Das sind nicht hilfreich gemeinte und berechtigte kirchenkritische Äußerungen, sondern Positionen, die im klaren Widerspruch zur Haltung der Kirche insgesamt und zu Klarstellungen durch mehrere Päpste stehen. Die schon seit vielen Jahren, gar Jahrzehnten anhaltende innerkirchliche Zerrüttung führt keineswegs – wie von den Verbänden regelmäßig behauptet – zu einer wachsenden Integration bestimmter Zielgruppen, sondern befördert die kirchliche Frustration und Kirchenflucht, ob man es bei der kfd, beim BDKJ oder anderswo wahrhaben will oder nicht.

Wie kann das sein?

Mich beschäftigt die Frage: Wie kommt es dazu, dass das ZdK und seine Verbände trotz des Labels „katholisch“ mehrheitlich Positionen vertreten, die nicht im Sinne der Kirche sind? Und das mit einer Wucht, die auch manche Bischöfe hat resignieren lassen, so dass sie im Prozess des Synodalen Weges dem unkirchlichen Geist nichts mehr entgegenzusetzen wussten. Mehrheitsentscheidungen gegen die Kirche sind im deutschen Verbandskatholizismus an der Tagesordnung und mittlerweile sogar innerhalb der DBK salonfähig. Woher kommen die entsprechenden Mehrheiten? Woher die verbreitete Übereinstimmung in der anti-katholischen Haltung?

Eine eingeschmuggelte Agenda?

Ein erster Antwortversuch: Das Phänomen gibt es schon länger auch in der politischen Welt. Manche Parteiangehörige orientieren sich in ihren Äußerungen nicht an der Linie der eigenen Partei, sondern nutzen die Partei als organisatorische Plattform zur Durchsetzung eigener Interessen. Wenn das planvoll und in größerem Stil passiert, spricht man von Entrismus oder auch Enterismus, einer gezielten Unterwanderung einer Partei. Der Begriff leitet sich ab von franz. „entrer“ oder engl. „entry“ für „eintreten“ und meint ursprünglich eine „von kommunistischen, vor allem trotzkistischen Organisationen angewandte Taktik des gezielten Eindringens in Organisationen“ mit dem Ziel, „von innen heraus Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen, die eigene Ideologie zu verbreiten, [oder] den Kurs der Organisation zu verändern“ (Zitat aus: Wikipedia-Artikel „Entrismus“). Ein prominentes historisches Beispiel ist die Naumann-Affäre in den frühen 50er Jahren, in der eine Gruppe von alten Nazifiguren versuchte, vor allem die FDP nach rechts zu verschieben. Der Versuch scheiterte im Januar 1953. Aktuell sieht sich das BSW parteiinternen Kräften ausgesetzt, die nicht dem Sensus der Partei entsprechen. Die Partei lässt daher die eigenen Kandidaten eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, in der sie sich schriftlich verpflichten, die programmatischen Ziele, Beschlüsse und politischen Leitlinien des BSW aktiv zu vertreten und umzusetzen (vgl. FAZ 10.4.2026). Entrismus ist also als strategisches Vorgehen zu verstehen, eine Partei oder Organisation von innen heraus umzukrempeln.

Verbürgte Nachweise für entsprechende Strategien innerhalb der kirchlichen Verbände liegen mir nicht vor. Wohl aber das Erzählen eines Priesters, der schon vor vielen Jahren von systematisch aufgebauten, im Grunde kirchenfeindlichen Seilschaften in seinem Generalvikariat berichtete. Aus einer Pfarrgemeinde wurde mir berichtet, dass für die Wahl in den PGR Absprachen getroffen wurden, um durch strategisches Wahlverhalten bestimmte Kandidaten durchzusetzen. Auch wenn man nicht im Vollsinn von Entrismus sprechen kann: Dass in der Besetzung von Führungspositionen in den Verbänden – trotz vorgeblicher Demokratie – das sich bietende Manipulationspotential auch tatsächlich genutzt wird, ist kaum von der Hand zu weisen. Dass das ZdK sich zu Unrecht als demokratisch bezeichnet, hat Martin Grünewald bereits aufgezeigt. Hauptamtliche, aber auch Ehrenamtliche in den kirchlichen Verbänden gelten als kirchliche Mitarbeiter, für die das kirchliche Arbeitsrecht, die „Grundordnung des kirchlichen Dienstes“ vom 22.11.2022 gilt. Mit dieser „Grundordnung“ sind „viele Regelungen zu den Loyalitätspflichten kirchlicher Beschäftigter […] weggefallen“, nicht zuletzt werden private Lebensführung und kirchlicher Dienst darin klar getrennt. Auch wenn ein kirchlicher Mitarbeiter nicht gemäß den im  Katechismus der Katholischen Kirche festgeschriebenen kirchlichen Vorgaben lebt, darf dadurch das Arbeitsverhältnis nicht beeinträchtigt werden. Inzwischen ist nach einem Urteil des EuGH vom 17.3.2026 auch der Kirchenaustritt allein kein Grund mehr zur Kündigung eines kirchlichen Arbeitsverhältnisses. Wen wundert es da noch, dass sich in den Verbänden ein un- bzw. antikirchlicher Geist breit macht, der anderen Interessen folgt als denen der Kirche? Was im lokalen Bereich funktioniert, funktioniert auch auf Verbandsebene. Die Cancel culture tut ihr Übriges. Für kirchenferne Meinungen und Positionierungen lassen sich rechtzeitig geplant hinreichende Mehrheiten organisieren. Das ist die organisatorische Seite der Meinungsbildung.

Machtansprüche des (neuzeitlichen) Subjekts

Eine zweite Antwort: Helmut Müller hat kürzlich aufgezeigt, dass seit Descartes‘ berühmtem Satz „Cogito, (ergo) sum“ das Ich sich in der Türangel der Neuzeit um sich selbst dreht. Wo es sich um sich selbst dreht, definiert es von sich her die Welt und die Weltdeutung. Seine Fortsetzung fand dieser Ansatz bei Kant und Nietzsche: „Im Denken Kants und Nietzsches begegnet also noch wie fernes Wetterleuchten das zweifelnde und kritische Aufstoßen der Tür zur Neuzeit durch Descartes, durch das dann ein mehr oder weniger nacktes Ich in eine neue Zeit tritt.“ Die Initialzündung liefert das „Cogito, ergo sum“. Wie sich aus dem Axiom des cogito (von lateinisch „cogitare“: denken, überlegen) das Sein ableitet, so hört das moderne denkende Ich nicht auf, aus der Konstatierung des eigenen Daseins weiteres abzuleiten – nicht nur Selbstbehauptungsansprüche, sondern auch Machtansprüche. Dass der biblische Glaube die Verhältnisse komplett auf den Kopf stellt und völlig anders begründet, geht in dieser Sichtweise unter. Im ersten Johannesbrief heißt es: „Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat.“ (1 Joh 4,19) Dieser Satz setzt in der Selbstvergewisserung nicht bei der puren Existenz und nicht beim Ich an, sondern bei der Ich-Du-Beziehung des Menschen, die nach Martin Buber (1878-1965) die Identität des Menschen ausmacht. Die Moderne ist jedoch eher bei der Erkenntnistheorie René Descartes‘ – und geht noch darüber hinaus. Der französische Philosoph Michel Foucault (1926-1984) bricht dieses Fundament auf: In seiner Philosophie wird das denkende „Ich“ nicht als naturgegebene Wahrheit betrachtet, sondern als ein historisch wandelbares Produkt von Machtstrukturen und Diskursen. Während es bei Descartes noch eine objektive Wahrheit gibt, die durch methodischen Zweifel und klare, evidente Ideen für den Verstand greifbar wird, gilt bei Foucault: Es gibt keine absolute Wahrheit außerhalb von Machtstrukturen. Jede Epoche hat ihr eigenes „Wahrheitsregime“. In dieses Wahrheitsregime unserer Zeit gehören für Theologen wie für Verbandsverantwortliche etwa der kfd die Erkenntnisse der Humanwissenschaften und Sozialwissenschaften, auf die in Fragen der Gleichberechtigung, der Sexualethik, des Lebensrechts und der Abtreibung, des Zölibats etc. immer wieder verwiesen wird. Daneben ist – gemäß Foucault – kein Platz für absolute Wahrheit, an der jedoch der Glaube festhält. In einfacherer Form ist dieser Gedanke der Aufklärung jedem bekannt, der Lessings „Nathan“ und dazu seine Streitschrift „Eine Duplik“ gelesen hat: Es gibt für den Menschen keine absolute Wahrheit, sondern nur die Suche danach. Freilich ist Lessing noch kein Konstruktivist. Die Wirkung eines Denkens, das nicht von der Offenbarung bzw. der Beziehung im Sinne Bubers, sondern vom Ich ausgeht, das zudem die permanente Neukonzeption von Wahrheit annimmt, darf auch für kirchliche Verbandsarbeit nicht unterschätzt werden. Der Konstruktivismus ist, weil er leicht popularisiert werden kann, eine sehr wirkmächtige Denkweise der Gegenwart. Hinter zahlreichen Positionspapieren von kirchlichen Verbänden steht diese Einstellung, die sich wiederum scharf absetzen will von denen, die an einer gläubigen, sich von Gott her verstehenden Weltsicht festhalten. Nur so ist die scharfe Attacke am Ende des Positionspapiers der kfd zu verstehen. Diese Haltung beim ZdK nachzuweisen, ist hier überflüssig, weil evident und schon mehrfach geschehen. Die Machtfrage ist für das ZdK zentral – bis hin zur offenen Konfrontation mit Rom. Und sie macht blind für das Proprium der Kirche. Ganz in diesem Sinne sieht Kardinal Kasper in einem Interview mit domradio.de vom 14.6.2026 „Defizite im theologischen Diskurs in Deutschland“ und kritisiert eine „christologievergessene Theologie“. Der 93-Jährige plädiert für eine Rückbesinnung auf die christlichen Wurzeln. Was nichts anderes heißt als eine Perspektivumkehr, ein Aufruf zur Umkehr an die deutsche Theologie und wohl auch die damit verbundene Arbeit in den katholischen Verbänden.

Zuerst und zuletzt: ein fundamentaler geistlicher Mangel

Eine dritte Antwort: Mit der Ignatianischen Formel „sentire cum ecclesia“ (zu Deutsch: empfinden mit der Kirche, denken im Sinne der Kirche) kann kaum noch jemand etwas anfangen, sie scheint vollkommen an Bedeutung verloren zu haben. Man spürt das Fehlen in allen Positionspapieren und Protestbekundungen des ZdK wie der Verbände. Dabei könnte es ein dringend notwendiges Korrektiv in der Flut der Kirchenkritik und Kontrapunkt zur Ich-Wende sein. Der Spanier Ignatius von Loyola (1491-1556) formulierte dieses Prinzip des sensus ecclesiae in einer Zeit größter, nicht zuletzt selbst verschuldeter Not der Kirche im 16. Jahrhundert, in der in Deutschland und einigen Nachbarländern die Reformationsbewegungen verschiedener Reformatoren schnell an Zulauf gewannen.

„Indem wir jedes eigene Urteil beiseite setzen, müssen wir unseren Geist bereit und willig halten, in allem der wahren Braut Christi unseres Herrn zu gehorchen, die da ist unsere heilige Mutter, die hierarchische Kirche.“
(
Ignatius v. Loyola: Geistliche Übungen, aus den Regeln über die rechte kirchliche Gesinnung, 1522-1524).

Das sentire cum ecclesia würde sicher falsch verstanden, wenn darin eine naive Verklärung selbst der Schattenseiten der Kirche gesehen würde. Oder wenn man darin gar ein Verbot der Kirchenkritik vermuten würde. Ignatius war sich der Schwächen der Kirche seiner Zeit bis in die Details bewusst und war alles andere als naiv. Aber er war sich zugleich darüber im Klaren, dass eine Erneuerung der Kirche nur innerhalb der Kirche, nur in der Tradition der Kirche und nur in Freude an der Kirche geschehen kann. Genau diese Haltung hat wesentlich zur Erholung und innerkirchlichen Reform der katholischen Kirche des 16. und 17. Jahrhunderts beigetragen. Man vergleiche damit die Haltung und Tonlage des ZdK und der zugehörigen Verbände heute.

Armin Schwibach referiert auf kath.net eine Predigt von Papst Franziskus vom 30.1.2014, die sich nachzulesen lohnt, weil sie die Relevanz des Prinzips für die Gegenwart anspricht: „Der sensus Ecclesiae, die kirchliche Gesinnung bestehe gerade darin, in der Kirche zu spüren, zu denken, zu wollen. Der Papst erläuterte drei Säulen dieser Zugehörigkeit, dieses sentire cum Ecclesia. Die erste Säule sei die Demut, im Bewusstsein der großen Gnade, in eine Gemeinschaft eingegliedert worden zu sein. […] Als zweite Säule nannte Franziskus die Treue, die mit dem Gehorsam verbunden werden müsse. […] Die dritte Säule bestehe in einem besonderen Dienst: im Dienst des Gebets für die Kirche.“ – Von wem will man in diesem Sinne noch den Sensus Ecclesiae erwarten, wenn Verbandsmitglieder die Kirche von außen betrachten, weil sie gar nicht mehr dazugehören? Wenn ihnen modernes ich-bezogenes Denken und Empfinden sehr viel näher liegt als kirchliche Traditionen? Oder auch: wenn ihnen niemand Katechesen gehalten hat, die eine Liebe zur Kirche vermitteln?

Um die Metapher von Helmut Müller noch einmal aufzugreifen: Statt „sich in der Türangel des Denkens der Neuzeit zu drehen“ bedeutet „sentire cum ecclesia“, dass das im Sinne der Kirche fühlende, denkende und sich äußernde Ich sich durch eine andere Tür bewegen muss bzw. eher darf. Jesus sagt in seiner Rede vom guten Hirten:

„Ich bin die Tür. Wenn jemand durch mich hineingeht, wird er gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.“ (Joh 10,9)


Franz Grunewald
Jg. 1960, Diplomtheologe nach Studium in Münster und Freiburg, bis 2026 Lehrer für Deutsch und katholische Religion am Gymnasium Ursulaschule in Osnabrück, zuvor berufstätig in Zürich, Dortmund und München. Kinderlos verheiratet. Leitspruch: “Dienen heißt den unteren Weg gehen!”


Beitragsbild: Peter Esser

Post drucken

Melden Sie sich für unseren Newsletter an