… und in welcher die Neuzeit? Ist es also eine Drehtür, in der ich mitgedreht werde, also nicht selbstbestimmt, in einer Wolke von Überzeugungen, deren Drehpunkt mir gar nicht bewusst ist? Helmut Müller lädt ein, darüber nachzudenken, was es heißt, sich in der Türangel des Denkens der Neuzeit zu drehen und nennt einen Ausweg.
Das gott- und weltlos gewordene abendländische Ich dreht sich um sich selbst
Von Nietzsche ist das Wort überliefert: „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit“ und damit meint er, die Welt in seinem Ich in zwei Hälften geschossen zu haben, und zwar in eine Welt vor ihm und nach ihm. Allerdings wird vor Nietzsche noch ein anderer Name genannt, um dessen Ich sich die Welt zu drehen scheint: Kant. Kant gruppiert um sein Ich Gott und die Welt in drei Fragen: Was kann ich wissen? Wie soll ich handeln? Was darf ich hoffen? In der katholischen Theologie wird daher wie in einem Refrain von vor und nach Kant gesprochen und der Vernunftbegriff in seinen Kritiken regelrecht gefeiert. Eine Frau, die Kärntner Adlige Maria von Herbert, hatte schon zu Kants (38′) Lebzeiten erkannt, dass dieser von allen Bezügen losgelöste Vernunftbegriff eine Leib- und Lieblosigkeit im ethischen Denken zur Folge hatte.
Die Tür zur Neuzeit hat vor beiden Denkern der modernen Ich-Verangelung allerdings ein anderer aufgestoßen: René Descartes. In seinem Ich denke, also bin ich dreht sich die Türangel der Neuzeit, sodass man von einem Davor und Danach spricht bis hinein in die aktuellen Auseinandersetzungen um den Autonomiebegriff, der sich von Gott und Natur gefährlich unabhängig machen möchte und wahrhaftig eine Pirouette um sich selbst zu drehen scheint. Jüngst hat der Wiener Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger in einem umfangreichen Artikel in Communio Die Bibel queer lesen darauf aufmerksam gemacht, welche Auswirkungen dieses Verständnis von Autonomie auf Bibel- und Kirchenverständnis haben kann.
Paradoxerweise hat mit Descartes jemand die Tür zur Neuzeit aufgestoßen, der noch in „Altzeit“ eine Wallfahrt nach Loretto machte, um für die Überwindung von Glaubenszweifeln zu danken. Allerdings beginnt er nicht lange danach wieder zu zweifeln – ein Zweifeln, das alles philosophische Denken nach ihm bestimmen sollte. Für Kant hat er damit das Tor zu dessen „kritischer“ Vernunft aufgestoßen. Und Nietzsche gibt dann dem Gott, den Descartes noch braucht, den Todesstoß. Für Descartes ist Gott nämlich noch notwendig, um die beiden Wirklichkeiten, in seinem Ich, als denkendes Ding (res cogitans) und dem ausgedehnten Etwas (res extensa), die Welt, zusammen zu halten: Gott ist tot, triumphiert dann Nietzsche, um nicht aushalten zu müssen, kein Gott zu sein, wie er sich einmal ausdrückte.
Im Denken Kants und Nietzsches begegnet also noch wie fernes Wetterleuchten das zweifelnde und kritische Aufstoßen der Tür zur Neuzeit durch Descartes, durch das dann ein mehr oder weniger nacktes Ich in eine neue Zeit tritt. Der japanische Philosoph Keiji Nishitani (*1900 – +1990) hat das als fernöstlicher Beobachter der okzidentalen Philosophie wunderbar auf den Begriff gebracht: „Jedes Ich wurde zu einer einsamen Insel, die auf einem Meer toter Materie trieb, und gezwungen war, in der Abgeschlossenheit ihrer selbst zu verharren. Das Leben verschwand aus der Natur und den natürlichen Dingen und hörte auf, das lebendige Band zu sein, das den Menschen und die Weltdinge im Grunde zusammengehalten hatte.“ Ebenso verschwindet Gott aus dem Leben, vor allem in der Theologie, etwa von Magnus Striet. Wie ist es dazu gekommen?
Das Ich in Kerkerhaft
In Descartes‘ berühmten „Cogito, (ergo) sum“, im denkenden Ich, dreht sich also die Angel der Tür zur Neuzeit, zumindest im Abendland. Das klingt so, als hätte sich Descartes mit seiner Dankwallfahrt nach Loretto von der Metaphysik der Antike, von Plato und Aristoteles und der des Mittelalters, vor allem von Thomas, verabschiedet, aber auch von der Welt um ihn herum. Er ist dann komplett nur noch in der Subjektivität des eigenen Ichs verankert oder „verangelt“, wenn ich das mal so prononciert sagen darf. Der zeitgenössische Vorwurf des Atheismus ist sicherlich überzogen, die Zäsur, die dieses Axiom aber in der philosophia perennis markiert hat, darf man schon so deuten.
Ein Theologe kann diese Wende in formalen Denkkategorien ruhig mitmachen, allein um ernst genommen zu werden, wenn ihm bewusst ist, dass sich sein Denken und sein Ich weiterhin substantiell in einer anderen Angel bewegen, nämlich im „amor, ergo sum“. Ich werde geliebt, also bin ich. Und dann verwandelt sich die Welt: In dieser Ultrakurzfassung des christlich-jüdischen Gottesverständnisses besitzt man nämlich den Schlüssel zur Zellentür des cartesischen Gefängnisses, aus dem der kontinentale neuzeitliche Denker in seiner Ichfixierung, um nicht zu sagen auf seinem Egotrip, in die Welt blickt und seit Descartes in diesem Kerker schmachtet. Mit transzendentalen, analytischen, sprachpragmatischen, konstruktivistischen und dekonstruktivistischen Befreiungsversuchen rüttelt die kontinentale neuzeitliche Philosophie an den Gittern des unter assertorischen (Gewissheits-)Zwängen selbst gewählten Gefängnisses. Rätsel will man unbedingt lösen und Geheimnisse hält man nicht aus; allem voran das Geheimnis des Glaubens.
Die Welt in der Kerkerhaft des Ichs
Auch die angelsächsische Philosophie ist nicht besser dran, wenn man Willard van Orman Quine glauben mag. Ihr empirischer Ansatz ohne etwa die finalen Bezüge des Empirikers (!) Aristoteles scheint regelrecht wegzubrechen. Lapidar erklärt er: „Die gesamte Wissenschaft ist ein Kraftfeld, dessen Randbedingungen Erfahrungen sind.“ Die Wissenschaftslogik eines solchen Ichs und was diese Logik als Erfahrung zulässt, bestimmt, was von Welt und Natur wahrgenommen wird. Die Wissenschaften drohen in einem Overkill von Theorien, ihre Gegenstände in ihrem Schießschartenblick auf die Welt zu verlieren. Ich erinnere mich an eine Tagung, die 1984 in Ottobeuren unter dem Thema Wissenschaft und Wirklichkeitserfahrung stattfand. Die Themen der einzelnen Referenten hießen: Psychologie ohne Seele, Pädagogik ohne Kinder, Medizin ohne Mensch, Biologie ohne Leben, Ethik ohne Ethos, Theologie ohne Gott. Ein herrschaftlicher, die Natur zwingender Baconscher Begriff von Rationalität, der in der Moderne so geschärft wird, dass schließlich mit dem sogenannten Bart der Metaphysik auch alle Finalitäten rigoros abgeschnitten werden, verdeckt das Herkünftige der Welt und auch alle finalen Gerichtetheiten in derselben. Die Biowelt wird marginalisiert, eine hochgradig konstruktivistische Welt- und Wirklichkeitssicht, siehe das Extrem Genderstudies, nicht zu vergessen der Transhumanismus, weckt titanische Allmachtphantasien, wozu ein so begriffenes Ich sich berufen fühlt. All das war schon im Begriff Descartes‘ vom Menschen als maîtres et possesseurs de la nature (Herren und Meister der Natur) angekündigt.
Die eingekerkerte Natur schlägt zurück
Ein Biovirus namens Covid 19, ausnahmsweise mal kein Computervirus, sondern einer aus der Welt, die man gänzlich zu beherrschen meint, also kein Artefakt, zeigt mehr als deutlich die Grenzen dieses wesentlich konstruktiven Philosophiedesigns auf. Wer hätte gedacht, dass uns die Natur noch einmal mehr Probleme bereitet, als wir ihr? Wir wollen sie ja vor unseren technischen Eingriffen schützen, seien es die Ozeane, die Atmosphäre, die Lithosphäre und Biosphäre – leider, wenn ich an Gender denke, weniger die eigene Natur, dafür aber noch die Noosphäre (Sprach- und Geisteswelt) mit Gedanken- und Sprachmüll sondergleichen verschmutzen.
Amor ergo sum – der Befreiungsschlag des geschöpflich begriffenen Ichs
Nachmetaphysisches Denken – ein typisches Produkt der Moderne und von religiös Unmusikalischen entworfen, befreit zwar die Lebenswelt aus dem Griff der sog. Expertenkulturen, erkennt die Lebenswelt aber nicht mehr als einen Raum, in dem das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat und zu uns spricht. Laut KI bezeichnet nachmetaphysisches Denken bei Jürgen Habermas eine Form philosophischer Reflexion, die sich von traditionellen metaphysischen Ansprüchen auf ein transzendentes Sein löst und stattdessen die Lebenswelt, Sprache und kommunikative Vernunft in den Mittelpunkt stellt. Oder für unsere Überlegungen konkret: Die Lebenswelt ist die Welt, in der jeder von uns als Kind groß geworden ist und die sich zwischen Naseputzen und Einkaufengehen erstreckt, während mit Expertenkulturen gemeint ist, was auf der Ottobeurer Tagung auf den Begriff gebracht worden ist und zum Verlust der Lebenswelt führen kann. Andererseits hat Nachmetaphysisches Denken den cartesischen Kerker in einer Art und Weise abgeriegelt, wie es Descartes sicherlich nicht wollte. Descartes hatte noch einen Platz für Gott reserviert. In dieser Lebenswelt, in die wir geboren und in der wir sterben werden und unsere ganz alltäglichen Dinge verrichten, kann noch ein anderer Angelpunkt des Ichs erkannt, erlebt und bestimmt werden: Unser Ich sollte wieder begreifen, dass Gott, die Natur und die Welt Bezugsgrößen sind, von denen wir abhängig sind und die Koordinaten von Ich, Gott und Lebenswelt wie in einer Ellipse zu lesen sind. Die Lebenswelt spannt sich zwischen den Polen Lust und Leid auf. Das Zentrum ist dann der Angelpunkt, den ich mit amor ergo sum – ich werde geliebt, darum bin ich benennen möchte.
Gott im Koordinatensystem der Lebenswelt
Christus, der menschgewordene Gott, hat in dieser Welt – wie wir als Ich – im Spannungsbogen zwischen dem Lust- und Leidpol der Welt gelebt und darauf hingewiesen: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt“ (Joh. 15,9-12). Aufgrund dieser Zusage können wir das Zentrum der Ellipse zwischen den Polen Leid und Lust definieren, mit Amor ergo sum. Ich werde geliebt, darum bin ich. Das ist der Angelpunkt, in dem mein Ich sich drehen und so auch seine Freiheit verstehen sollte. Diese Freiheit verdankt sich sozusagen einem Download der Liebe des Dreifaltigen Gottes auf unsere lebensweltlichen Verhältnisse. Das bedeutet, das Wort ist nicht Geist im Mund von Propheten geblieben: In der Mitte der Zeit hat es konkret in einem Frauenleib Fleisch angenommen und ist ebenso konkret in einem Männerleib auf die Welt gekommen und keine bloße Kopfgeburt der Erstverkünder, wie manche Theologen meinen, geblieben. Dieser Download der Liebe Gottes in der Frau aus Nazareth, personifiziert im Leben und Wirken ihres Sohnes, sollte von Christen aller Zeiten umgesetzt werden. In der Türangel dieser Fleisch gewordenen Liebe sollte die Freiheit eines Christenmenschen sich drehen und sein Tagewerk verrichten und diese Liebe auch nicht vergessen, wenn er in Expertenkulturen tätig ist und Finalitäten in der Natur beachten, in der es final nur zwei Geschlechter gibt.
Amor ergo sum ist zudem eine Türangel, in der nicht nur ich denke, spreche, überlege und Entscheidungen treffe, sondern in der auch zu mir gesprochen wird; wenn ich etwa meine Drehungen um mich selbst bemerke und feststelle, dass sie falsch waren und mich dann schuldig fühle. Weil ich geliebt werde, darf ich hoffen, dass dieses andere ICH zu mir spricht: Ego te absolvo, ich spreche dich frei von aller Schuld, die du auf dich geladen hast. Auch in Talsohlen meines Lebens darf ich dieses Zuspruchs gewiss sein.
Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag. Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
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