Kann man nach einem Bruch zurück?
Man kann sich auch aufrichtig verlaufen und sogar im Kollektiv mit anderen. Sogar innerhalb der Kirche. Kerstin Goldschmidt über ungewollte Brüche, teure Investitionen und Mut zur Umkehr. Damit Rückkehr zum Heimkommen werden kann.
Falsche Wege
Im ersten Teil der Reihe zum Thema Umkehr ging es um das persönliche Verirren. Um die Wanderung. Um falsche Wege. Um den schmerzhaften Moment, in dem wir erkennen: Ich muss umdrehen. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr beschäftigt mich eine andere Frage: Was geschieht eigentlich, wenn sich nicht nur Einzelne verirren? Was geschieht, wenn ganze Gruppen, Gemeinschaften oder sogar Teile der Kirche unterschiedliche Wege einschlagen? Und vor allem: Kann man dann überhaupt noch zurück?
Aufrichtig verlaufen
Die Frage beschäftigt mich, wenn ich auf aktuelle Diskussionen in der Kirche schaue – etwa auf die Auseinandersetzung um mögliche Bischofsweihen bei den Piusbrüdern. Es sind keine oberflächlichen Menschen, die dort Entscheidungen treffen. Dort finden sich kluge Theologen. Menschen des Gebets. Menschen, die ernsthaft versuchen, Gott zu dienen. Und gerade das macht die Sache so bedenklich.
Ein Bruch beginnt selten mit Rebellion. Oft beginnt er mit der Überzeugung, das Richtige zu tun.
Denn vermutlich beginnt kaum jemand einen Weg mit dem Ziel: Heute entferne ich mich von der Kirche. Menschen beginnen meist mit einer Sorge, mit einer Überzeugung oder mit einem Anliegen. Mit dem Wunsch, etwas zu bewahren oder etwas zu korrigieren. Der Weg beginnt oft mit guten Motiven. Und vielleicht ist genau das die beunruhigendste Erkenntnis: Man kann aufrichtig sein – und sich trotzdem verlaufen.
Ungewollte Brüche
Die Geschichte der Kirche kennt solche Momente. Auch Martin Luther wollte ursprünglich keine Kirchenspaltung. Er wollte auf Missstände aufmerksam machen, Reformen anstoßen und Diskussionen eröffnen. Doch Geschichte entsteht selten nur aus einer Entscheidung. Missverständnisse kamen hinzu, Machtfragen, Verletzungen. Menschen verhärteten sich und Positionen wurden stärker verteidigt als Beziehungen. Und irgendwann stand plötzlich etwas im Raum, das ursprünglich vielleicht niemand wollte: Ein Bruch.
Bis heute leben wir mit den Folgen und sprechen von Ökumene. Und bis heute versuchen Christen, wieder zueinanderzufinden. Und das wirft eine schmerzhafte Frage auf: Warum wird Umkehr auf großer Ebene noch schwieriger als auf persönlicher? Vielleicht, weil nun nicht mehr nur einzelne Menschen beteiligt sind. Jetzt hängen Identitäten daran, Traditionen, Geschichte, Gruppen, Freundschaften, Zugehörigkeiten. Denn je länger ein Weg zusammen gegangen wurde, desto schwerer wird das Umdrehen. Wer eine Stunde falsch gegangen ist, dreht leichter um als jemand, der schon mehrere Jahre unterwegs ist. Wer eine kleine Meinung ändern muss, zahlt weniger als jemand, der seine gesamte Identität darauf aufgebaut hat.
Umkehr kann viel kosten
Und vielleicht kennen wir das nicht nur aus der Kirchengeschichte. Vielleicht kennen wir es aus Familien, Freundschaften, Organisationen, Teams oder aus unserem eigenen Leben. Manchmal verteidigen wir irgendwann nicht mehr die ursprüngliche Wahrheit, sondern den Weg, den wir bereits gegangen sind. Je mehr wir investiert haben, desto schwerer wird Umkehr.
Und doch hört Christus nicht auf, um Einheit zu bitten. Nicht um Gleichförmigkeit, nicht um Harmonie um jeden Preis, sondern um eine Einheit in der Wahrheit. Denn echte Einheit entsteht nicht dadurch, dass Unterschiede verschwinden. Sie entsteht dort, wo Menschen gemeinsam bereit bleiben, sich immer wieder an Christus auszurichten. Vielleicht liegt genau darin Hoffnung. Nicht darin, dass Menschen niemals falsche Wege einschlagen. Sondern darin, dass Umkehr grundsätzlich möglich bleibt.
Christus ruft nicht zuerst zur Rechtfertigung auf, sondern zur Rückkehr.
Auch nach langen Wegen, Verletzungen, Generationen. Denn wenn Christus wirklich die Wahrheit ist, dann bedeutet Rückkehr nicht Verlust. Dann bedeutet Rückkehr Heimkommen. Und vielleicht stellt sich am Ende nicht zuerst die Frage: „Wie weit habe ich mich entfernt?“ Sondern: „Habe ich noch den Mut, mich rufen zu lassen?“
Kerstin Goldschmidt,
Jahrgang 1975, verwitwet. Als selbständige Personalberaterin, Trainerin, Coach und Moderatorin begleitet Kerstin Goldschmidt Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen. Ihr Engagement für den Neuen Anfang entspringt der Freude, gerne von der Schönheit und Fülle des Evangeliums zu sprechen. Die geistliche Tiefe und Vielfalt der katholischen Kirche erlebt sie täglich als inspirierende Schatzkammer.
Beitragsbild: Adobe Stock / @hachri

