Vom Anfang der Kirche her die Einheit lernen

Mit der Himmelfahrt Christi beginnt für die Apostel das Coenaculum: Das gemeinsame im Gebet Verharren im Obergemach im Warten auf den Heiligen Geist. Was können wir heute vom Ursprung der Kirche über Gottes Sehnsucht nach Einheit lernen? Ein Gedankenspiel zu Pfingsten von Hannah Kohn im Rahmen unserer Reihe zum Thema EINHEIT.

In den Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium ist sein Bitten um Einheit ein immer wiederkehrendes Motiv. Jesus, der weiß, dass seine Zeit auf Erden sich gen Ende neigt, hinterlässt uns ein Erbe als Auftrag:

„Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt.“ (Joh 17, 21)

Erbe und Auftrag

Dass er und der Vater eins sind, hat er zu diesem Zeitpunkt schon oft betont. Bevor er die Welt verlässt, mutet und traut er uns Ungeheuerliches zu, ein Mysterium, das alles menschliche Denken übersteigen MUSS – und das doch gleichzeitig prägender Daseinszweck der Kirche ist: Der Mensch, ja, die ganze Menschheit ist gerufen, in diese Einheit einzutreten. „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein.“ Als mystischer Leib Christi – das ist die Kirche in ihrer Gesamtheit – sollen auch wir eins sein mit dem Vater und untereinander. So wie Jesus und der Vater eins sind. 

„Getrennt von mir könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,5)

Gottes Sehnsucht nach Einheit mit uns

Wenn die Kirche aber eins ist mit und in ihm, kann sie nichts tun, nichts lehren, nichts segnen, was nicht im Einklang mit dem Willen des Vaters ist. Verlassen wir die Einheit mit Christus, wird unser Handeln – und sei es noch so gut gemeint – keine Früchte des Heils hervorbringen. Mehr noch: Verbreiten wir bewusst Irrlehren, die auch nur einen seiner Kleinen vom Glauben abbringen, wäre es besser für uns, mit einem Mühlstein um den Hals in der Tiefe des Meeres versenkt zu werden (Mt 18,6). So drastisch formuliert die Bibel Gottes Sehnsucht nach der Einheit mit uns. 

Der Heilige Geist als Beistand und Lehrer

Das kann fast beängstigend klingen, würde nicht Gott selbst uns mit dem Heiligen Geist einen Beistand als Lehrer schicken. Keiner von uns ist aus sich heraus in dieser Einheit. Auch die ersten Jünger waren es nicht. Selbst Petrus hat aus Furcht den Herrn verleugnet, dem er soeben noch die Treue bis in den Tod geschworen hatte. Wir alle sind auf dem Weg und noch nicht da. 

Der Weg in die Einheit vollzieht sich für die Jünger im Coenaculum. Erst, wenn Gottes Gegenwart uns entzogen ist, zeigt sich konkret, ob wir ihm wirklich folgen oder unsere eigenen Wege gehen. Wie viele Menschen fallen im Sturm vom Glauben ab, anstatt in ihm Halt zu finden? Wie viele Biografien großer Heiliger erzählen uns von der Nacht des Glaubens? Von physisch, psychisch und geistlich durchlittener Gottesferne. Wie selten ahnten sie, welche Frucht ihre Treue der Kirche schenkte. Nach Jesu Tod am Kreuz bezieht sich der Ausruf Petri „Ich gehe fischen“ noch auf Fische. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen und die Ausgießung des Heiligen Geistes lässt ihn verstehen, dass und wie er fortan Menschenfischer sein wird. Erst am Ufer des Sees von Tiberias erkennt er Jesus wirklich. Erst dieses Kennen befähigt ihn zur Nachfolge. 

Sie werden eins in Christus, indem sie ihre persönlichen Erfahrungen mit ihm teilen.

Im Coenaculum

Zurück ins Coenaculum, ins Obergemach in Jerusalem, in dem die Jünger nach der Himmelfahrt Christi zusammen mit Maria im Gebet um den Heiligen Geist verharren. Was passiert in diesen Tagen eigentlich konkret? Während intensiver Exerzitien in meiner Klosterzeit durfte ich die zehn Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten einst das Nachsynodale Schreiben „Vita Consecrata“ durchbeten (das kann ich auch jedem nicht-gottgeweihten Christen sehr empfehlen!). In Kapitel 1, Abschnitt 3 „In der Kirche und für die Kirche“ wird in der Ziffer 34 das „lebendige Bild der Kirche als Braut“ beschrieben, die im Obergemach in jungfräulicher Liebe das Geschenk Gottes ersehnt, erbetet und zu empfangen sich bereitet. Diese Passage hat mich damals zusammen mit den Evangelien aus den Abschiedsreden, die die Kirche uns in dieser Zeit in der Heiligen Messe hören lässt, tief berührt. So tief, dass ich vor meinem inneren Auge die Szene wie einen Film ablaufen sah: 

Noch immer wissen die Jünger nicht, was kommen wird. Wie nach Jesu Tod am Kreuz, ist er ihnen auch nach der Himmelfahrt erneut entzogen. Doch dieses Mal zerstreuen sie sich nicht. Dieses Mal bleiben sie zusammen. Zusammen mit den Frauen, mit Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern, verharren sie einmütig im Gebet (Apg 1, 13-14). Und mehr noch: Aus der Zeit, in der sie mit Jesus auf der Erde umhergezogen sind, wissen wir von vielen Heilungen, Wundern und Erlebnissen einzelner Jünger, von denen ihnen von Jesus untersagt war, sie mitzuteilen, bevor „der Menschensohn von den Toten auferstanden ist“ (Mt 17,9). Nun sind sie, auf für sie noch unbestimmte Zeit, miteinander in einem Raum versammelt und dürfen – endlich – ALLES erzählen, was sie mit Jesus erlebt haben. Sie werden eins in Christus, indem sie die ganz persönlich mit ihm erlebten Erfahrungen teilen. Wer schon einmal bei einem “Leichenschmaus” dabei war, weiß, wie viele Facetten eines Verstorbenen noch neu erkannt werden, wenn alle, die ihn kannten, zusammenkommen und ihre Anekdoten teilen.

Erstlingsfrüchte der Kirche

Und mitten unter ihnen: Maria. Mutter, Lehrerin, Braut, Empfängerin göttlicher Liebe ohne Unterlass, den neuen Menschen im Geist und in der Wahrheit Gebärende, Weisheit Gottes, ohne Unterlass für ihre Kinder bei ihrem Sohn eintretend, der seiner Mutter nichts abschlagen kann. Sie, die das göttliche Leben der Ganzhingabe und des sich ganz Empfangens längst lebt, ganz empfänglich und empfangend. Wie wird sie in der Mitte der Jünger gesessen haben? „Erinnert euch, was habt ihr mit ihm erlebt?“, „Jakobus, sag, wie war das bei der Verklärung auf dem Tabor?“, „Matthäus, was hat er Dir erzählt?“ Im Herzen jubelnd, wie einst ihr Sohn: „Vater, schau, sie alle haben dieses Mal gehorcht! Sie alle sind da. O schau doch, wie sie zu verstehen beginnen! Auch diese meine Kinder weihe ich Dir als Erstlingsfrüchte der neuen Menschen in Christus, als Erstlingsfrüchte der Kirche“. 

Die Braut des Heiligen Geistes

Ja, natürlich ist mir bewusst, dass dieser innere Film weiter schreibt, weiter als in der Bibel überliefert ist. Aber wie könnte es anders gewesen sein? Fr. Daniel-Ange von der Gemeinschaft Jeunesse Lumière sagte einmal in einer Predigt, Jesu habe im Moment seiner größten Verlassenheit durch die sichtbare Gegenwart seiner Mutter unter dem Kreuz das Vertrauen in die unsichtbare Gegenwart des Vaters wiederfinden können. Diese Gegenwart Gottes in ihr kann nicht anders als durch ihre Gegenwart hindurch strahlen. Denn sie ist seit jeher ganz durchlässig für Gott gewesen. Sie bleibt die Braut des Heiligen Geistes, den die Jünger zu empfangen erbitten. Sie bleibt von ihm überschattet, der die Jünger bereits vorbereitet zu tragen, was sie noch nicht tragen können (Joh 16,12). Ihr Zeugnis, ihre Nähe kann auch uns heute noch vorbereiten helfen, unsere ganz persönliche Sendung durch ihren göttlichen Bräutigam zu empfangen. Sie will auch uns in Christus gebären (vgl. Offb 12).

Ein unersetzlicher Schatz

Wenn Jesus betet, wir mögen eins sein, geht es um die ganz große Einheit: „Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben“ (Joh 17, 20). Wir alle, bis ins Hier und Jetzt, und auch alle künftigen Generationen sind eingeladen, an dieser Einheit teilzuhaben. Wie einst die Jünger dürfen wir den Weg in die Einheit lernen, indem wir Christus und in ihm den Vater kennenlernen. Durch sein Wort. Durch die Zeugnisse und Erfahrungen anderer Jünger. Und dank Tradition und Überlieferung durch das Lehramt der Kirche, das uns die Einheit mit mehr als 2000 Jahren christlicher Glaubensgeschichte und -praxis garantiert. Ein unersetzlicher Schatz!

Eine Kirche, die wir uns selbst außerhalb dieser Einheit bauen, kann nicht katholisch im originären Wortsinn sein. Eine Selbstverwirklichung ohne die Frage an den Schöpfer „Herr, wer bin ich in deinem Blick? Wozu sendest du mich?“ wird allzu schnell zu Nabelschau-Narzissmus. Wenn wir in Gott unser von ihm geschaffenes Selbst verwirklichen, dient es nie nur uns. Unsere Gaben sind uns nicht für uns selbst gegeben, sondern zum Aufbau seines Reiches (vgl. 1 Kor 12,7). Damit wir Leben haben und es in Fülle haben (Joh 10,10).

In Anbetracht meiner und unser aller Schwäche ist es mir regelmäßig ein Rätsel, warum Gott diese Welt mit uns Menschen und durch unser Mitwirken erlösen und heilen will. Aber ich muss doch anerkennen, dass es so ist. Wie also können wir in der Einheit in Christus leben? Wie kann unsere Antwort auf seinen Ruf, mit ihm, in ihm und in ihm auch untereinander eins zu sein, aussehen? Ganz. Also auch geeint in unserer Person inmitten dieser fragmentierten Welt. So wie er uns geschaffen hat. 

w = W oder w≠ W?

Der heilige Maximilian Kolbe hat dafür eine hilfreiche Formel aufgestellt. Wenn sein kleiner Menschen-Wille (w) sich dem großen Willen Gottes (W) einfüge, wirke er mit am göttlichen Plan (w=W). Das Kreuz entstehe, wo sein Wille darauf beharre, abweichende Wege zu gehen (w≠W, vgl. Maria Winowska, Der heilige Pater Maximilian Kolbe. Ritter der Immaculata). Der Weg zum Leben in Fülle, der Vision Gottes für uns Menschen, ist der Weg in die Einheit in ihm. Getrennt von ihm können wir nichts tun (Joh 15,5).

Für die Apostel beginnt dieser Weg im Coenaculum und mündet an Pfingsten in der Geburt der Kirche. In dem Moment, wo sie sich vom Heiligen Geist führen lassen, bekommt ihr blindes Tasten und Stolpern Richtung. Erreicht ihr kindliches Gebrabbel plötzlich Herzen, wird von Menschen verstanden und verändert Leben. Wenn mein „w“ sich vom Heiligen Geist einfügen lässt in den großen Willen Gottes, kann selbst ich lebendiger Baustein seiner Kirche in der Zeit sein. Fiat, Herr! Veni Sancte Spiritus!


Hannah Kohn,
Jahrgang 1979, ist als junge Erwachsene von theoretisch-evangelisch nach fröhlich-katholisch konvertiert. Sie hat knapp drei Jahre in Ordensgemeinschaften gelebt und engagiert sich in kirchlichen Gremien ebenso wie in der (Neu-)Evangelisierung. Als starker Kopfmensch hat sie sich nach der Konversion bewusst gegen ein Theologiestudium entschieden, um nicht Gefahr zu laufen, sich ihre eigene Logik von Gott zu basteln. Ihre Glaubenspraxis hat im Herzen begonnen. Das Verweben von Herz und Hirn überlässt sie ihrem Schöpfer – und der Begutachtung ihrer Gebetsperlen durch theologische Fachleute. Als Beraterin für Leadership, strategische Transformation und Organisationsentwicklung gehört das Ringen um Einheit auch zu ihrem weltlichen Alltag.


Beitragsbild: Alamy, Herabkunft des Hl. Geistes, Glasmalerei, 19. Jhdt

 

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