Diesmal war es unüberhörbar. Papst Leo ist mit der Segenspraxis in Teilen der deutschen Kirchen und mit ihrer Legitimierung in „Segen gibt der Liebe Kraft“ nicht einverstanden. Kaum möglich, dass man dieses Knurren mit einem Schnurren verwechselt, meint Martin Brüske. Indes: Wir leben in postfaktischen Zeiten. Vorsicht, Bischöfe, dieser Löwe ist sanft, aber nicht zahm!

Ein verschleppter Konflikt und eine – vielleicht – entscheidende Wendung

Gebrüllt hat er noch nicht. Aber diesmal, wie soll man es sagen? Geknurrt hat er, und zwar unüberhörbar. Und dieses Knurren hat eine ganz deutliche Botschaft. Die in Teilen der katholischen Kirche in Deutschland faktisch längst geübte Segenspraxis eines „formalisierten“ (so der Papst bei der fliegenden Pressekonferenz auf dem Rückflug aus Afrika) Segens für Paare – z.B. queere – in nicht regulären Situationen und ihre legitimatorische Grundlage in der Arbeitshilfe  „Segen gibt der Liebe Kraft“ findet nicht die Billigung des Papstes. Er erklärt sich für nicht einverstanden. Alles, was über Fiducia supplicans hinausgeht, trifft dieses Verdikt. Leo redet nicht ins Blaue. Er spricht direkt von den deutschen Bischöfen, denen man das bereits mitgeteilt habe. Er spricht vom Heiligen Stuhl als Subjekt dieser Mitteilung. Offizieller geht’s nimmer! Der Heilige Stuhl ist in die Kirche nach innen gewendet (so wie hier) die römische Kirche als Einheit von Papst und Kurie (und nach außen das Völkerrechtssubjekt „katholische Kirche“).

„Der Heilige Stuhl hat mit den deutschen Bischöfen schon gesprochen“,

sagte das Kirchenoberhaupt auf dem Rückflug von seiner Afrika-Reise nach Rom.

„Der Heilige Stuhl hat klargemacht, dass wir mit der formalisierten Segnung von Paaren – in diesem Fall homosexueller Paare oder Paare in irregulärer Situation – nicht einverstanden sind über das hinaus, was von Papst Franziskus erlaubt wurde, als er gesagt hat, dass alle den Segen erhalten können.“

So wurde die einschlägige  Passage gestern in der WELT zitiert.

Das ist eindeutig. Da gibt es eigentlich kein Ausweichen und Umdeuten mehr. Aber wir leben in postfaktischen Zeiten und der Vorgänger von Heiner Wilmer als Vorsitzender der DBK hat noch jede römische Ermahnung in ihr Gegenteil „umgedeutet“. Aber ab jetzt geht es auch um die Autorität des Papstes. Die wird sich Leo nicht nehmen lassen. Also: Vorsicht, deutsche Bischöfe, Leo ist ein sanfter Löwe – aber kein zahmer. Und ein Papiertiger gleich gar nicht. Gesehen haben wir es bei seinem Afrikabesuch, bei dem er sich nicht scheute, auch Autokraten die Leviten zu lesen. Und auch Präsidenten, die Zivilisationen auslöschen wollen, scheut er nicht. Also Obacht, jetzt spätestens wäre es an der Zeit, den Ausgang aus der Sackgasse zu suchen.

Zwei Dinge noch: Das Münchner Satyrspiel eines geheimen Kardinalserlasses ohne Amtsblatt, der nicht geheim blieb, sondern plötzlich an der ganz großen Medienglocke hing, bekommt durch Leo jetzt noch einmal eine besonders heitere Wendung: Dass der „klammheimliche“ Einführungsversuch erst scheitert, der Kardinal eher unfreiwillig in einem Teil der Presse gefeiert wird und sich dann mit diesem päpstlichen Kommentar konfrontiert sieht, ist beinahe schon ein Treppenwitz….

Wichtiger aber ist: Die Bistümer, die sich „Segen gibt der Liebe Kraft“ mehr oder weniger eindeutig verweigert haben, werden in ihrer Positionierung entscheidend bestätigt und gestärkt. Sie allein befinden sich im Konsens mit Rom. Alle anderen Behauptungen erweisen sich als leere Phrasen. Schon dies wird die weitere Debatte grundlegend verändern. Ein sich seit gut einem halben Jahrzehnt hinschleppender Konflikt hat eine womöglich entscheidende Wendung genommen.


Dr. theol. Martin Brüske
Martin Brüske, Dr. theol., geb. 1964 im Rheinland, Studium der Theologie und Philosophie in Bonn, Jerusalem und München. Lange Lehrtätigkeit in Dogmatik und theologischer Propädeutik in Freiburg / Schweiz. Unterrichtete bis 2025 Ethik am TDS Aarau. Martin Brüske ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”.


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