Die leisen Wegweiser Gottes
Klarheit auf Knopfdruck gibt es selten. Oft begegnet uns Gott gerade dort, wo etwas drückt – wie ein kleiner Stein im Wanderschuh. Im letzten Teil ihrer Reihe zum Thema Umkehr beschreibt Kerstin Goldschmidt die leisen Wegweiser Gottes, wenn wir den Weg aus den Augen verloren haben.
Gott schreit nicht
Wenn ich wandern gehe, verlaufe ich mich selten spektakulär. Es gibt keinen Blitz vom Himmel. Kein Warnsignal oder ein großes rotes Schild mit der Aufschrift: Falscher Weg! Umkehren! Es sind meistens kleine Dinge wie ein Wegweiser, der plötzlich nicht mehr passt. Ein irritierender Blick auf die Karte. Ein leises Gefühl: Irgendetwas stimmt hier nicht.
Und vielleicht ist es in unserem geistlichen Leben erstaunlich ähnlich. Wir wünschen uns oft Klarheit auf Knopfdruck. Eine eindeutige Stimme oder eine unmissverständliche Anweisung Gottes. Am liebsten vielleicht eine WhatsApp vom Himmel: „Liebes Kind, hier ist übrigens der richtige Weg. Viele Grüße – Gott.“
Doch häufig geschieht es anders. Gott arbeitet oft erstaunlich leise. Nicht deshalb, weil es ihm an Klarheit fehlt, sondern vielleicht deshalb, weil Liebe nicht drängt: sie lädt ein, sie führt, sie wartet. Gott schreit selten, er deutet. Doch woran erkennen wir solche deutenden Wegweiser?
- Wenn etwas innerlich dauerhaft unruhig bleibt
Nicht jede Unruhe kommt von Gott. Es gibt Ängste, Unsicherheiten und belastende Gedanken, die andere Ursachen haben können. Aber manchmal gibt es diese stille Irritation. Etwas lässt uns nicht los, ein Gedanke kehrt zurück oder ein Thema bleibt bestehen. Wir versuchen weiterzugehen – und merken dennoch: Etwas stimmt nicht mehr. Wie ein kleiner Stein im Wanderschuh. Man kann eine Zeit lang weiterlaufen, aber irgendwann lässt sich nicht mehr ignorieren, dass etwas drückt.
- Wenn Gottes Maßstäbe und meine Maßstäbe auseinandergehen
Wir alle haben eigene Vorstellungen. Wir haben Wünsche, Meinungen und Überzeugungen. Und manchmal wünschen wir uns vor allem, dass Gott unsere Richtung bestätigt. Doch Umkehr beginnt oft genau dort, wo wir fragen: „Was sagt Christus?“ Für uns Katholiken bedeutet das nicht nur ein Bauchgefühl. Es bedeutet, sich an etwas außerhalb von uns selbst auszurichten: an der Heiligen Schrift, an der Glaubenslehre, am Katechismus, an einem tugendhaften Leben. Denn manchmal kann sich etwas richtig anfühlen und dennoch nicht richtig sein. Nicht alles, was sich richtig anfühlt, führt zum richtigen Ziel.
- Wenn andere Menschen uns liebevoll irritieren
Das fällt vermutlich besonders schwer, denn niemand wird gern korrigiert. Vor allem nicht, wenn wir überzeugt sind, recht zu haben. Und dennoch spricht Gott manchmal durch andere Menschen. Durch einen Freund, einen Priester, den Ehepartner, eine Katechese. Oder sogar durch jemanden, dessen Worte uns zunächst ärgern. Gerade die Sätze, gegen die wir uns innerlich sofort verteidigen, tragen manchmal eine unbequeme Wahrheit in sich.
- Wenn plötzlich etwas nicht mehr passt
Es gibt Momente, in denen wir merken: Die äußere Bewegung stimmt noch – aber innerlich fehlt Frieden. Wir funktionieren, argumentieren, rechtfertigen, laufen weiter. Und dennoch entsteht diese leise Frage: „Bin ich noch auf dem richtigen Weg?“ Vielleicht ist das keine Störung, vielleicht ist das Führung. Manchmal zeigt sich Gottes Führung zuerst als Irritation.
Doch am Ende bleibt etwas Entscheidendes: Umkehr ist selten ein einzelner Moment. Sie ist häufig ein Weg. Ein Weg des Hörens, des Betens, des Ringens, der kleinen Korrekturen. Und vielleicht ist gerade das beruhigend. Denn Gott scheint nicht darauf zu warten, uns beim Falschgehen zu erwischen. Er scheint vielmehr darauf zu warten, dass wir ansprechbar bleiben. Dass wir uns nicht in Selbstgerechtigkeit wiegen und mögliche Kurskorrekturen gar nicht an uns heranlassen.
„Ihr seid es, die ihr euch selbst rechtfertigt vor den Menschen; aber Gott kennt eure Herzen; denn was hoch ist bei den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott.“ (Lk 16, 15)
Vielleicht geht es deshalb am Ende gar nicht zuerst um die Frage: „Wie weit bin ich vom Weg abgekommen?“ Vielleicht lautet die wichtigere Frage: „Bin ich noch bereit, mich führen zu lassen?“
Kerstin Goldschmidt,
Jahrgang 1975, verwitwet. Als selbständige Personalberaterin, Trainerin, Coach und Moderatorin begleitet Kerstin Goldschmidt Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen. Ihr Engagement für den Neuen Anfang entspringt der Freude, gerne von der Schönheit und Fülle des Evangeliums zu sprechen. Die geistliche Tiefe und Vielfalt der katholischen Kirche erlebt sie täglich als inspirierende Schatzkammer.
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