Ein Interview mit Alexandra Linder

Seit ihrer Einführung zu Beginn der 1990er Jahre fand traditionell im Frühjahr jährlich die ökumenische „Woche für das Leben“ statt. Diese gemeinsame Aktion endete 2024 und sollte 2026 in neuem Format wieder aufgelegt werden, um die Themen Lebensschutz, Bioethik, Teilhabe, Behinderung, Alter und Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Patricia Haun führte ein Interview mit Alexandra Linder, der Vorsitzenden des Bundesverbands Lebensrecht.

Frau Linder, können Sie uns kurz die Historie der Aktion skizzieren und den ursprünglichen Grund zur Initialzündung nennen? Gibt es eine Geschichte dahinter?

Man kann sich das heute kaum vorstellen, aber es ging den Gründern, der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, 1991 darum, wichtige Lebensrechtsthemen durch diese neue “Woche für das Leben” mehr in die Gesellschaft, in die Debatte zu bringen, christliche Positionen klarzustellen und zu stärken und eine möglichst ethische Gesetzgebung zu erreichen. Wert und Würde jedes Menschen sollten Schwerpunkt dieser Initiative sein. Die Lebensrechtsbewegung hat das damals sehr begrüßt und unterstützt.

Der Titel der ersten Woche für das Leben lautete „Schutz des ungeborenen Lebens“, was wohl auch mit der Wiedervereinigung und der sich anschließenden neuen Debatte um die Abtreibungsregelung zu tun hatte. Die DDR hatte seit 1972 eine Fristenregelung, die BRD seit 1976 eine Indikationsregelung und nun ging es darum, wie das Gesetz im wiedervereinigten Deutschland gestaltet werden sollte.

Welche Schwerpunktthemen der „Woche für das Leben“ gab es in der Vergangenheit und können Sie Beispiele für erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit beschreiben?

Häufig waren es dankenswerterweise „harte“ Themen, die öffentlich gern verdrängt werden: Suizid, Abtreibung, Selektion von Kindern mit Behinderung, künstliche Befruchtung/Designerbaby und ähnliches. Es gab nicht nur große und beachtete zentrale Veranstaltungen, sondern darüber hinaus in vielen Kirchengemeinden eigene, kleine Projekte – Vorträge, Predigten, Ausstellungen, Theaterstücke –, die die Thematik wirklich unters Volk brachten. Das Begleitheft war durchweg qualitativ hochwertig und bot zusammen mit der Internetseite viele Möglichkeiten, auch als Gemeinden oder Vereine aktiv zu werden. Die Resonanz in den Medien war groß und die Positionen der Kirche spielten in der Politik eine Rolle – natürlich auch, weil zu dieser Zeit die Mitglieds- und Mitwirkungszahlen in den Kirchen ebenso anders aussahen wie ihr klar positioniertes Engagement bei bioethischen Themen.

Warum ist die evangelische Kirche 2024 aus dem Projekt ausgestiegen?

Die offizielle Begründung der EKD war die sinkende Bedeutung der “Woche für das Leben”, was den Tatsachen entspricht. Sie erklärte, sie wolle sich mit anderen, eigenen Formaten für Themen des Lebensschutzes einsetzen. Bisher, wenn ich das richtig überblicke, wurde dieses Vorhaben noch nicht umgesetzt. Der Hauptgrund für den Ausstieg aber liegt meines Erachtens in, wie auch zu lesen war, „schwindenden Gemeinsamkeiten“ der beiden großen Kirchen in Lebensrechtsthemen, zum Beispiel in der Abtreibungsfrage und beim assistierten Suizid. Schwangerschaftsberatungsstellen der evangelischen Kirche stellen Beratungsscheine aus, deren einziger Zweck eine straffreie Abtreibung ist, Beratungsstellen der katholischen Kirche nicht. Evangelische Pflegeheime überlegen, den assistierten Suizid hineinzulassen, katholische Pflegeheime möchten dies eher nicht etc.

Sie hatten seinerzeit den Ausstieg der evangelischen Kirche einerseits als „konsequent“ begrüßt, andererseits kritisiert, dass die „Woche für das Leben“ sich vom „Tiger zum Bettvorleger“ entwickelt habe. Können Sie uns dies erläutern?

Mit den Jahren verlor die “Woche für das Leben”, wie gesagt, an Substanz, was die Themen beziehungsweise deren Umsetzung angeht. Natürlich kann man über die Gestaltung von Zusammenhalt und über die Jugend sprechen. Dafür aber war das Format nicht erfunden worden.  Man hatte generell das Gefühl, für Kirchenobere war es eher eine manchmal fast peinliche Pflichtveranstaltung als ein Herzensanliegen. Ich erinnere mich an eine Eröffnung, ich glaube, es war Mainz, wo Bischöfe sich bunte Bändchen an die Hand binden, damit winken und einen Kinderrefrain mitsingen sollten. An oberflächliche Texte und Predigten, seichte Ökumene und pseudo-musikalische Darbietungen in Gottesdiensten, die jede Chance einer den Menschen erhebenden Veranstaltung ad absurdum führten. An ein Jugendthema in Osnabrück, wo praktisch keine Jugendlichen kamen und deshalb vorsichtshalber Videosequenzen vorbereitet waren. An ein wirklich gutes Programm in Leipzig zum Thema Pflege, wo dennoch leider kaum Publikum war. Dort konzentrierten sich auch die aggressiven Gegendemonstranten auf unsere gut besuchte BVL-Fachtagung, die ein paar hundert Meter weiter stattfand. Insofern war die Entscheidung der Kirchen, etwas Neues initiieren zu wollen, nachvollziehbar.

Für 2026 war ein Nachfolgeformat angekündigt. Wie ist dazu der Stand und welche Verbesserungen zur Sichtbarmachung der Lebensrechtsthemen sind angedacht?

Bisher habe ich keinerlei Informationen oder Kenntnis darüber.

(Warum) bzw. wie sollte die Woche für das Leben wiederbelebt werden? Gibt es diesbezügliche Bestrebungen seitens des Bundesverbands Lebensrecht bzw. dessen Mitgliedsorganisationen?

Wir haben unsere Lebensrechts-Formate nicht beendet, sondern ausgeweitet: Nach wie vor organisieren wir unsere jährliche Fachtagung, die sich durch die “Woche für das Leben” etabliert hat, dieses Jahr am 20. Juni in Mainz zum Thema „Lebensoasen“. Dort geht es um pränatale Diagnosen und Handlungsoptionen (Abtreibung versus Geburt oder palliative Geburt) sowie um suizidale Lagen und die Situation am Lebensende und entsprechend assistierten Suizid versus palliative Versorgung und Hospiz. Das sind wichtige Themen, die in der Gesellschaft debattiert werden müssen. Denn es geht auch um Druck auf die Betroffenen, mangelnde Selbstbestimmung, nicht ausreichende Präventionsangebote, Eugenik und Einsamkeit.

Wir sind außerdem das Wagnis eingegangen, einen großen „Leben.Würde-Kongress“ zu organisieren, der 2022 und 2025 erfolgreich stattgefunden hat und für eine dritte Runde im Oktober 2027 bereits in Vorbereitung ist. Unsere Mitgliedsvereine bieten ebenfalls Tagungen an, dort geht es aktuell um „Leihmutterschaft“ oder Organspende, um gute Schwangerenberatung oder Ethik in der Medizin.

Der Marsch für das Leben findet seit drei Jahren an zwei Orten gleichzeitig statt, in Berlin und in Köln, um die Themen in einem angemessenen Format auch auf die Straße zu bringen. Regelmäßig sind bei unseren Veranstaltungen Vertreter und Angehörige der Kirche, als Referenten und Teilnehmer. Bei uns gibt es also ein jährliches „Jahr für das Leben“.

Ein offizielles Wiederaufgreifen der Thematik auch durch die Kirchen wäre sehr wünschenswert, damit wir nicht irgendwann die einzigen sind, die sich noch auf Grundlage der umfassenden Menschenwürde damit befassen. Das würde auch dem Profil der Kirchen nützen und sie stärken. Denn all die Christen, die in unserer Bewegung aktiv sind, wünschen sich in ihrer Kirche dieselben klaren, konsequenten Positionen, mit denen sie sich identifizieren können. Sie würden sich über ein solches mutiges Engagement der Kirchen freuen.

Was wäre Ihr aktuelles „Wunschthema“?

Abtreibung, assistierter Suizid, Organspende, „Leihmutterschaft“, künstliche Befruchtung, pränatale Diagnostik, außerdem Fragestellungen wie: Warum geraten Frauen in einen Schwangerschaftskonflikt und was brauchen sie wirklich? Wie kann man Kinder zu verantwortungsvoller Sexualität erziehen und vor Missbrauch schützen? Wie können wir die großen Probleme Einsamkeit und instabile Beziehungen angehen, die auch bei Abtreibung und assistiertem Suizid eine Hauptrolle spielen? Das sind nur einige drängende Bereiche – Inhalte gibt es für die nächsten 30 Wochen für das Leben.

Vielen DANK für das Interview, Frau Linder. Ich wünsche Ihnen und allen, die sich in der Lebensrechtsbewegung engagieren, viel Erfolg und reichlich Segen für ihr Wirken für das Leben!


Alexandra Maria Linder M.A.,
Jahrgang 1966, ist verheiratet und hat drei Kinder. Nach dem Studium der Romanischen Philologie und Ägyptologie machte die Kärntnerin sich als Übersetzerin, Lektorin und Dozentin selbständig. Außerdem ist sie journalistisch unter anderem für idea, LebensForum und Tagespost tätig, hält national und international Vorträge zu allen Themen der Bioethik und schreibt Bücher und Buchbeiträge. Seit 2024 verantwortet sie das erste deutschsprachige bioethische TV-Nachrichtenmagazin Perspektive Leben bei EWTN. 1992 trat Linder der Aktion Lebensrecht für Alle e.V. bei und war 16 Jahre im Geschäftsführenden Bundesvorstand, zuletzt von 2016-2019 als Bundesvorsitzende. Seit April 2017 ist sie Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht.


Beitragsbild: Alexandra Linder, BVL bzw. privat

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