Viel Aktionismus und Diskussionsangebote, wenig Glaubensverkündigung und Orientierung. Patricia Haun teilt ihre Eindrücke vom Spaziergang über die Kirchenmeile des Katholikentages in Würzburg. Sie trifft auf Protestler, Suchende, schräge Typen und jede Menge Gendersternchen.
Möglicherweise haben wir von der „falschen Seite“ angefangen. Im Vorbeigehen an den ersten Zelten wähnen wir uns zunächst auf einer politischen Veranstaltung: CDU, Hanns-Seidel-Stiftung, Konrad-Adenauer-Stiftung, BAG Grüne Christ*innen, Rosa Luxemburg Stiftung, Linke Christ*innen, Bund der religiösen Sozialist*innen, usw. sind dort zu finden. In diesem Umfeld wurde neben „Marx und Religion“ mit Helge Meves das Thema „Christen müssen Sozialisten sein“ mit Prof. Dr. Franz Segber als Vorträge angeboten. So viele Sternlein (Gender***) habe ich schon lange nicht mehr gesehen wie auf dieser Kirchenmeile. Diese Kennzeichnung scheint den Veranstaltern sehr wichtig zu sein. Man könnte meinen, es sei ein Markenzeichen.
Ökumenischer Kirchentag?
Nach den politischen Ausstellern folgen etliche evangelische Kirchenvertreter, danach die Alt-katholische und die Neuapostolische Kirche. Jemand drückt mir eine Broschüre mit dem Titel “Was kommt auf uns zu? – Die letzten Ereignisse vor dem Beginn einer neuen Welt.” in die Hand. Oh, denke ich, das riecht nach Jehovas Zeugen. Zuhause muss ich erstmal googeln, wer dahintersteckt: Sieben-Tage-Adventisten, eine Freikirche also. Es stellt sich mir zum ersten Mal die Frage, ob ich hier tatsächlich auf einem Katholikentag bin. Was wäre bei einem ökumenischen Kirchentag anders? Danach folgen etliche Reiseanbieter und „Himmlische Herbergen“ – ein Zusammenschluss von Gästehäusern, die ein christliches Profil pflegen. Interessant, was es so alles gibt.

Evangelisation – Mangelware
Ich frage meine 22jährige Begleiterin: „Findest Du bis hierher Orientierung rund um das Katholische?“ Die klare Antwort: „Nein. Es gibt kaum Evangelisationsangebote, außer, dass Bibeln verteilt werden. Ich finde, Evangelisation sollte immer im Fokus stehen.“ Auch die Worte „Gott“ und „Jesus“ lesen wir selten. Die Gendersternchen überwiegen.
Auf dem Weg begegnen wir einem als Geistlicher verkleideten Demonstranten vom „Bund für Geistesfreiheit, Regensburg“, der ein Schild trägt mit der Aufschrift „Kirchen-Sklaven müssen der Kirche glauben, gehorchen und dienen!“ Auf meine Frage, was er damit sagen will: „Kirche beutet Menschen aus, z. B. über das kirchliche Arbeitsrecht.“ Als Einzelperson dürfe er hier seine Meinung kundtun, weil er außerhalb des Versammlungsrechts auftrete. Ein Protestler gegen die Institution Kirche also. Offenbar fühlte er sich durch das Kirchentagsmotto: „Hab Mut! Steh auf!“ angesprochen.
Würzburg ist bunt
Im weiteren Verlauf finden sich Hilfswerke für Kinder, Frauen, Lebensrecht usw. Mein beklemmendes Gefühl weicht offenem Interesse. Der Blick weitet sich und wir kommen auf einen Platz mit vielen Zelten, der einem Marktplatz gleicht. Dort findet sich ein Stand „Gnadenort Altötting“, an dem Bischof Stefan Oster ins Gespräch vertieft ist. Anbieter wie „Pfarrbriefservice“ und die verschiedenen Diözesen stellen sich vor. Im wahrsten Sinne des Wortes wird es ab hier aber auch deutlich „bunter“. Die „Initiative vom Zölibat betroffener Frauen“ wirbt mit Zitaten um Mitgefühl und Beachtung: „Im Laufe der Jahre haben immer mehr Menschen unsere heimliche Beziehung mitgetragen und uns dadurch das gemeinsame Leben erleichtert.“ Unweit davon das „Netzwerk katholischer Lesben“, „Homosexuelle und Kirche“ und „BIÖG – Initiative Liebesleben“, Nachfolgerin der Kampagne „Gib AIDS keine Chance“. Give aways in kleinen Tütchen – der Inhalt lässt sich leicht erraten. Schon wieder beschleicht mich ein beklemmendes Gefühl.
Abstimmung und Stuhlkreis
Deutlich mehr spricht mich da die „Katholische Schaustellerseelsorge“ an. „Seelsorge für Menschen unterwegs . . . „ im Circus, auf der Kirmes, im Marktgewerbe und in den Freizeitparks. Das klingt vernünftig. Der Stand ist fröhlich-bunt, also eben nicht ausdrücklich regenbogenfarben, gestaltet. Ein Hingucker. Weiter geht’s mit der „Pfarrer-Initiative“, wo es eine Abstimmung gibt zu Fragen wie: „Macht des Bischofs begrenzen?“, „Frauen als Priesterinnen?“, „Weiterführung des Synodalen Weges?“ und „Rückkehr von verheirateten Priestern“. Die Passanten können Punkte aufkleben: „Stimme zu“, „weiß nicht“, „Nein“. Meine Vermutung bezüglich des Ergebnisses bestätigt sich: Auffällige Häufung bei Zustimmung, lediglich „Pastorale Großräume“ wurden mehrheitlich abgelehnt. Im Zelt von „Wir sind Kirche“ ein Stuhlkreis mit deutlich vielen Grauhaarigen. „Es gibt wenig Ansprechendes für Jugendliche“, findet meine junge Begleiterin und hofft auf die Abendveranstaltung „the tabernacle“ in der Tectake-Arena, für die wir uns angemeldet hatten.
Auch Bäume gehören dazu
Im weiteren Verlauf stellen sich viele Ordensgemeinschaften vor und bekannte Hilfswerke wie „misereor“ und „Renovabis“. Inzwischen sind wir froh, dass wir uns an den ersten Ständen nicht zu lange aufgehalten haben, denn die Fülle an Eindrücken und Angeboten ist kaum zu bewältigen. Am Ende findet sich noch ein Stand, der gleich drei Zelte beansprucht, mit der Aufschrift „Bayerischer Streuobstpakt“ und einem Gewinnspiel zur „Frage des Tages: „Welche Tiere findet man auf Streuobstwiesen?“ Soviel Zeit muss sein. Ich frage den freundlich dreinblickenden Mann am Stand: „In welchem Zusammenhang sind Sie hier auf dem Katholikentag?“ – Seine Antwort kommt etwas stockend: „Naja, Bäume sind auch Leben und sie gehören ja auch irgendwie dazu.“ – „Ahja“, denke ich und mein Blick fällt auf die Stofftasche einer Standbesucherin mit der Aufschrift „Keiner soll alleine glauben“ – „Nur was???“, denke ich und bin über diese Frage beim Besuch der Kirchenmeile dieses sogenannten Katholikentages nicht klüger geworden.
Patricia Haun
Jahrgang 1971, ist freie Journalistin, Mutter von vier Kindern und Großmutter dreier Enkel. Sie hat sich jahrelang in der Lebensrechtsarbeit, in kirchlichen und caritativen Organisationen engagiert und wirkt mit bei der Initiative „Neuer Anfang“.
Beitragsbild: IMAGO / ©Wolfgang Maria Weber
Artikelbilder: Patricia Haun

