Wer — außer den Bibelkennern — merkt eigentlich, dass das Motto des Katholikentags der Geschichte vom blinden Bartimäus aus dem Markusevangelium entnommen ist? Ohne Kontext ist dieser kleine Ausschnitt nicht nur reich an Assoziationen, sondern beliebig deutbar. Franz Grunewald hat sich dazu kritische Gedanken gemacht.

 

Wenn ich meine Schülerinnen und Schüler fragen würde, wie sie das Motto des Katholikentags „Hab Mut, steh auf!“ verstehen, ohne ihnen die Quelle zu nennen, kämen vielleicht Antworten wie diese: 

  • Eine Ermunterung, morgens aus dem Bett zu kommen.
  • Immanuel Kant, Aufforderung zur Aufklärung.
  • Ein Aufruf, sich zu wehren, zu protestieren, den Aufstand zu wagen: gegen Diskriminierung, gegen Udo Lindenberg (vgl. DIE WELT vom 13.5.) gegen die Regierung, gegen die Rechten etc.
  • Wahrscheinlich auch, weil es ja eine katholische Veranstaltung ist: gegen verkrustete Morallehre und die Konservativen, gegen Missbrauch in der Kirche, letztlich gegen Kirche überhaupt.

Vielleicht solche, vielleicht auch noch andere. Aber es wären wohl alles Reaktionen, die dem eigenen Horizont entspringen. Das wäre auch niemandem vorzuwerfen, denn genau damit konnte man rechnen. Und genau damit rechnet wohl auch das ZdK als Organisator des Katholikentags: Das Motto wirkt provozierend, rebellisch, es framet den Aufstand, den Widerspruch, den Widerstand, das Sich-Erheben im kirchlichen Kontext. Der Angesprochene wird ins Zentrum gerückt mit seinen Einschätzungen, seinen Absichten, seinem Willen. 

Biblischen Ursprungs

Dass der Imperativ ein biblischer ist, wird niemand wissen, der nicht Theologe oder Theologin ist oder dem es nicht direkt gesagt worden ist. Woher auch sollte man wissen, aus welchem Kontext es stammt? Wer es recherchiert, findet es in Mk 10,49 und stellt fest, dass noch etwas mehr dazu gehört. Man kann es kaum anders verstehen: Die Verkürzung des Zitats verschleiert die Herkunft. Bewusst, um das oben skizzierte Framing zu erreichen?

Vollständig heißt die Aufforderung an den blinden Bartimäus, der Jesus in der Nähe weiß und der mehrfach nach ihm gerufen hatte und den die Menge zunächst zum Schweigen hatte bringen wollen:

„Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.“

Nicht ein Wort von Jesus selbst, sondern Auftakt einer Begegnung mit Jesus. Der Kern des ersten Satzes ist die Mitteilung, dass Jesus den Blinden gerufen hat – als Antwort auf dessen penetrantes Sich-bemerkbar-Machen. Die ganze Szene ist ein Kommunikationsvorgang, an dessen Anfang das Kommen Jesu und an dessen Ende die Heilung des Blinden steht – und sehr wesentlich: seine Jesus-Nachfolge. Eine Bewegung von Jesus her und auf ihn hin. Mit IHM im Zentrum. Das Motto zitiert also, indem es nur ein vermeintlich knackiges Bruchstück verwendet, unvollständig, aber auch sinnentstellend. Der christologische Kontext entfällt, es bleibt nur ein zielloser Imperativ, den man auf alles Mögliche beziehen kann. Und den man auch gegen die Kirche richten kann. 

Motto-Framing

Dass diese Vermutung nicht abwegig ist, zeigt sich bereits in den aktuellen Äußerungen des ZdK im Hinblick auf den Katholikentag und im Blick darauf, wer dort vertreten ist. 

Am 12.5., einen Tag vor Eröffnung der Großveranstaltung, meldet katholisch.de trotz eindeutiger Aussagen des Papstes: „Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hat die von der katholischen Kirche in Deutschland erarbeitete Handreichung für Segensfeiern von gleichgeschlechtlichen Paaren oder anderen Paaren, die nicht kirchlich heiraten können, verteidigt. […] Entsprechende Sorgen von Papst Leo XIV. seien deshalb unbegründet.“ Dieser schnoddrige Zurückweisung einer klaren Aussage des Papstes ist Widerstand ganz im Sinne des Motto-Framings. 

Das ZdK selbst publizierte am 13.5. diese Nachricht: „Die Zeit ist reif für einen weltweiten Frauen-Gipfel im Vatikan“. Darin fordert das ZdK Änderungen an der geltenden liturgischen Leseordnung in den Gottesdiensten mit dem Ziel, Frauen stärker zu berücksichtigen. Zudem wird erwartet, dass Frauen in allen Bistümern beauftragt würden zu predigen. – Auch das passt wunderbar unter das verkürzte Mk-Zitat: Steht auf!

In einer Meldung von kath.net vom 7.5. wird angekündigt: „Der Ökumenische Arbeitskreis BDSM und Christsein‘ will das Thema ‚sadomasochistische Sexualpräferenzen‘ nach eigenen Angaben‚ aus der Tabu-Ecke holen‘.“ Die Gruppe sei mit einem eigenen Stand auf der Kirchenmeilen vertreten. – Unter der Maske der sexuellen Offenheit und Diversität wird die Verbindlichkeit der katholischen Morallehre ausgetestet. 

Das ZdK legt es also darauf an, das Motto in der – im wahrsten Sinne – ent-christlichten Form zu verstehen. Der Verzicht auf den christologischen Bezug gibt im Sinne des innerkirchlichen Widerstandes mehr Freiheiten. Fördert aber auch schismatische Tendenzen. 

Mängel in der praktischen Umsetzung des Mottos

Wenn man sich vor Augen hält, dass die als Motto des Katholikentags verwendete Aufforderung aus Mk 10,49 an einen Mann ging, der sich selbst nicht helfen konnte und dessen Lebensrecht in der Menge niedergebrüllt wurde („Viele befahlen ihm, zu schweigen.“), wundert man sich noch einmal, dass der adäquate Transfer in die Gegenwart nicht gelingt. Wie soll man sich sonst erklären, dass die Veranstaltungsvorschläge einer Organisation, die heutzutage für das Lebensrecht aller eintritt, von der Organisation des Katholikentags abgelehnt wurden (siehe Tagespost vom 11.5.)? Eine moderne Form des übermächtigen Niedermachens. Wenn man so will: cancel culture in der Kirche. Wenn die Menge sich damals gegenüber Bartimäus durchgesetzt hätte, gäbe es das Motto des Kirchentags heute gar nicht. Wenn das Motto gilt, dann aber für alle – und erst recht für die, die im Sinne Jesu das Leben ermöglichen und zur Nachfolge einladen. Da kann man den Leuten der ALfA nur zurufen: „Habe Mut, steh auf! Er ruft dich!“


Franz Grunewald
Jg.1960, Lehrer für Deutsch und katholische Religion seit 2015 am Gymnasium Ursulaschule in Osnabrück, davor fast 10 Jahre in München. Kinderlos verheiratet. Motto: “Dienen heißt den unteren Weg gehen!” (Zitat von einem inzwischen verstorbenen Priester)


Beitragsbild: Adobe Stock

Artikelbild: Patricia Haun

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