Mittlerweile klingen nicht nur aus dem Orchestergraben der Ordinariate schiefe Töne, sondern man hört sie schon auf der Bühne der Öffentlichkeit, selbst von Bischöfen. Sogenannte humanwissenschaftliche Erkenntnisse werden gegen kirchliche Verlautbarungen ausgespielt. Dogmen und deren Kern, biblische Aussagen, ziehen den Kürzeren. Helmut Müller vergleicht das Stimmen der Instrumente im Orchestergraben mit der Darbietung auf der Bühne. Ebenso vergleicht er Dogmen mit Notenblättern, von denen alle Kirchenmitglieder singen sollten, um Kakophonie zu vermeiden. Gerade jüngst fielen der Essener Weihbischof Ludger Schepers und Holger Dörnemann, Gastprofessor an der Gregoriana, unangenehm auf, weil sie Vielfalt von Kakophonie nicht unterscheiden können. Was hat es damit auf sich?

Ermahnungen werden zu Ermunterungen

Selbst Bischöfe stimmen ihre Instrumente nicht bloß im Orchestergraben auf die Lehre der Kirche ab, sondern nehmen Abstimmungen sogar auf der Bühne der Öffentlichkeit vor. So hört man von Schepers:

Die Vielfalt menschlicher Identitäten – ob homo-, trans- oder intergeschlechtlich – ist kein modernes Konstrukt, sondern Teil von Gottes Schöpfungsplan.

Holger Dörnemann ist da erheblich vorsichtiger, schreibt aber verdeckt auf das hin, was Schepers sehr ungeschützt zum Besten gibt. Abgrenzungen neuerer kirchlicher Verlautbarungen sieht er als Ermunterungen zu einer neuen Sexualmoral an, ganz im Sinne wie in Synodaler-Weg-Hermeneutik römische Ermahnungen als “so weitermachen” gelesen werden, etwa:

Was bei Papst Leo auch als Einhegung [!] der Auseinandersetzung rund um die kirchliche Sexuallehre verstanden werden kann, weist dennoch [!] ein erweitertes Sprachspiel und ein Mindset zu sexuellen Themen aus, das auch innertheologisch im deutschen Sprachraum in neuer Weise anschlussfähig ist.“ 

Uwe Sielerts Sexualpädagogik gegen die Theologie des Leibes

Kein Wunder, dass er auch Mitglied der GSP, der Gesellschaft für Sexualpädagogik ist, einer Pädagogik, deren prominenteste Vertreter Uwe Sielert und Elisabeth Tuider sind. Damit sind wohl die Bezüge zu den allerdings umstrittenen “neuen Erkenntnissen der Humanwissenschaft” gemeint. Mit Bezug auf diese Erkenntnisse stellt dann Dörnemann wie in einem Refrain mit leider auch nicht wenigen deutschen Bischöfen Folgendes fest:

In der Kirche wird zu wenig über Sex geredet, und wenn, dann falsch. Wir müssen die tradierte katholische Sexualmoral ergänzen durch eine neue christliche Sexualpädagogik, die das Identitätsstiftende von Lust und Hingabe wirklich wertschätzt.

In eben zitierter Unterschrift zu seinen acht Thesen einer neuen christlichen Sexuapädagogik in der Herder Korrespondenz 12/2019 kommt – wie gewöhnlich, wenn deutsche Theologen über Sexualpädagogik sprechen – mit keinem Wort die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. vor. 

Das sieht an anderer Stelle und auch anderem Bekenntnis manchmal ganz anders aus: Einer von mittlerweile zahlreichen Biographen von Johannes Paul, der evangelische Christ und Zeit-Redakteur Jan Roß schreibt:

Karol Wojtylas Sexualethik ist streng, aber nicht prüde.

Über „schwer synchronisierbare Erregungskurven von Mann und Frau“ und das „leidige Orgasmusproblem“ schrieb Johannes Paul als Bischof schon vor dem II. Vaticanum, was bei „tantenhafteren Gemütern im Klerus“ mit „einigem Stirnrunzeln gelesen“ wurde. Jan Roß schließt seine Ausführungen mit der Bemerkung:

Verklemmtheit und Körperscheu sind so ziemlich die letzte Neurose, unter der Wojtyla leidet. Das mag überraschen bei einem Papst, der das Image der Lustfeindlichkeit wie einen unzertrennlichen Schatten mit sich herumschleppt.“ 

Lust im Kamasutra und in der Theologie des Leibes

Provokativ gesagt sind sich der Klassiker der indischen Liebeskunst Kamasutra und die Theologie des Leibes Johannes Pauls in einem Punkt einig. Lust ist in der Technik der Kamasutra das Ziel und in Johannes Pauls Denken über die Liebe ein Geschenk, gegen das er als dankbare Annahme nichts einzuwenden hat. Das klingt befremdlich. Roß benennt aber auch die Differenz zur indischen Liebeskunst Kamasutra:

Karol Wojtylas Mitarbeit bei Humanae vitae war nicht „so sehr von einem Dogmatismus des Natürlichen oder einer Hierarchie der Ehezwecke her (Fortpflanzung zuerst), sondern mehr aus der Logik des Liebesaktes heraus, der als Hingabe keinen eingebauten Vorbehalt, kein schlaumeierndes Ausbremsen duldet. Ein Paar, das dies mit sich anstellt, entwürdigt in Wojtylas Augen sich selbst und die eigene Partnerschaft. Der Körper ist kein Gebrauchsgegenstand zur Lusterzeugung.“

Das schrieb Jan Roß schon im Jahr 2000 in seiner Biographie “Der Papst. Drama und Geheimnis.” Ein solches Erkennen ist offenbar nicht möglich für Vertreter der neuen Sexualmoral.

Die Kakophonie des Begehrens

Die Balance von Lust und Tugend, im Katechismus unter Leidenschaften und Tugenden (KKK 469 – 471 und 476 – 484) zu finden, ist schon seit der Antike der Markenkern jeder ernst zu nehmenden Moral und sollte die Stimmgabel sein, durch die neue Erkenntnisse der Humanwissenschaften so gestimmt werden, dass sie zur Lehre der Kirche passen. Seit Lingen ist diese Balance offenbar abhanden gekommen. Eine regelrechte Kakophonie des Begehrens hat sich breit gemacht und soll als Vielfalt menschlicher Identitäten verkauft werden. Das eigene Leibgefühl, Gefühl und Lust – wenn sie niemand anderem aufgezwungen werden – werden so zum bestimmenden Maßstab. Das hat Jan Roß offenbar gemeint, wenn eine Theologie des Leibes davor warnt, den Körper zum Gebrauchsgegenstand der Lusterzeugung zu machen. Die Objektivität von Sexualdimorphismen braucht offenbar nicht beachtet zu werden, wenn subjektiv anders gefühlt wird als das körperliche Geschlecht vermuten lässt. Geschlechtsdysphorie wird dann identitätsstiftend in Transidentität umdefiniert. Dafür macht sich Dörnemann stark. Die australischen Bischöfe haben ausdrücklich davor gewarnt, solches zu tun, ohne dass sie dabei die tragische Situation der davon betroffenen Personen nicht beachtet hätten. An dieser Stelle konvergieren der Umgang mit katholischen und humanwissenschaftlichen Dogmen.

Dogmen in der katholischen Kirche und in der Molekularbiologie

Nicht nur im KKK der katholischen Kirche ist von Dogmen die Rede, vielleicht für manchen überraschend gibt es sie auch in der Molekularbiologie. Auch für humanwissenschaftliche Erkenntnisse scheint es sinnvoll zu sein, von Dogmen zu sprechen. Auf Wikipedia liest man dazu: „Das Zentrale Dogma der Molekularbiologie ist eine 1958 von Francis Crick publizierte Hypothese über den möglichen Informationsfluss zwischen den Biopolymeren DNA, RNA und Protein. Sie beschreibt die Übertragung der Information, die durch die Reihenfolge (Sequenz) von Monomeren (Nukleotide bei DNA und RNA, Aminosäuren bei Proteinen) festgelegt ist. Das zentrale Dogma ist – auch wenn es kritische Stimmen gibt – weithin akzeptiert und wird auch heute noch als einer der Grundpfeiler der Molekularbiologie angesehen.“ 

Wie ist das jetzt also mit Dogmen in der katholischen Kirche und denen in der Molekularbiologie? Kann man das überhaupt miteinander vergleichen? In beiden Fällen wird behauptet, neue Erkenntnisse forderten Veränderungen im Denken, wenn nicht sogar den Verzicht auf Dogmen.

Vom kirchlichen und dem molekularen Notenblatt kann im Kanon gesungen werden

Was die Biologie anbelangt, ist es mittlerweile Allgemeinwissen, dass unser körperliches und geistiges Erscheinungsbild genetisch im sogenannten Genom grundgelegt ist und – wie oben im zentralen Dogma der Molekularbiologie beschrieben – über DNA, RNA und der Proteinsynthese unsere körperliche und auch geistige Wirklichkeit mit prägt. Das Genom, bzw. die DNA-SEQUENZ wäre also in unserem Sprachspiel das Notenblatt, von dem unsere körperliche und geistige Wirklichkeit abgelesen wird. Dieses Ablesen versteht man besser, seit man ab 1942 die mit dem  Begriff Epigenetik verbundenen Einflüsse der Umwelt auf das Ein- und Ausschalten der Gene erkannt hat. Mittlerweile weiß man, dass Umwelteinflüsse, Stress, positive wie negative Gefühls- und Gemütszustände, wenn sie andauernd sind, Einfluss auf das „Singen vom Notenblatt“ hat. Je früher diese Einflüsse stattfinden, desto prägender sind sie. Auch sensible Zeiten in der persönlichen Entwicklung, etwa der Pubertät, können das Singen vom Notenblatt positiv wie negativ beeinflussen. An dieser Stelle müssen dann Schepers und Konsorten berichtigt werden: Im Genom findet sich eine auf Generativität final ausgerichtete Zweigeschlechtlichkeit und ist von daher Schöpfungswirklichkeit: Da konvergieren wieder die Dogmen, das molekulare und das Glaubensdogma, letzteres dadurch ergänzt, dass Fortpflanzung in ein personal-liebendes Zueinander eingebettet sein sollte. Vom kirchlichen und dem molekularen Notenblatt kann also im Kanon gesungen werden.

Die Welt im Orchestergraben der Wirklichkeit

Da wir nicht mehr in der ursprünglichen Schöpfungswirklichkeit, sondern in einer gebrochenen Welt leben, kann weder das kirchliche noch das molekulare Dogma von beiden Notenblättern problemlos als Kanon gesungen werden.Die Lehre von der Erbsünde“ ist nach dem protestantischen Theologen Reinhold Niebuhr “die einzige empirisch überprüfbare Lehre des christlichen Glaubens“: Das erklärt, dass manchmal aus der Liebe von zweien eine veritable Beziehungskiste wird, in der es nur so rumort. Und andererseits wird aus der im Genom regelrecht dogmatisierten Zweigeschlechtlichkeit in der epigenetischen Verwirklichung das, was Schepers zu unrecht als Gottes Schöpfungsplan deklariert. In einer so gebrochenen Welt oder den negativen Einwirkungen auf epigenetische Ablesevorgänge der im Genom programmierten Zweigeschlechtlichkeit zeigt sich, dass sowohl das kirchliche als auch das molekularbiologische Dogma aus dem Orchestergraben der Wirklichkeit nicht ungeschoren auf der Bühne der Welt erscheinen können. Die Vielfalt Schepers betritt dann die Bühne der Welt allzuoft nur als eine Kakophonie des Begehrens, wenn dasselbe nicht mehr final an Generativität geknüpft ist. Ist die finale generative Fruchtbarkeit physisch ausgeschlossen, zeigt sich das Begehren im besten Fall in einem personal-liebenden Zueinander. Wenn heterosexuelle Unfruchtbarkeit vorliegt, ist dieselbe bloß akzidentell, wenn Unfruchtbarkeit in homo-, trans- oder intergeschlechtlichem Verkehr vorliegt, ist dieselbe allerdings substantiell oder wesentlich

Die Balance von Lust und Tugend als Stimmgabel jeglicher Sexualpädagogik

Daher ist es unverantwortlich, den nicht zu bestreitenden Tatbestand der Vielfalt sexuellen Begehrens leichthin in eine ungebrochene Wirklichkeit umzudeuten und als Gottes Schöpfungsplan auszugeben. Es wird einfachhin unterschlagen – und das macht auch Dörnemann –, dass alle vatikanischen Verlautbarungen die fundamentale, erbsündliche Gebrochenheit der Welt in ihren Texten berücksichtigen. Beispielhaft wie man mit solcher Gebrochenheit dogmatisch und auch pastoral umgeht, sind die Wortmeldungen des norwegischen Bischofs von Trondheim Erik Varden und des Passauer Bischofs Stefan Oster.

Die leichtfertige Rede von Vielfalt des Essener Weihbischofs Ludger Schepers passt eher in den Orchestergraben, wo die richtigen Töne noch gesucht werden, als auf die Bühne öffentlicher Verlautbarungen. Dörnemann ist da erheblich vorsichtiger, aber auch er stimmt seine Instrumente nicht mit der Theologie des Leibes ab, sondern mit der Sexualpädagogik der Vielfalt. So wird aus der Balance von Lust und Tugend, die als Stimmgabel benutzt werden könnte, sehr leicht bloß eine Kakophonie des Begehrens.


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor a. D. am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Helmut Müller ist Mitautor des Buches ”Urworte des Evangeliums“. Zuletzt ist von ihm erschienen: ”Menschsein zwischen Himmel und Erde”. Die Spannung des Hineingenommenseins in die Liebe und das Hinaushängen Heideggers ins Nichts bestimmt die Thematik des Buches. 


Beitragsbild: „Kakophonie im Orchestergraben“ ©Bijac, Adobe Stock

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