Wie kann die Transformation von einer Betreuungskirche in eine Kirche der Jünger und Freunde Jesu gelingen? In einem Vierteiler beleuchtet Bernhard Meuser die Rolle der Protagonisten im Reich Gottes,  sowie Möglichkeiten, wie die Kirche im Miteinander missionarische Dynamiken entwickeln kann. In Teil IV schlägt er einen Zwölf-Punkte-Plan für ein Change-Management vor.

Die Jünger, der Bischof und die Mission

Auch die Apostel sind „Jünger“; und sie werden nie etwas Anderes sein. Innerhalb der Jüngergemeinde nehmen sie aber eine Sonderstellung ein. Sie sind der engste Kreis um Jesus, dazu bestimmt, die Zentripetalkraft und das „Wachstumszentrum des endzeitlichen Israel“ zu sein, wie es Gerhard Lohfink (1934-2024) einmal formulierte. Konstituiert wird der Kreis durch namentliche Berufung von Jesus (Mk 2,14: „Folge mir nach! Da stand Levi auf …“). Jesus – so heißt es ohne Artikel im Urtext von Mk 3,14 – „machte Zwölf, dass sie mit ihm seien“. 

Er rührte damit an die heilige Zahl Israels, – ein unerhörter, geradezu blasphemischer Vorgang für seine jüdischen Zeitgenossen. Ruhte doch auf der Sammlung der Zwölf Stämme und ihrer Formation zum einen, heiligen, auserwählten Volk die ganze Verheißung Gottes. Wenn Jesus nun neue „Stammväter“ einsetzte, okkupierte das in jüdischen Ohren den spezifischen Segen, der untrennbar mit dem vollständigen Israel (12 als Inbegriff der Vollkommenheit) und dem Tempel – der singulären Wohnung Gottes auf Erden – verbunden war. Sollte die Verheißung übergehen auf ein anderes Volk, ein anderes Heiligtum? Plötzlich erscheint die prophetische Rede Jesu vom Zwölf-Machen im gleichen brandgefährlichen Licht, wie das Skandalwort vom Niederreißen des Tempels in Mk 14,58 („…Wir haben ihn sagen hören: Ich werde diesen von Menschenhand gemachten Tempel niederreißen und in drei Tagen einen anderen aufbauen, der nicht von Menschenhand gemacht ist“).

Wenn Paulus von einem „heiligen Tempel im Herrn“ (Eph 2,21) spricht, knüpft er einerseits an den Auferstandenen an, aber er lenkt auch den Blick auf eine wachsende Wirklichkeit für alle, die zu Jesus gehören, somit „Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19) sind. Der Neubau einer „Wohnung Gottes im Geist“ (Eph 2,22) orientiert sich an göttlichen Plänen, sieht menschliche Steine vor, dazu Baugesetze und eigene Strukturen. Das Ganze ruht auf dem „Fundament der Apostel und Propheten“ und hat mit Christus ihren Eckstein.

„In ihm wird der ganze Bau zusammengehalten.“ (Eph 2,20)

Was die Stammväter für Israel waren, was der Zwölferkreis um Jesus für die frühe Christenheit war, – das sind die Bischöfe für die Kirche unserer Tage. Sie sind die Fortsetzungsgeschichte jener Lehr- und Leitungsgewalt, die Jesus den Aposteln übertrug. Ein Bischof ist der berufene Zeuge, der Anwalt und Sachwalter des Evangeliums:

„Auf deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter gestellt …“ (Jes 62,6)

Wie Jesus steht er der Gemeinde in gewissem Sinn gegenüber. Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert die Kirche: „In den Bischöfen, denen die Priester zur Seite stehen, ist … inmitten der Gläubigen der Herr Jesus Christus, der Hohepriester, anwesend. Zur Rechten des Vaters sitzend, ist er nicht fern von der Versammlung seiner Bischöfe, … und spendet den Glaubenden immerfort die Sakramente des Glaubens.“ (Lumen Gentium 21

Mit Jesus ist der Bischof Hirte. Mit ihm bringt er den Samen des Wortes aus. Mit Jesus und von Jesus her beschenkt und stärkt er die Jünger mit den Gaben der Sakramente. Ein Bischof sollte der eifrigste Jünger und beste Freund Jesu sein, dazu der demütigste Diener aller. Er sollte Jesu Ohr am Volk Gottes sein, den “Geruch der Schafe” an sich tragen. Und doch darf er sich nicht zurückstufen lassen zum Erfüllungsgehilfen trivialer Ansprüche aus der Basis. Mit Jesus verkörpert er die Ermutigung Gottes, wo Mut erforderlich ist. Mit Jesus tröstet er, wo Tränen sind. Mit dem Herrn ist er aber auch das „Zeichen des Widerspruchs“ (Lk 2,34). Das ist herausfordernd, wo sich Lokalkirchen bisweilen bis in die letzten institutionellen Verästelungen auf eine pseudodemokratische Denkform berufen und die Freiheit der ungezähmten Verkündigung in das Korsett eines Räteregimes zwingen möchten. Der Bischof muss wissen: Verweigert sich die Kirche dem Leben aus dem Geist, möchte sie ihren Fortbestand durch Beton, Verträge und Arrangements mit den politischen Verhältnissen sichern, wird sie unfruchtbar. Leben und Wachstum kommen nicht durch akrobatische Anpassungsleistungen an die Zeit. Der Bischof wird sich mit den Fröhlichen freuen und mit den Weinenden weinen (Röm 12,15), aber er sollte die Alarmglocke läuten, wo man ihn vereinnahmen möchte für eine Kirche der missionarischen Reserviertheit, der spirituellen Verstockung und strukturellen Selbstgewissheit.

Das Herz des Bischofs muss beim Herrn sein. Den Herzschlag der Kirche wird er seltener in Ordinariaten und Hörsälen vernehmen als dort, wo der Auferstandene lebt und wo er „inmitten seiner Heiligen verherrlicht und inmitten der Glaubenden bewundert“ (1 Thess 1,10) wird. Der basso continuo lautet:

„Einer ist der Herr: Jesus Christus.“ (1 Kor 8,6).

Wo es um Herrschaftsansprüche geht, kann eine apostolische Biographie schon einmal die Farbe des Martyriums annehmen.

Change-Management für eine Kirche der Jünger

Die Kirche wird weder Relevanz gewinnen durch professionalisierte Markenführung, noch durch konsequente Digitalisierung ihrer Inhalte, noch durch strategisches Mitgliedermanagement. Sie muss – nach dem Stichwort Romano Guardinis aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts – „erwachen in den Seelen“, muss in der Schule Jesu mystagogisch geweckt werden und geistlich in vielen einzelnen Subjekten erwachen, damit in ihnen das Herzblut Gottes pulst. „Jüngerschaft“, sagt Martin Brüske, „nimmt so die Gestalt wachsender Subjektwerdung im Glauben an.“ Tatsächlich ist eine Kirche der Jüngerinnen und Jünger ohne jede Alternative – soll sie denn hierzulande eine Zukunft haben. Alles andere ist Christentum aus zweiter Hand. Bloße „Religionsverwaltung bietet keine Antwort auf den negativen kulturellen Druck, dem der christliche Glaube in Moderne und Postmoderne ausgesetzt ist.“ (Martin Brüske) 

Dass ein neuer Typus von Christsein in Westeuropa kommt, merkt man dort, wo (wie gerade in England, Frankreich, den Nordischen Ländern) junge Leute aus dem Nichts zum Glauben und zur Taufe kommen. Der „Biss und die Frische“, die sich Papst Franziskus gewünscht hatte, resultiert aus missionarischen Dynamiken und einer Renaissance von Jüngerschaft. Die Transformation einer Mitglieder- und Betreuungskirche in eine Kirche der Jüngerschaft, will ich versuchsweise und skizzenhaft in zwölf Thesen beschreiben:

  1. Christwerden heißt Jünger Jesu werden.“ (Kardinal Schönborn)
  2. Jüngerschaft setzt eine im Namen Jesu rufende und einladende Verkündigung voraus, die Menschen in ihrer Freiheit ernstnimmt. („Der Geist und die Braut aber sagen: Komm!“, Offb 22,17)
  3. Jüngerschaft ereignet sich im Nahbereich Jesu; sie gewinnt Gestalt als personale Beziehung zu ihm, ist Lob seiner Größe, Anerkennung seiner göttlichen Autonomie und Einladung zur Aneignung: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28).
  4. Jüngerinnen und Jünger Jesu sind bereit, sich aus rein kulturchristlichen Mustern kirchlicher Zugehörigkeit zu verabschieden, um das Evangelium in einem neuen Stil aus der Entscheidung für Jesus heraus zu leben und ihn fortan öffentlich zu bezeugen.
  5. Die Berufung zur Jüngerschaft ist die Einladung in einen lebenslangen Weg der Transformation, eine Einladung in die „Wirklichkeit des neuen Lebens“ (Röm 6,4), in eine „Umgestaltung in Christus“ (Dietrich von Hildebrand)
  6. Jüngerin/ Jünger wird man im Prozess einer umfassenden Initiation, der kognitive, existenzielle, ethische und sakramentale Dimensionen hat. Jünger empfangen katechetische Einweihung in das Wort Gottes, die Geheimnisse des Glaubens und die ethischen Anforderungen des Evangeliums; sie erfahren Heilung und Bekehrung und freuen sich an den reinigenden, heiligenden und und tröstenden Geschenken der Sakramente.
  7. Jüngerinnen und Jünger führen ein geistliches Leben; sie orientieren sich täglich am Wort Gottes und bewegen sich in hörender und betender Nähe zu Jesus.
  8. Jüngerinnen und Jünger sind „identifiziert“; sie gestehen sich keine Differenz zum offenbar gewordenen Willen Gottes zu; sie folgen Jesus auch auf Kreuzwegen und bemühen sich in allen Lebenssituationen, die Intentionen Jesu zur Richtschnur ihres Handelns zu machen. Sie hören auf die Kirche, weil ihr der Geist verheißen ist.
  9. Jüngerinnen und Jünger suchen im Hören auf den Geist und gemeinsam mit ihren Schwestern und Brüdern nach ihrem Charisma und ihrer spezifischen Mission, die sie in die Kirche einbringen.
  10. Jüngerinnen und Jünger suchen die „Communio“; sie gestalten ihr Christsein in einem lokalen, mindestens aber digitalen „Freundeskreis Jesu“. Darüber hinaus bringen sie sich in der Gemeinde ein. Sie suchen die Einheit mit dem Bischof (und der Gemeinschaft der Bischöfe), und sie wissen, dass Gott ihnen durch sein Amt und seine Verkündigung etwas sagen möchte.
  11. Jüngerinnen und Jünger streben nach der gleichen Liebe zur Kirche, wie Jesus sie hatte, als er sein Leben für uns hingab; sie leben ihre Berufung in und mit der Kirche und finden die Gegenwart des auferstandenen Herrn in den Armen und in der Eucharistie.
  12. Jüngerschaft ist von Herzen überfließende, missionarische Jüngerschaft oder es ist keine Jüngerschaft. Jüngerinnen und Jünger wissen: „Diejenigen, die sich von Jesus retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von der Vereinsamung. Mit Jesus kommt immer – und immer wieder – die Freude.“ (Papst Franziskus, Evangelii Gaudium)

Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”


Beitragsbild: Eugène Burnand, Die Jünger Petrus und Johannes rennen am Ostermorgen zum Grab (1898), Wikipedia

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