Der Streit in Weingarten ist mehr als eine lokale Auseinandersetzung. Kerstin Goldschmidt nimmt den Fall zum Anlass, über das Wesen der Synodalität nachzudenken; gleichzeitig als Chance zur Selbstreflexion und zur Einübung in konkrete Methoden im Sinne des weltweiten Prozesses.

Was uns der Streit um den Altar in Weingarten über das Wesen einer synodalen Kirche lehrt

Die katholische Kirche spricht seit Jahren über Synodalität: über das gemeinsame Unterwegssein, das Hören aufeinander und die Unterscheidung der Geister. Papst Franziskus hat mit der Weltsynode einen weltweiten Prozess angestoßen, der die Kirche zu einer neuen Kultur des Zuhörens einlädt und hat dafür ganz konkrete Methoden und Vorgehensweisen vorgeschlagen.

Der Streit um die Neugestaltung des Altarraums in der Basilika Weingarten gibt Anlass, über das Wesen der Synodalität nachzudenken. Dabei geht es nicht um die Gestaltung des Altars, sondern um eine grundsätzliche Frage: Verstehen wir Synodalität als geistlichen Prozess oder zunehmend als Instrument kirchlicher Interessenvertretung und Mitbestimmung?

Synodalität ist eine geistliche Haltung

Synodalität wird häufig mit Beteiligung und neuen Entscheidungsstrukturen verbunden. Doch ihr Wesen reicht tiefer: Sie beginnt mit dem Hören auf das Wort Gottes, den Heiligen Geist und aufeinander. Ihr Ziel ist nicht ein mehrheitsfähiger Kompromiss, sondern die gemeinsame Suche nach dem Willen Gottes.

Die Weltsynode hat dies mit dem sogenannten Gespräch im Geist selbst praktiziert. In kleinen Gruppen hörten die Teilnehmer einander zu, ohne unmittelbar zu widersprechen oder die eigene Position durchsetzen zu wollen. Stille und Gebet eröffneten Raum für geistliche Unterscheidung. Rom hat so eine Kultur des geistlichen Hörens vorgelebt, die Demut und Bereitschaft verlangt, eigene Überzeugungen zu hinterfragen und sich durch das Gehörte verändern zu lassen.

Zuhören vor dem Entscheiden

Der Konflikt in Weingarten verdeutlicht, wie entscheidend der Zeitpunkt des Zuhörens ist. Werden unterschiedliche Stimmen erst einbezogen, nachdem wesentliche Weichen gestellt sind, droht Beteiligung zur nachträglichen Legitimation einer Entscheidung zu werden.

Das Abschlussdokument der Weltsynode von 2024 beschreibt einen Prozess, in dem Hören und geistliche Unterscheidung der Entscheidung vorausgehen. Dabei kommt dem Glaubenssinn der Gläubigen (Sensus fidei fidelium) besondere Bedeutung zu. Kraft ihrer Taufe haben sie Anteil an der Sendung der Kirche und können zur gemeinsamen Unterscheidung beitragen. Nicht jede persönliche Überzeugung ist Ausdruck dieses Glaubenssinns. Doch die Stimmen der Gläubigen verdienen mehr, als lediglich zur Kenntnis genommen zu werden.

Gemeinsam unterscheiden – der Hirte entscheidet

Synodalität ist nicht mit demokratischer Entscheidungsfindung gleichzusetzen, denn die katholische Kirche ist keine parlamentarische Demokratie. Das Abschlussdokument der Weltsynode unterscheidet ausdrücklich zwischen der gemeinsamen Erarbeitung einer Entscheidung (decision-making) und der abschließenden Entscheidung (decision-taking). An der geistlichen Unterscheidung wirken viele mit und die Entscheidung trifft die zuständige kirchliche Autorität – im Fall Weingarten Bischof Krämer.

Synodalität und bischöfliche Autorität sind keine Gegensätze, sondern gehören zusammen. Der Bischof hat die Aufgabe, die unterschiedlichen Stimmen im Licht des Glaubens zu prüfen und verantwortlich zu entscheiden. Entscheidend ist deshalb nicht nur das Ergebnis, sondern der Weg dorthin.

Synodalität bewährt sich im Konflikt

Die Weltsynode hat einen Weg aufgezeigt, dessen Ziel nicht die Neuverteilung kirchlicher Macht, sondern die geistliche Erneuerung der Kirche ist. Dazu gehören das Hören auf das gesamte Gottesvolk und die Verantwortung der Hirten gleichermaßen. Die Glaubwürdigkeit einer synodalen Kirche entscheidet sich dort, wo unterschiedliche Überzeugungen aufeinandertreffen. Ob sie dem Anspruch gerecht wird, zeigt sich nicht an ihren Beteiligungsformaten, sondern an der individuellen Bereitschaft, auch unbequeme Stimmen als möglichen Beitrag zur persönlichen geistlichen Unterscheidung ernst zu nehmen.

Der Streit in Weingarten ist deshalb mehr als eine lokale Auseinandersetzung. Er stellt die Kirche als Gemeinschaft vor eine Frage, die jeder Einzelne zunächst an sich selbst richten muss: Bin ich bereit, wirklich zuzuhören, meine Überzeugungen hinterfragen zu lassen und mich durch das Gehörte verändern zu lassen? Oder fordere ich diese Haltung vor allem von anderen ein? Denn die Glaubwürdigkeit einer synodalen Kirche beginnt bei mir selbst – mit meiner Bereitschaft, das zu leben, was ich von anderen erwarte. Und dies wirkt sich dann auf das Selbstverständnis und die Ausgestaltung von Gremien und Diskussionsrunden aus.


Kerstin Goldschmidt,
Jahrgang 1975, verwitwet. Als selbständige Personalberaterin, Trainerin, Coach und Moderatorin begleitet Kerstin Goldschmidt Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen. Ihr Engagement für den Neuen Anfang entspringt der Freude, gerne von der Schönheit und Fülle des Evangeliums zu sprechen. Die geistliche Tiefe und Vielfalt der katholischen Kirche erlebt sie täglich als inspirierende Schatzkammer.


Beitragsbild: Altar in der Basilika Weingarten ©️IMAGO Manngold

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