Welche Räume der Kirche warten darauf, dass Frauen ihre spezifischen Gaben einbringen? Inspiriert durch ein Interview mit einer Ordensfrau macht sich Kerstin Goldschmidt, Führungskräfteberaterin und Coach, Gedanken über einen noch ungehobenen Schatz der Kirche.
Ein Lichtblick in der Debatte um die Rolle der Frau in der Kirche

Sr. Mary Sylvia Nwachukwu
In Vatican News ist mir ein Interview mit Sr. Mary Sylvia Nwachukwu, Vize-Rektorin der Godfrey Okoye University in Nigeria, aufgefallen und hat mich zum Weiterdenken angeregt. Besonders ihr Bild von der Frau als einem „Ozean mit ungenutzten Potenzialen“ hat mich inspiriert. Denn es beschreibt etwas, das wir in der Diskussion über Frauen in der Kirche (in Deutschland) bisweilen aus dem Blick verlieren: Es geht nicht nur darum, wo Frauen noch nicht vertreten sind. Die spannendere Frage lautet: Welche Fähigkeiten bringen Frauen ein, die einer Organisation fehlen, wenn weibliche Perspektiven an entscheidenden Stellen nicht präsent sind?
JP II und der weibliche Genius
Sr. Mary Sylvia beginnt mit einem Rückgriff auf den von Johannes Paul II. beschriebenen „weiblichen Genius“. Er spricht in seinem Brief an die Frauen von der dem Wesen der Frau eigenen Wahrnehmungsfähigkeit, durch die sie das Verständnis der Welt bereichert und zur „vollen Wahrheit der menschlichen Beziehungen“ beiträgt.
Genau diese Wahrnehmungsfähigkeit halte ich für einen Schlüssel. Frauen können häufig Nuancen wahrnehmen, Zwischentöne erfassen und unterschiedliche Ebenen einer Situation gleichzeitig im Blick behalten. Bildlich gesprochen: Sie können in die Knie gehen, aus einer anderen Perspektive schauen und sich anschließend wieder aufrichten, um das Ganze zu sehen.
Nehmen wir eine Veranstaltung mit vielen Menschen. Nicht selten können Frauen noch lange danach beschreiben, wer mit wem besonders intensiv gesprochen hat, wie sich die Atmosphäre einzelner Gruppen verändert hat, welche beiläufige Bemerkung eine Stimmung beeinflusste oder wer sich plötzlich aus einem Gespräch zurückzog. Es geht dabei keineswegs um die Erinnerung an Äußerlichkeiten. Es geht um die Fähigkeit, Atmosphäre, Beziehung und Dynamik gleichzeitig wahrzunehmen und miteinander in Verbindung zu bringen.
In meiner langjährigen Führungskräfteberatung und -begleitung ist mir aufgefallen, dass auch bei beruflichen Meetings eine Frau Wochen später noch herleiten kann, warum sich eine Gruppe von Entscheidungsträgern durch welche Information zu welcher Entscheidung hat lenken lassen. Sie erinnert sich nicht nur an das Ergebnis, sondern kann den Weg dorthin nachvollziehen: Welche Argumente wurden aufgenommen? Welche Dynamik entstand? Welche Atmosphäre hat sich entwickelt? Und welchen Einfluss hatte all dies auf den Ausgang des Treffens? Diese Fähigkeit kann eine wesentliche Führungskompetenz sein. Genau dies hat möglicherweise Johannes Paul II. mit dem weiblichen Genius beschreiben wollen.
Genug freie Räume für Frauen
Ein weiterer Gedanke im Interview fällt wohltuend auf: er stellt die Glaubenslehre der Kirche hinsichtlich des priesterlichen Amtes nicht infrage, sondern fragt danach, welche Räume für Frauen jenseits der Weihe noch längst nicht ausgeschöpft sind. Damit wird ein inzwischen vielfach beschrittener Diskussionspfad verlassen. Wenn Männer und Frauen in der Heilsökonomie unterschiedliche Funktionen haben, muss Unterschiedlichkeit nicht Hierarchie bedeuten. Im Gegenteil: Unterschiedlichkeit kann Ergänzung ermöglichen. Und gute Ergänzung erhöht die Qualität von Entscheidungen. Besonders interessant finde ich deshalb die Bereiche, in denen Sr. Mary Sylvia bislang ungenutztes weibliches Potenzial sieht: Vermögensverwaltung und Finanzwelt, Unternehmertum, Spitzenführung sowie Investitionen in Bildung und Gesundheit.
Frauen und Finanzen
Gerade die Finanzwelt liefert ein interessantes Beispiel. Eine Langzeitanalyse von Fidelity Investments von mehr als fünf Millionen Kundenkonten über einen Zeitraum von zehn Jahren zeigte, dass Frauen im Durchschnitt eine um 0,4 Prozentpunkte höhere Anlagerendite erzielten als Männer. Als mögliche Ursachen werden unter anderem langfristigeres Denken, geringere Handelsaktivität und ein bewussterer Umgang mit Risiken diskutiert. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass weibliche Kompetenzen auch in einem traditionell eher männlich geprägten Bereich nicht unterschätzt werden sollten. Welche Kompetenzen und Perspektiven bleiben ungenutzt, wenn Frauen an solchen Entscheidungen zu wenig beteiligt sind?
Im deutschsprachigen Raum lohnt sich ein Blick auf unsere kulturellen Prägungen. Über Jahrhunderte wurde das Bild der Frau stark mit ihrer Verantwortung für Familie, Kinder und Fürsorge verbunden. Diese Aufgabe geringzuschätzen wäre ein schwerer Fehler. Sie gehört zu den anspruchsvollsten Führungsaufgaben überhaupt. Doch Fürsorgekompetenz erschöpft das Potenzial von Frauen nicht.
Die “neue” Frau in der Kirche
Frauen bringen ebenso Umsicht, Weitblick, Beharrlichkeit, Beziehungsintelligenz und die Fähigkeit mit, komplexe Zusammenhänge zu durchdringen. Genau diese Kompetenzen brauchen Organisationen – und auch die Kirche. Es ist deshalb bemerkenswert, dass inzwischen auch in der Leitung des Heiligen Stuhls Frauen Verantwortung in Bereichen übernehmen, die keineswegs Randbereiche kirchlichen Handelns darstellen: Paola Fanelli wurde von Papst Leo XIV. zur Personalchefin des Heiligen Stuhls ernannt. Sr. Simona Brambilla wirkt nicht nur als Präfektin des Dikasteriums für die Institute des geweihten Lebens, sondern wurde von Leo XIV. auch in das Dikasterium für die Bischöfe berufen. Und mit Maria Montserrat Alvarado hat Leo XIV. eine Laiin an die Spitze des Kommunikationsdikasteriums berufen. Personal, Bischofsauswahl, Kommunikation – hier geht es um zentrale Steuerungsbereiche der Weltkirche.
Das charismatische Verständnis von Führung
Sr. Mary Sylvia verweist auf die Aussage von Papst Franziskus, dass es gilt, ein „charismatisches“ Verständnis von Führung einzubeziehen, das nicht von der Ordination abhängig ist.
Charisma bedeutet in diesem Zusammenhang eine natürliche Form von Autorität, die es für andere einfach macht, einer Person gerne und mit Freude zu folgen. Eine solche Autorität entsteht nicht allein durch Amt oder Titel. Sie entsteht durch Persönlichkeit, Kompetenz, Glaubwürdigkeit und die Fähigkeit, Menschen für einen gemeinsamen Auftrag zu gewinnen.
Die Frage, was Leadership aus theologischer Perspektive bedeutet, ist deshalb eine äußerst wichtige Frage. Charismatische Autorität entsteht nicht durch Amt oder Titel allein, sondern dort, wo Menschen einer Person Vertrauen schenken, weil sie Kompetenz, Glaubwürdigkeit, Klarheit und Integrität erleben. Gute Führung erzeugt nicht Gefolgschaft durch Macht, sondern die Bereitschaft, Verantwortung mitzutragen. Menschen folgen einer solchen Führung nicht, weil sie müssen, sondern weil sie ihr vertrauen. Erstaunlicherweise treffen sich hier moderne Führungsforschung und christliches Menschenbild an einem entscheidenden Punkt: Führung ist nicht zuerst Position. Führung ist Beziehung und Verantwortung. Und die christliche Perspektive geht noch einen Schritt weiter, denn Führung wird zum Dienst. Autorität legitimiert sich nicht dadurch, dass jemand über andere verfügt, sondern dadurch, dass er Verantwortung für andere übernimmt, ihre Gaben erkennt, Entwicklung ermöglicht und dem gemeinsamen Auftrag dient.
Qualifikation und Qualität statt Quote
Damit stellt sich für mich eine Frage, die über die Beteiligung von Frauen hinausgeht:
Welche Qualifikationen braucht es, um für die verantwortungsvollen und reichweitenstarken Positionen in der Kirche geeignet zu sein?
Natürlich braucht es theologische Kompetenz. Wer in der Kirche Verantwortung übernimmt, muss ihren Glauben, ihre Lehre, ihre Geschichte und ihr Selbstverständnis kennen. Aber genügt das?
Brauchen wir nicht ebenso dringend eine größere Kompetenz bei denjenigen, die kirchliche Führungspositionen besetzen? Die Fähigkeit, Begabungen überhaupt zu erkennen? Menschen nicht allein nach vertrauten Lebensläufen, kirchlichen Netzwerken oder akademischen Titeln auszuwählen, sondern nach geistlicher Reife, Führungskompetenz, Urteilskraft, Erfahrung und Charisma. Deshalb sollte weniger darüber gesprochen werden, wie Frauen sich noch weiter qualifizieren müssen. Stattdessen wäre es wichtig, strategisch wie methodisch zu überlegen, Begabungen zu erkennen und Verantwortung zu übertragen. Das gilt für Frauen ebenso wie für Männer.
Der „weibliche Genius“ wäre dann nicht einfach ein weiterer Begriff in der Debatte um Frauen in der Kirche. Er wäre eine Einladung, genauer hinzusehen: auf die Fähigkeiten, die Frauen mitbringen, auf die Aufgaben, für die sie besonders geeignet sein können, und auf die Ressourcen, die der Kirche verloren gehen, wenn sie ungenutzt bleiben.
Ein Ozean muss nicht erst größer werden, damit wir seinen Reichtum entdecken können. Wir müssen lernen, seine Tiefe zu erkunden. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Perspektivwechsel: Nicht zuerst zu fragen, welche Türen Frauen noch geöffnet werden müssen, sondern welche Räume der Kirche darauf warten, dass Frauen ihre spezifischen Gaben einbringen.
Kerstin Goldschmidt,
Jahrgang 1975, verwitwet. Als selbständige Personalberaterin, Trainerin, Coach und Moderatorin begleitet Kerstin Goldschmidt Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen. Ihr Engagement für den Neuen Anfang entspringt der Freude, gerne von der Schönheit und Fülle des Evangeliums zu sprechen. Die geistliche Tiefe und Vielfalt der katholischen Kirche erlebt sie täglich als inspirierende Schatzkammer.
Beitragsbild: Adobe Stock, Oksa-Studio
Bild im Beitrag: Bearbeitet nach Godfrey Okoye University

