Ein Musiker entdeckt die Synodalität

Wie funktioniert die Kirche: Wie ein Sinfonieorchester oder wie eine gut eingespielte Jazzband? Matthias Petzold ist vom Fach; er weiß dazu eine Menge zu sagen …

Ich bin Musiker, genauer gesagt Jazzmusiker, auch Komponist und Bandleader. Ich höre genau hin. Auf dem Katholikentag in Würzburg gab es einen Dialog, der mich aufgrund seiner musikalischen Bildhaftigkeit faszinierte. Da diskutierte Kardinal Grech aus Rom mit einer jungen Frau, der 25-jährigen Theologiestudentin Finja Weber. Es ging um „Synodalität als Strukturprinzip der Kirche“. Kardinal Grech verglich die Kirche mit einem Sinfonieorchester, in dem die Musiker unterschiedliche Stimmen spielen, die sich aber zu einem einheitlichen Ganzen verbinden. Finja Weber war damit ganz und gar nicht einverstanden.

Wer dirigiert die Kirche?

Die Kirche, so Kardinal Grech, ist katholisch, weil sie ein harmonisches Ganzes ist. Einheit und Verschiedenheit verschmelzen zu einer Sinfonie. Die Kirche ist wie ein großes Orchester mit unterschiedlichen Instrumenten. Jedes Instrument behält seine Eigenart, aber sie verbinden sich zu einer gemeinsamen Komposition. Der Zusammenhalt dieses großen Orchesters wird durch den Dirigenten gewährleistet. Darauf aufbauend führte er aus, wie die Kirche auf verschiedenen Ebenen durch das bischöfliche Amt geleitet wird.

Finja Weber ging auf dieses Bild ein und stellte einige kritische Fragen dazu, die einerseits den Standpunkt der deutschen Reformbewegung vertraten, andererseits aber auch zum weiteren Nachdenken einluden. Sie fragte: Wer ist der Dirigent des Orchesters? Ist es der Papst, der Bischof oder der Priester, also der Klerus? Die zweite Frage war die nach der Verteilung der Instrumente. Darf jeder jedes Instrument spielen oder werden die Instrumente zugeteilt? Die dritte Frage schließlich war die nach dem Komponisten. Ist es eine einzelne Person, ist es das ganze Orchester oder ist es Gott?

Finja Webers Alternative: der Musikkreis! Hier sucht sich jeder sein Instrument aus, es gibt keine Hierarchien und alle Entscheidungen, auch die Komposition, werden gemeinsam besprochen und abgestimmt. Dadurch ist jeder an den Entscheidungen beteiligt und es entsteht ein kollektives Musikstück.

Kardinal Grech nahm die Fragen ernst und ging auf sie ein. In der Erläuterung seines Bildes bezeichnete er Jesus Christus als den Komponisten und den Heiligen Geist als den Dirigenten. Kardinal Grech konnte diesen Gedanken leider nicht mehr ausführen … Ihm wurde das Wort entzogen. Man wollte zu den Fragen des Publikums übergehen.

Da die Diskussion offen endete, möchte ich hier aus der Sicht eines Jazzmusikers einen anderen Blickwinkel präsentieren. Ich greife eine Äußerung aus dem Publikum auf, die „mehr Jazz in der Kirche“ anregte.

Der Musikkreis und die Kakophonie

Zunächst ein paar Worte zu Finja Webers Vorschlag: Kirche als „Musikkreis“. Jeder sucht sich sein Instrument selbst aus. Entscheidungen werden durch gleichberechtigte Diskussionen und Mehrheitsentscheidungen getroffen. Die Bloggerin Margarete Strauss vermutete als Ergebnis „Kakophonie“, also ein katastrophales, unentwirrbares Durcheinander von Stimmen, Klängen und Rhythmen.

Das muss nicht sein! Meine Erfahrung als Musikpädagoge: Nach einer kurzen Phase des Durcheinanders wird sich in den meisten Gruppen ein mehr oder weniger respektvolles Gesprächsklima einstellen. Im direkten menschlichen Kontakt geht es in der Regel konstruktiver zu als in Internetforen. Allerdings wird sich in der Diskussion gegen jeden komplexen oder inhaltlich anspruchsvollen Vorschlag eine Mehrheit finden („zu schwer“, „zu kompliziert“, „irgendwie komisch“). Das wirklich Neue ist immer zunächst einmal fremd, es „befremdet“. Kreative Ideen, die eine gestaltende Kraft haben, sind oft komplex und erschließen sich nicht auf Anhieb. Hätte Gustav Mahler seine Sinfonien oder J.S. Bach seine Fugen zur allgemeinen Abstimmung freigegeben, wäre nicht viel davon übrig geblieben. In kollektiven Entscheidungsmechanismen einigt man sich in der Regel auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, was zu sehr einfacher Musik mit einstimmigen Melodien und schlichten Rhythmen führt.

Für die deutsche Reformbewegung in der katholischen Kirche ist leider genau das festzustellen: Eine simplifizierte Ethik, die sich auf ein bis zur Unkenntlichkeit verwässertes augustinisches „Liebe, und dann tu, was du willst“ beschränkt. Ein Inkarnationsverständnis, das Gott auf diffuse Weise im menschlichen Miteinander verortet, Transzendenz rein innerweltlich versteht und jede metaphysische Fragestellung ablehnt. Und ein Traditionsbegriff, der die gesamte Kirchengeschichte bis hinein in die Evangelien als Narrativ betrachtet, das dekonstruiert und neu zusammengesetzt werden kann.

Ich möchte damit weder die gute Absicht vieler Beteiligter noch das oft glaubwürdige und erfolgreiche Bemühen um tätige Nächstenliebe und den Einsatz für die universellen Menschenrechte in Abrede stellen. Aber in theologischer und spiritueller Hinsicht fehlt die Musik. Der Ansatz bleibt flach und unbefriedigend. Das zeigt sich nicht zuletzt am drastischen Einbruch der Studentenzahlen für das Fach Theologie an staatlichen Hochschulen.

Komponist, Dirigent und Heiliger Geist aus Sicht eines Jazzmusikers

Wenn man das Bild der Sinfonie aus der Sicht eines Jazzmusikers betrachtet, verschieben sich die Akzente. Finja Weber legt eine wichtige Schwäche offen. Es gibt im Sinfonieorchester keinen Raum für menschliche Freiheit. Jeder Musiker spielt eine genau auskomponierte und bis in die kleinsten Akzentuierungen festgelegte Stimme.

In einer Jazzcombo, also einem improvisationsorientierten Jazzensemble, hat der Komponist eine gegenüber der klassischen Konzertmusik veränderte Rolle. Eine Jazzkomposition präsentiert in verdichteter Form melodische, harmonische und rhythmische Grundideen, die zunächst vorgestellt und dann von den Musikern der Band improvisatorisch verarbeitet werden. Dabei entwickelt jeder Musiker seine individuelle musikalische Botschaft, bleibt dabei aber innerhalb der Grundstruktur der Komposition.

Hier ist Jesus Christus tatsächlich der Komponist, dessen Botschaft durch alle Zeiten hindurch eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für unzählige Menschen ist, die mit ihrem Leben darauf antworten und sie in ihre kulturellen Kontexte integrieren. Die Kirchengeschichte zeigt, dass diese Integration immer dann besonders fruchtbar war, wenn die Treue zum Evangelium Grundlage und Triebfeder dieses menschlichen Handelns war. Menschen, die nichts weiter wollten als Jesus Christus nachzufolgen, erschufen eine erstaunliche Vielfalt an Geisteshaltungen und Lebensformen und prägten die Gestalt des Christentums.

So viel zur Rolle des Komponisten, also zu Jesus Christus. Aber wer ist der Dirigent? Hier würde ich sowohl Kardinal Grech, der den Heiligen Geist als den Dirigenten identifizierte, als auch Finja Weber widersprechen, die die Rolle des Dirigenten grundsätzlich ablehnte. Im Jazzkontext kann man den Dirigenten, bzw. hier besser den Bandleiter, nämlich durchaus mit dem apostolischen Amt identifizieren. Und das gerade deshalb, weil der Bandleiter für die Gestaltung des Zusammenspiels und die musikalische Aussage nicht so wichtig ist wie der Dirigent für ein Sinfonieorchester.

Aufgabe des Bandleaders ist es, den musikalischen und gelegentlich auch den menschlichen Überblick zu haben. Er organisiert die Band und das Gleichgewicht zwischen Komposition und Improvisation. Dabei geht er auf Vorschläge aus der Band ein und sorgt dafür, dass jeder Musiker seine künstlerische Eigenart mit einbringen kann. In wichtigen Fragen hat er die Aufgabe, Entscheidungen zu treffen, die er dann persönlich verantworten muss.

Über Respekt und Freiheit in der Kirche

Ein guter Bandleiter respektiert unbedingt den Improvisationsstil eines jeden Musikers. Gleichzeitig achtet er darauf, dass der Zusammenhang mit der Komposition, also der Grundidee des Stückes, gewahrt bleibt. So entsteht ein Zusammenspiel von Freiheit und Gebundenheit und von Individualität und Gemeinschaft. Die großen Bandleiter der Jazzgeschichte – Duke Ellington, Miles Davis … – ließen ihren Musikern viel Freiraum und forderten sie so zu kreativen Meisterleistungen heraus, die sich aber immer in den Kontext des Stückes einfügten.

Wenn nun in meiner Transposition des musikalischen Beispiels in den Jazzbereich der Komponist Jesus Christus ist, auf dessen Komposition die Gläubigen mit ihrem Leben improvisatorisch antworten; wenn das Ordnungs- und Leitungsamt für den kirchlichen Bereich nicht bei Gremien mit wechselnden Mehrheitsentscheidungen, sondern beim apostolischen Amt liegt: Wo bleibt dann aber der Heilige Geist?

Der Heilige Geist manifestiert sich meines Erachtens im aufmerksamen gegenseitigen Zuhören der Musiker untereinander. Dadurch entsteht ein intuitives Verständnis dafür, was der Entwicklung des Stückes jetzt gerade weiterhilft und welche Ideen und Impulse man in das Zusammenspiel mit einbringt. Jenseits der musikalisch-technischen Parameter, also der Akkordfolgen, rhythmischen Modelle und formalen Strukturen, ist es dieser Geist, der aus einer Ansammlung versierter Musiker eine Einheit macht, die kreative und emotional eindrucksvolle Musik erschafft.

Dieser Geist reicht aber auch über den Augenblick hinaus. Der Sound eines Musikers ist eingebettet in den Gesamtstrom der Jazzgeschichte, in dem er sich durch Nachahmung und Abgrenzung, durch Wiederholung und Neuerfindung positioniert. Gerade die großen Erneuerer des Jazz zeichneten sich durch einen intensiven Bezug zur Jazztradition aus, auf die sie einen frischen und ungewohnten Blick hatten. Dadurch kamen sie zu neuartigen Ergebnissen, die dann ihrerseits wieder Bestandteil der Jazzgeschichte wurden.

Die Erfahrung von Individualität und Gemeinschaft, von Freiheit und Verantwortung, von Spontaneität und Struktur, die aus der Jazzimprovisation hervorgeht, kann Licht darauf werfen, dass kirchliche Gemeinschaft mehr ist als eine Machtstruktur, sei sie nun ausgeübt durch hierarchische Instanzen oder durch Mehrheitsentscheidungen kollektiver Gremien. Kirchliche Gemeinschaft geht nicht ohne „Gehorsam“, und das bedeutet: durch geduldiges Aufeinander-Hören, durch die beharrliche Suche nach dem Platz, an dem man der Gemeinschaft am besten dient, und nicht zuletzt durch das Vertrauen darauf, dass der Heilige Geist die Kirche nie verlassen hat und auch in Zukunft nicht verlassen wird.

Vielleicht brauchen wir in diesem Sinne also tatsächlich „mehr Jazz in der Kirche“…


Matthias Petzold
(*1964) ist Jazzmusiker, Komponist und Musikpädagoge. Neben seiner Unterrichtstätigkeit hat er regelmäßig Konzerte mit eigenen Bandprojekten, darunter auch geistliche Kompositionen für Chor und Jazzensemble. Seine künstlerische Arbeit ist auf vielen CDs dokumentiert. Seit 1992 gehört er dem OFS, dem 3. Orden der franziskanischen Ordensfamilie an. (petzold-jazz.de)


Beitragsbild: Louis Panassié, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. Bildausschnitt und Layout (Titelüberlagerung) angepasst.

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