Wo sind die Jünger?
Wie kann die Transformation von einer Betreuungskirche in eine Kirche der Jünger und Freunde Jesu gelingen? In einem Vierteiler beleuchtet Bernhard Meuser das Projekt einer Kirche, in der Bischöfe und Gläubige gemeinsam der Kirche ein neues Gesicht verleihen und miteinander missionarische Dynamiken entwickeln. In Teil II geht es um eine schiefe Pastoral, in der man vergeblich nach echten Jüngern sucht.
Über den Relevanzverlust durch eine schiefe Pastoral
Wenn man katholisch getaufte Menschen in Deutschland fragt, warum die Kirche keine Bedeutung mehr habe, bekommt man in der Regel Antworten vom Typus „Die Kirche sollte …“, „die Kirche müsste …“ Die darin zum Ausdruck kommende Distanzierung und Nichtidentifizierung mit der Kirche, deren “Glied am Leib” sie doch sind, die so sprechen, ist zu einem guten Teil hausgemacht. Zwar hat sich herumgesprochen, dass das Zweite Vatikanische Konzil die „wahre Gleichheit in der allen Gläubigen gemeinsamen Würde und Tätigkeit zum Aufbau des Leibes Christi“ (Lumen Gentium 32) betont hat und dass es eine Zwei-Klassen-Kirche nicht gibt. Aber in der kirchlichen Praxis gibt es ein selten ausgesprochenes Interesse, falsche Verhältnisse zu erhalten. Man möchte auf der einen Seite zu denen gehören, die das Sagen haben und das Ganze zum Wohle aller inszenieren, und auf der anderen Seite möchte man zu denen gehören, die zahlen und Anspruch auf eine passable Performance der Vortänzer hinter Ambo und Altar haben. In beiden Fällen ist die Kirche nicht die Kirche, sondern jeweils nur eine Hälfte, die es der anderen Hälfte in die Schuhe schieben kann, wenn es nicht klappt. Und dann gibt es noch einige, die sagen: “Wir sind Kirche”, damit es andere gibt, die Nichtkirche sind, weil sie den Standards der Moderne nicht entsprechen.
Die Dinge so zu lassen, wie sie historisch eingerastet sind, hat entlastende Funktion. Für „die da unten“: Man kann es „denen da oben“ schuldhaft anschreiben, wenn die Kirchenbänke leer bleiben und die Kinder der Kirche Adé sagen. Und es befördert auf der anderen Seite eine bestimmte Sorte von Klerikalismus, die notorisch auch unter kirchenangestellten Nichtklerikern grassiert. Man kann sich elitär abheben, kann sich in der Rolle der Repräsentanten, Wissenden, Leitenden und Zuteilenden professionell einrichten.
Aus der Dreierstruktur entwickelt sich eine kranke Zweierstruktur aus Aposteln und angestellten Apostelhelfern, den playern, die „in possessione“ sind, und einer unspezifischen Masse von Volk, das bespielt, unterhalten, verwaltet und betreut wird.
Kirche – ein Dasein ohne Inhalte
Kaum etwas kennzeichnet die Kirchenkrise treffender als der Begriff der „Betreuungskirche“. Katholisch sein funktioniert hier nach dem Muster von betreutem Wohnen. Von „unten“ gesehen: Man zahlt und hat Anspruch auf Rundumversorgung durch spezialisierte Pflegekräfte. War die Messe schön, kann man den Daumen heben. Hat der Pfarrer nicht gegrüßt, kann man aus der Kirche austreten. Von seiten der Betreuer her schmiegt sich der Logik dieser Organisationsform eine Marketingkirche an, in der es darauf ankommt, kreativ zu performen, zielgruppengerechte Angebote zu machen und kundengerechte Serviceleistungen im Portfolio zu haben. Aus Gläubigen werden – ebenso organisationslogisch – Konsumenten. Je stärker die Nachfrage nachlässt, desto verlockender müssen die Angebote der Religionsverwalter sein. Je weniger noch bekannt ist, worum es geht, je weniger der Sinn des Ganzen verstanden wird, desto pädagogischer muss liturgisch und pastoral entertained werden. Über dem karussellartig laufenden Betrieb gerät die Sendung in Vergessenheit. Die Kirche, die doch der Transmissionsriemen des Evangeliums und die Vergegenwärtigung des Herrn sein soll, gleitet ab in den Zustand einer kollektiven Demenz, in ein Dasein ohne Inhalte, dem noch so niederschwellig nicht mehr beizukommen ist.
Laien sind aber keine Objekte der Pastoral; die Kirche der Laien ist nicht uneigentliche, von der universellen Mission entbundene Kirche. Und die Profis – also die Gruppe der klerikalen wie laikalen Kleriker – sind auch nicht die eigentliche Kirche.
„Die Hirten der Kirche sollen nach dem Beispiel des Herrn einander und den übrigen Gläubigen dienen, diese aber sollen voll Eifer mit den Hirten und Lehrern eng zusammenarbeiten. So geben alle in der Verschiedenheit Zeugnis von der wunderbaren Einheit im Leibe Christi: denn gerade die Vielfalt der Gnadengaben, Dienstleistungen und Tätigkeiten vereint die Kinder Gottes, weil „dies alles der eine und gleiche Geist wirkt“ (1 Kor 12,11).“ (Lumen Gentium, 32)
Da sind wir noch nicht. Das Resultat eines gerade grassierenden falschen Kirchenbegriffs finden wir beispielsweise auf der Homepage einer Stuttgart Gemeinde: „Unter dem Motto „Wir haben eine Kirche. Sie haben eine Idee?“, laden wir Sie ein, St. Maria … mitzugestalten … Ausgeschlossen sind: Kommerzielle Projekte, Marketing-veranstaltungen, Wanderprojekte, die einfach nur einen Aufführungsort suchen, Firmenfeiern, private Feiern, parteipolitische Veranstaltungen …“ Kirche als Karaokebühne?
In seinem „Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ führt Papst Franziskus eine von der Rolle geratene Allerweltskirche auf ihr Proprium, die Einladung in die Freude des Evangeliums, zurück:
„Die so gelebte Evangelisierung ist keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt von heute, oder kein Akt der Eroberung, der Dominanz oder territorialen Erweiterung; sie ist keine „Retusche“, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Originalität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt. Auch bedeutet Evangelisierung nicht den Versuch, Gewohnheiten und Praktiken zurückzugewinnen, die in anderen kulturellen Zusammenhängen einen Sinn ergaben. Nein, die Evangelisierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu dem, der uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19); ein Weg also, der einen Glauben ermöglicht, der mit Freude gelebt, erfahren, gefeiert und bezeugt wird.”
In seiner äußersten Reduktion besteht Jesu Vision von der Kirche und vom Reich Gottes in einer doppelten Zuspitzung: Ganz Jesus. Ganz die Kirche. Ganz das Haupt. Ganz der Leib. Er hat uns erlöst, „… nicht aufgrund unserer Taten, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade“ (2 Tim 1,9). Damit es aber keine (Haupt-) und Kopfgeburt wird, müssen sich alle Glieder des Leibes in Bewegung setzen. Der Jünger hört den Anruf des Herrn: Du hast eine Mission! „Er antwortet: „Ich bin eine Mission … Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien.“ (EG 273) Der Jünger ist einer, der weiß, dass das „missionarische Handeln das Paradigma für alles Wirken der Kirche ist“ (EG 15). Der Zweck der Kirche ist die Verkündigung der rettenden Botschaft, „… an allen Orten und bei allen Gelegenheiten ohne Zögern, ohne Widerstreben und ohne Angst das Evangelium zu verkünden. Die Freude aus dem Evangelium ist für das ganze Volk, sie darf niemanden ausschließen.“ (EG 23) Das ist die Sendung, die alle in die Pflicht nimmt und keinen Christen aus der persönlichen Verantwortung entlässt.
Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”.
Beitragsbild: Carl Bloch, Tempelreinigung (1875), Wikipedia

