… oder die Physik der Eucharistie
Carlo Acutis hat unter jungen Menschen eine Welle der Begeisterung für das Geheimnis der Eucharistie und für die Anbetung ausgelöst, – einfach indem er die Fülle der unbestreitbaren eucharistischen Wunder im Internet populär machte. Aber wie kann das sein? Das Brot ist doch Brot und bleibt Brot. Kann die physikalische Betrachtung von Licht uns näher an das heranführen, was in der Theologie „Realpräsenz“ heißt: dass Christus mit Leib und Blut wahrhaft in Brot und Wein gegenwärtig ist? Ein Beitrag unseres Gastautors Dr. Alexander Fuchs.
Immer dann, wenn wir auf das Fronleichnamsfest zugehen, rückt ein Thema in unser Bewusstsein, das uns fasziniert und zugleich auch ein Stück ratlos macht: gemeint ist die Realpräsenz.
Diese ist ein Element des Glaubens, den die Kirche uns vorlegt, und es bedeutet, dass während der Heiligen Messe, im Moment der Wandlung und auch danach in der konsekrierten Hostie, Jesus Christus dauerhaft und real anwesend ist. Es bedeutet, dass der ganze Christus gegenwärtig ist, der gestorbene und auferstandene, und insbesondere wird während der Wandlung auch das Opfer Jesu am Kreuz Gegenwart. Diese Gegenwart Jesu, diese Gegenwart Gottes heute und zugleich in einem geschichtlich einmaligen Vorgang, ist ein Dreh- und Angelpunkt unseres Glaubens und gleichzeitig auch eine der größten Herausforderungen.
Plausibilität und Realpräsenz
Denken wir uns kurz hinein in einen Gottesdienst, in das Hochgebet. Die Hostie kommt recht unspektakulär daher und es passiert auch äußerlich nicht wirklich etwas mit ihr bei der Wandlung. Und wir sollen nun glauben, dass in dieser weißen Scheibe ein Ereignis Gegenwart wird, das 2000 Jahre her ist.
Thomas von Aquin sagt uns sinngemäß, dass der Glaube ein Akt des Verstandes ist, der seine Zustimmung zur göttlichen Wahrheit gibt. Der Glaube ist also keine reine Herzensangelegenheit. Mit der Aussage der Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers tut sich der Verstand zumindest schwer oder er sagt sogar „Nein“, weil es letztlich unserer Erfahrung widerspricht, dass vergangene Ereignisse gegenwärtig werden können.
Wenn also der Verstand unserem Glauben zustimmen muss, dann stehen wir schon mitten drin im Verhältnis von Glaube und Vernunft. Dazu passt die Enzyklika von Papst Johannes Paul II „Fides et ratio“ und darin lädt der Papst dazu ein, dass Glaube und Vernunft zur Erkenntnis Gottes zusammenarbeiten sollen.
Wir dürfen aber nicht die Vernunft mit der Physik gleichsetzen. Denn die Physik erforscht rein die Natur und akzeptiert nur Wahrnehmbares, Fakten und Messungen. Alles Metaphysische und göttliches Eingreifen wird in der Physik ausgeklammert und damit ist die Physik eben keine Disziplin, die nach Gott sucht. In diesem Zusammenhang sagt der Papst allerdings ausdrücklich, dass auch die Erkenntnisse über die reine Natur der Schöpfung eine erste Stufe auf dem Weg der göttlichen Erkenntnis sein können.
Die Rolle der Physik
Im Endeffekt wollen wir die Physik nur als Zwischenergebnis nutzen, nicht Gott beweisen oder widerlegen, sondern wir wollen plausibilisieren, wir wollen eine Ahnung davon bekommen, wie das mit der Realpräsenz denn sein kann. Wir wollen nach Ähnlichkeiten (oder Analogien im Sinne des IV Laterankonzils) suchen, wir wollen die Tür zum Verständnis der Realpräsenz einfach ein klein wenig weiter öffnen und dem Göttlichen vor allem auf der Ebene des Staunens begegnen.
Kommen wir zu einer kurzen Darstellung der Lichtphysik. Das Licht ist zwar ein alltägliches Phänomen, das allerdings unsere klassischen Vorstellungen von Raum, Zeit und Masse gewissermaßen „auf den Kopf stellt“. Es war ein längerer Weg, bis die Physik das erkannt und dann auch in der Beschreibung der Natur in den Griff bekommen hat. Einer der entscheidenden Punkte ist dabei die Art und Weise, wie das Licht sich ausbreitet.
Für das Licht gilt nämlich nicht das Prinzip der Überlagerung von Geschwindigkeiten, wie z.B. bei einem in einen Bahnhof einfahrenden Zug. Ein sich im Zug bewegender Fahrgast wird im Zug mit Schrittgeschwindigkeit und vom Bahnsteig aus mit der Summe aus Zug- und Schrittgeschwindigkeit wahrgenommen. Die Lichtgeschwindigkeit ist demgegenüber immer dieselbe, egal ob sich die Lichtquelle annähert oder entfernt. Es hat somit immer dieselbe absolute Geschwindigkeit, die Lichtgeschwindigkeit.
Dieser experimentelle Befund war ein Anlass für die Entwicklung der Relativitätstheorie, die von Albert Einstein ausgearbeitet wurde. Einstein hat diese grundlegende Eigenschaft des Lichts ins Zentrum der Theorie gestellt und die übrigen grundlegenden Größen, also Raum, Zeit und Masse, außen herum angeordnet. Aus dieser Theorie ergibt sich eine Fülle von überraschenden Effekten, die von ihr vorhergesagt werden und in den meisten Fällen unserer Intuition widersprechen.
Der Kernpunkt: bewegte Uhren gehen langsamer
Für unsere Zwecke ist vor allem der Effekt relevant, dass bewegte Uhren langsamer gehen als ruhende Uhren. Dieser ist umso stärker, je größer die Geschwindigkeit wird. Wenn man aber an die Grenzgeschwindigkeit herankommt, das ist die Lichtgeschwindigkeit, dann wird er maximal, d. h., dass die bewegte Uhr dann gar nicht mehr geht, also stehen bleibt.
Wenn wir uns jetzt daran machen, diese Erkenntnisse auf unseren Glauben zu übertragen, dann ist es sinnvoll, dies in mehreren Schritten zu tun. Der erste Schritt wäre, diese Lichtphysik überhaupt erstmal als für uns relevant anzunehmen, denn es handelt sich wie gesagt “nur” um eine Theorie, und eine reine Theorie könnte auch ein Hirngespinst sein. Aber die Relativitätstheorie spielt sogar in unserem Alltag eine Rolle. Der Effekt der langsamer laufenden, bewegten Uhren wird zum Beispiel bei der Satellitennavigation genutzt, um unsere Position exakt zu bestimmen. Wir könnten also letztlich sagen: wer ein Handy benutzt, kann nicht gleichzeitig die Relativitätstheorie und damit die Lichtphysik ablehnen.
Der zweite Schritt besteht in der Frage: Wie ist jetzt dieses physikalische Ergebnis zu deuten? Licht bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit, folglich geht dessen (gedachte) Uhr sehr sehr langsam, also im Endeffekt gar nicht. Das heißt, es gibt für das Licht keine Vergangenheit und auch keine Zukunft. Wir können auch sagen: Licht altert nicht. Unabhängig davon, in welcher eigenen Zeit wir uns als Beobachter befinden: das Licht ist für uns immer in der Gegenwart.
Die Analogie zur Glaubensaussage
Jetzt wollen wir versuchen, auf Basis dieser Kenntnis über die Natur eine Aussage über Gott zu machen, und lassen uns dabei näher zum Glauben hinführen. Es gibt eine Glaubensaussage, die uns intuitiv leichter zugänglich ist als die Lehre der Realpräsenz, und die von Jesus Christus selbst stammt. Sie lautet:
„Ich bin das Licht der Welt.“
Die Auferstehungsliturgie greift diese Aussage im Lichtritus auf, wo der Zelebrant mit der Osterkerze in die dunkle Kirche kommt und sagt: Christus das Licht.
Gemeint ist damit natürlich nicht, dass Christus nur eine Kerze ist, sondern es geht um eine Ähnlichkeit, was wir auch Analogie nennen: Diese könnte z.B. lauten:
„Wie das Licht dieser Kerze die Dunkelheit vertreibt, so vertreibe ich die Finsternis deiner Todesangst.“
Wir könnten jetzt entsprechend sagen:
„Wie das Licht dieser Kerze die Dunkelheit vertreibt, so erfülle ich deine Zeit mit meiner ewigen Gegenwart.“
Und mithilfe dieser ewigen Gegenwart, die dieselbe Gegenwart ist wie vor 2000 Jahren, können wir erkennen, dass sich die Tür zur Plausibilisierung der Realpräsenz ein Stück weiter geöffnet hat.
Zum Thema “Lichtphysik und Ewigkeit – Gottes Gegenwart durch Raum und Zeit” gibt es einen Vortrag von Dr. Alexander Fuchs als Podcast bei Radio Horeb.
Dr. Alexander Fuchs,
ist seit vielen Jahren als Patentanwalt tätig. In diesem Umfeld muss er als Vermittler die sehr unterschiedlichen Disziplinen Natur- und Rechtswissenschaft „zusammenbringen“. Beim Studium des Alten Testaments im Rahmen des Hochaltinger Katechistenkurses fesselte ihn der Bezug zwischen dem Schöpfungsbericht in Gen 1 und der physikalischen Urknalltheorie. Von da ab beschäftigte Alexander sich intensiv mit dem Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft, insbesondere der Physik. Seine Gedanken sind vor allem in Vorträgen und Workshops zu finden. Zudem engagiert er sich auch als Buchautor, im Radio und im Jugendbibelkreis seines Pfarrverbandes. Dementsprechend ist es ihm ein besonderes Anliegen, Inhalte so zu präsentieren, dass sie auch für Jugendliche leicht verständlich sind und lebendig wirken.
Eine Nachbemerkung von Dr. Helmut Müller
Als Naturphilosoph und Theologe hat mich beeindruckt, wie sich Dr. Alexander Fuchs als Physiker dem Geheimnis der Eucharistie annähert. Die strahlende Monstranz, die uns zugleich das „Licht der Welt“ (Joh 8,12) und den „wahren Leib“ zeigt, gehören zusammen. Licht, also etwas, was sinnfällig wahrgenommen wird, ist etwas, was in seiner physikalischen Messung für unseren Bewusstseinshorizont eigentlich „ewig“ ist, da es in seiner quantenphysikalischen Natur in allen kosmischen Räumen und Zeiten gleichsam wie im Jetzt und Hier gemessen werden kann. D. h.: wir können uns durch den Akt unseres Glaubens, da wir Zeit und Raum erfahrende Wesen sind, in jeder Gegenwart in die eigentlich zeit- und raumlose Präsenz Christi, des Lichtes der Welt, einklinken, wenn ER in der sakramentalen Wandlung, dem Wort des Priesters „folgt“, der da über gewöhnliches Brot die ungeheuerlichen Worte spricht: „Das ist mein Leib.“ (Lk 22,19)
Beitragsbild: Jacob Bentzinger (unsplash)

