Braucht es Expertenstatus, um in der Kirche mitzureden? Franz Grunewald kommentiert einen Redebeitrag auf der 6. Synodalversammlung im Sinne von Paulus in 1Kor 1,26. Er unterstützt den Appell des Redners, auch Nicht-Akademiker zu fördern und zu achten, und er wundert sich, dass dieser Redebeitrag in der Synodalversammlung nur verhaltene Resonanz fand.
Kirche – ein Expertengremium?
Auf katholisch.de war am 4.5. ein Beitrag zu lesen mit dem Titel „Kirche darf nicht zum Expertengremium werden“.
Darin plädiert Sascha Heinrich, ein Priester aus Marsberg im Sauerland, der sein Studium in Lantershofen absolviert hat, im Kontext der sechsten Synodalversammlung dafür, dass in der Kirche auch Nicht-Akademiker Gehör finden.
Nur leichter Applaus
Es lohnt sich, diesen Artikel bis zum Ende zu lesen. Im letzten Absatz findet sich der eigentliche Clou: Auf der sechsten Synodalversammlung in Stuttgart (29.-31.1.2026) habe dieser Redebeitrag „zwar einen leichten Applaus ausgelöst. Doch so etwas wie eine „Nicht-Akademiker-Quote“ gibt es in der Synodalkonferenz nicht.“
Diskrepanz
Mich hat der Beitrag elektrisiert. Dabei kenne ich den erwähnten Priester nicht, weiß von ihm nicht mehr, als in dem Text steht, und bin auch selbst in keiner vergleichbaren Situation. Mich berührt aber die Diskrepanz zwischen einem redlichen Bemühen nach besten Kräften und der naserümpfenden Reaktion des Publikums, die Diskrepanz zwischen Begeisterung für den Glauben und die Kirche einerseits und der unterkühlten Antwort andererseits oder noch schärfer: die Diskrepanz zwischen dem Handeln des Heiligen Geistes, das in dem hier beschriebenen Lebensweg ganz offensichtlich zu sehen ist, und dem akademischen, beinahe ungläubig zu nennenden Zur-Kenntnis-Nehmen. Die Reaktion bestätigt ja genau das, was der Redner beklagt hat: ein Gefühl des Ausgeschlossenseins, weil im Namen der Kirche Sprechende nur ihresgleichen respektieren, akademische Experten eben.
Natürlich braucht es theologische Bildung
Das muss man richtig einordnen und ergänzen, um die Aussage Heinrichs darin deutlicher werden zu lassen. Natürlich braucht die Kirche Experten im Sinne von theologisch Gebildeten. Das ist eine zentrale Erkenntnis der nachreformatorischen Reflexion im 16. Jahrhundert. Für die Förderung und Realisierung akademischer Bildung in der Kirche stehen Heilige wie Carl Borromäus, Angela Merici, Ignatius von Loyola und einige andere mehr. Eine wichtige Errungenschaft des Tridentinischen Konzils ist die Erkenntnis, dass auch einfache Kleriker ein Studium absolvieren müssen und dass Kirche in Adels- und Bürgerbildung investieren muss. Vermutlich beabsichtigt Heinrich nicht, in diesem Sinne das Rad zurückzudrehen.
Es gibt noch eine andere Ebene
Aus dem Kontext wird etwas anderes deutlich: Sein Appell richtet sich an Akademiker, die manchmal kaum mehr bereit sind wahrzunehmen, dass akademische Bildung nicht die einzig relevante Voraussetzung für Aussagen in der Kirche und über den Glauben sein kann und darf. Dass es im Glauben noch eine andere Ebene gibt, die nicht auf Wissen und Analyse beruht – und dabei allzu oft von menschlichen Interessen und dem Drang der Selbstrechtfertigung bestimmt ist. Dass es in dieses intellektuelle Können hinein für Christen noch ein Wort von außen gibt, das uns anruft und mitunter im Leben quer kommt. Diesen Anruf können selbstverständlich auch Menschen wahrnehmen, die nicht zur akademischen Oberschicht gehören, die einfach nur hinhören auf das Wort Gottes – ohne Vorbehalte, ohne Aber und sonstige Einwände. Dafür gibt es in der katholischen Hagiographie zahllose Beispiele. Stellvertretend seien genannt die Kranken- und Clemensschwester Sr. Euthymia, der als Pfarrer von Ars berühmte Beichtvater Johannes Vianney, das Mädchen Bernadette Soubirous, die weder lesen noch schreiben konnte, oder der oberösterreichische Bauer und Mesner Franz Jägerstätter, der 2007 seliggesprochen wurde. Sind sie alle nur einen „leichten Applaus“ wert?
Bitte nicht missverstehen! Es geht hier nicht um eine vorzeitige Heiligsprechung eines Landgeistlichen. Wohl aber darum zu betonen, dass im Glauben alle Gläubigen ihre Berechtigung haben.
Paulus an die Gemeinde in Korinth
Mich erinnert die oben skizzierte verhalten-distanzierte Reaktion an Erfahrungen des Apostels Paulus, auf die er in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth eingeht:
„Seht doch auf eure Berufung, Brüder und Schwestern! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.“ (1 Kor 1, 26-29).
Es ist erstaunlich, sofern man dem Bericht vertrauen darf, dass der akademischen Zuhörerschaft des Redners Sascha Heinrich diese Paulus-Worte wohl nicht präsent genug waren. Das sagt mehr über die Zuhörer als über den Redner. Es ist auch erstaunlich – oder vielleicht auch überhaupt nicht -, dass es im Kontext der Synodalversammlung passiert ist, die doch behauptet, die Kirche in Deutschland erneuern zu wollen. Eine Erneuerung, die ihre Wurzeln und Grundlagen nicht kennt, ist keine solche. Sie entlarvt sich selbst.
Franz Grunewald
Jg. 1960, Diplomtheologe nach Studium in Münster und Freiburg, bis 2026 Lehrer für Deutsch und katholische Religion am Gymnasium Ursulaschule in Osnabrück, zuvor berufstätig in Zürich, Dortmund und München. Kinderlos verheiratet. Leitspruch: “Dienen heißt den unteren Weg gehen!”
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