Für einen neuen Anfang in der Kirche braucht es mehr als Gottvertrauen. Franjo Roth, Pastoralreferent und ehemaliger Gärtner, deutet das Gleichnis vom Sämann neu und fachmännisch. Lesen Sie, wie Gottes Ackerfeld zu bereiten ist und was wir dazu tun können.
Es gibt Gleichnisse Jesu, die einen ein Leben lang begleiten. Für mich gehört das Gleichnis vom Sämann (vgl. Mt 13) dazu. Das liegt ganz sicher daran, dass ich zwei Berufe gelernt habe, wobei der zuerst erlernte – ich war fünfzehn Jahre lang Gärtner, zuletzt Gärtnermeister – den jetzigen Beruf des Pastoralreferenten vielfach auslegt. Wer viele Jahre mit Erde gearbeitet hat, hört diese und manch andere Gleichniserzählungen auch auf fachliche Weise. Er hört nicht nur vom Samen, sondern schaut unwillkürlich auch auf den Boden, denn jeder Gärtner weiß, dass eine gute Ernte lange vor der Aussaat beginnt. Sie beginnt mit der notwendigen Frage, wie es um den Boden bestellt ist.
Die Frage der Bodenbeschaffenheit
Ist die Erde locker genug, damit Wurzeln in die Tiefe wachsen können? Ist sie verdichtet, ausgelaugt oder verschlämmt? Kann Regen überhaupt einsickern, oder läuft das Wasser oberflächlich ab? Leben noch Regenwürmer und Mikroorganismen in ihr, die den Humus erneuern? Muss gepflügt, gelockert oder gedüngt werden? Oder braucht der Boden zunächst sogar Ruhe, also eine Zeit der Brache?
Jeder, der jemals etwas ausgesät hat, und sei es im eigenen Balkonkasten, würde niemals wertvolles Saatgut wahllos ausstreuen und anschließend sagen: „Gott wird schon für das Wachstum sorgen.“ Ein solcher Satz klänge zwar fromm, wäre aber weder Ausdruck fachlicher Kompetenz noch tiefen Gottvertrauens. Wer den Acker liebt, bereitet ihn vor. Er weiß, dass das Saatgut kostbar ist und der Boden ebenso.
Beschaffenheitsanalyse der Kirche
Bildlich gesprochen muss sich die Kirche heute vor allem fragen lassen, wie sich die Beschaffenheit des Bodens zeigt.
Seit Jahren erleben wir einen tiefgreifenden Wandel, den unterschiedliche Studien beschreiben. Sie zeigen nicht nur sinkende Mitgliederzahlen oder schwindende Gottesdienstbesuche. Sie machen deutlich, dass sich die religiöse Landschaft grundlegend verändert hat. Die Tradierung des Glaubens in den Familien ist vielerorts abgebrochen. Vielen Menschen fehlt eine grundlegende Kenntnis der Bibel, die Sprache des Glaubens und das Verständnis für Liturgie und Sakramente. Sie lehnen den christlichen Glauben oft gar nicht bewusst ab – sie kennen ihn schlicht nicht mehr. Noch eindringlicher in diesem Zusammenhang ist die Feststellung, dass viele Menschen nicht einmal mehr die Frage nach Gott stellen.
Und doch erzählen dieselben Studien noch eine andere Geschichte. Die Sehnsucht nach Sinn, nach Verlässlichkeit, nach Orientierung und nach einer Hoffnung, die über das eigene Leben hinausreicht, ist keineswegs verschwunden. Menschen suchen. Sie fragen nach Spiritualität, nach Gemeinschaft und nach einem Leben, das trägt. Was verloren gegangen ist, ist der Boden, in dem diese Sehnsucht Wurzeln schlagen kann.
Wer als Verkünder des Evangeliums diese Diagnose ernst nimmt, wird sich kaum damit begnügen können, lediglich mehr von dem zu tun, was gestern schon kaum noch Frucht getragen hat. Wenn sich der Boden verändert hat, genügt es nicht, die Menge des Saatguts zu erhöhen. Vielmehr stellt sich die Frage, ob diejenigen, die säen, vor der Aussaat eine Bodenanalyse machen.
Von der Diagnose zur Handlungsstrategie
Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, das Gleichnis vom Sämann noch einmal genauer zu lesen. Dreierlei lässt sich sagen.
- Wer sich schon einmal eine Säwanne vor den Bauch geschnallt und ausgesät hat, weiß, dass das Wurfbild immer ein Halbkreis ist, nicht deckungsgleich mit dem meist rechteckigen Acker. Zwangsläufig muss etwas daneben fallen. Das ist allerdings kein Zeichen von Verschwendung, sondern technisch bedingt.
- Jesus erzählt dieses Gleichnis nicht als Anleitung für pastorale Strategien. Er spricht weder über Methoden noch über Organisationsformen, sondern von denjenigen, die das Gotteswort hören.
- Seine Aufmerksamkeit gilt dem Boden. Der Same ist gut. Daran besteht kein Zweifel. Entscheidend ist, wohin er fällt. Der Weg, der felsige Untergrund, die Dornen und die gute Erde unterscheiden sich nicht durch den Samen, sondern durch ihre Potenz, dem Samen gute Wachstumsbedingungen zu bieten.
Damit verschiebt sich der Blick. Die eigentliche Frage lautet nicht mehr: Wie können wir noch mehr säen? Sie lautet vielmehr: Wie wird harter Boden wieder fruchtbar?
Weitere biblische Bilder
Mit Blick auf diese Frage lohnt es sich, auch in andere biblische Texte zu schauen, die das Sinnbild des Bodens bzw. des Ackers nutzen. Schon die Propheten kannten diese Frage. Jeremia ruft seinem Volk zu:
„Nehmt Neuland unter dem Pflug und sät nicht unter Dornen“ (vgl. Jer 4,3).
Man beachte die Reihenfolge: Jeremia sagt nicht: Sät mehr! Er sagt: Pflügt zuerst! Bevor Gottes Wort Frucht bringen kann, muss der Boden geöffnet werden. Und er sagt: Sät gezielt! Paulus fügt eine weitere Perspektive hinzu, wenn er der Gemeinde in Korinth schreibt:
„Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen“ (1 Kor 3,6).
Gott allein schenkt Wachstum. Das entlastet den Menschen, entbindet ihn aber nicht von seiner Verantwortung. Und wenige Verse später fügt Paulus hinzu:
„Ihr seid Gottes Ackerfeld“ (1 Kor 3,9).
Der Acker gehört Gott. Der Same gehört Gott. Die Ernte gehört Gott. Gerade deshalb dürfen wir mit dem Acker nicht beliebig umgehen.
Wenn ich diese biblischen Bilder miteinander verbinde, drängt sich mir der Gedanke nach einem neuen, noch ungeschriebenen Gleichnis auf, das von den klugen und von törichten Säleuten.
Ein ungeschriebenes Gleichnis . . .
Der törichte Sämann misst seine Treue an der Menge des ausgestreuten Samens. Er verwechselt Masse mit Fruchtbarkeit und Betriebsamkeit mit Sendung. Der kluge Sämann dagegen kennt den kostbaren Wert des Samens. Gerade deshalb achtet und pflegt er den Boden. Er pflügt, lockert, wartet und sät schließlich ebenso großzügig – aber nicht gedankenlos. Seine Großzügigkeit ist von Klugheit geprägt.
Neben dem Glauben ist also Klugheit gefragt. Thomas von Aquin nennt die prudentia die „Lenkerin aller Tugenden“. Sie hilft, die Wirklichkeit so wahrzunehmen, wie sie ist, und nicht so, wie wir sie gerne hätten. Klugheit ist deshalb keine Absage an den Glauben, sondern seine notwendige Begleiterin. Glaube, Hoffnung und Liebe brauchen die Klugheit ebenso wie Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß. Im Zusammenspiel dieser sieben Tugenden, und nur dann, wird die Verkündigung des Gotteswortes, ja wird pastorales Handeln zu katholischem Handeln.
. . . und dessen Deutung
Wenn ich an die vergangenen Jahre und Jahrzehnte denke, sehe ich viele engagierte Menschen in der Kirche vor mir. Ob ehrenamtlich oder hauptberuflich. Mit großer Hingabe tun sie ihren Dienst. Ich weiß, wieviel Kraft sie investieren, wie viele Abende sie unterwegs sind, wie viele Projekte sie begleiten und wie oft sie erleben, dass die Resonanz dennoch gering bleibt. Nicht selten besteht die Antwort darauf darin, noch mehr Saatgut auszubringen, noch ein Angebot zu entwickeln oder noch eine Veranstaltung zu organisieren – in der Hoffnung, dass irgendwann doch noch etwas aufgehen werde.
Die Hoffnung ist dabei nicht falsch. Sie gehört zum christlichen Glauben. Aber sie bleibt unvollständig, wenn sie, im Bilde gesprochen, die Beschaffenheit des Bodens nicht mehr in den Blick nimmt.
Vom Gärtner lernen
Als Gärtner habe ich gelernt, dass Böden ermüden können. Wer Jahr für Jahr dieselbe Kultur anbaut und den Boden permanent beansprucht, verändert seine Struktur. Die oberen Horizonte verdichten sich, Wasser dringt kaum noch ein, das Bodenleben nimmt ab, der Humus wird weniger. Irgendwann hilft auch die beste Saat nicht mehr, weil ihr der Lebensraum fehlt.
Deshalb kennen Gartenbau und Landwirtschaft seit Jahrhunderten die Brache. Sie ist kein Zeichen der Aufgabe, sondern Ausdruck einer tiefen Ehrfurcht vor dem Boden. Ein Acker wird bewusst aus der Nutzung genommen, damit er sich regenerieren kann. Regen, Frost, Pflanzenwurzeln und unzählige Bodenorganismen arbeiten in dieser Zeit an einer Erneuerung, die der Mensch selbst nicht herstellen kann. Neue Humusschichten entstehen, das Bodenleben kehrt zurück, die Horizonte gewinnen ihre Durchlässigkeit wieder. Was von außen wie Stillstand aussieht, ist in Wahrheit ein verborgener Prozess neuen Lebens. Und manchmal braucht es auch noch ein tiefes Aufbrechen des brachliegenden Bodens, bis in die unterste Schicht.
Ein wunderbares Paradigma für die Kirche unserer Zeit: Ausruhen und in die Tiefe graben.
Pastorale Brache schafft Raum für Gott
Nicht jedes pastorale Feld muss also in jeder Zeit gleich intensiv bestellt werden. Nicht jedes Angebot muss um jeden Preis fortgeführt werden. Manches darf ruhen, damit Neues entstehen kann. Das ist keine Resignation, sondern Ausdruck geistlicher Klugheit. Die manchmal notwendige pastorale Brache ist auch Arbeit – nur eine andere, als uns vermittelt wurde. Sie schafft Raum, damit Gott selbst am Boden wirken kann.
Und noch ein weiterer Gedanke dazu. Wir schauen auf das, was wir kennen. Das sind, bildlich gesprochen, die Felder, die wir selbst bestellt haben. Dabei übersehen wir jene, auf denen Gott längst arbeitet. Immer wieder begegne ich jungen Erwachsenen, die nach der Taufe fragen, Jugendliche, die den Katechismus lesen und manchmal auch Familien, die das gemeinsame Gebet neu entdecken. Vieles davon ist überhaupt nicht die Frucht irgendeines Pastoralplanes. Es scheint vielmehr, als hätte ein anderer den Samen ausgestreut. Könnte es sein, dass der Heilige Geist uns voraus ist?
Entlastung und Verpflichtung
Jesus sagt zu seinen Jüngern:
„Ich habe euch gesandt zu ernten, wofür ihr euch nicht abgemüht habt; andere haben sich abgemüht, und euch ist ihre Mühe zugute gekommen“ (Joh 4,38).
Dieser Satz entlastet und verpflichtet zugleich. Er entlastet, weil die Kirche nicht bei Null beginnen muss. Und er verpflichtet, weil sie lernen muss, die Felder zu erkennen, auf denen Gott längst wirkt.
Deswegen ist die Frage nach der Erneuerung der Kirche eine Frage nach dem Tiefengrund des Glaubens. So wie ein Bauer oder ein Gärtner auf eine gute Infrastruktur angewiesen ist, so braucht die Kirche gute Strukturen, verantwortliche Leitung und transparente Entscheidungen. Darüber muss gesprochen werden. Entscheidend jedoch ist die Analyse des Glaubensgrundes. Die Krise der Kirche ist keine Organisationskrise. Sie ist die eine Glaubenskrise ganz vieler Menschen. Jesus beginnt seine öffentliche Verkündigung mit den Worten:
„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15).
Und Paulus ergänzt:
„Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Denkens“ (Röm 12,2).
Kirchliche Erneuerung von Grund auf beginnt dort, wo Menschen sich von Christus verwandeln lassen.
Gefragt ist Qualität statt Quantität
Was die Kirche unserer Zeit braucht, sind nicht mehr Säleute, sondern kluge Säleute. Frauen und Männer, die glauben, hoffen und lieben, die unterscheiden können, wann gepflügt, wann gesät, wann gewartet und wann geerntet werden muss. Sie brauchen den Mut, harten Boden aufzubrechen, und ebenso die Gelassenheit, einen Acker auch einmal brach liegen zu lassen, weil sie wissen, dass Gottes verborgenes Wirken tiefer reicht als jede menschliche Aktivität.
Denn am Ende bleibt die Kirche Gottes Ackerfeld. Nicht wir erneuern sie. Christus erneuert seine Kirche. Unsere Aufgabe besteht darin, den Boden zu bereiten, klug zu säen, die Zeichen des Wachsens aufmerksam wahrzunehmen und gemeinsam mit allen auf die Ernte zu warten.
Franz-Josef Roth
Pastoralreferent in Dinslaken, Bistum Münster. Franz-Josef Roth ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
Beitragsbild: junge_saat_by_friedbert_simon_pfarrbriefservice

