Wäre der Synodale Weg ein Fußballspiel, läge jetzt die Rote Karte wegen Foulspiel vor. Es war „ein bisschen Kopf von Maradona und ein bisschen Hand Gottes kommentierte einst legendär der argentinische Fußballer Diego Maradona sein irreguläres Tor bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko. Helmut Müller zieht die Parallele zu der Reaktion der Erfurter Dogmatikerin Julia Knop auf die aktuelle Stellungnahme und Kritik des Heiligen Stuhls zum Reformvorhaben des deutschen Synodalen Weges. Rom sieht das Reformvorhaben nicht mehr im Rahmen eines katholischen Bekenntnisses. Die deutschen „Spieler“ laufen dennoch unverdrossen weiter auf dem Platz trotz Roter Karte.

Abpfiff aus Rom

Wenn jemand vorgibt Fußball zu spielen, aber ständig auch die Hand im Spiel hat, muss er sich nicht wundern, wenn er abgepfiffen oder sogar vom Platz gestellt wird. Da hilft auch viel Kopf der Spieler und ein „bisschen Hand Gottes“ nichts. Genau das ist offenbar dem Synodalen Weg passiert. Nach drei gelben Karten gab es jetzt die Rote: Rom hat das Spiel abgepfiffen, allerdings hat man auch zugelassen, dass die Spieler und Spielerinnen dennoch an einem von Rom ausgerichteten Turnier – namens Weltsynode – und dann regelkonform antreten dürfen. Das hat nicht wenige Star-Spieler und Spielerinnen des Synodalen Weges, die meinten sich weitere gelbe Karten leisten zu können, enorm geärgert, etwa die Dogmatik-Professorin Julia Knop aus Erfurt.

In einer Wortmeldung bei den Salzburger Hochschulwochen erzählt sie freimütig, wie die Bischöfe offensichtlich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen bewegt wurden, am Prozess des Synodalen Weges teilzunehmen, da wie Knop selbst bestätigt, „die Beschlüsse der Synodalversammlung von sich aus keine Rechtswirkung entfalten.“ Die Vollmacht von Bischöfen und Bischofskonferenz sollte unangetastet bleiben. Das sei „ein notwendiges Zugeständnis gewesen, um die Bischöfe dazu zu bewegen, den Synodalen Weg mitzutragen,“ so die Dogmatikerin. Einmal so ins Boot gehievt, nötigt man dann die Bischöfe nun zur Selbstverpflichtung, Mehrheitsbeschlüsse mitzutragen. Ein ganz offensichtliches Handspiel, wenn man eigentlich vorgibt, Fußball zu spielen.

Der Heilige Stuhl nur ein „Möbelstück“?

Auch Sr. Katharina Kluitmann, selbst Mitglied der Synodalen Vollversammlung, meldet sich prompt „verletzt“ und gutgläubig blauäugig, allerdings mit einem fiesen Nachtreten über die Äußerungen eines „heiligen Möbelstücks“, auf dem bei der Veröffentlichung des Schreibens tatsächlich der Papst saß.

Nicht zu vergessen  die lautstarken Zuschauer am Spielfeldrand etwa aus Österreich. Der Salzburger Fundamentaltheologe Gregor Maria Hoff meinte wenige Tage später, dass der Hl. Stuhl im heißen römischen Sommer einem Spiel – unter Verkennung der Temperaturverhältnisse – im eigentlich kühleren Norden eine Spielpause verordnet habe. Diese Rufe am Spielfeldrand lassen aber den Verdacht aufkommen, dass da zu weiterem Foulspiel ermutigt wird, ja sogar, dass Fußball mit neuen Regeln oder gar ein anderes Ballspiel gespielt werden soll, nämlich Handball.

Foulspiel Gnosis

In der katholischen Kirche ist wie beim Fußball auch der „Kopfball“ erlaubt. Kopfball – der Doppelpass zwischen Glaube und Vernunft – findet regelkonform zwischen den Köpfen des Lehramtes und denen der Theologie statt. Er gerät allerdings zur Gnosis, wenn die Theologie das Lehramt dominiert oder die Theologie, wie im Training beim Fußball, nur köpfelt. Die Wortmeldungen aus dem Spielfeld von Julia Knop und die vom Spielfeldrand von Gregor Maria Hoff sprechen eindeutig dem Lehramt seine Kompetenz ab oder verweigern schlicht das Doppelpassspiel mit dem Lehramt.

Julia Knop meint, toxische Strukturen und lebensfeindliche Lehren in ihrer Kompetenz als Theologieprofessorin in der lehramtlichen Theologie feststellen zu können. Der Fundamentaltheologe aus Salzburg kritisiert eine fehlende „Hörbereitschaft“ des höchsten Lehramtes – man glaubt es kaum – das Lehramt soll wohl auch auf Zurufe vom Spielfeldrand hören. Natürlich. Aber auf jeden? So soll der Heilige Stuhl etwa eine Einrichtung des geplanten Synodalen Rates begrüßen. Das hieße, etwas dauerinstallieren, was gerade abgepfiffen wurde.

Ähnliches hat das Lehramt aber schon im Orientierungstext der 2. Lesung erkennen können: Wenn es etwa im Abschnitt 26 des Orientierungstextes heißt „Gerade dann, wenn es um die Frage geht, welche Orientierung die Heilige Schrift heute gibt, muss die Deutung offen für neue Einsichten aus den Natur-, den Human- und den Gesellschaftswissenschaften sein.“ Das ist richtig. Aber das römische Lehramt hat hier offenbar die Verdrehung erkannt: Herrschaftswissen der Humanwissenschaften soll Heilswissen aus Schrift und Tradition dominieren. Allein, kluges Erkennen und der spärlich praktizierte Doppelpass zwischen Glaube und Vernunft würden den Ruf zur Umkehr und die Verkündigung des Evangeliums faktisch marginalisieren. Das nennt man Gnosis.

Verstecktes Handspiel: Die Umdeutung von Vollmacht in Macht

Die gegenwärtige Kirche Christi bedarf natürlich der Reform – und zwar weltweit, nicht bloß in Deutschland. Das Verständnis von Reform sollte aber sein Maß aus dem Evangelium nehmen und nicht aus einer gegenwärtigen philosophischen oder politischen Diskussion hergeleitet werden. Jesus selbst hat schon in den Evangelien erkennbar einen Unterschied gemacht unter denen, die ihm folgten, zwischen Frauen und Männern, Freunden und Jüngern. Zwölf Männer hat er ganz besonders herausgehoben, obwohl Frauen, nach allem was man weiß, vielfach die bessere Wahl gewesen wäre. Diese später Apostel genannten Männer, sind schon in den ersten Schriftzeugnissen erkennbar mit Vollmacht ausgestattet worden. Jesus selbst musste noch erleben, dass etwa Petrus, sein engster Begleiter, in dieser Funktion kläglich versagt hat (Mk 14,30).

Kompetenz statt Charisma?

Berufung in ein Charisma ist offensichtlich kein Automatismus für Heiligkeit, oder säkular ausgedrückt: Ein Charisma bürgt nicht schon für Sachkompetenz. Georges Bernanos hat das in seinem „Tagebuch eines Landpfarrers“ unübertrefflich klar dargelegt, was Robert Bresson ebenso glänzend verfilmt hat. Berufung und Begabung mit einem Charisma bleibt also ganz offensichtlich ein Rätsel. Der Berufene kann menschlich augenscheinlich versagen oder unfähig sein, seinem Amt gerecht zu werden. Dennoch ist heilshafte Wirksamkeit nicht ausgeschlossen. Genau das thematisiert Bernanos im Roman und Bresson im gleichnamigen Film. Dieses Verständnis von Amt, Berufung, Charisma ist in keinem Text des Synodalen Weges erkennbar, schon gar nicht in der Theologie ihrer Vertreter. Auch Vollmacht – wenn sie überhaupt in den Texten vorkommt, wird nur als Machtmissbrauch thematisiert. Abusus non tollit usus, Missbrauch diskreditiert aber nicht schon den Gebrauch von Macht. Das wusste bereits die Antike.

Gewalttätige Sexualität jetzt als „sexualisierte Gewalt“?

Auch Julia Knop versucht einmal mehr die Reformagenda, die seit 50 Jahren nichts Neues enthält, mit gewalttätiger Sexualität – oder wie alle formulieren – mit sexualisierter Gewalt zu verbinden. Der semantische Dreher erlaubt es besser, Gewalt mit Macht zu verbinden. Außerdem hat das den Nebeneffekt, dass Sexualität – als von der Kirche unterdrücktes Begehren – bei freier Entfaltung und Ausübung mit minimalen ethischen Forderungen angeblich endlich besser gelänge. Diese leichten, semantischen und kontextuellen Verdrehungen machen das Wesen dieses versteckten Handspiels aus.

Säkular statt sakral

Der Berufene muss also in Freiheit offenbar seinem Charisma, seiner Berufung gerecht werden. Wird er das nicht oder sogar straffällig, unterliegt er wie alle Menschen der staatlichen Strafgerichtsbarkeit. Es ist naiv, anzunehmen, die Geltung politisch definierter Gewaltenteilung auch für kirchliche Ämter könne Straftaten verhindern. Die Sanktionierung eines kirchlichen Amtsträgers braucht – neben der für alle geltenden, weltlichen Strafgerichtsbarkeit auch eigene Kriterien. Deshalb gibt es ein Kirchenrecht, ja sogar ein eigenes, kirchliches Arbeitsrecht. Der Missbrauch eines mit Vollmacht zum Dienen Berufenen, kann nicht dadurch geahndet werden, dass sakrale Strukturen gänzlich durch säkulare ersetzt werden. Vollmacht, die eigentlich zum innerkirchlichen Dienst bestellt, darf nicht bloß im säkularen Sinn als Machtmissbrauch verstanden werden.

Jüngerschaft oder Job in der Kirche?

Jüngerschaft, in die Jesus Frauen und Männer in unterschiedlicher Weise beruft, kann nicht nach den Kriterien einer Unternehmensberatung kompetenzorientiert erfolgen, sondern nur als ein Ruf in die Nachfolge, der auffordert, einen sparsamen Gebrauch von weltlichen Gütern zu machen. Freiheit erscheint dann in ihrer Bindung an Gehorsam und umgekehrt. Lust in ihrer ursprünglichen Bindung an Tugend. Schockenhoff hat in seinem Lingener Vortrag mit breiter Rezeption, diese Verbindung gelöst, wenn nicht aufgelöst. Und schließlich gehört dazu auch das Paar Gütergebrauch und Güterverzicht, das auf einen ökologischen Rest restringiert worden ist. All das scheint Knop offenbar mit der Kategorie lebensfeindlich verbunden zu haben, jedenfalls kommen oben genannte evangelischen Räte, darum handelt es sich nämlich, in keinem Synodalen Text vor. Ein weiteres verstecktes Handspiel.

Die Wahrheit des Evangeliums verschwindet in seinen Deutungen

„Der Synodale Weg will die Kirche im Rahmen der geltenden Bedingungen reformieren. Das geht nur mit den Bischöfen und mit der Weltkirche. Der Synodale Weg setzt dazu mit vorzeigbarem Erfolg auf Überzeugung und gute Erfahrungen. Seine Kraft liegt im Performativen“, schreibt Julia Knop. Im Mittelsatz nennt sie die Bischöfe. Jeder Katholik geht dann davon aus, dass damit ihre lehramtliche Funktion gemeint ist.

In der Hermeneutik des Synodalen Weges ist aber mit performativ gemeint: Man setzt um, was man diskursiv beschlossen hat. Diskursiv in diesem Sinne meint – was viele vernünftige Köpfe ausdiskutiert und in einem Konsens beschlossen haben. Das Ergebnis wird umgesetzt. Wahrheit ist nur noch das Resultat eines vernünftigen Konsenses. Selbst Offenbarung, Schrift und Tradition werden so in diskursivem Konsens bestimmt. Offenbarung ist dann keine Begründungsinstanz mehr, sondern nur noch Deutungskategorie, so auch Saskia Wendel in ihrem Buch „In Freiheit glauben“ (S. 139). Die Bischöfe werden davon weniger überzeugt – mit wenigen Ausnahmen schweigt nämlich die Mehrheit in den Sitzungen – sondern überrumpelt, in Selbstverpflichtung zuzustimmen. Auf die Ausübung ihres Amtes, das sie in bischöflicher Vollmacht auszuüben hätten, sollen sie verzichten.

Performativer Widerspruch – einfach weitermachten wie bisher

Wenn sie das nicht täten, hat der ehemalige ZDK-Vorsitzende Thomas Sternberg überaus klar gesagt: „Wenn dann ein Bischof in einem kleinen Bistum eine Regelung nicht umsetzt, dann gibt es schon einen erheblichen Druck und das wird auch nicht ganz ohne Folgen bleiben. Außerdem: Selbst wenn das in ein paar Bistümern passierte, so etwas kann sich dann auch biologisch regeln“. Die Macht und Autorität der Beschlüsse kommen dann nicht mehr durch Vollmacht vom Himmel, sondern durch den Druck auf der Straße, durch die Macht der öffentlichen Meinung.

Eine Kritik von Rom wird dann regelmäßig von einem Donnerball der Presse begleitet, selbst die Kirchenpresse stimmt mit ein. Der Chefredakteur des Domradios Köln, Ingo Brüggenjürgen, versteigt sich sogar zur Aussage: „Vielleicht dient es dem Verständnis der alten Kirchenmänner hinter ihren hohen Vatikanmauern, wenn man die Euros aus den deutschen Finanztöpfen der Basis einfach mal einfriert?“ Das ist der übelste mir bekannte performative Widerspruch: Der kirchlichen Lehre durch gegenläufige Taten widersprechen. Ein ganz übles Foul. Übrigens muss Brüggenjürgen jetzt nach dem Bekenntnis des Papstes zu dem Kritik-Schreiben, das  angeblich „anonyme Schreiben“,  von dem er sagte es gehöre „Ab in die Tonne“, aus selbiger wieder rausholen.

Alles in allem wird kein Fußball mehr gespielt, um den zu Anfang eingeführten Gedanken zu Ende zu führen. Die angebliche Hand Gottes nach Maradona ist einfach ein perfides Handspiel und im Vergleich ganz und gar nicht so zu verstehen, dass man zulässt, dass Gott tatsächlich noch seine Hand im Spiel hat.

Es reichten zudem die klugen Köpfe der Theologen, was eigentlich gar kein Foulspiel wäre, wenn sie den Kopf des Lehramtes ebenfalls noch respektieren würden und das Doppelpassspiel von Glauben und Vernunft mehr pflegen würden.


von Dr. phil. Helmut Müller

Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landau. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag, Link: https://www.fe-medien.de/hineingenommen-in-die-liebe.

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Bildquelle (bearbeitet): © New Africa Adobe Stock

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