Die Teilnehmerzahl sinkt auf ein Drittel, die muslimische Landtagspräsidentin empfängt die Kommunion und Lebensschützer werden ausgeschlossen. Der gerade beendete Katholikentag in Stuttgart wirft viele Fragen auf. Ein Rückblick auf das katholische Deutschlandtreffen in Stuttgart mit dem promovierten Theologen und Philosophen Martin Brüske.

 

Frage: War die geringe Teilnehmerzahl des Stuttgarter Katholikentages hauptsächlich in den Corona-Auswirkungen begründet oder gab es andere Ursachen? Immerhin besuchten den vergangenen Katholikentag in Münster noch 80.000 bis 90.000 Teilnehmer.

Martin Brüske: Sicherlich sind die Nachwirkungen der Pandemie noch überall zu spüren. Ich teile aber die verbreitete Auffassung unter den Berichterstattern, dass ein entschiedenes Zurückgehen des Interesses an der Kirche als öffentlicher Bedeutungsträger eingetreten ist. Beim Betrachten der aktuellen Zahlen gilt es zu bedenken, dass sich unter den jetzt 27.000 Teilnehmern 7.000 Mitwirkende befinden. Das bedeutet: Auf jeden Mitwirkenden gab es nur knapp drei weitere Teilnehmer. Dieser Katholikentag in Stuttgart hat wenig Interesse erzeugt – und daran hat das Reformprojekt des Synodalen Wegs jedenfalls bislang nichts geändert.

Ich vermute: Der Marginalisierungstrend, den der christliche Glaube in unserem Land erfährt, wird durch die programmatische Anpassung an die Mainstreamkultur nicht nur nicht aufgehalten, sondern eher massiv verstärkt. Wir können das bei unseren evangelischen Schwestern und Brüdern auch soziologisch beobachten. Das Christentum verliert so jede Kontur. Wieso sollte es Interesse finden? Nur ein christlicher Glaube, der sich auf seinen innersten Kern besinnt – dass Gott, der Vater durch Jesus Christus im Heiligen Geist uns Menschen Vergebung, Gemeinschaft und erlöste Freiheit schenken will – verdient Aufmerksamkeit. Er wird in vielen Punkten sperrig und kantig sein – und zugleich, gerade auch heute, die tiefste Sehnsucht vieler Menschen ansprechen. Christinnen und Christen, die das in Formen gelingenden Lebens deutlich machen, sind interessant. Davon bin ich geistlich-theologisch, aber auch sozialwissenschaftlich überzeugt. Und davon war im Mainstream des Katholikentags kaum etwa zu spüren – leider!

Frage: Gab es denn inhaltliche Höhepunkte, die auf eine zukünftige Anziehungskraft hinweisen? Welche Aussagen werden nachhaltig wirken?

Martin Brüske: Nach meinem Eindruck war die geistliche und intellektuelle Substanz dieses Katholikentages sehr gering. Ich würde von einer Blutleere sprechen. Natürlich wurden die Reformthemen, die auch den Synodalen Weg beschäftigen, behandelt – allerdings ohne wahrnehmbaren Erkenntnisfortschritte. Charakteristisch ist, dass intensive Sachdiskussionen, bei denen sich unterschiedliche Positionen gegenüber stehen, ausgeblendet wurden. Das schließt nicht aus, dass an einigen Stellen „Zier-Oppositionelle“ eingeladen wurden. Aber es war nicht so, dass ein spürbares Ringen der unterschiedlichen Positionen stattgefunden hat, im Gegenteil: Eine kontroverse, substanzielle Debatte war offensichtlich nicht beabsichtigt. So entsteht fortlaufend der Eindruck, dass es beim Synodalen Weg eine feststehende Agenda gibt, die nicht infrage gestellt, sondern nur unterstützt werden soll.

Frage: Hat Ihnen denn die Dialogpredigt von von Bischof Dr. Georg Bätzing mit der Direktorin des Katholischen Bibelwerkes, Dr. Katrin Brockmöller, beim Abschlussgottesdienst zugesagt?

Martin Brüske: Sie bot nicht einmal den Ansatz einer ernsthaften Auslegung der Heiligen Schrift. Die Direktorin ordnete unwidersprochen die drei Texte aus dem Neuen Testament ein als „mehrdeutige Literatur“, die „manchmal widersprüchlich“ sei und unser Gespräch benötige. Klar ist damit: Die Schrift ist hier nicht mehr das durch Menschen vermittelte Zeugnis der Selbstoffenbarung Gottes, das mich als Hörenden zugleich richtet und rettet, wenn ich im Glauben darauf antworte, sondern ein irgendwie religiöser Text, der mir zum Anlass relativ beliebiger Assoziationen wird.

So sah dann die Predigt auch aus. Die theologischen Hauptlinien der Texte waren den beiden reichlich egal. Sie ließen sich gerade nicht dadurch herausfordern. Es macht mich beinahe fassungslos, wie qualifizierte Theologen derart niveaulos über Gottes Wort sprechen. Da war von einer exegetischen Verantwortung vor den Texten und dass wir als hörende Kirche unter dem Wort und nicht darüber stehen, schlechterdings nichts zu spüren. Mit einem Wort: Die Predigt hat mich schockiert und ziemlich traurig zurückgelassen.

Frage: Hat Sie der Kommunionempfang durch die Landtagspräsidentin Muhterem Aras, eine Muslima, überrascht?

Martin Brüske: Es ist nicht Aufgabe von Landtagspräsidentin Muhterem Aras, sich mit den Abläufen eines katholischen Gottesdienstes vertraut zu machen. Da gibt es auf beiden Seiten Fachleute, die ihr das vorher erklären können. Hauptaufgabe der Protokollmitarbeiter ist es, peinliche Situationen vorausdenkend zu vermeiden. Vermutlich war sie unerfahren und wusste nicht, worum es geht. Als Andersgläubige dürfen wir kein Eucharistieverständnis von ihr erwarten.

Dass es zu dieser Situation kam, deutet aber darauf hin, dass auch auf katholischer Seite ein totaler Bedeutungsverlust im Blick auf das sakramentale Geschehen eingetreten ist. Der Vorgang wurde – offenbar reaktionslos – hingenommen. Ein angemessenes Bewusstsein für die Bedeutung der Gegenwart des Herrn in der eucharistischen Gestalt ist offenbar verschwunden; gleichzeitig ist die Kirche nicht mehr in der Lage, unsere katholischen Kernvollzüge öffentlich zu kommunizieren. Aus dem innersten und intimsten Vollzug, in dem sich die Einheit des Leibes Christi vertikal mit seinem Haupt Jesus und horizontal mit seinen Gliedern – uns Christinnen und Christen in der Einheit der Kirche – manifestiert, wird ein völlig sinnentleerter, äusserlicher Ritus. Jesus liebt auch die Landtagspräsidentin, da darf man sicher sein, aber die Entleerung des Sakraments ist ebenso charakteristisch für die mangelnde Qualität der Veranstaltung!

Frage: Zum ersten Mal in seiner Geschichte wurde der „Bundesverband Lebensrecht“ nicht mit einem Stand zum Katholikentag zugelassen. Wie ordnen Sie das ein?

Martin Brüske: Manche Vorgänge erscheinen äußerlich klein, sind aber von großer Symbolkraft. Diese Nichtzulassung bedeutet einen Paradigmenwechsel, einen wirklichen und tiefen Bruch – denn der Bundesverband war alle Jahre immer und selbstverständlich auf dem Katholikentag vertreten.

Das Lebensrecht des Menschen – von der Empfängnis bis zum Tod – ist ein ureigenes christliches Anliegen. Seit den Anfängen des Christentums ist bezeugt, dass sich in diesem Thema die Christen völlig von der Mehrheitsgesellschaft der Antike unterschieden, und das tun sie bis heute. Papst und deutsche Bischöfe entsenden regelmäßig Grußworte oder beteiligen sich am „Marsch für das Leben“, den in Deutschland der jetzt vom Katholikentag ausgeschlossene Bundesverband Lebensrecht organisiert. In Rom haben an einer solchen Demonstration vor wenigen Tagen noch 40.000 Menschen teilgenommen.

Die Weigerung, wie bisher während des Katholikentages für den Lebensschutz eintreten zu können, ist also von hoher Symbolkraft: Die Programmkommission befand, dass der Bundesverband nicht eindeutig christlich sei. Damit sagt sie wenig über den Bundesverband, aber sehr viel über sich selbst. Drei Punkte:

1. Für die Organisatoren des Katholikentags ist das Engagement für den Lebensschutz nicht mehr eindeutig und klar dem christlichen Glauben zuzuordnen. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen.

2. Die Nicht-Zulassung gerade zur „Kirchenmeile“ mit ihrem vielfältigen Spektrum sagt: Lebenschutz-Engagement ist nicht einmal mehr in der Toleranzbreite des Bunten.

3. Das zeigt wohin ethisch und kirchlich die Reise geht.

Die Verantwortlichen dieser Veranstaltung wenden offenbar die neue deutsche Moraltheologie an. Das bedeutet: Die im Synodalen Weg vertretene Sexualmoral, als deren Promotor die Programmkommission offensichtlich instinktiv gehandelt hat, ist letztlich und in der Konsequenz nur unter Aufgabe des Lebensschutzes denkbar. Der BDKJ und einzelne seiner Gliederungen drängen ja bereits in diese Richtung. Abgesehen davon, dass die Kirche in Deutschland in ihrem aktuellen Zustand jede Fähigkeit in einer relevanten Weise für ihr Ethos glaubwürdig und wirksam einzutreten, verloren hat. Auch das gehört zur erschütternden Bilanz dieses Katholikentags.


Dr. theol. Martin Brüske
Martin Brüske, Dr. theol., geb. 1964 im Rheinland, Studium der Theologie und Philosophie in Bonn, Jerusalem und München. Lange Lehrtätigkeit in Dogmatik und theologischer Propädeutik in Freiburg / Schweiz. Unterrichtet jetzt Ethik am TDS Aarau.

Dies Interview erschien erstmalig bei der Katholischen Nachrichtenagentur CNA.

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