Bodo Windolf steht als Pfarrer einer Kirchengemeinde in München mitten in der Debatte unter Katholiken auch in der praktischen Arbeit vor Ort. In seinem Kommentar fasst er jene Zweifel zusammen, die seine skeptische Haltung zu Themen, Ablauf und Anspruch des Synodalen Weges befeuern.

Es ist offensichtlich, dass angesichts der 2018 veröffentlichten MHG-Missbrauchsstudie die Kirche nicht einfach zur Tagesordnung übergehen konnte. Sie musste eine Reaktion zeigen. Dass diese die Gestalt des „Synodalen Wegs“ (SW) annahm – eine deutsche Erfindung mit eigens dafür kreiertem Regelwerk – hinterließ bei manchen Mitgliedern der Bischofskonferenz dann doch ein gewisses Gefühl der Überrumplung. Sei`s drum. Man ließ sich darauf ein, und so geht es bei den Kontroversen letztlich nicht um das Dass dieses Weges, sondern um das Wie.

Mir ist bewusst, dass wir auch in unserer Gemeinde das ganze Meinungsspektrum abbilden, das momentan die Kirche in Deutschland prägt. Daher möchte ich nachdrücklich betonen, wie sehr mir daran liegt, dass sich auch all jene in der Gemeinde Christus Erlöser willkommen fühlen, die meine Ansichten nicht teilen. Aber ich bitte darum, sich mit den Argumenten, die mich dem SW gegenüber skeptisch sein lassen, wohlwollend auseinanderzusetzen.

Belastende Diskussionskultur

Die Diskussionskultur war, besonders am Anfang, sehr belastend. Dass in Sitzungen Redebeiträge mit Beifallsbekundungen, aber auch Buh-Rufen und später durch das Hochhalten von grünen und roten Karten kommentiert wurden, ohne dass das Präsidium umgehend einschritt, hat zur Aufheizung des Klimas beigetragen und stellt der Diskussionskultur der ersten Sitzungsperioden kein gutes Zeugnis aus.

Wenn außerdem Redebeiträge auf eine Minute begrenzt werden, dann sorgt man für Quantität – jeder kommt mal dran – allerdings auf Kosten der Qualität. In einer Minute kann man gut Zustimmung oder Betroffenheit ausdrücken, aber nicht einen auch nur einigermaßen differenziert argumentierenden Einspruch. Zwar können bei Erstellung der Textvorlagen mündlich und schriftlich Einwände dargelegt werden. Allerdings werden sie in der Regel übergangen, wenn die Mehrheit dagegen ist. Mein Eindruck beim Verfolgen der Diskussionen per Internet war, dass das Mehrheitsprinzip das Qualitätsprinzip dominiert und es da, wo es darauf ankam, nämlich im abstimmenden Plenum, die Eine-Minute-Regelung einem Maulkorb für die Minderheitenpositionen gleichkam.

Schuldzuweisung auf „systemische Ursachen“

Bischöfe und andere kirchliche Verantwortungsträger haben zunächst einmal individuell versagt und schwere Schuld auf sich geladen. Denn sie waren es, die Missbrauch vertuscht, Täter einfach versetzt, Opfer ignoriert und sowohl kirchliche als auch staatliche Vorschriften und Verfahrensregeln nicht beachtet haben. Dies, wie es vielfach getan wird, vorschnell und einseitig auf „systemisches“ Versagen zu schieben, bedeutet aus meiner Sicht, auf beschämende Weise nicht bereit zu sein, persönliche Verantwortung zu übernehmen und zur eigenen Schuld zu stehen.

Aber natürlich existiert auch ein systemischer Aspekt: Es gab keine Instanz und kein Verfahren, solches Versagen aufzudecken und die vorgesehenen Verfahrenswege durchzusetzen. Dem wird man wohl – und hier bin ich ganz auf der Seite des SWs – am besten mit einer Art Verwaltungsgerichtsbarkeit oder unabhängigen Kommission begegnen können, dergegenüber ein Bischof rechenschaftspflichtig ist und die kontrolliert, dass er seinen Pflichten auch nachkommt. Es scheint, dass in Österreich und den USA diesbezüglich gute Wege gefunden wurden, und zwar ohne Änderung der kirchlichen Lehre.

Die Themen – sachgerecht?

Die Themen des SWs – Macht und Gewaltenteilung, zölibatäre Lebensform, Frauenweihe und Sexualmoral – stehen schon seit mindestens 50 Jahren auf der Agenda der Kirche in Deutschland. Dass es sicher nicht zufällig wieder gerade diese Themen sind, die als Gründe für den sexuellen Missbrauch in der Kirche ausgemacht wurden, macht stutzig.

Ihn befremde, „dass man so schnell vom Missbrauchsthema zu Kirchenverfassungsfragen übergeht“, stellte der keineswegs als Hardliner bekannte Kardinal Schönborn von Wien in einem Beitrag der Zeitschrift „Communio“ fest. Und er fragt, ob dies nicht in Wahrheit eine „Instrumentalisierung des Missbrauchs“ sei.

In der Tat gibt es bislang nur einen behaupteten Zusammenhang zwischen Missbrauch und besagten Themen, weswegen ich kritisch nachfragen möchte: Wie kommt es, dass in den evangelischen Denominationen, in denen die auf dem SW verhandelten Anliegen schon längst im Sinne der Synodenmehrheit realisiert sind, Missbrauch in einem ähnlichen Ausmaß zu beklagen ist?

Kein exklusiv katholisches Problem

Wie kommt es, dass 99,7 % der Missbrauchsfälle in einem nicht-katholischen Milieu geschehen, für die kirchliche Machtstrukturen, Zölibat und Sexualmoral nicht die geringste Rolle spielen? Aufgrund welcher Logik sollen für die 0,3 % kirchlichen Fälle unversehens die behaupteten Gründe gelten? Wie kommt es, dass über 95 % der Kleriker, die in dieser systemisch so in Frage gestellten Kirche sozialisiert wurden, mit Missbrauch überhaupt nichts zu tun haben?

Darüber hinaus ist zu bedenken: Momentan ist hierzulande (in den USA ist man diesbezüglich schon weiter) die katholische Kirche die einzige Institution, die ernsthaft versucht, die eigene Missbrauchsvergangenheit durch unabhängige Gutachten systematisch aufzuarbeiten. (Sie macht es nicht sehr geschickt. Denn anstatt in einer einzigen großen Anstrengung – man behauptet, das sei einfach nicht möglich – den Missbrauch in allen Diözesen auf einmal zügig aufzuklären, schlägt alle paar Monate ein neues Gutachten auf. Es hat fast etwas Masochistisches, wie man dafür Sorge trägt, mit diesem Thema nicht aus den Schlagzeilen zu geraten.)

Andere Institutionen geraten einfach deswegen nicht in den Focus der Öffentlichkeit, weil es von ihnen schlicht keine Untersuchungen gibt, zumindest keine veröffentlichten. Das aber hat zur Folge, dass sich auch keine zuverlässigen Aussagen zu spezifisch katholischen Gründen für Missbrauch und seine Vertuschung feststellen lassen. Denn dazu bräuchte es die Möglichkeit eines Vergleichs. Hat es nicht den Anschein, dass man einen Sündenbock gefunden hat, auf den man das Problem wunderbar abwälzen und in dessen Windschatten man recht gut leben kann?

Etwas doch spezifisch Katholisches

Trotz des Mangels an vergleichbaren Studien ist aber doch zu beobachten, dass die Muster des Missbrauchs überall einander ähneln. Machtgefälle und Machtmissbrauch, Überhöhung einer (charismatischen) Person (Priester, Trainer, Lehrer, etc.), einfach nur Versetzung von Tätern an andere Wirkungsorte, Vertuschung, Institutionenschutz vor Opferschutz sind so gut wie überall zu beobachtende Konstanten, also gerade nichts spezifisch Katholisches.

Umso auffälliger ist, dass das womöglich einzige katholische Spezifikum auf dem SW so gut wie keine Rolle spielt: dass sich nämlich die Zahlen der betroffenen Mädchen und Jungen umgekehrt proportional verhalten. Gesamtgesellschaftlich werden Mädchen drei- bis viermal häufiger als Jungen Opfer sexueller Gewalt, im Bereich der katholischen Kirche verhält es sich, und zwar weltweit, genau umgekehrt. Warum ist das so bei den 4-5 % der Priester, die übergriffig werden oder manifesten Missbrauch verüben? Hat es etwas mit einer unter katholischen Priestern überdurchschnittlich verbreiteten homosexuellen Neigung zu tun, freilich nur bei einer kleinen Minderheit aus denen, die sie auch ausleben? (An dieser Stelle will ich ausdrücklich betonen, dass ich nicht von Homosexualität allgemein, sondern ausschließlich von der bei Priestern spreche.) Warum stellt man sich dieser Frage nicht mit dem notwendigen Nachdruck?

Homosexualität als Schema auch im Münchner Gutachten

In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine Passage aus dem im Januar vorgestellte Münchener Missbrauchsgutachten aufmerksam machen. Unter der Überschrift „(Erwachsenen-)Homosexualität unter Klerikern“ (S. 423ff) wird hier (unter ausdrücklicher Erwähnung, dass die Gutachter die kirchliche Position zur Homosexualität nicht teilen) ausgeführt, „dass sich in einer namhaften Zahl (…) Belege für eine ausgeprägte Homosexualität, insbesondere von Priestern (…)  ergeben haben“, die „enge Kontakte pflegten, sodass der Eindruck eng geknüpfter Netzwerke entsteht, die bis hin zu herausgehobenen Positionen in der Hierarchie des Ordinariats unterhalten wurden.“ Von „Abschottungstendenzen“, wie man sie auch sonst bei Minderheiten kennt, und von „wechselseitigem Erpressungspotential“ ist die Rede.

Die Schlussfolgerung lautet: „Derartiges Wissen oder Gerüchte haben daher durchaus einen nicht unerheblichen Verbreitungsgrad und müssen als eine wesentliche Mitursache für die ohne jeden Zweifel vorherrschenden Vertuschungstendenzen auch in die vorliegende Bewertung einbezogen werden. Hinzu tritt, dass eine wünschenswerte Kultur der Aufrichtigkeit und Offenheit über den gesamten von den Gutachtern untersuchten Zeitraum auch dadurch massiv verhindert wurde, dass in Fällen erkannter manifestierter und auch praktizierter Homosexualität diese hingenommen und somit entgegen eindeutigem Postulat toleriert wurde.“ Sollte nicht auch dieser Teil der Missbrauchsstudie bei der Aufarbeitung eine Rolle spielen?

„Synodaler Weg“ und das Kirchenrecht

In letzter Zeit wurde, insbesondere als Kontrast zu einem alle internationalen Regeln mit Füßen tretenden Russland, auf die „regelbasierte Ordnung“ des Westens hingewiesen, deren Allgemeinverbindlichkeit der Garant für Frieden und Wohlfahrt sei. Eine solche allgemeinverbindliche „regelbasierte Ordnung“ existiert auch in der Kirche in Gestalt des Kirchenrechts. Mir ist nicht bekannt, dass es irgendwo auf der Welt eine Institution oder Firma gibt, die es dulden würde, dass sich eine ihrer Untergruppierungen zusammentut, sich ein von den geltenden Regeln abweichendes Regelwerk gibt, um dann mit dem Anspruch auf Verbindlichkeit – die die Synodenmehrheit nachdrücklich fordert – Dinge nach eigenen Vorstellungen zu verändern, die gar nicht in ihrer Kompetenz liegen.

Wenn wir einmal für einen Augenblick die deutsche Perspektive verlassen und versuchen, das hiesige Geschehen mit den Augen Roms und der übrigen Weltkirche zu betrachten, ist es dann wirklich so weit hergeholt – trotz aller Dementi – den SW als einen aus der Weltkirche ausscherenden deutschen Sonderweg zu betrachten, sowohl prozessual als auch hinsichtlich der von der kirchlichen Lehre abweichenden Forderungen?

Dass es ähnliche Forderungen auch in anderen Ländern gibt, ist richtig. Aber nirgends gibt es Anzeichen, dass man in nennenswertem Ausmaß nur darauf warte, dass die Deutschen vorangehen, um ihnen dann zu folgen. Diese Sicht scheint mir mehr mit deutscher Selbstüberschätzung als mit einem realistischen Blick auf die Weltkirche zu tun zu haben. Deutschland ist weder der Nabel der Weltkirche, noch sind die deutschen Probleme die der Kirche insgesamt. Ich frage mich, ob der Ansicht, Wohl und Wehe der Kirche hänge vom Gelingen des SWs ab, nicht ein etwas provinzieller Blick auf die Kirche zugrunde liegt, den weltkirchlich zu weiten uns allen guttäte.

Besorgnis aus Rom und der Weltkirche

Daher irritiert folgendes: Nicht nur die sehr ernsthaft anfragenden Briefe, die von ungewöhnlich vielen Bischofskonferenzen und Bischöfen – aus Skandinavien, Polen, Amerika und Afrika – an die DBK geschrieben wurden, nimmt man nicht wirklich ernst. Auch was aus Rom kommt, wird entweder ignoriert oder als Zustimmung zum deutschen Weg uminterpretiert – so der Brief von Papst Franziskus „An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ – oder pauschal und öffentlich mit abfälligen Bemerkungen abgetan. Muss man sich dann wundern, dass Rom seiner Verantwortung für die Einheit der Weltkirche nachzukommen sucht, so etwa, wenn es im letzten Brief heißt:

„Der ‚Synodale Weg‘ in Deutschland ist nicht befugt, die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtungen der Lehre und der Moral zu verpflichten“, weil dies „eine Verletzung der kirchlichen Gemeinschaft und eine Bedrohung der Einheit der Kirche darstellen würde“. Ist es wirklich angemessen, wie vom Synodalpräsidium mit lässiger Geste die immer zahlreicher werdenden Bedenken aus Rom und der Weltkirche oder auch so gemäßigter Bischöfe wie Walter Kasper als gegenstandslos abgewimmelt werden?

Sakramentale Struktur der Kirche

Mit knapper Mehrheit wurde auf der 2. Synodalversammlung ein Antrag angenommen, die Frage zu behandeln, „ob es das Priesteramt überhaupt braucht“. Natürlich kann man dieser Auffassung sein und sollte sich in diesem Fall einfach bei entsprechenden Kirchen umschauen. Aber man kann nicht mit dem Priestertum die sakramentale Struktur der Kirche abschaffen und gleichzeitig katholisch sein wollen. Was sagt es über den SW aus, wenn auf ihm Mitglieder über die Zukunft der Kirche entscheiden wollen, die ihre aus der Heiligen Schrift stammende grundlegende sakramentale Verfasstheit in Frage stellen? Ist es Ahnungslosigkeit oder tatsächlich der Wille zu einer ganz anderen Kirche oder eine Mischung aus beidem?

Dasselbe gilt von der Absicht, einen ständigen, paritätisch aus DBK und ZdK besetzten Synodalen Rat mit „bischöflicher Selbstbindung“ an dessen Mehrheitsentscheide zu installieren. Selbstverständlich wird jeder kluge Bischof (und Pfarrer) in vielen Fragen den Rat anderer einholen und sich in der Regel auch an Abstimmungsergebnisse bestehender Gremien halten. Aber wer eine solche Selbstbindung zu einem Grundsatz machen will, hat nicht verstanden, dass das Prinzip bischöflicher Entscheidungen die Selbstbindung nicht an Gremien sein kann – die im Übrigen genauso fehlbar, manipulierbar und der Versuchung zur Machtausübung ausgesetzt sein können wie Einzelne. Vielmehr ist er gebunden letztlich allein an das Wort Gottes, wie es die Kirche lehrt, sowie an sein Gewissen. Im Grunde wird hier im äußersten Fall die Abdankung des eigenen Gewissens gefordert.

Die Forderung nach „neuer“ Sexualmoral

Mir scheint es sträflich naiv zu glauben, eine Liberalisierung der katholischen Sexualmoral, wie sie der SW befürwortet, sei eine wirksame Medizin gegen sexuellen Missbrauch. Es gibt nicht eine einzige empirische Studie, die eine solche Annahme stützen könnte. Dabei hat man in Deutschland kurzerhand eine neue Offenbarungsquelle erfunden: die Humanwissenschaften, auf die man sich neben einem „Beziehungsethik“ genannten angeblich neuen Ansatz beruft.

Hier ist nicht der Platz, darauf näher einzugehen. Nur so viel sei gesagt: die Humanwissenschaften gibt nicht. Zu unterschiedlich sind ihre Ansätze und Schlussfolgerungen und zu oft zeigt sich, dass das, was heute als wissenschaftlich gesichert gilt, morgen schon überholt sein kann. Außerdem können Human- und Sexualwissenschaften Phänomene nur beschreiben, von ihrer Methodik her aber nicht ethisch bewerten. Auch wenn natürlich neue Erkenntnisse in die ethische Bewertung einfließen werden, bleiben wir als Christen dazu immer noch letztlich auf die Heilige Schrift und ihre kirchliche Auslegung angewiesen.

In diesem Zusammenhang ist zu beklagen, dass wir als Kirche in Deutschland im Grunde ein Totalausfall sind, für unsere Zeit ein alternatives Konzept zum Mainstream in Bezug auf Sexualität anzubieten. Fast niemand unter Bischöfen, Priestern und anderen Seelsorgern scheint in der Lage oder auch nur willens zu sein, in nicht prüder oder gestelzter, sondern flotter und verständlicher Sprache zu erklären, nicht nur wogegen, sondern wofür kirchliche Sexualmoral steht, sowohl mit einem positiven Blick auf die Schönheit dieser Gottesgabe als auch einem realistischen Blick auf ihre Gefährdungen aufgrund der gefallenen Natur des Menschen.

Die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II verbindet übrigens eine durch und durch positive Sicht auf Sexualität mit der kirchlichen Lehre, wird aber in Deutschland fast gänzlich ignoriert. Sie wird bis hin zu Bischöfen abfällig abgetan, aber man setzt sich mit ihr nicht ernsthaft auseinander. Auf skandalöse Weise bedauerlich!

Zölibat – Immerhin die Lebensweise Jesu

Wenn man heute, auch und gerade innerkirchlich, fast ausschließlich Kritik und Infragestellung dieser Lebensform hört und kaum je ein Zeugnis dafür, dass man auch in ihr ein erfülltes Leben leben kann, muss man sich nicht wundern, dass sich kaum mehr ein junger Mann überhaupt nur die Frage stellt, ob er möglicherweise von Gott zum zölibatären Leben um des Himmelreiches willen gerufen wird. Man erzeugt so, was man beklagt – nämlich Mangel an solchen Berufungen. Gut lebbar ist diese übrigens nur, wenn sie aus demselben Grund wie eine Ehe eingegangen wird: nämlich aus Liebe; aus Liebe zu Gott und Menschen.

Im Übrigen kann man zum Zölibat – immerhin die Lebensweise Jesu – stehen wie man will: als Ursache für Missbrauch taugt er nicht. Denn wie schon erwähnt, leben weit über 99 % der Täter (und Täterinnen) nicht zölibatär. Dem widerspricht nicht, dass diese Lebensform gelegentlich auch dazu benutzt wird, um unter ihrem (gesellschaftlich anerkanntem) Deckmantel sexuelle Neigungen zu verbergen, die dann möglicherweise auch zu Missbrauch führen können. Hier müsste man während der Ausbildung von Priesteramtskandidaten sehr viel genauer hinschauen als es früher üblich war.

Aber abgesehen davon frage ich mich, welche Vorstellung von Ehe die haben, die meinen, jemand, der sich an Kindern und Jugendlichen sexuell vergreift, sei in einer Ehe besser aufgehoben. Sexuelle Unreife, sexuelle Frustration, sexuelle Perversion gibt es bei Zölibatären wie bei Verheirateten. Die Ehe ist kein Therapeutikum für Menschen mit krankhaften sexuellen Neigungen.

Daraus, dass es sexuelle Fehlformen unterschiedlicher Art in allen Lebensformen gibt, folgt dann aber auch: Die eigene Sexualität auf eine gute Weise in den persönlichen Lebensstand, sei es der der Ehe oder der des Zölibats, zu integrieren, ist für beide Lebensformen eine absolut notwendige, oft lebenslange Aufgabe.

Frauenordination – Die Machtfrage ist falscher Beweggrund

 „Frauen müssen die Machtfrage stellen,“ forderte 2019 Sr. Katharina Ganz, Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen. „Ich möchte in der Kirche niemanden über mir haben, weder Mann noch Frau, noch ein Kollektiv, der/die/das eine derartige Vorstellung von ‚Macht‘ oder vom Weihesakrament vertritt“, schrieb als Antwort in einem offenen Brief die Synodale und Lehrstuhlinhaberin in Wien Marianne Schlosser. Gott bewahre uns vor Frauen und Männern, die ein Amt in der Kirche um der Macht willen anstreben. Dieser Ansatz und diese Motivation pervertieren die Worte Jesu zum Thema Vollmacht in ihr Gegenteil. Wobei aber bis hinauf zum Papst unbestritten ist, dass es überfällig und nur gut für die Kirche ist, dass Frauen deutlich mehr auch leitende Verantwortung und Positionen übernehmen.

Das große Streitthema ist dabei die Frauenordination, von der die letzten vier Päpste mit dem Anspruch letzter Verbindlichkeit sagten, dass die Kirche von Christus her nicht die Vollmacht habe, sie einzuführen. Mir ist bewusst, wie schwer dies heutzutage plausibel zu machen ist. Dennoch möchte ich die Frage stellen: Gibt es nicht auch und gerade unter den sog. „Fortschrittlichen“ eine strukturkonservative Fixierung auf das Amt, so als wäre man in der Kirche erst jemand, wenn man Bischof oder Priester ist?

Papst Franziskus spricht von einer Klerikalisierung der Laien, die er ablehnt, insbesondere die der Frauen. Könnte es nicht sein, dass es der Kirche gerade heute aufgetragen ist, in dieser Zeit der Verwirrung in Bezug auf die geschlechtliche Identität das Wissen um die gleiche Würde, aber zugleich Unterschiedlichkeit der Geschlechter in ihren verschiedenen, aber einander komplementären Aufgaben in der Kirche zu bewahren? Deuten die „Zeichen der Zeit“ nicht viel mehr in Richtung einer viel konsequenteren Entdeckung der Berufung der Laien und ihres Taufpriestertums, an dem Männer und Frauen gleichermaßen teilhaben? Wäre es nicht weitaus dringlicher, mit dem hl. Johannes Paul die ungleich größere Würde eben dieses Taufpriestertums gegenüber dem des Amtes zu betonen? Und damit auch ein Bewusstsein zu schaffen, dass in der Kirche und vor Gott nicht die Amtsträger, sondern die Heiligen die Größten sind? Wäre das nicht viel zukunftsweisender für die Kirche? Wobei klar sein muss: Wo Macht missbraucht wird – das kann bei Priestern, aber auch bei Laien, Männern wie Frauen, der Fall sein – braucht es (systemisch) Möglichkeiten, dem Einhalt zu gebieten.

Die Alternative – Schisma oder grenzenlose Enttäuschung

Obwohl der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet von einem schon längst bestehenden Schisma spricht, von dem es eigentlich egal sei, ob es auch formal vollzogen werde, wird v.a. von bischöflicher Seite immer wieder beschwichtigt, man müsse keine Angst vor einem Schisma haben, da der SW ja ohnehin nichts beschließen könne, was in die Rechte des einzelnen Bischofs eingreife oder einer gesamtkirchlichen Regelung vorbehalten sei und daher nur als Votum nach Rom weitergeleitet werde. Dennoch möchte ich fragen: Man hat hochfliegende Hoffnungen bei vielen Teilnehmern des SWs und bei unzähligen weiteren Gläubigen in unserem Land geweckt und geschürt. Entweder man erfüllt und realisiert sie – dann wird dies zu einer schismatischen deutschen Nationalkirche führen. Oder man lehnt, vor allem von Seiten der Bischöfe, die Forderungen ab bzw. schiebt den Schwarzen Peter der Ablehnung nach Rom. Wird dann nicht das Ergebnis eine im Grunde vorhersehbare, aber leichtsinnig mit teutonischer Gründlichkeit herbeiveranstaltete Frustration sein? Wir werden sehen – aber ich fürchte, dass das Ende nicht fröhlich sein wird.

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Von Bodo Windolf
Priester und Leiter der Pfarrei Christus Erlöser in München

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