Über die persönliche und die gemeinsame Nachfolge Christi
“Persönliche Nachfolge Christi als Weg in die EINHEIT der Kirche” – Beim Pfingstfest der Jugend in Paderborn predigte Pfarrvikar Patrick Kaesberg vor fast 300 Jugendlichen und jungen Erwachsenen über dieses Thema. Für die Initiative Neuer Anfang führt er seine Überlegungen aus.
Wie kann es unter den Christen Einheit geben?
Ist das überhaupt möglich? Zeigt nicht schon der Blick in die Bibel, wie wir mehrfach bei Paulus nachlesen können (z.B. 1 Kor 1,10ff.), dass es schon ganz am Anfang der Kirche Streit und Spaltungen gab und dieses Phänomen somit gar nicht zu ändern ist?
Bei der Frage nach der Einheit gibt es verschiedene Konzepte, vom Gedanken der „Einheit in der Vielfalt“ bis hin zum Wunsch nach der sichtbaren Einheit in der einen Kirche, d.h. konkret am einen Tisch des Herrn in der Eucharistie. Dieses letztgenannte, katholische Verständnis scheint als höchstes Ideal gleichzeitig am weitesten entfernt zu sein. Katholischer Glaube richtet sich jedoch immer an einem Ideal aus und es ist ein großes Missverständnis – auch in vielen kirchlichen Debatten –, wenn das Ideal mit dem Verweis auf eine (scheinbare) Barmherzigkeit, die dem Ideal vorzuziehen sei, heruntergebrochen werden soll. Das Evangelium ist voll von Idealen, die kein Mensch je ganz erfüllen können wird. Denn wem gelänge es, barmherzig oder sogar vollkommen zu sein wie der Vater (Lk 6,36 / Mt 5,48) oder seine Feinde dauerhaft und ohne große Schwierigkeiten zu lieben (Mt 5,44)?
Wo das Ideal fallengelassen wird, begegnen wir nicht mehr dem Jesus des Evangeliums. Ihm aber können und sollen wir begegnen. Und das auf verschiedene Art und Weise ganz persönlich. Gerade um diese Begegnung geht es im Glauben.
Auch die Einheit können wir auf vielfache Weise leben. Das durfte ich schon häufig erleben und möchte an dieser Stelle auf einige „Orte“ der Einheit, an denen ich der Gegenwart Gottes in meinem Leben schon begegnet bin, verweisen:
Persönliche Nachfolge
„Du aber folge mir nach.“ Im Oster-Evangelium, das wir auch am letzten Tag vor Pfingsten noch einmal gehört haben, begegnet uns etwas allzu Menschliches. Petrus möchte wissen, was aus Johannes werden wird. Wie oft ist das auch bei mir so, dass ich mich damit beschäftige, was die anderen gerade machen, was erzählt wird und was die aktuellsten Neuigkeiten sind. „Gossip“ ist ein schöner englischer Begriff; Tratscherei ist damit gemeint und darin liegt eben etwas, was nicht zur Einheit führt: über andere nachzudenken, zu sprechen und zu urteilen und dabei meine eigenen Baustellen – in ausreichender Anzahl vorhanden – aus dem Auge zu verlieren. „Du folge mir nach!“ (Joh 21,22) Es geht also darum, dass ich ganz persönlich Jesus mein „Ja“ gebe. Da, wo Menschen das tun, entsteht Einheit quasi automatisch: Wer durch sein „Ja“ zu Christus mit dem Weinstock verbunden ist, ist auch hineingenommen in die Verbindung zu den anderen Rebzweigen, die dem Herrn ihr „Ja“ geschenkt haben.
Nachfolge in Gemeinschaft
Ob der Weg zur Einheit gelingt, hängt in so manchem Punkt von denselben Aspekten ab wie die Frage nach der Fruchtbarkeit des persönlichen geistlichen Lebens. Den Weg mit Jesus kann man nicht alleine gehen, es gehört immer die Gemeinschaft dazu. Es war nicht möglich, mit Jesus ohne mindestens zwölf andere unterwegs zu sein, schreibt Benedikt XVI. einmal. Ein „Ich habe meinen eigenen Glauben“ mag einen Glauben zum Ausdruck bringen, aber es kann kein christlicher Glaube sein. Dieser ist immer nur in der Gemeinschaft der Kirche zu haben. Bezüglich dieser Gemeinschaft sind zwei Komponenten von Bedeutung: die Treue und der Alltag. Beide hängen eng zusammen. Ob ich im geistlichen Leben wachse, hängt nicht in erster Linie an den Highlights wie Glaubensfestivals oder anderen schönen Events. Entscheidender ist die Gestaltung des Alltags – hier geht es um Treue im Gebet und immer wieder auch um das Aushalten von Wüstenzeiten. Beide Aspekte sind auch für den Weg zur Einheit unerlässlich: Treue im Gebet um diese Einheit und kleine, oft ungesehene Schritte im Alltag, an denen wir als Christen über konfessionelle Grenzen hinweg Zeugnis für das Evangelium geben können.
Christus in die Mitte stellen
Was oder wer steht im Zentrum? Immer wieder stelle ich fest, dass es bei kirchlichen Angeboten und Aktivitäten um dieses oder jenes geht, aber Christus selbst eigentlich gar keine Rolle spielt. Wo der Herr jedoch selbst in die Mitte gestellt wird und klar wird, dass es in unserem Glauben in erster Linie um Jesus geht, da entsteht Einheit. Dann verschwimmen die Grenzen und ich habe es schon mehr als einmal erlebt, dass mich mit Baptisten oder Freikirchlern gefühlt eine größere Einheit verband als mit Katholiken, die zwar auf dem Papier katholisch sind, die Kirche aber eher als NGO verstehen, der wir selbst auf die Sprünge helfen müssen.
Die Bedeutung der Sakramente
Und ein letzter, entscheidender Punkt sei genannt: Einheit unter Katholiken wird nur dort entstehen, wo ein Bewusstsein für die Bedeutung der Sakramente vorhanden ist. Wer meint, Eucharistie und Beichte nicht nötig zu haben und doch katholisch zu sein, gleicht einem Fußball-Fan im Ruhrgebiet, der ein schwarz-gelbes Trikot trägt und sich als Schalke-Fan bezeichnet. Für ein Wachstum an Einheit innerhalb des Katholischen ist das Verständnis der Sakramente und das Leben aus ihnen conditio sine qua non.
Sakramente sind nicht der einzige Ort, an dem Einheit erfahrbar werden kann, aber letztlich wird sie nur hier ihre Vollendung finden.
So dürfen wir beten und vertrauen, manchmal gemeinsam und manchmal auch einsam auf dem Weg zur Einheit.
Patrick Kaesberg
Jahrgang 1986, ist Priester im Erzbistum Paderborn. Er stammt aus Paderborn und ist heute als Vikar in Dortmund tätig. Sein Studium führte ihn u.a. ins Theologische Studienjahr nach Jerusalem, wo das Thema der Einheit wie an keinem anderen Ort gleichermaßen umstritten und lebendig ist.
Beitragsbild: Adobe Stock, Andrew Hagen

