Diplomatie ist eine Kunst, ja gleichsam eine eigene Sprache, für manche gar eine Fremdsprache. Kerstin Goldschmidt versucht mittels Erläuterung dieser Kunst, Licht ins Dunkel der Kommunikation zwischen Vatikan und Deutschland zu bringen: Wer Ohren hat, der höre!
Diplomatie – die Kunst, zwischen den Zeilen zu lesen
Ein Brite, ein Franzose und ein Deutscher treten zur Abschlussprüfung an einer Diplomatenschule an. Der Prüfer stellt ihnen dieselbe Aufgabe: „Sie kommen spätabends leicht angeheitert in Ihr Hotel zurück, betreten vermeintlich Ihr Zimmer, das allerdings doppelt vergeben wurde – und vor Ihnen steht erschrocken eine junge Dame, die gerade aus dem Bad kommt. Wie ziehen Sie sich diplomatisch aus der Affäre?“
Der Brite setzt auf klassische Höflichkeit: Er entschuldigt sich, macht ein Kompliment und zieht sich zurück. Der Franzose verbindet Entschuldigung und Charme gleich noch mit der Einladung zu einem Glas Champagner. Beide bestehen die Prüfung.
Die beste Note aber erhält der Deutsche. Sein Vorschlag: Er verzieht keine Miene und sagt: „Ist hier jemand? Verzeihung, würden Sie mich auf mein Zimmer bringen? Ich bin blind.“
Eine amüsante Geschichte, die viel über Diplomatie verrät. Denn der dritte Kandidat nimmt nicht nur seine eigene peinliche Lage wahr. Er sieht die Situation auch mit den Augen seines Gegenübers. Die junge Frau kann ihr Gesicht wahren – beide kommen ohne Beschädigung aus der Situation heraus.
Natürlich ist die Pointe ethisch nicht ganz unproblematisch – der Kandidat behauptet schließlich etwas, das nicht stimmt. Aber die Geschichte zeigt dennoch zugespitzt, worum es diplomatisch geht: nicht nur die eigene Lage zu retten, sondern auch dem Gegenüber einen gesichtswahrenden Ausweg zu ermöglichen. Vielleicht ist das ein guter Ausgangspunkt, um etwas zu verstehen, was uns im kirchlichen Leben in Deutschland immer wieder Schwierigkeiten bereitet: die Sprache der Diplomatie.
Wenn Rom spricht – und Deutschland etwas anderes hört
Im Verhältnis zwischen dem Heiligen Stuhl und einer Ortskirche geht es nicht um zwei Kontrahenten, von denen einer am Ende „gewinnen“ muss. Menschen und Institutionen bleiben trotz unterschiedlicher Einschätzungen miteinander verbunden. Diplomatie denkt deshalb über den Augenblick hinaus und die Vertreter unserer Kirche haben einen sehr weiten Blick und einen langen Atem.
Ein vereinfachtes Beispiel: Eine kirchliche Initiative legt in Rom ein Vorhaben vor, gegen das dort erhebliche Bedenken bestehen. Eine wenig diplomatische Antwort könnte lauten: Dieses Vorhaben widerspricht unseren Vorstellungen und kann so nicht umgesetzt werden.
Diplomatische Kommunikation wird möglicherweise anders beginnen: Sie würdigt zunächst das Engagement, benennt das gemeinsame Anliegen und hebt jene Aspekte oder Prozessschritte hervor, die man teilt. Erst danach werden die Punkte benannt, die einer Zustimmung entgegenstehen – manchmal ausdrücklich, manchmal nur indirekt. Vielleicht folgt die Einladung, gemeinsam nach einer anderen Lösung zu suchen. Vielleicht bleibt diese aber auch aus, weil man in Rom davon ausgeht, dass die betreffende Frage durch das Kirchenrecht oder die Lehre der Kirche bereits geklärt ist und deshalb gar nicht zur Disposition steht.
Wer nur die freundlichen Passagen herausgreift, könnte daraus schließen: Rom begrüßt das Vorhaben grundsätzlich. Wer dagegen auf ein ausdrückliches Nein wartet, könnte die eigentliche Botschaft überhören. Denn auch ohne das Wort „Nein“ kann die Grenze eindeutig sein.
Deshalb gehört zur Interpretation diplomatischer Kommunikation mehr als die Analyse einzelner Sätze. Auch das Handeln kommuniziert: Wer wird angesprochen? Auf welcher Ebene findet ein Gespräch statt? Wer wird zu persönlichen Gesprächen empfangen – und wer nicht? Wird ein Prozess ermutigt, lediglich zur Kenntnis genommen oder begrenzt? Welche Formulierungen werden wiederholt? Und wo endet die Bereitschaft zum Kompromiss?
Klarheit und Wertschätzung sind keine Gegensätze
Diplomatie wird gelegentlich mit geschicktem Ausweichen verwechselt. Tatsächlich braucht sie ein klares Ziel. Entscheidend ist dann der Weg dorthin: sachlich bleiben, ohne empathielos zu werden. Diplomatie sucht Gemeinsamkeiten und positive Berührungspunkte und hält nach akzeptablen Lösungen Ausschau, ohne die eigene Position preiszugeben. Sie wählt eine Sprache, die nicht eskaliert und dem anderen auch im Widerspruch Respekt entgegenbringt. Das verlangt Professionalität, für die persönliche Sympathie keine Voraussetzung ist. Diplomatie bedeutet deshalb nicht nachzugeben, die eigene Überzeugung zu verschweigen oder Konflikte zu vermeiden. Sie verbindet Zielklarheit mit Beziehungskompetenz.
Gerade darin liegt auch eine zutiefst biblische Haltung. Die Wahrheit wird nicht aufgegeben – aber auch der Mensch nicht. Jesus erzählt vom Hirten, der die neunundneunzig Schafe zurücklässt, um dem einen verlorenen nachzugehen. Keines soll verloren gehen. Beziehung wird also nicht dort abgebrochen, wo jemand einen anderen Weg einschlägt. Im Gegenteil: Gerade dann wird sie gesucht und aufrechterhalten.
Übertragen auf die Kirche bedeutet das: Wo wesentliche Fragen durch Schrift, Glaubenslehre und Kirchenrecht vorgegeben sind, kann auch der Papst nicht einfach nach Belieben andere Antworten geben. Beziehungsoffenheit ist dann nicht Ausdruck inhaltlicher Unentschiedenheit, sondern kann gerade die Form sein, in der Klarheit gelebt wird.
Sender und Empfänger – verschiedene Welten
Was aber, wenn der Empfänger die Sprache der Diplomatie nicht versteht?
Diplomatische Kommunikation funktioniert am besten, wenn Sender und Empfänger ihre Regeln kennen. Wer diese Sprache nicht gewohnt ist, kann Wertschätzung mit Zustimmung verwechseln. Ein höflich formuliertes Nein wird zum „Vielleicht“, ein offener Gesprächskanal als Bereitschaft verstanden, die eigene Position grundsätzlich zu überdenken.
Dann glaubt der Sender, eine Grenze klar gezogen zu haben, während der Empfänger meint, die Tür stehe weiterhin offen. Wird die Botschaft wiederholt – vielleicht deutlicher, aber weiterhin respektvoll –, kann auch diese Freundlichkeit erneut als Bewegung in die eigene Richtung missverstanden werden.
Deshalb müssen wir Wertschätzung und Zustimmung auseinanderhalten. Der Satz „Wir schätzen Ihren Einsatz und teilen Ihr Anliegen“ bedeutet nicht: „Wir stimmen Ihrem vorgeschlagenen Weg zu.“ Ein persönliches Gespräch bedeutet nicht automatisch Unterstützung. Und die Bereitschaft, im Gespräch zu bleiben, hebt gesetzte Grenzen nicht auf.
Vielleicht erklärt das manche Irritation bei der Interpretation von Äußerungen des Heiligen Stuhls gegenüber Deutschland: Wir hören die freundlichen Töne – und überhören möglicherweise die Festigkeit in der Sache.
Diplomatie für den „Hausgebrauch“
Eine Kollegin schlägt im Team etwas vor, das wir für völlig falsch halten. Der erwachsene Sohn oder die Tochter trifft eine Entscheidung, die wir nicht nachvollziehen können. In einer Kirchengemeinde treffen unterschiedliche Überzeugungen aufeinander. Oder wir bekommen eine E-Mail, bei der unser erster Impuls lautet: „Darauf muss ich jetzt sofort antworten.“ Genau hier beginnt Diplomatie.
Bevor ich antworte, kann ich mir einige einfache Fragen stellen:
- Was ist eigentlich mein Ziel? Möchte ich nur deutlich machen, dass ich recht habe – oder möchte ich etwas erreichen?
- Was ist das berechtigte Anliegen meines Gegenübers? Ich muss seine Position nicht teilen, um zu verstehen, was ihm wichtig ist.
- Wo gibt es einen gemeinsamen Nenner? Selbst bei erheblichen Differenzen gibt es häufig einen Berührungspunkt, von dem aus ein Gespräch wieder möglich wird.
- Und schließlich: Wie kann ich klar sein, ohne den anderen zu kränken oder zu demütigen?
Vielleicht ist das eine der anspruchsvollsten Formen menschlicher Kommunikation: dem anderen eine Brücke zu lassen, obwohl ich ihm widerspreche. Gute Diplomatie kennt im besten Fall nicht Sieger und Besiegte. Ihr Erfolg besteht darin, ein Ziel zu erreichen, ohne mehr Porzellan zu zerschlagen als unvermeidlich – und so, dass auch morgen noch miteinander gesprochen werden kann.
Vielleicht hilft diese Perspektive auch, wenn das nächste Schreiben aus Rom kommt. Dann lohnt es sich, nicht nur zu fragen: Wie freundlich klingt es? Sondern genauer hinzusehen: Was wird tatsächlich gesagt? Wo liegt die Grenze? Was bleibt offen? Und welche Brücke wird bewusst nicht abgebrochen?
Denn: Diplomatische Sprache ist nicht das Gegenteil von Klarheit, sondern sie versucht, Klarheit und Beziehung miteinander zu verbinden. Manchmal ist ihre Botschaft sogar ausgesprochen deutlich – man muss nur verstehen, sie richtig zu lesen.
Kerstin Goldschmidt,
Jahrgang 1975, verwitwet. Als selbständige Personalberaterin, Trainerin, Coach und Moderatorin begleitet Kerstin Goldschmidt Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen. Ihr Engagement für den Neuen Anfang entspringt der Freude, gerne von der Schönheit und Fülle des Evangeliums zu sprechen. Die geistliche Tiefe und Vielfalt der katholischen Kirche erlebt sie täglich als inspirierende Schatzkammer.
Beitragsbild: Peter Esser

