Der Katholikentag naht – und gibt dem obersten Repräsentanten der Katholischen Kirche Gelegenheit, eine Zwischenbilanz zum Status seiner Kirchenprovinz zu geben. Christiane Florin vom Deutschlandfunk grillt ihn von links, und der Bischof windet sich auf eine geradezu entlarvende Weise. Das Interview ist auf der Website des Deutschladfunks nachzulesen.

Betrachten wir kurz den „Katholikentag“ an sich. Seit sicher zwei Generationen ist er nicht mehr repräsentativ für die Katholische Kirche in Deutschland. Nicht ganz irrelevante Gruppierungen gehen da einfach nicht mehr hin. Sei es, dass sie als die Ewig-Gestrigen diffamiert werden, sei es, dass die Veranstaltung ihnen spirituell nichts mehr gibt, sei es, dass sie die monotone Indoktrination der lautstarken Gruppierungen nicht ertragen, sei es, dass sie keine Lust haben, sich durch die Büdchen der verlassenen Verbände und dauerempörten Gruppierungen zu lavieren, beschallt von aufgesetzter SacroPop-Fröhlichkeit.

Parteitag des Politkatholizismus

Der Katholikentag ist zum Parteitag eines Politkatholizismus geworden, dessen subkutane Botschaft lautet: Eigentlich ist die Kirche richtig Sch… und wir können es im Grunde niemand empfehlen sich auf diese verlogene Entität einzulassen, es sei denn ihr kommt zu uns, die wir wissen, wie „Kirche“ geht. Und so machen sie – älter werdend – Lärm, lassen ihn medial verstärken und sind siegesgewiss, dass die böse Institution endlich vor den Rabatzant:innen in die Knie geht. Bischöfe lächeln dazu – ob gezwungen oder freiwillig, steht dahin.

Bätzing: „Der Papst enttäuscht mich auch“

Das Interview von Bätzing ist gleich in mehrfacher Weise bemerkenswert: Auch er ist ein Utopist, auch er ein Kirchenliebhaber sub conditione. Auch er sagt im Subtext: Eigentlich ist diese Kirche richtig Sch… Frau Florin fragt ihn: „Gibt es nicht auch für Sie eine Schmerzgrenze, einen Punkt, an dem Sie sagen, wenn sich nichts ändert, dann will ich nicht mehr Bischof dieser Kirche sein?“ Bischof Bätzing: „Ja, den gäbe es, wenn ich den Eindruck hätte, dass sich nichts ändert.“

Das ist eine ungeheuerliche Aussage. Die Kirche ist wahrhaft in einem ramponierten Zustand – und es bedarf aller Anstrengung der Bekehrung und Reinigung, um sie wieder zur Stadt auf dem Berg zu machen. Aber sie wird immer Kirche der Sünder sein und im gleichen Moment Gegenwart des lebendigen Gottes in Wort und Sakrament. Nicht einmal unter Papst Alexander VI. hat ein Bischof das Recht, seinen Dienst sub conditione zu leisten.

Distanzierung selbst vom Papst

Dass sich Bätzing nun gleich auch vom Papst distanziert, gewährt uns einen kaum zu fassenden Blick in seine Hirtenseele. Der Nachfolger Petri sollte das Rädchen im Getriebe einer bestimmten Art von Reform sein. Nun verweigert sich der Papst. Er spielt nicht mit, zögert, redet mal so, mal so, beugt sich nicht dem unfehlbaren „Lehramt der Betroffenen“, erkennt die „Zeichen der Zeit“ nicht. Also darf Franziskus auf katholisch.de niedergemacht werden (Stichwort „Gas-Lighting“). Herr Bätzing ist enttäuscht, fühlt sich von ihm getäuscht, wo man doch so sicher war, dass er der wilde Caudillo Gottes ist, der die Kirche von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. auf den Kopf stellt und sie mit dem Heiligen Zeitgeist versöhnt. Ceterum censeo: Bätzing hat sich immer noch nicht von Magnus Striet distanziert, der auf katholisch.de das Schisma proklamiert hat. Ja er verstärkt sein Schweigen, indem er eine fatale Ekklesiologie vertritt.

Einheit der Kirche ist Geschenk Gottes und nicht Fiktion

Martin Brüske schreibt dazu: „Theologisch hochproblematisch gleich in mehrfacher Hinsicht ist der Schluss von Bätzings Interview: Dass die Einheit der Kirche angesichts kultureller Diversität lediglich eine Fiktion sei, ist eine mehr als verstörende Aussage. Sie verletzt in einem nicht unwesentlichen Punkt den rechten Glauben. Für einen katholischen Theologen ist sie unmöglich. Einheit gehört zu den notae ecclesiae, den Wesensmerkmalen der Kirche. Sie ist von Gott geschenkt und wird von ihm erhalten. Sie ist seine Gabe. Ohne sie hört die Kirche auf Kirche zu sein. Gott hätte sie dann aufgegeben. Denn ohne sie hört die Kirche auf, mit sich selbst und mit ihrem Ursprung identisch zu sein.

Aber selbstverständlich ist die Communio des Glaubens, der Sakramente und der Hierarchie auch jetzt wie jederzeit eine Realität. Menschen können sie verletzen und verlassen. Zerstören können sie sie bis zum Ende nicht. Denn – wie gesagt: Sie ist Gottes beständige Gabe. In dieser Linie streift Bätzings Umdeutung von Synodalität – als einem genuinen Vollzug kirchlicher Einheit – die Grenzen zur Absurdität. In seinen Worten soll sie dazu dienen in eine Diversität einzuüben, in der die Fiktionalität kirchlicher Einheit sichtbar wird. Wie gesagt: Theologisch absurder geht es kaum. Bischof Bätzing ist dringend zu einem elementaren Kurs in Logik zu raten. Aber pragmatisch wird sehr deutlich, um was es eigentlich geht: Der Bischof betreibt mit seinen Aussagen die ideologische Vorbereitung des nationalkirchlichen Sonderwegs, auf dem die Beschlüsse des Synodalen Weges durchgesetzt werden sollen.“

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Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral.
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Martin Brüske
Martin Brüske, Dr. theol., geb. 1964 im Rheinland, Studium der Theologie und Philosophie in Bonn, Jerusalem und München. Lange Lehrtätigkeit in Dogmatik und theologischer Propädeutik in Freiburg / Schweiz. Unterrichtet jetzt Ethik am TDS Aarau.

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