Der Aachener Bischof Helmut Dieser ist einer der engagiertesten Vorkämpfer der „neuen Sexualmoral“. In einem Briefwechsel mit „Neuer Anfang“ ging es um die theologischen Grundlagen der Reformwünsche des Synodalen Weges. „Heilige Schrift, Tradition, Lehramt und Theologie, Glaubenssinn des Volkes sowie die Zeichen der Zeit (bilden) gleichermaßen die Richtschnur“, hieß es nun in einem Antwort-Schreiben im Auftrag des Bischofs. Die vielzitierten „Zeichen der Zeit“ werden nicht nur in Aachen, sondern auch von zahlreichen weiteren Protagonisten inflationär als Begründungsgrundlage jeglicher Reform genutzt. Bernhard Meuser ordnet diesen Begriff, aber auch den „Glaubenssinn des Volkes“ im Namen von Neuer Anfang ein und stellt fest: Ganz schlechte Theologie!

Gerne hätte ich den Ausführungen dieses Schreibens zugestimmt, würden sie für uns nicht eher eine Problemanzeige, denn eine hinreichende Absicherung der theologischen Fundamente aktueller Reformbestrebungen darstellen.

Nach dieser Darstellung bilden „Heilige Schrift, Tradition, Lehramt und Theologie, Glaubenssinn des Volkes sowie die Zeichen der Zeit gleichermaßen die Richtschnur“. Das ist von der theologischen Erkenntnislehre her schlicht falsch. Die Heilige Schrift ist die norma normans non normata (Die Regel, die regiert und nicht regiert wird), wie sie in zweiter Instanz dann vom Lehramt der Kirche als verbindlicher Glaubensgegenstand dargeboten wird.

Melchior Cano hat die in sich gestaffelten Erkenntnisquellen, die in der lebendigen Fortentwicklung und Vertiefung des theologischen Vermittlungsauftrages herangezogen werden, in „De locis theologicis“ grundgelegt. Wobei er zwischen „loci proprii“ – also eigentlichen Glaubensquellen im Kontext von Heiliger Schrift sowie lebendiger Überlieferung der Kirche – und „loci alieni“ – ergänzenden Erkenntnisquellen wie die natürliche Vernunft, Philosophie und Geschichte – unterschied. Ungeachtet der Veränderungen der „Loci“ im Laufe der Theologiegeschichte und der Erkenntnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils, kann von einem Nebeneinander theologischer Erkenntnisquellen in keiner Weise die Rede sein.

Welcher Sinn und welches Volk?

Wieso spricht man überhaupt von Glaubenssinn „des Volkes“? Sensus fidei bedeutet: „Glaubenssinn“; die Theologie kennt auch einen Sensus fidei fidelium, den „Glaubenssinn der Gläubigen“ oder den Sensus fidelium, den „Sinn der Gläubigen“. Aber gehen wir einmal auf den „Glaubenssinn des Volkes“ und die „Zeichen der Zeit“ ein, als müsse man sie für „loci poprii“ – also für hoch anzusetzende Orte der Offenbarung und ihrer authentischen Interpretation – halten.

Dann darf man doch zum Glaubenssinn des Volkes fragen, was die Voraussetzungen dafür sind, dass ein Gläubiger wirklich teilhat am Glaubenssinn der Kirche? Bei wem will man denn den „Glaubenssinn des Volkes“ erheben? Etwa bei jenen, deren einziges Band zur Katholischen Kirche möglicherweise die noch nicht aufgekündigte Mitgliedschaft in der Körperschaft öffentlichen Rechts darstellt? Soll das nun Lehre und Ethos der Kirche bestimmen, was das nicht weiter spezifizierte „Kirchenvolk“ nach demoskopischen Erhebungen zu glauben bereit und zu leben imstande ist?

Das Neuheidentum nach Ratzinger

Ohne genaue Differenzierung der gläubigen Subjekte und der Betrachtung ihrer Glaubensvoraussetzungen wird man methodisch eher zu einem sensus infidelium als zu einem sensus fidelium kommen. Seit 1958 – seit ein junger Theologe namens Joseph Ratzinger das Wort vom „Neuheidentum“ geprägt hat – ist das Thema der ungläubigen Gläubigen auf dem Tisch. Es wurde zum eigentlichen Startschuss für die Neuevangelisierung. Ratzinger noch einmal zur Erinnerung zitiert:

„Das Erscheinungsbild der Kirche der Neuzeit ist wesentlich davon bestimmt, dass sie auf eine ganz neue Weise Kirche der Heiden geworden ist und noch immer mehr wird: nicht mehr wie einst Kirche aus den Heiden, die zu Christen geworden sind, sondern Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden.“

Und jetzt tut man auf dem Synodalen Weg so, als sei das alles nicht wahr – und als dürften jene die Lehre der Kirche konstitutiv mitbestimmen, die nicht, oder nur teilweise identifiziert, katechetisiert, evangelisiert – kurz: nicht mehr Kirche im Vollsinn sind, – vielleicht nur noch „Volk ohne Gott“, um den Buchtitel von Bischof Stefan Oster einmal umzudrehen. Der Leser merkt selbst, wie schräg das ist.

Die Zeichen der Zeit und der Zeitgeist

Genauso verhält es sich mit den berühmten Zeichen der Zeit, die man vom Glauben her deuten will, um dann darüber zu entscheiden, was vom Geist der Zeit nun bekämpft oder integriert werden muss. Wer bestimmt die „Zeichen der Zeit“? Etwa die Mehrheit? Welche Mehrheit? Alle Despoten der Weltgeschichte hatten Geschick darin, Mehrheiten hinter sich zu versammeln – Stalin, Mussolini, auch Hitler, in dem die Deutschen Christen und die Mehrheit der Evangelischen Kirche einst das unwiderstehliche „Zeichen der Zeit“ erkannten. Ich gestehe, dass ich eine Theologie nicht mehr ernst nehmen könnte, die sich so ideologieanfällig aufstellt, dass sie prinzipiell jeder Tagesmeinung die Tür ins Allerheiligste aufmacht.

Wenn, dann die ganze Liste

Da möchte man doch sehr genau wissen, was die „Zeichen der Zeit“ denn sind, die die manche gerade so schlagend finden, dass sie jeder Skepsis auf den Mund schlagen, gerade wenn es um Sexualmoral geht. Bevor jedoch bekannte Ziele aus Feminismus, Gendertheorie und der vielgestaltigen Regenbogenwelt freudig anerkannt und integriert werden, möchte ich an eine unvollständige Liste von anderen sexualmoralischen „Zeichen der Zeit“ erinnern, denen man auf dem Synodalen Weg nicht einmal annähernd gerecht wird:

  1. Die horrenden Abtreibungszahlen, die in systemischem Zusammenhang mit der Abkoppelung von Sexualität und treuer, ehelicher Liebe stehen.
  2. Die epidemische Ausbreitung von Pornographie, die zum Suchtfaktor Nummer 1 geworden ist und über die unsere Kinder lernen, was „Liebe“ ist. Kinder, die sie deswegen vielleicht nie kennenlernen, weil sie vorher bereits zu Suchtkunden abgerichtet wurden.
  3. Leihmutterschaft und Menschenhandel, wie er sich gerade wieder verstärkt im Kontext der Ukraine-Krise ereignet; Der auch hier gegebene systemische Zusammenhang mit dem Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare wird ja niemandem ernsthaft entgangen sein.
  4. Der Niedergang des Sakraments der Ehe, der Zerfall und die Unterminierung der klassischen Familie aus Vater/Mutter/Kind.

Selektive Wahrnehmung und Instrumentalisierung

Ich möchte diese Liste nicht verlängern, aber solange einige „Zeichen der Zeit“ herausgehoben, andere aber vergessen oder so selektiv wie auch schlecht begründet wahrgenommen werden, sehe ich in dieser Argumentation nur eine Augenwischerei für theologisch Uninformierte. Und überhaupt frage ich mich, ob das künstliche Aufblasen der „Zeichen der Zeit“ zu einem zentralen theologischen Ort nicht schlicht strategische Instrumentalisierung ist, damit bestimmte Ziele durchsetzbar werden.

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Von Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „
Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral.

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