„Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht los!“, rief der Zauberlehrling, als sich seine Kreatur verselbständigte. Genau das haben vor einigen Tagen die KI-Giganten OpenAI und Anthropic mit Erschrecken wohl gedacht. Das kam Helmut Müller morgens beim Wachwerden als erstes Ergebnis der Aktivierung seiner NI (natürliche Intelligenz) in den Sinn.
Vom Verlust des gesunden Tierverstandes
Vorletzte Woche besuchte ich mit meiner jüngsten Tochter das Senckenberg-Museum in Frankfurt. Staunend stand ich vor den Urweltriesen und ihren lächerlich kleinen Hirnschalen. Dieses kleine Hirn hat immerhin gereicht, ihre mächtigen Körpermassen zu lenken und 170 Millionen Jahre die Erdgeschichte zu dominieren. Erst ein Meteoreinschlag auf der Halbinsel Yucatan hat ihnen ein Ende bereitet. Wir dagegen sind Winzlinge mit einem mächtigen Hirn. Und das reicht uns nicht. Wir haben es jetzt hingekriegt, von unserer natürlichen Kohlenstoffbasis auf Siliziumbasis umzurüsten und noch mächtigere Hirne mit bis zu 75.000 m2 zu schaffen, vor denen jetzt ihre Schöpfer, die KI-Giganten, regelrecht Angst bekommen. Hat der alte Nietzsche vielleicht recht behalten, wenn er meinte, wir hätten unseren gesunden Tierverstand verloren? Seit gerade einmal 40.000 Jahren leben wir mit der seitdem nicht mehr veränderten Genomausstattung und haben alles um uns herum so prekär zugerichtet, um nicht zu sagen zugrunde gerichtet, dass es keines Meteoreinschlags von außen bedarf, um dem Ganzen ein Ende zu machen. Schon zu Anfang der jüdisch-christlichen Religionsgeschichte ist uns eigentlich „durch die Blume gesagt“ worden, bzw. wir wurden auf einen „Baum“ hingewiesen:
„Vom Baum in der Mitte des Gartens darfst du nicht essen“ (Gen 3,3).
Diesen Hinweis unseres Schöpfers – der uns wie niemand anderer durch und durch kennt – haben wir in einem zunehmend lächerlich gewordenen Autonomiebegriff nicht beachtet. Wir haben uns verführen lassen durch das Wort der Schlange: „Euch werden die Augen aufgehen und ihr werdet sein wie Gott“ (Gen 3,5). Das haben mittlerweile diejenigen Geister begriffen, die von Kohlenstoff- auf Siliziumbasis umgesattelt haben.
Vom Gewinn des gesunden Menschenverstandes im Glauben an die Offenbarung
Dabei gibt es nun schon seit gut 2000 Jahren ein anderes Angebot und zwar das des Johannes-Evangelisten: Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, übrigens auf Kohlenstoffbasis. Die neue Enzyklika von Leo XIV. Magnifica humanitas zeigt, wie man auch mit einem Geist auf Siliziumbasis umgehen kann. Erst dann wird aus einem eigentlich autonomen Armleuchterdasein Großartiges Menschsein.
Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag. Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
Beitragsbild: Peter Weidemann auf Pfarrbriefservice.de

