Interview mit Hannah Kohn

Wer steckt eigentlich hinter dem Neuen Anfang? Wir führen Sie „backstage“ und stellen in loser Folge Gesichter der Initiative Neuer Anfang vor. Heute im Gespräch: Hannah Kohn. Die Fragen stellte Patricia Haun.

Liebe Hannah, Du bist Du bist unser “Küken” im Team des Neuen Anfangs und recht neu dabei. Was hat Dich bewogen, bei unserer Initiative mitzuarbeiten?

Als die Initiative Neuer Anfang 2021 ihre Arbeit aufnahm, war ich schon früh als Mitunterzeichnerin dabei und bin in den Folgejahren auch mehrfach zur Wallfahrt nach Rom dabei gewesen. Besonders hat mich – damals wie heute – angezogen, dass da nicht einfach in einer Protesthaltung gegen den Synodalen Prozess in Deutschland gewettert wurde, sondern sich Theologen und einfache Gläubige der Schönheit im Katholischen verschrieben haben, die ja auch mich, die anti-katholisch groß gewordene vor nun fast 20 Jahren berührt und sanft aber beständig von der Wahrhaftigkeit des katholischen Glaubens überzeugt hat.

Wie kam es, dass Du katholisch wurdest?

Ich bin eher theoretisch-evangelisch mit 68er-Lehrämtler-Eltern in Hamburg groß geworden. Als Teenager hatte ich zunehmend das Gefühl, dass die Menschen in meinem Umfeld, die sich am lautesten als Christen ausgaben, sich am wenigsten so verhielten. Deshalb bin ich auf Distanz gegangen. Als junge Erwachsene hat Gott dann auf vielfältige Weise und zunehmend unüberhörbar angeklopft, bis ich dann in 2007 als einzige Evangelische mit 120 Katholiken auf Wüstenexerzitien im Sinai gelandet bin. Was soll ich sagen, die Wüste war schon immer der Ort, wo der Herr Herzen umworben hat. So auch meins. Und nebenher durfte ich erfahren, dass die mit den Vorurteilen gar nicht die bösen Katholiken waren, sondern ich. Und diese tollen jungen Menschen, die Christus ins Zentrum ihres Lebens stellen wollten, mir bis heute tragende Gemeinschaft wurden.

Wo hast Du Deinen Platz im Team gefunden und was sind Deine Aufgaben?

Im Team habe ich eine Art Querschnittsfunktion: Ich glaube in erster Linie höre ich sehr aktiv zu und helfe dabei, Gedanken klar zu erfassen und zu konkreten Projekten zu strukturieren. Ich hinterfrage mit dem Ohr der Brückenbauerin auch gern einmal unsere Positionen, mit dem Ziel, auch für Menschen außerhalb unserer üblichen Leserschaft lesbar zu bleiben. Gleichzeitig bringe ich meine Erfahrung aus Unternehmenskommunikation und Fundraising ein und schreibe ab und an auch mal einen Artikel.

Gibt es ein Herzensprojekt beim Neuen Anfang?

Als Strategin ist es mir ein Herzensanliegen, den Neuen Anfang dabei zu unterstützen, langfristig mit seinen Kernthemen wahrgenommen zu werden. Wir befinden uns da gerade in einer spannenden Umbruchsituation: Der äußere Anlass für die Gründung der Initiative ist formal beendet. Das wäre ein guter Zeitpunkt, von der jahrelangen schwerpunktmäßig kurzfristig-reaktiven Kommunikation in den Marathon zu überführen und kreative Wege zu finden, das Gute, Wahre und Schöne immer wieder neu ins Hier und Jetzt zu übersetzen. Im englischsprachigen Raum ist man da schon viel weiter. Da sehe ich einiges an Potenzial für deutschsprachige Angebote. Ein befreundeter Priester sagt immer, wir befinden uns gar nicht mehr in einem post-katholischen Raum, sondern schon in einem wieder pre-katholischen. Diese Einschätzung teile ich: Die Menschen da draußen sind hungrig nach Orientierung. Aber fast niemand rechnet mehr damit, ausgerechnet in der katholischen Kirche fündig werden zu können.

Wenn Du nicht für den Neuen Anfang aktiv bist, wo findet man Dich dann?

Theoretisch überall, wo Glaube lebendig gelebt wird. Mein Glaubensweg war von Anfang an eng verbunden mit der Gemeinschaft Emmanuel, in deren Pfarreimission in Köln ich mich von Musik bis Kirchenvorstand seit vielen Jahren engagiere. Aber auch die Church Planting Projekte hier und EDEN Culture von Johannes Hartl ziehen mich regelmäßig an. Immer wieder abgelöst von Stilletagen in Natur oder Klöstern. Ganz wichtig ist mir aber auch, mit meinem Chor, in meinem Krimidinner-Netzwerk oder auch in meinen beruflichen Kontexten regelmäßig Zeit außerhalb der katholischen Bubbles zu verbringen. Sie erinnern mich beständig daran, dass es um uns herum noch eine ganze Welt von Nöten und Freuden gibt, die anders nach Antworten sucht als ich, aber oft von derselben Sehnsucht geführt wird. Mir ist es wichtig, deren Sprache nicht zu verlieren und im Dialog gemeinsam zu wachsen.

Was magst Du uns über Dich verraten?

Ich bin Roten-Faden-Finder, Entscheidungsbegleiter, Schatzsucher, -entdecker und -heber, Brückenbauer, Potenzial-Entfalterin mit dem Herzen einer Monialen mitten in der Welt. Mein Mut wurzelt in der Erfahrung, wie Gott meine Brüche hält und mich durchliebt bis in Seine Wirklichkeit. Vermutlich blühe ich gerade deshalb auf, wenn ich Anderen helfen darf, ihren Kern zu entdecken, Menschen unterstützen kann, gute Entscheidungen zu treffen, Menschen so miteinander verbinden kann, dass größeres aus ihnen entsteht, als die Summe ihrer Einzelteile, wenn ich Rahmen gestalten darf, die Räume für Zusammenarbeit ganz unterschiedlicher armer Typen eröffnen. Vor allem aber, wenn ich von dem Change erzählen darf, den Gott in meinem Leben initiiert und begleitet.

Welcher Ort bedeutet für Dich Heimat?

Geboren bin ich in Hamburg und bis heute spüre ich Heimat, wenn meine Lippen von Meeresluft salzig schmecken. Ich liebe die Weite des Meeres. Meine Herzensheimat aber ist die Wüste. Vom Sinai, wo der Herr mein Herz zum ersten Mal bewusst umwerben durfte, bis nach Nordosthessen, wo ich im Wüstenleben der Bethlehemschwestern meine Formation empfangen durfte.

Wenn Du drei Wünsche frei hättest für die Kirche in Deutschland, welche wären das?

„Einladende Einheit in Christus“ zu sein fasst meine Sehnsucht, glaube ich, ganz gut zusammen. Einladend – im Sinne eines „wovon das Herz voll ist, nicht schweigen Könnens.” Einheit – als freiwilliges Miteinander ganz Unterschiedlicher, die sich als Mosaiksteinchen Gottes begreifen, den sie ohne den anderen nie ganz erkennen können werden. In Christus – ohne den im Zentrum uns das tragende Fundament zur Einheit fehlt. Ihn kennen und ihm folgen wollen. Darin hat all unsere Frucht ihren Ursprung. Wenn wir denn gute Frucht bringen wollen.

Wie stellst Du Dir den Himmel vor?

In der ständigen Schau Gottes zu leben – was könnte es Schöneres geben? Und hoffentlich gemeinsam mit all seinen Geschöpfen. Ich gestehe, als Mensch, der sehr viele und sehr tiefe Verletzungen schon sehr früh erlebt hat, bete ich viel und hoffe darauf, die Menschen, unter denen ich so gelitten habe, im Himmel endlich so kennenlernen zu dürfen, wie auch sie von Gott erdacht und ins Dasein geliebt wurden. In all ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit. Auch das ist Teil meiner Sehnsucht nach Einheit.

Wer ist Dein Lieblingsbibelheld (außer Jesus)?

Da ist zum einen meine Namenspatronin, die Prophetin Hanna, Tochter Penuels, die die Ankunft des Messias ein langes Leben lang erwartet hat und die nichts mehr zurückhalten kann, die frohe Botschaft in die Welt zu tragen, nachdem sie ihn im Tempel erkennt. Ihr Volk trägt den Namen des Landstrichs, in dem Jakob die ganze Nacht mit dem Herrn gerungen und nicht losgelassen hat, bis er ihn segnet. In der Spannbreite dieser beiden Leben finde ich meine Person und meinen Werdegang mit dem Herrn. Gewürzt mit einer Prise Rebekka (meinem dritten Vornamen), die ihre Klugheit einsetzt für Gottes Plan.

Gibt es eine(n) Lieblingsheilige(n)?

Meine erste bewusste Freundin im Himmel war die Heilige Mirjam von Abellin, deren Morgengebet mir zur Firmung geschenkt wurde und mir täglicher treuer Begleiter ist. Weitere wichtige Fürsprecher, Glaubenspräger und Vorbilder sind mir Bruno der Karthäuser, Ephraim der Syrer, Siluan von Athos, Basilius der Große, Johannes Chrysostomos, Bakhita, Mutter Theresa, Augustinus, Teresa von Avila und für die unlösbar erscheinenden Fälle: Rita von Cascia und Judas Taddäus.

Welche Geistesgabe hättest Du am liebsten, wenn Du wählen dürftest?

Da ich jedes Jahr an Pfingsten eine Geistesgabe ziehe, die ich dann im Folgejahr besonders erbitte und in meinem Alltag zu entdecken suche, weiß ich, dass ich immer wieder alle brauche. In den vielen äußeren Kämpfen, die mich aktuell anfragen, vielleicht am dringendsten Stärke: Für die Ausdauer, Kraft und den Mut, in Treue und Freude mit meinem Leben zu füllen, was ich bisher schon vom Herrn verstanden habe. Egal ob ich dafür Beifall oder Ablehnung erfahre.


Hannah Kohn
Magistra Artium Angewandte Kulturwissenschaften, geb. 1979 in Hamburg, Studium der Geographie, Geschichte, Tourismus und Wirtschaftswissenschaften in Lüneburg und Elmshorn. Über 25 Jahre in verantwortlichen Positionen in Privatwirtschaft, Nichtregierungsorganisationen und Kirche. Selbstständig als Beraterin für Leadership, Organisations- und Strategieentwicklung. Hannah Kohn ist vor fast 20 Jahren katholisch konvertiert, monastisch geprägt und engagiert sich vielfältig in der Neuevangelisierung.


Beitragsbild: Adobe Stock, Celt Studio
Autorenportrait: privat

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